Bornholmer Straße: „Greta, ich hab‘ heut‘ Nacht die Grenze aufgemacht“

Gewinnspiel_rotbornholmer_cover9. November 1989: NVA-Oberstleutnant Harald Schäfer sieht im Fernsehen die Pressekonferenz mit Günter Schabowski, in der die Reisebeschränkungen für DDR-Bürger de Facto aufgehoben werden. Wenig später versammeln sich die ersten Ostberliner vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße und es beginnen dramatische Stunden. Denn während Harald mit seinen Kollegen vergeblich auf Anweisungen seiner Vorgesetzen wartet, droht die Lage zu eskalieren: Immer mehr Menschen versammeln sich vor dem Grenzübergang und fordern ihre Ausreise. Unter enormem Druck entscheidet sich Oberstleutnant Harald Schäfer schlussendlich für die Öffnung der Grenze und wird damit zum Helden der Geschichte.

Film-Blog.tv meint:
„Sofort. Unverzüglich.“ – diese zwei Worte des Politbüro-Mitglieds Günter Schabowski schrieben Geschichte. Doch sie ließen Fragen offen, und diese kumulierten vor allem am Grenzübergang Bornholmer Straße. Die versprochene Reisefreiheit führte schnell dazu, dass sich Menschen dort versammelten. Sie wollten in die Bundesrepublik, nach West-Berlin. Die überforderten Grenzer der DDR, die nun ohne konkrete Befehle auf ihrem traditionell streng reglementierten Posten standen, mussten ihre gesamte Ausbildung über Bord werfen. „Bornholmer Straße“ zeigt die Unsicherheit der Grenzposten, die zum Zerbrechen ihres Staatssystems oder zum Blutvergießen führen konnte, aus der Innensicht.
Der Film addiert – verzichtbare – komödiantische Elemente. Dafür ist die reale Geschichte zu groß. Die Hilfosigkeit der indoktrinierten Grenzer in dieser historischen Ausnahmesituation transportiert „Bornholmer Straße“ hingegen sehenswert und gut gespielt. Die Handlung mit ihrem glücklichen Ausgang kennt wohl jeder Deutsche. Regisseur Christian Schwochow macht sie auf einer personalisierten Ebene zugänglich: aus Sicht der Menschen vor dem Schlagbaum, der Grenzposten und der Offiziere, die das Geschehen ratlos aus der Distanz erleben.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Lange Schatten bewegen sich in Richtung der innerdeutschen Grenze am Übergang Bornholmer Straße. Sie werden von zwei Menschen geworfen, die sich als erste zögernd näheren. Die DDR-Grenzer haben Günter Schabowskis Aussagen zur neuen Reisefreiheit im Fernsehen verfolgt. Doch zur Umsetzung sind sie ratlos: „Machen‘ wir’n jetzt?“ – „Das ist die Frage“. Der telefonisch befragte Oberst rät zur Zurückhaltung. Kein Visum, keine Ausreise. So einfach ist das.

bornholmer_01

Als die Zahl der Menschen vor der Grenze wächst, diskutieren die Männer angespannt. Die bedrohliche Lage macht sie nervös. Ein Wagen der Volkspolizei kommt, zunächst herrscht Erleichterung bei den Grenzposten. Die Polizei könnte ja zuständig sein, es ist doch eine Versammlung auf der Straße, oder? Doch auch die Volkspolizisten sind ratlos.

NVA-Oberstleutnant Harald Schäfer tritt mit seinen Männern an den Schlagbaum. „Hier schießt keiner“ ist gleichermaßen eine Versicherung an die Ausreisewilligen,als auch ein Signal an seine Untergebenen.

bornholmer_02

Die Menge skandiert „Macht das Tor auf“. Harald greift ein Megafon und verweist an die Dienststellen der Volkspolizei, die am Morgen um 8 Uhr öffnen. Doch der Funke hat gezündet, die Menschen wollen sich nicht abspeisen lassen. Sie bleiben.

Der erneut befragte Oberst rät weiterhin nur die Stellung zu halten. Doch nicht alle Posten wollen tatenlos bleiben: „Michael, Du hast Frau und Kinder“: Kantinenwirtin Ilona erinnert ihren Sohn, den Grenzer Michael, als er sich ein Gewehr greift. Ein weiterer Grenzer greift eine vollautomatische Waffe. Ein gezielter Schuss in die Menge soll Respekt verschaffen. Denn das sei die Aufgabe: die Grenze zu „verteidigen“. Mit „allen Mitteln“. Die Kameraden stoppen ihn.

bornholmer_03

Harald Schäfer erfährt von seinem Oberst, dass Erich Mielke, seit zwei Tagen seines Amtes enthoben, Egon Krenz fragte was zu tun ist. Doch auch das Staatsoberhaupt traute sich keine Entscheidung zu.

Die Euphorie scheint grenzenlos, als ein Befehl kommt: Provokateure ziehen lassen und mit einem Stempel auf das Passbild verdeckt ausbürgern.

bornholmer_04

Auf der Bösebrücke kommt es zu einem herzlichen Empfang durch die West-Berliner und hoher medialer Aufmerksamkeit. Doch als den ersten Wiedereinreisewilligen die Rückkehr verweigert wird, trifft Harald Schäfer die Entscheidung, einen Befehl nicht auszuführen…

Oberstleutnant Harald Jäger, im Film Harald Schäfer, machte den 9. November 1989 zu einem historischen Datum. Sicher: seine Handlung setze eine lange Kette von Ereignissen fort. Glasnost, Perestroika, die Ausreisewellen über Nachbarländer der DDR, die Montagsdemonstrationen und das politische Ende Erich Honeckers. Und nicht zuletzt die Mißverständnisse in der Pressekonferenz des Zentralkomitees der SED mit „Schabowskis Zettel“.

