Bankraub für Anfänger: Der Gentleman bittet zur Kasse

bankraub_coverJürgen Wolf ist Finanzberater in einer Dorffiliale der Bado Bank. Entgegen dem Klischee seines Berufsstandes hat er jedoch ein starkes Gewissen und versucht seine Kunden immer fair zu beraten. Seinem Chef geht es dagegen nur um Profit. Fast allen Kunden hat Wolf Zertifikate der amerikanischen “Kosak Group” vermittelt. Im Zuge der Finanzkrise kommt es zum Totalverlust. Das Geld ist weg – und seine Bank weigert sich, dafür zu haften. Als ihm die schicksalhaften Folgen der Fehlspekulation bewusst werden, hält er die betrügerischen Eskapaden nicht mehr aus. Wolf wird zum Robin Hood und sagt der Bank im Namen der Gerechtigkeit den Kampf an. Er nimmt sich vor, das Geld seiner Kunden zurückzuholen, doch wie stellt man einen Banküberfall an?

Film-Blog.tv meint:
Ehrliche Menschen verlieren ihr Geld in windigen Investments, der Totalverlust bringt viele von ihnen in Existenznot. So ist es nun einmal auf dem Kapitalmarkt? Damit kann sich der gerechtigkeitsliebende Investmentberater Jürgen Wolf nicht abfinden. Er beraubt seine eigene Bank und verteilt das Geld als moderner Robin Hood an die Geprellten. Holger Karsten Schmidt schrieb mit „Bankraub für Anfänger“ ein modernes Märchen. Die Produktion aus 2012 überzeugt durch ihr talentiertes Ensemble und Dialoge, die den Familienfilm keineswegs beliebig wirken lassen. Die Story simplifiziert, ohne es sich zu einfach zu machen. Im Gegenteil: Auf eine warm erzählte Art gelingt es dem „Bankraub für Anfänger“ durchaus, berechtige Fragen zu stellen.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Finanzberater und Gewissen? Auf Jürgen Wolf trifft beides zu. Seit Jahrzehnten arbeitet er für die Bado-Bank, und ist fest in der dörflichen Gemeinschaft von 3.424 ruhigen Menschen verankert. Als sein karrieregeiler Filialleiter ihm sagt, dass die us-amerikanische Kosack Group insolvent ist, hat Jürgen ein Problem. Er riet vielen seiner Kunden zu Investments in deren Papiere, und nun muss er ihnen allen den Totalverlust ihrer Geldanlage offenbaren. 324.000 Euro sind über Nacht verschwunden. Seine Kunden sind keine Spekulanten, viele haben eine persönliche Geschichte, wofür sie die Einlagen verwenden wollten. Nicht selten hängt die Existenz an dem nun verlorenen Geld. Jürgens Kunden nehmen den Verlust persönlich, denn sie haben ihm vertraut.

Besonders hart trifft es Jürgens Kundin Frau Beck. Mit 34 Jahre hat die Sportlerin einen Schlaganfall erlitten und sitzt nun dauerhaft im Rollstuhl. Ihr Mann hat sie verlassen. Bei der Anlage ihrer Ersparnisse ließ sie Jürgen freie Hand, und er entschied sich für Kosack. Nun ist ihr Geld weg, und sie braucht es für rollstuhlgerechte Umbauten ihres Hauses. Jürgen verschweigt ihr die bittere Wahrheit und behauptet, sie könne das Geld und den Ertrag bekommen.

Aber woher nehmen? Die Bank will ihre Kunden nicht entschädigen, und bringt stattdessen eine windige Anlagealternative auf den Markt. Sie gaukelt Sicherheit vor, bringt der Bank Gewinn und den Kunden Verlust.

Da entscheidet sich Jürgen Wolf zu einem drastischen Schritt und überfällt maskiert seine eigene Bank. Alle geprellten Kunden erhalten von ihm anonym und centgenau ihren Verlust zurück, als Bargeld in Umschlägen. „Im Namen der Gerechtigkeit“ sind sie beschriftet.

Nach dem Überfall verliebt sich seine Kollegin Rosalie Westermann in den galanten Bankräuber, ohne zu wissen, dass hinter der Maske ihr langjähriger Kollege steckte. Auf dessen Fährte setzt sich nun der ehrgeizige Kommissar Frank Lamm. Schnell erkennt er, dass der Täter, der nun passend zurückzahlt, Zugriff auf die Kundendaten haben musste. Diesen hatten nur drei Mitarbeiter, und zwei von ihnen waren Opfer des Überfalls. Es wird eng für Jürgen Wolf, der nun auch noch von dem Gewaltverbrecher erpresst wird, der ihm die Waffe für den Überfall verkaufte…

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“, fragt Bert Brecht in seiner „Dreigroschenoper“. Und auch heute ist das Renommee dieses Gewerbes nicht das Beste: hohe Gebühren, verzögerte Gutschriften, und, ach ja, die „Bankenrettung“: Gewinne kapitalisieren, Verluste solidarisieren. Investmentberater sind noch einmal eine eigene Liga, und auf diese Menschen zielt Autor Holger Karsten Schmidt mit seinem familientauglichen Spielfilm.

