25 Jahre Großstadtrevier – Die Jubiläums-Edition: Mit Herz und Spannung auf dem Kiez

gsr-25_coverBeim “Neujahrs-Klönschnack” mit dem Pressechef der Hamburger Polizei kam Jürgen Roland 1983 die Idee, eine Frau in den Mittelpunkt einer Polizeiserie zu stellen. Mit dem Ausruf “Mensch, der Bulle ist ‘ne Frau” fing alles an. So hieß die Premierenfolge, in der Ellen Wegener alias Mareike Carrière als erste Ordnungshüterin im Fernsehen für Aufsehen sorgte.
25 Highlight-Folgen aus 25 Jahren: dramatische, amüsante und emotionale Höhepunkte, Schlüsselepisoden der Serie sowie Ein- und Ausstiege von prägenden Schauspielern wie Mareike Carrière, Andrea Lüdke, Dorothea Schenck oder Peter Heinrich Brix. Da darf natürlich auch der Einsteig von Jan Fedder als Dirk Matthies – inzwischen mit 20 Jahren der Dienstälteste der Kiez-Beamten – nicht fehlen.

Film-Blog.tv meint:
Die Polizeiserie von Studio Hamburg ist seit Jahrzehnten ein bundesweiter Erfolg. Die Mischung aus familiärer Revieratmosphäre mit spannenden Fällen, oft packend wie ein Thriller, zündet; auch, wenn sich das Ensemble inzwischen vollständig gewandelt hat. Die Jubiläumsedition „25 Jahre“ spannt einen weiten Bogen in mehr als 20 Stunden Filmmaterial. So unterschiedlich die Epochen wirken, so konstant unterhält die Kollektion ohne einen einzigen Knick.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Das 14. Revier erstreckt sich von St. Pauli bis zum Hafen, von der Neustadt bis zur HafenCity. Zwischen vielen Unikaten, Zuhältern, Kneipenbesuchern und Touristen sorgen die vielleicht sympathischsten Polizisten der TV-Gegenwart für Ruhe auf dem Kiez. In dem Vierteljahrhundert, das diese Kollektion dokumentiert, hat sich die Revierbesetzung vollständig gewandelt, und die Folgen sind ein Spiegel ihrer Zeit. Seit 1986 ist diese Serie bundesweit erfolgreich und schafft es, Kontinuität spannend mit Entwicklung zu verbinden.

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„Mensch, der Bulle ist ’ne Frau“: schon im Titel der Premierenfolge klingt „Retro“ an. Nicht nur in der Formulierung, sondern auch in der Einstellung der Akteure. Gleiche Rechte für Frauen bei der Polizei? Polizeihauptmeister Richard Block ist ein alter Hase in der Hamburger Polizei, und Frauen haben für ihn im Dienst nichts verloren. Doch die Exekutive der freien und Hansestadt Hamburg durchläuft einen Wandel: „Wir sind wie eine Firma, wir produzieren Sicherheit“, erinnern ihn die Kollegen an die Gegenwart.

Ellen Wegener ist die neue Kollegin. Dem Zuschauer stellt sie sich aus dem Off vor. Schnell überzeugt sie auch ihren kantigen Partner Richard Block mit Kompetenz und Verbindlichkeit. Beide werden miteinander warm, gegenseitiger Respekt bestimmt schnell die Teamarbeit.

Die Akzeptanz der weiblichen Polizisten in der Belegschaft und bei den Bürgern wird größer, und im Serienverlauf selbstverständlich. Das hält die Kamera jedoch in der Folge „Fährmann hol röver“ aus 1991 noch nicht davon ab, genüsslich den gesamten Körper einer Dame abzufahren, die am Tresen des 14. Reviers steht.

