7 Tage im September: Extremsportler. Lebensretter. Egoisten?

7tage_coverAm 30. September 2012 stellte der Münchner Benedikt Böhm im Himalaya einen neuen Weltrekord auf: In 15 Stunden bestieg er den 8.163 Meter hohen Manaslu in Nepal.
Nur ein paar Tage zuvor wurden über 30 Bergsteiger am Manaslu im Schlaf von einer Lawine überrascht und fortgerissen, elf von ihnen fanden den Tod. Die beiden Bergsteiger Benedikt Böhm und Sebastian Haag hatten ihr Zelt nur wenige Meter entfernt aufgestellt. Sie waren die ersten Retter an der Unglücksstelle.
7 Tage im September erzählt von den beiden Extrembergsteigern, von ihrer Freundschaft und Rivalität, ihrer Lust am Risiko und ihrer Verantwortung gegenüber der eigenen Familie. Was treibt Menschen dazu, immer wieder ihr Leben zu riskieren?
7 Tage im September berichtet auch vom Schicksal derer, deren Leben sich durch die Expedition am Manaslu für immer veränderte. So kommt etwa der italienische Bergsteiger Silvio Mondinelli, einer der Verschütteten, ebenso zu Wort wie die Witwe des französischen Bergsteigers Rémy Lécluse, der in der Lawine sein Leben verlor.

Film-Blog.tv meint:
Am 23. September 2012 tötet eine Lawine elf Menschen, die auf dem Weg zum Gipfel des Achttausenders Manaslu im Himalaya sind. Die Kamera von Greg Hill begleitet das Team, das die Erstversorgung der verunglückten Bergsteiger leistet. Geplant als lockere Produktion über Sport an Grenzen und über sie hinaus wurde der Film von Regisseur Karsten Scheuren zur Dokumentation des Grauens. Die Extrembergsteiger Benedikt Böhm und Sebastian Haag sprechen neben anderen Zeugen des Unglücks über ihr Erleben und das individuelle Verarbeiten. Die 2013er Dokumentation ist authentisch emotional, und bleibt dabei ganz überwiegend sachlich. Erneut ungeplant wurde „7 Tage im September“ ein Nachruf auf Basti Haag, der zwei Jahre später bei einer Folgeexpedition sein Leben verlor. Der direkte Reportagestil mit seltenen Einblicken in die schwarze Seite von Extremsport und die ehrlichen Interviews mit den Zeugen über ihre Eindrücke und Entscheidungen danach machen diese besondere Doku sehenswert.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Das Risiko eines GAU in einem westlichen Atomkraftwerk ist kleiner als 10 hoch -9, also kleiner als 0,000000001, aber wir möchten keines in der Nachbarschaft. Es ist uns zu gefährlich. Ein Manager, der in der Midlifecrisis auf den Mount Everest steigt, nimmt ein Risiko von etwa 30% in Kauf, dabei tödlich zu verunglücken. Für viele von uns ist er ein Held. Diese Aussage habe ich sinngemäß einmal in einem Vortrag zur Risikowahrnehmung gehört, zum Aspekt selbstbestimmt versus fremdbestimmt. Und tatsächlich ist extremes Bergsteigen gefährlich, selbst erfahrene Profis verlieren immer wieder ihr Leben. Die Extrembergsteiger Benedikt Böhm und Sebastian Haag nahmen dieses Risiko im Himalaya erneut auf sich, und wurden am 23. September 2012 zu Lebensrettern, als unweit von ihnen eine gewaltige Lawine niederging und das Camp 3 am Manaslu traf. Von etwa 40 Menschen im Lager fanden elf von ihnen den Tod auf 6.800 Meter Höhe.

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Schon 2007 wollten Benedikt und Basti den Achttausender Manaslu in 24 Stunden besteigen, damals verfehlten sie ihr Ziel. Auf 7.000 Meter Höhe kehrten sie aufgrund der Lawinengefahr um. Als sie fünf Jahre später einen neuen Versuch starten, ist das Terrain unverändert gefährlich. Ihr Ziel: Innerhalb von 24 Stunden vom Basislager auf den 8.163 Meter hohen Gipfel steigen und mit den Skiern abfahren. Die Extremsportler erläutern der Kamera die riskanten Felder, auf denen Eisbruch droht. Der Aufstieg ist eine körperliche Grenzerfahrung, aber sie blödeln, feiern einen Geburtstag, sind unbeschwert. Selbst beim Campen im Lawinenfeld, in dem es schon früher Tote gab.

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Am 22. September feiern sie auf 6.500 Metern Höhe ihren ganz persönlichen Wiesnanstich. Trotz der Kälte möchte Expeditionsleiter Basti lieber hier sein als auf dem beginnenden Oktoberfest, bestätigt er gegenüber Benedikt.

Am nächsten Tag spüren die Männer eine Druckwelle, eine gewaltige Lawine geht ab. Nach ein bis zwei Minuten nehmen sie Hilferufe wahr, in der Dunkelheit und Kälte. 100 Meter entfernt finden sie einen Schuh, und sie wissen, dass es im Camp 3 „wie eine Bombe“ eingeschlagen haben muss.

