20.000 Days On Earth: This shimmering space, where imagination and reality intersect

20000_coverEs ist der 20.000ste Tag im Leben von Nick Cave – er beginnt mit einem Weckerklingeln und endet mitten in seiner Seele. Was bedeutet es, sich ununterbrochen im kreativen Prozess zu befinden? Wie füllt man sein Leben fernab der Bühne und was geschieht bei dem Schritt darauf? Und woraus besteht ein Leben gerade rückblickend überhaupt? Auf der Couch eines
Therapeuten oder im Auto mit Wegbegleitern wie Kylie Minogue und Blixa Bargeld nähert sich Nick Cave solch essentiellen Fragen. Der Blick in das Innenleben dieser Ikone liefert schließlich magische und beglückende Einsichten in das menschliche Dasein. Dabei bleibt zu jeder Zeit unklar, ob es sich um gefilmte Realität oder geniale Inszenierung handelt.
Das Kinodebüt des Künstlerduos Iain & Jane ist ein sorgfältig durchkomponiertes, Genresprengendes Werk, changierend zwischen Doku und Fiktion. Es ist nicht nur ein atemberaubendes Denkmal für den Kultmusiker Nick Cave, sondern auch ein Porträt rastloser Kreativität und eine ganz universelle Poesie des Lebens. Ein cineastisch und emotional inspirierendes Kinoerlebnis.

Film-Blog.tv meint:
Iain Forsyth und Jane Pollard begleiten den legendären Avantgarde-Musiker und Poeten Nick Cave durch einen Tag, den fiktiven zwanzigtausendsten seines kreativen Lebens. „This shimmering space, where imagination and reality intersect“ ist ein Nick Cave-Zitat aus dem Ende des Films, das ebenso die Mischung dieser Produktion zwischen Dokumentation und lyrischer Fiktion beschreibt. Was real ist, was Fiktion, ist nicht immer scharf getrennt. Der Künstler öffnet sich nicht nur der Kamera, sondern auch in introspektiven Gesprächen mit dem Psychoanalytiker Darian Leader sowie einigen Wegbegleitern wie Blixa Bargeld und Kylie Minogue. Nick Caves Einsichten sind poetisch und gehen gerne tief in die Reflektion. Daneben vermittelt das 96-minütige Portrait Einblicke in den Prozess der Komposition, insbesondere die Hinführung zum herausragenden Album „Push The Sky Away“ aus 2013. Mit der fantastischen Kameraarbeit von Erik Wilson, die eine ästhetische Lichtstimmung und Schärfe produziert, dürfte das Portrait aus 2014 Fans dieser Ikone begeistern und weitere erschließen.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

20.000 DAYS ON EARTH lebt von Dialogen. Nick Cave spricht mit dem Psychoanalytiker Darian Leader und in der intimen Atmosphäre bei Autofahrten mit Musikern, die seinen Weg begleitet haben. Dazu gehört Blixa Bargeld, der neben seiner prominenten Rolle bei den „Neubauten“ auch 20 Jahre Mitglied der „Bad Seeds“ war, sowie die australische Sängerin Kylie Minogue, die mit ihrem Duettpartner Nick Cave den Kosmos des eingängigen Pops verließ. Die Gespräche in der Isolation unterstützen den vermeintlich intimen Charakter der Dialoge. Nur Cave und sein jeweiliger Gesprächspartner. Lediglich begleitet von Kamera, Lichttechnik, Ton, später Schnitt und den Zuschauern.

20000_01

Die Themen sind nicht immer biographisch, und eine chronologische Wiedergabe ist nicht das Ziel der Produzenten. Eine stärkere Rolle spielt die Momentaufnahme, die den Menschen in ihrem Zentrum exploriert. Was steht im Mittelpunkt des Lebens von Nick Cave? Das Schreiben, sagt er. Es steht im Zentrum seines kreativen Schaffens, seines Lebens, und neben seinen Büchern fließt dies in sein „narrative songwriting“ ein. Und was ist seine größte Angst, fragt Darian Leader. Nick Cave entgegnet nach kurzem Zögern das Vergessen, der Verlust der biographischen Identität — „Memory is what we are. Your very soul and your very reason to be alive is tied up in memory“. Das Schreiben mag ihm hier als Anker dienen, und „20.000 Days“ dürfte ihm auch deshalb gefallen.

20000_02

Und weitere Strategien des Musikers offenbaren sich dem Zuschauer. Als er von Australien nach England zog, belastete ihn das britische Wetter, berichtet er in der Reportage. Er begann darüber ein Tagebuch zu führen, das er mit seinen Gedanken verknüpfte und so die Last zum Werkzeug machte. Mit einem Datumsstempel versehen, hier wird der Avantgardist zum Bürokraten.

Die Transformation, die wir in dieser Produktion deutlich im Unterschied zwischen Bühne und Privatleben sehen, beschreibt Nick Cave als einen wesentlichen Teil seines Lebens und dem von Künstlern im allgemeinen. Nach einer drastischen Hyde zu Jeckyll-Verwandlung, die er bei Nina Simone in einem gemeinsamen Auftritt erlebt hat, spricht er über dieses Momentum bei darstellenden Künstlern. Nicht nur diese treibt der Wunsch nach Transformation an, sagt Nick Cave: „And to me that’s what we should be trying to do when you go on stage. I don’t know how it is for other people but I think on some level we all want to be somebody else. And we all look for that transformative thing that can happen in our lives, and I think most people find it in some way or another, and it’s a place that they can forget who they are and become someone else.“.

