Alles Inklusive: Zu viel auf dem Teller …

alles_inklusive_coverDen albernen Vornamen verdankt Apple ihrer Mutter Ingrid. Nie mehr will sie so chaotisch leben wie damals in ihrer Kindheit. In Spanien, in dem Zelt am Hippie-Strand von Torremolinos, 1967, als Apples Mutter eine wilde Affäre mit Karl hatte. Jetzt, dreißig Jahre später, erlebt die Singlefrau Apple ein Liebesdesaster nach dem anderen und fühlt sich einzig und allein von ihrem Hund verstanden. Und die ehemalige barbusige Strandkönigin Ingrid, mit über sechzig immer noch rebellischer Freigeist, kehrt nun nach mehr als drei Jahrzehnten als All-inclusive-Touristin zurück nach Torremolinos: Der Hippie-Strand existiert nicht mehr und vor lauter Hotelbunkern, billiger Animation und feiernden Abiturienten erkennt sie das ehemalige Fischerdorf kaum wieder. Die Begegnungen mit einem Bootsflüchtling und dem Transvestiten Tim – bzw. Tina – zwingen Ingrid, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Als auch Apple in Spanien eintrifft, um ihre Mutter zu besuchen, erlebt sie eine Überraschung.

Film-Blog.tv meint:
Selten hat ein Titel so gut gepasst wir hier: Denn Doris Dörrie hat versucht, alles, was ihr so eingefallen ist, in einen einzigen Film zu packen. Eigentlich ist „Alles Inklusive“ nicht schlecht. Es hätte nicht viel gefehlt, und es wäre sogar ein sehr guter Film geworden. Denn die Zutaten stimmen: Der Plot ist, obwohl irgendwie eine Fortsetzung von „Man spricht deutsh“, recht originell. Die Schauspieler haben Spaß, Hannelore Elsner offensichtlich sogar sehr viel. Axel Prahl gefällt sich in seiner Rolle als Proll und Nadja Uhl schafft es, sogar den für sie peinlichsten Monologen noch etwas abzugewinnen. Aber Doris Dörrie macht den selben Fehler wie die meisten Pauschaltouristen am Buffet: Sie lädt zu viel auf. Komödie, Beziehungsdrama, Sozialkritik. Diese Menge an Themen in einen einzigen Kinofilm zu quetschen muss einfach nach hinten losgehen: Nicht einmal „All-Inklusiv-Einsteiger laden sich Suppe, Vor-, Hauptspeise und Eisdessert mit Schlagsahne auf einmal auf den Teller!

Bei ihrem Rundumschlag lässt Doris Dörrie so ziemlich kein Thema aus, das in den letzten Jahren gesellschaftlich irgendwie und irgendwann relevant war. Es beginnt mit „Super-8-Urlaubserinnerungen“ von 1967, freie Liebe am Strand von Torremolinos. Erinnerungen flimmern in Agfachrome-Farben, magentastichig und offensichtlich mit der Handkamera gefilmt. „Somebody to love“ von Jefferson Airplane donnert dazu aus den Boxen. Unbeschwerte Zeit, Flower-Power, glückliche Hippies.

Schnitt. Torremolinos heute. Betonburgen, Ballermann, Pauschaltouristen mit bunten All-Inklusive-Bändchen. Ingrid ist wieder dort. Zum ersten Mal seit 1967. Sie wirkt dort einsam, verloren. Vom einstigen Charme ist nichts mehr übrig. Sie selbst ist verbittert, verhärmt, einsam. Die Rebellin ist müde. Was auch kein Wunder ist, denn: Sie hat kürzlich ein neues Hüftgelenk bekommen. Die Reha in Deutschland ist viel zu teuer. Weshalb ihr die Tochter „Apple“ 14 Tage Pauschalurlaub mit „Wassergymnastik“ spendiert hat.

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Schnitt. München. Apple schleppt sich ab. Auf dem Arm ihre Französischen Bulldogge namens Dr. Sigmund Freud. Dass der Filmhund in Wirklichkeit eine „Sieglinde“ ist, fällt nicht einmal dem Tierarzt auf, bei dem Apple mit Dr. Freud in der nächsten Szene vorstellig wird. Die Diagnose ist erschütternd: Beidseitig HD, Dr. Fellborn lädt zum Einschläfern. Da es mittlerweile auch künstliche Hüftgelenke für Hunde gibt, entscheidet sich Apple dafür: Kosten € 5.000.– je Seite. Wenigstens kommen sich der Doktor und die völlig überdrehte Apple auf diese Art und Weise näher und landen nach einem, scheinbar ungenießbaren Tofuschnitzel und einem teuren Abend in der Cocktailbar in der Kiste. Ganz nebenbei erfahren wir alles über das bisherige, verkorkste Liebesleben von Apple. Aus Solidarität zu Dr. Fellborn, der sich diese endlosen Monologe ja auch anhören muss, sparen wir uns den Druck auf die Taste „Vorspulen“ am Player. Ein Tipp: Wenn Du neue Getränke oder Snacks holen willst, jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür. „Alles inklusive“ dauert knappe zwei Stunden, da muss man schon mal raus.