Trotzdem ist die Öffnung des Grenzüberganges Bornholmer Straße ein Meilenstein in der jüngeren deutschen Gesichte. Ob es nun Heldenmut war, oder Resignation vor der Aussichtslosigkeit, oder Angst vor den beharrlichen Menschen in großer Zahl: die Handlung veränderte das Leben vieler Menschen.

bornholmer_05

Und man muss sehen, woher die Grenzer kamen. „Die Grenze ist mein Leben“, sagt Jäger/Schäfer im Film. Von einem Moment auf den anderen änderte sich das. Die Wachposten sind jahrzehntelang auf unbedingte Linientreue konditioniert und in einem gnadenlos starren Regelwerk gefangen. Von einem Moment auf den anderen bricht die monotone, vertraute Welt zusammen. Im Film zeigt ein heller Fleck in der verrauchten Tapete des Grenzerbüros eine deutliche Lücke. Dort wird das Portrait des Staatsratsvorsitzenden gehangen haben, über Jahrzehnte. Auch das Bühnenbild symbolisiert die eingefahrenen Strukturen, die nun rapide aufbrechen.

Die Autoren Heide und Rainer Schwochow setzen hierzu Bilder ein: ein kleiner Hund läuft zu Beginn des Films über die Grenze. Nach großer Aufregung am zunächst ruhigen Abend durch den „unerlaubten Grenzübertritt eines Hundes“ schließen die Männer ihn ins Herz, und vergessen ihn dann in der angespannten Entwicklung kurz darauf. Als später die Schranken offen sind, taucht der Besitzer auf. Kann Grenzer Ollie den Hund ohne das vorgeschriebene Gesundheitszeugnis herausgeben? Er hat noch nicht verstanden, dass gerade Geschichte geschrieben wurde. Zu tief ist das Regelwerk in seinem Denken verankert. „Bornholmer Straße“ macht dies erfühlbar.

bornholmer_06

Regisseur Christian Schwochow gelingt es, die menschliche Komponente zu betonen. Das Ensemble spielt authentisch, allen voran Charly Hübner in der Hauptrolle. Frank Lamm führt die Kamera zielsicher und holt die Emotionen nach vorne. Etwa dort, wo eine Lehrerin an der Schranke ihrer Verzweiflung freien Lauf lässt: ein Leben für ihr Land, und der Wille zu bleiben. Eine einzige Stunde will sie ihre Tochter in West-Berlin besuchen, nur eine Stunde; ist das denn so schlimm? Der emotionale Moment unmittelbar vor der Öffnung der Schranke gibt im Film den Impuls zur Grenzöffnung und wird schauspielerisch beeindruckend vorgetragen.

Der hin und wieder auftauchende komödiantische Aspekt wäre verzichtbar gewesen. Die Geschichte, die in dieser Nacht geschrieben wurde, ist so bedeutsam, dass der Film keiner weiteren Elemente als der Nacherzählung bedarf, gerade bei Schauspielern des Formats eines Charly Hübner. Man sollte auch nicht vergessen, dass an dieser innerdeutschen Grenze mehr als hundert Menschen getötet und viele Existenzen vernichtet wurden. Zudem starben rund 250 Menschen durch Stress an der Grenze, meist durch einen Herzinfarkt. Ausgelöst auch durch das Verhalten der Grenzer. Dass genau dies eben hier, zu eben diesem Zeitpunkt endete, ist mehr als Grund genug zur Freude. Man hätte die Menschen Menschen sein lassen können, ohne künstlich humoristische Elemente zu addieren.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Tragikomödie an einen sehr besonderen Moment gekonnt erinnert.

Bild und Ton sind klar, die Aufnahmen wirken authentisch. Viele Einstellungen erinnern mich an eine Dokumentation der Ereignisse im TV mit realen zeitgenössischen Aufnahmen.

bornholmer_07

Gewinnspiel
Folgende Frage gilt es zu beantworten: Nennt uns einen weiteren Film zum Thema „Wiedervereinigung“. Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

2 x Blu-ray „Bornholmer Straße

Schickt einfach eine Mail mit der, hoffentlich richtigen, Antwort und Eurer Adresse an gewinnspiel@film-blog.tv

Dazu habt ihr bis zum 30.11.2014 bis 24.00 Uhr Zeit. Gehen mehr als eine richtige Antworten ein, lassen wir das Los entscheiden. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie film-blog.tv dürfen nicht mitmachen, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Universum Film GmbH präsentiert „Bornholmer Straße“ ab 07. November 2014 auf Blu-ray, DVD und als VoD.
Das Rezensions- und die Gewinnspielexemplare wurden von der Universum Film GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Bornholmer Straße
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Geschichtsfilm, Tragikomödie
Darsteller: Charly Hübner, Milan Peschel, Rainer Bock, Max Hopp, Ludwig Trepte, Jasna Fritzi Bauer, Frederick Lau, Ulrich Matthes, Robert Gallinowski, Margit Bendokat, Hans Uwe Bauer, Ursula Werner, Peter Schneider und Thorsten Merten u. a.
Regie: Christian Schwochow
Drehbuch: Rainer und Heide Schwochow
Vorlage: „Der Mann, der die Mauer öffnete“ von Gerhard Haase-Hindenberg
Produzenten: Nico Hofmann und Benjamin Benedict
Kamera: Frank Lamm
FSK: 12

Blu-ray
Laufzeit: ca. 89 Min. + Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.78:1
Tonformat: DTS-HD 5.1
Sprache: Deutsch
Extras: Trailershow