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Der Charme dieser Kompilation liegt eben auch in der langen Zeit, die sie umspannt. Ein RAF-Terroristenplakat auf der Wache, Zigaretten in der Notaufnahme (die Schwester bringt lächelnd den Aschenbecher) und Telefonzellen atmen in frühen Folgen den Esprit vergangener Jahrzehnte. Für die nach 2000 Geborenen: Telefonzellen sind vereinfacht so etwas wie begehbare Smartphones mit ausgedruckten Kontakten, deren Seiten meistens ausgerissen waren. Vertragsfrei und mit Münzgeld („Groschen“) tarifiert.

Charmant ist ein „Filmriss“, der es in die Mitte der ersten Folge geschafft hat: das Bild bleibt eine Weile schwarz, um dann von Fünf bis Eins herunterzuzählen. Toll, dass dieser Effekt erhalten wurde! Da es nur diese eine Folge betrifft, stört die Unterbrechung nicht durch Wiederholung.

Auch in den ersten Folgen wirkt die Handlung nicht einen Moment antiquiert. Mit einer veränderten Kulisse würden die Stränge und meist auch Dialoge bestens in der Gegenwart funktionieren. So fühlt sich der Zuschauer nicht wie in einem Fernsehmuseum, sondern durchgehend bestens unterhalten.

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Nicht wenige Folgen erreichen das Niveau eines gut geschriebenen Thrillers und lassen den Zuschauer nicht vom Bildschirm. Etwa in der Folge „Fährmann hol röver“: Zwischen Cuxhaven und Neuwerk verfolgt Richard einen fliehenden Kunstdieb in die aufsteigenden Flut. Mit einem Amphi-Ranger (http://de.wikipedia.org/wiki/Amphi-Ranger) und einem DLRG-Boot beginnt ein Wettlauf gegen die Gezeiten.

Auch in „Ein ganz normaler Tag“ gelingt es der Vorabendserie, eine beachtliche Spannung aufzubauen, als Matthies in die Hände von Räubern fällt. Nicht weniger Adrenalin bringt „Gefallene Engel“ mit Dirks Kollegin Katja als Geisel.

Humor kommt ebenfalls nicht zu kurz, gerne auch selbstironisch: in „Der Neue“ demonstriert der Motorradpolizist Neithard Köhler einen Stunt, als er durch ein Banner fliegt. „Studio Hamburg Deko und Messebau“ wirbt sein Hindernis…

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Neben der Erzählung wird die Serie von den Menschen in ihr getragen. Jan Fedder als PHM Dirk Matthies führt das Ensemble seit 1992. Der kühle Norddeutsche ist Sympathieträger und hat das Herz am rechten Fleck. Dirk ist St. Paulianer hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, Respekt vor Autoritäten kennt er nicht. Auf der Straße rückt er mit klaren Worten und Hamburger Schnauze so manche Schieflage zurecht. Der Pauli-Fan wohnt mit Blick auf den Hafen: mehr Hamburg geht kaum. Traditionell begleiten ihn sympathische Kolleginnen bei den Streifenfahrten durch das 14. Revier.

Also alles eitel Sonnenschein in der fiktiven Hamburger Exekutive? Nö. Auch die Serie zeigt, dass die Sicherung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung manchmal durch Schlaglöcher führt. Polizeigewalt, Rassismus, Alkoholabhängigkeit, falsch verstandener Corpsgeist, Sexismus und mehr: wie im echten Leben hakt es auch bei Hütern des Großstadtreviers manchmal. Die Gruppendynamik wird fast immer begradigend.

Und auch die Gegenseite besteht keineswegs alleine aus romantisierten Kleinganoven mit Herz und Puffmüttern als Seele von Mensch. Neben Mördern und Dealern thematisiert die Serie auch gesellschaftliche Probleme, wie Jugendliche in einer scheinbar ausweglosen Gewaltspirale („Brüderchen“). Ein glückliches Ende versöhnt den Zuschauer oft, aber nicht garantiert. So muss auch die erste Serienbeamtin, Ellen Wegener, den Filmtod sterben, als sie von einer Mörderin, gegen die sie ermittelt, vergiftet wird.