Während Dr. Freud sich von seiner Hüft-OP erholt, steht Ingrid am Frühstücksbuffet. Lernt dort Krankenpfleger Helmut – herrlich prollig: Axel Prahl – kennen. Und wir erfahren nicht nur alles über die richtige Taktik beim All-Inclusive-Urlaub, sondern werden ganz nebenbei über den Pflegenotstand in Deutschland umfassend informiert. Nicht viel besser geht es den Spaniern. Durch die Wirtschaftskrise müssen sie sich als Animateure für die Touristen zum Deppen machen, hoffnungsvolle Neubauten verfallen noch weit vor Fertigstellung zu Ruinen.

Tagsüber versuchen Händler offensichtlich afrikanischer Herkunft den zugedröhnten Touristen gefakte Uhren zu verkaufen. Und, auch das Klischee von Sangria aus Wasserpistolen darf nicht fehlen. Für den selbsternannten „König von Mallorca“ hat das Budget offensichtlich nicht ausgereicht. Stattdessen darf sich der Tim als Transvestit verkleiden und mit blonder Perücke und lackierten Fingernägeln allabendlich zum Playback deutscher Schlager tänzeln: „Ich will alles, und zwar sofort…“. Tagsüber wechselt er vom Ballermann zum Blaumann und neppt deutsche Hausbesitzer mit seiner Freundin Pepa, indem er ihnen für die Inspektion der Gasflaschen Horrorpreise abknöpft.

Während sich in München Apple und ihr Tierarzt näher kommen, pennt Ingrid auf der Strandliege ein. Und wird Stunden später aufgeweckt: Ein Boot mit afrikanischen Flüchtlingen ist vor ihr angelandet, einer davon liegt halb verdurstet neben ihr im Sand. Klar, dass die weltoffene, hilfsbereite und so gar nicht verklemmte deutsche Rentnerin den jungen und knackigen Afrikaner gleich mal mit in ihr Hotelzimmer nimmt. Der wird, wie es sich gehört, zuerst gebadet. und darf dann zu Mutti auf’s weiße Laken.

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Nach medizinischer Erstversorgung durch die Schlager-Playback-Mimin Tina / Tim, der den Hoteltouristen tagsüber auch Maniküre, Pediküre und medizinische Fußpflege anbietet, verschwindet der afrikanische Freund so schnell, wie er aufgetaucht ist. Vor allem spurlos. Dass die fehlenden Geldscheine in Ingrids Portemonnaie nicht auf dessen Not, sondern auf die langen Finger von Tina-Tim zurückzuführen sind, ist ein weiteres Klischee aus der Mottenkiste. Als dann Tina-Tim von der gemopsten Kohle Blumen für das Grab ihrer / seiner Mutter kauft, war beim Dreh wahrscheinlich der nächste Fünfer für’s Phrasenschweinchen fällig.

Natürlich geht die, ohnehin schon wacklige Beziehung zwischen Apple und Dr. Fellborn in die Brüche. Sie verliert ihren Job beim BR und macht sich auf den Weg nach Torremolinos. Der Familienzusammenführung steht aber noch so einiges im Weg…

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Das Bild der Blu-ray ist, wie sollte es anders sein, sehr gut. Dass die „historischen“ Szenen, die 1967 spielen, im Stile eines Urlaubsfilms auf Super-8 gedreht wurden und schon deutliche Farbverschiebungen haben, hat viel Charme. Der Ton ist gut ausgewogen abgemischt, das 5.1System wird fleißig beschickt und vermittelt mit sehr guter Räumlichkeit viel Atmosphäre. Bei den Musikeinspielungen lässt man es schön knallen, die Dialoge sind sehr gut verständlich.

Constantin Film AG präsentiert „Alles inklusive“ auf Blu-ray Disc™ und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Constantin Film AG zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Alles inklusive
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Komödie, Drama
Darsteller: Hannelore Elsner: Ingrid, Nadja Uhl: Apple, Hinnerk Schönemann: Tim / Tina Birker, Axel Prahl: Helmut, Peter Striebeck: Karl Birker, Fabian Hinrichs: Dr. Fellborn, Robert Stadlober: Karl Birker (jung), Stefanie von Poser: Heike Birker, Natalia Avelon: Ingrid (jung), Maria Happel: Angie, Juliane Köhler: Frau Lücken, Remedios Darkin: Pepa, Elton Prince: Afrikaner u.v.a.
Regie: Doris Dörrie
Drehbuch: Doris Dörrie
Romanvorlage: Doris Dörrie
Produktion: Harald Kügler, Molly von Fürstenberg
Produktionsleitung:
Kamera: Hanno Lentz
Schnitt: Inez Regnier, Frank Müller
Musik: Sven Regener
FSK: 12

3D Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 118 Min. + Bonus
Bildformat: 2,35:1 in 16:9
Tonformat: Deutsch DD 2.0, Deutsch DTS-HD 5.1, Deutsch Hörfilmfassung DD 2.0
Untertitel: keine
Extras: Making of (ca. 5,5 Min.), Alles inklusive Special (ca. 35 Min.), Interviews (38 min), Blick hinter die Kulissen (7 min), Audiokommentar, Trailer „Alles inklusive“ (Trailer 2, 2:03), Wendecover

Webseite zum Film: Alles inklusive