„Es war einfach nur ein Kriegsfeld“, beschreiben die Männer später das schockierende Erlebnis auf 6.500 Meter Höhe, mit Schreien, Schock, und Apathie. Sie leisten Erste Hilfe, sie beschaffen Kleidung für die Lawinenopfer, die in ihren Zelten schlafend überrascht wurden. Und sie müssen selektieren: für wen wird es schon zu spät sein, wem kann noch geholfen werden?

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Ralf Rieske wird von ihnen gerettet. Er erlitt einen Kreislaufschock, war unterkühlt und nicht mehr ansprechbar. Im Interview schildert er das Erlebnis: eingeschlossen im Schnee hart wie Beton, sein Zeltkamerad Christian führte seinen Todeskampf direkt neben ihm. Benedikt musste den Verstorbenen mit Gewalt vom Körper Ralfs lösen. Im Krankenhaus in Katmandu werden später Ralfs gigantische Frostbeulen behandelt. Der dritte Erfrierungsgrad wurde knapp verfehlt, seine Finger konnten erhalten werden.

Das Unglück belastet die Zeugen. Bergsteigerprofi Silvio Mondinelli ist in den Worten Benedikt Böhms „ein Viech von Mann“, er hat alle Achttausender bestiegen. Auch ihm geht das Geschehen nah. Im Interview auf dem Berg zeigt Kameramann Greg Hill offen seine emotionale Überforderung.

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Das komplette Lager Drei wurde von der Lawine weggerissen, während etwa 40 Menschen dort schliefen. Elf von ihnen überlebten die Nacht nicht. Manche der Zeugen gingen später weiter Richtung Gipfel, manche nicht. Benedikt und Basti entscheiden sich für die Fortsetzung der Tour. Benedikt schafft es und vergräbt einen Schal, denn er bei einer religiösen Zeremonie vor dem Aufstieg von einem Lama erhielt. Basti verlässt die Kondition, er muss vor Erreichen des Ziels umkehren.

Carine Lécluse ist die Witwe vom Rémy, der in der Lawine umkam. Sie spricht in Chamonix ausführlich über das Danach, ihr Erleben und die Ereignisse. Im kanadischen Revelstoke kommt der Kameramann Greg Hill zu Wort, der die Bilder der Expedition lieferte. Er ignorierte die Gefahr vor dem Ereignis, und wurde wachgerüttelt. Seine Frau beschreibt die Erleichterung nach seiner Rückkehr.

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Am Anfang der Reportage wird Benedikt Böhm als junger Vater gezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass seiner Frau Veronika und seinem Sohn eine schreckliche Nachricht von einer seiner Touren erspart bleibt. So wie es Sebastian Haag geschah, der zwei Jahre später selbst Opfer einer Lawine wurde. Er starb am 24. September 2014 am Shsha Pamgma im Himalaya.

Die Handkamera von Greg Hill fängt auf dem Manaslu malerische wie tödliche Bilder ein. Dazu gehören spektakuläre Aufnahmen einer Skiabfahrt und malerische Schneelandschaft, aber auch die Erste Hilfe-Maßnahmen am Unglücksort begleitet die Kamera. Die Gesichter der Hilflosen versieht die Nachbearbeitung mit Unschärfe. Zurück in Deutschland zeigt die Kamera, wie Benedikt 48 Stunden nach der Gipfelbesteigung unter einen Tisch auf dem Oktoberfest fällt. Dessen Wiesnanstich er und Basti weit entfernt in tausenden Meter Höhe mitfeierten, einen Tag vor dem Lawinenunglück.

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Das Bonusmaterial
In „Mera Peak-Expedition“ beschreiben Benedikt Böhm und Sebastian Haag rund acht Minuten lang ihre Anreise im Monsun und den aprubten Übergang auf den Gletscher. Die Landschaftsaufnahmen präsentieren sich spektakulär, die Stimmung der sechzehnköpfigen Gruppe ist spürbar gut.
Interviews mit Benedikt Böhm (rund 36 Minuten) und Sebastian Haag (rund 25 Minuten) eröffnen Einblicke in die Expedition, die Wahl des Ziels und den Ablauf dieser Expedition. Die Bergsteiger sprechen auch über den Entschluss, nach der Rettung den Aufstieg zum Gipfel fortzusetzen.

Zorro Medien präsentiert „7 Tage im September“ ab 20. März 2015 auf DVD. Das Rezensionsexemplar wurde von Zorro Medien zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

7 Tage im September
Land / Jahr: Deutschland / 2013
Genre: Dokumentation
Mitwirkende: Benedikt Böhm, Sebastian Haag, Silvio Modinelli u. a.
Regie: Karsten Scheuren
Produzenten: Franz Hirner
Kamera: Ralf Richter,; Kamera Nepal: Greg Hill, Hubert Rieger, Sumit Joshi
Schnitt: Carmen Kirchweger
Musik: Gert Wilden jr.
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 81 Min.+ 70 Min. Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch
Extras: Interviews mit Benedikt Böhm und Sebastian Haag, Expedition zum Mera Peak, Trailer

Webseite zum Film: 7 Tage im September

Hier noch ein interessanter Artikel in der Süddeutschen Zeitung: Zeugen des Schreckens