Tragischer ist das Ausscheiden von Kay Sabban, der bei Dreharbeiten an einer Lungenembolie starb. Seine Rolle des Motorradpolizisten blieb im Gedenken an den verstorbenen Darsteller danach auf Dauer unbesetzt.

Jan Fedder ist nicht auf seine Rolle begrenzt, nicht einmal innerhalb der Serie. In „Der doppelte Matthies“ darf er zwei Dimensionen bedienen. Neben seiner Hauptrolle als Polizist im „Vierzehnten“ spielt er in seinen Doppelgänger, als arbeitsloser Schauspieler ganz anders angelegt als der Kiezhüter mit Hamburger Schnauze.

In „Miss Marple“ ermittelt Maria Ketikidou als „Harry“ Möller undercover in einer Wäscherei. Als Aushilfe werden dort gezielt Ausländer gesucht. Die in Itzehoe aufgewachsene Schauspielerin ist Tochter griechischer Eltern. Während ihre Muttersprache Deutsch sonst allenfalls mit einer leichten Hamburger Färbung verschönert wird, brilliert sie hier in fließendem Griechisch und gibt in der Rolle vor, kein Wort der Gespräche unter den kriminellen Arbeitgebern zu verstehen. Die brillant vorgetragene Rolle der naiven Aushilfe gewinnt so nochmals.

Mit „Gefallene Engel“ bekommt nicht nur das Intro einen neuen Anstrich, das nun filmisch großstädtischer und musikalisch weniger leiernd daherkommt. Auch die Erzählweise ändert sich behutsam. Psychologie und konzentriertere Einstellungen kommen vermehrt in die Serie. Und Dirk Matthies, nun Revierchef, zieht für sich und den Zuschauer am Folgenende eine Tagesbilanz.

Jan Fedder aus dem Off: damit schließt sich ein Kreis. Ellen Wegener, seine ehemalige Partnerin auf dem Einsatzwagen „Vierzehn-Zwo“, führte den Zuschauer auf diese Art in die Serie ein. Ein Vierteljahrhundert zuvor.

Die Box bietet fast 21 Stunden Spielzeit und unterhält konstant einfach blendend. Der Wandel über 25 Jahre geschieht schnell in der treffenden, aber gerafften Folgenauswahl. Für all die Zuschauer, die die Entwicklung der Serie von Jürgen Roland enger verfolgen möchten, gibt es noch die Gesamtausgabe.

Bild und Ton sind ihrem jeweiligen Alter entsprechend auf der Höhe der Zeit. Die ersten Folgen werden Mono präsentiert. Die Archivare haben gute Arbeit geleistet, denn auch das frühe Material ist in guter Qualität enthalten.
Was der Sammlung noch fehlt, ist ein Blick hinter die Kulissen der Entstehung, und in die Historie der Erfolgsserie.

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Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „25 Jahre Großstadtrevier – Die Jubiläums-Edition“ auf sieben DVDs.
Die Rezensionsexemplare wurde von Studio Hamburg Enterprises GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: 25 Jahre Großstadtrevier – Die Jubiläums-Edition
Land / Jahr: Deutschland / 1986 – 2011
Genre: Polizeiserie, Krimi, Drama
Darsteller: Mareike Carrière, Arthur Brauss, Jan Fedder, Maria Ketikidou, Dorothea Schenck, Till Demtrøder, Peter Heinrich Brix u. a.
Regie: Jürgen Roland, Kai Borsche, Bruno Jantoss, Guido Pieters, Christian Stier, Wilfried Dotzel, Florian Baxmeyer, Jan Ruzicka, Ulrike Grote, Felix Herzogenrath
Idee: Jürgen Roland
Produzent: Wolfgang Henningsen
FSK: 12

DVD (7)
Laufzeit: ca. 1.250 Min.
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch

Webseite zur Serie: Großstadtrevier