20000_03

Nick Cave zeichnet in seinen Dialogen häufig beachtlich poetische Bilder über seine Sichten, über sein Wirken, die ein wesentliches Qualitätsmerkmal der Produktion sind. „In the end, I am not interested in that which I fully understand. The words I have written over the years are just a veneer. There are truths that lie beneath the surface of the words. Truth that rise up without warning like the humps of a sea monster, and then disappear. What performance in a song is to me, is finding a way to tempt the monster to the surface. To create a space where the creature can break through what is real and what is known to us. This shimmering space, where imagination and reality intersect, this is where all love, and tears, and joy, exist. This is the place… this is where we live.“.

Ebenso beweist er Humor: Er berichtet aus seiner Zeit als Junkie, in der er nach dem morgendlichen Drogenkonsum regelmäßig in die Kirche ging, um danach zuhause weiter zu konsumieren. Er hätte diese beiden Pole zu dieser Zeit als ausgleichende Balance empfohlen, berichtet er. Seine Partnerin Susie hätte ihn dann herausgeholt aus diesem gefährlichen Lebensstil: „Versprich mir, dass du nie wieder in die Kirche gehst.“…

20000_04

Die Produktion aus 2014 verzichtet auf filmische Rückblenden in das Leben von Nick Cave und bezieht Vergangenheitsbezüge wesentlich aus Erzählungen. Die Stimmung, die Iain Forsyth und Jane Pollard in ihrem Portrait schaffen, erinnert durch ihren Ansatz stark an einen Nick Cave-Song. Durch das Unterlegen mit atmosphärischer Musik schaffen die Regisseure und Autoren mit ihrem Portrait beinahe so etwas wie den längsten Nick Cave-Song aller Zeiten, dem durch Warren Ellis und Mister Nicholas Edward Cave himself komponierten Score zu Dank. „20.000 Days“ begleitet zudem die Entstehung des meisterlichen Albums „Push The Sky Away“, wovon die Produktion zusätzlich erheblich profitiert.

Wie sein narratives Songwriting funktioniert, beschreibt er uns: finde disparate Pole, wie ein Kind und einen mongolischen Psychopathen in einem Raum. Ergänze einen Clown auf einem Dreirad. Warte, bis die Funken fliegen. Wenn das nicht funktioniert, erschieße einfach den Clown.

20000_05

Was kommt dabei heraus? Etwas wie der „Higgs Boson Blues“:

Hannah Montana does the African Savannah
As the simulated rainy season begins
She curses the queue at the Zulus
[…]
Miley Cyrus floats in a swimming pool in Toluca Lake
And you’re the best girl I’ve ever had
Can’t remember anything at all

Erik Wilson an der Kamera präsentiert eine tolle Fotografie, die in manchen statischen Szenen kunstvoll gelingt. Die Sprache wird alleine im englischen Original wiedergegeben, als Standard mit deutschen Untertiteln. Wer halbwegs mit der dieser Sprache zurechtkommt, sollte die Untertitel ausschalten, denn die Dialoge sind sehr klar verständlich. Eine Synchronisation erspart uns der deutsche Vertrieb zum Glück, eine Ausstrahlung im deutschen Privatfernsehen ist wohl nicht geplant.

20000_06

Was ist es nun, das uns Iain Forsyth, Jane Pollard und Nick Cave hier präsentieren? Eine Art Biographie, ein wenig Doku, ja; aber mit künstlerischer Fiktion durchmischt, und natürlich ein wenig Musikfilm Vor allem aber eine kunstvolle (Selbst-)Inszenierung zwischen real und artifiziell, und hörenswerte Aphorismen des Musikers mit Hang zum Wort.

Der Ton von Joakim Sundström wird einem Portrait über einen Musiker gerecht, und eskaliert mit „Jubilee Street“ zum Ausklang noch einmal wild auf der Bühne: „I’m transforming, I’m vibrating, I’m glowing, I’m flying“, ruft Nick Cave, „Look at me, I’m flying, look at me now!“, während Momente seiner musikalischen Biographie in sehr kurzen Fragmenten aufblitzen. Das machen wir gerne, wenn eine Produktion so aussieht wie über seine 20.000 Tage auf der Erde.

Rapid Eye Movies präsentiert „20.000 DAYS ON EARTH“ ab 20. Februar 2015 auf Blu-ray Disc™ und DVD. Das Rezensionsexemplar wurde von Rapid Eye Movies zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: 20.000 Days On Earth
Land / Jahr: Großbritannien/ 2014
Genre: Portrait
Darsteller: Nick Cave, Susie Cave, Warren Ellis, Darian Leader, Ray Winstone, Blixa Bargeld, Kylie Minogue, Arthur Cave, Earl Cave.
The Bad Seeds: Warren Ellis, Thomas Wydler, Martyn Casey, Conway Savage, Jim Sclavunos, Barry Adamson, George Vjestica .
Regie: Iain Forsyth & Jane Pollard
Drehbuch: Iain Forsyth, Jane Pollard, Nick Cave
Produzenten: James Wilson, Dan Bowen
Kamera: Erik Wilson
Schnitt: Jonathan Amos
Musik: Nick Cave & Warren Ellis
FSK: 6

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 98 Min.+ Bonus
Bildformat: 1080/24p (2,35:1)
Tonformat: DTS HD Master Audio
Sprachen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Kinotrailer und Behind the Scenes, Wendecover

Webseite zum Film: 20,000 Days on Earth and The Museum of Important Shit