Schmidt wählt eine märchenhafte Erzählform, die nicht auf die hochkomplexen Hintergründe eingeht, wie sie die Lehmann-Pleite und die griechische Schuldenkrise zeigen. Ob Lehmann Brothers, und heute die „Euro-Rettung“ und der „Grexit“: die Experten sind uneinig, welche Handlung eigentlich welche volkswirtschaftlichen Folgen auslöst. Mit solchen Details verschont „Bankraub für Anfänger“ seine Zuschauer; die Pole sind so klar, dass die Gebrüder Grimm sie nickend in ihre Hausmärchen übernehmen könnten. „Wolf“ und „Lamm“ werden die Gegenspieler wie in einer Fabel genannt — im Bankenmärchen aus 2012 geht es um ethische Grundzüge.

Die Komödie mit ihrem dramatischen Unterton zeigt vielfältige Stärken. Dazu gehört vor allem die motivierten Besetzung, mit einem Wolfgang Stumph, der die Szenen ruhig führt. Der sehr bewährte Darsteller ist abonniert auf Rollen des „kleinen Mannes mit Herz und gesundem Menschenverstand“, und seine Paraderolle lässt auch mit dem tragischen Investmentberater Jürgen Wolf fühlen. Mit Stumph präsentiert das gesamte Ensemble eine sehr runde Leistung, man nimmt den Darstellern ihren homogenen Kleinstadtkosmos ab.

Holger Karsten Schmidt schreibt starke Dialoge in das Buch. Seine Charaktere lässt er bei aller Beschaulichkeit des Daseins niemals lächerlich wirken, auch in ihren teils banalen Problemen bleiben sie würdevoll.

Daneben ist die 2012er Verfilmung reich an schönen Details. Als Jürgens schleimiger Chef, Filialleiter Christoph Müller, einen Bankraub mit den Worten „Sie wollen nur das Geld anderer Leute“ kommentiert, lässt er dabei Geldscheine durch eine Zählmaschine laufen. Sein Nachsatz „ohne dafür zu arbeiten“ darf auch dem eigenen Gewerbe gelten, was sein Mitarbeiter Jürgen Wolf ihm gegenüber später auch auf den Punkt bringt.

Das Drehbuch findet schöne Ideen, um die Verstimmung der Dorfgemeinschaft nach dem Totalverlust zu zeigen. Die Rache der geprellten Investoren gegenüber Wolf äußert sich vielfältig. Neben Fouls durch die eigene Mannschaft auf dem Fußballplatz setzt der Tankstellenbetreiber den Preis 1,509 auf 2,509 Euro je Liter hoch, als Jürgen mit seinem Bulli an die Säule fährt.

Gute Ansätze finden sich auch in der visuellen Umsetzung. Als Jürgen seinen Kunden die Hiobsbotschaft übermittelt, lässt die Maske seine Haare von Gespräch zu Gespräch mehr zu Berge stehen. Die Bilanzkurve im Logo der „Bado-Bank“ lässt es wie „Bad Bank“ aussehen, und am Ende darf das „O“ dann aus dem Firmenschild kippen und dies endgültig deutlich machen.

Die Kamera zeigt das moderne Kleinstadtmärchen in natürlichen Farben, Schärfe und Kontrast sind stimmig. Der Ton ist dialogorientiert und klar abgemischt.

Dem Amaray-Case liegt ein vierseitiges Booklet bei. Es beinhaltet Interviews mit den Schauspielern Wolfgang Stumph, Edgar Selge und Steffi Kühnert, dem Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt und ZDF-Redakteurin Katharina Görtz. Zu Cast und Crew finden sich ausführliche Angaben.

Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Bankraub für Anfänger“ auf DVD. Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Bankraub für Anfänger
Land / Jahr: Deutschland / 2012
Genre: Komödie, Drama
Darsteller: Wolfgang Stumph, Steffi Kühnert, Edgar Selge, Pheline Roggan, Michael Ehnert u. a.
Regie: Claudia Garde
Drehbuch: Holger Karsten Schmidt
Produzenten: Oliver Schündler, Boris Ausserer
Kamera: Andeas Doub
Musik: Francesco Wilking, Patrick Reising
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 89 Min.+ Bonus
Bildformat:16:9
Tonformat:Dolby Digital 2.0 Stereo
Sprachen:Deutsch
Untertitel: keine
Extras: Fotogalerie, Trailer; vierseitiges Booklet