Cam Girl: Selbst ist die Frau

camgirl_coverAlice, Rossella und Martina verbindet ihre aufrichtige Freundschaft und ihr Job als Camgirls. Um in der Wirtschaftskrise über die Runden zu kommen, ist es für die Drei die schnellste und einfachste Lösung, sich nackt vor der Webcam zu präsentieren. Ihre Agentur behandelt sie jedoch nur als Ware aus der man Profit schlagen kann. Als Alice erfährt, dass sie nach ihrem Praktikum bei einer Werbeagentur nicht übernommen wird, beschließt sie, dass es für sie und ihre Freundinnen an der Zeit ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Film-Blog.tv meint:
„Cam Girl“ ist ein Sozialdrama, das vier Frauen mit Geldproblemen vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit und erhoffte Unabhängigkeit begleitet. Wer voyeuristische Ansprüche mitbringt, wird von dem 2014er Film entäuscht werden, auch wenn die Exposition zu FSK 16 führt. Wer sich für ein realistisch erzähltes Drama um Unternehmergeist, Hoffnungen und Enttäuschungen interessiert, kann Mirca Violas „Cam Girl“ durchaus in Erwägung ziehen. In rund 90 Minuten weiß der Film zu unterhalten und einige Impulse zum Nachdenken zu vermitteln, wenn er auch nicht übermäßig anspruchsvoll daherkommt. Wer seine fremdsprachlichen Kenntnisse mit italienischem Kino aufbessern möchte, kommt hier übrigens nicht auf seine Kosten: die Disc bietet alleine die deutsche Synchronfassung.
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Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Italien leidet unter den Folgen der Wirtschaftskrise, und auch für Alice läuft es nicht gut. Nach zwei Monaten Praktikum in der Werbung für 300 Euro bietet ihr die Agenturchefin die Ausicht auf eine freiberufliche Kooperation, irgendwann. Aber keine Anstellung. Alice ist raus aus der Agentur, und ihre Kampagnenidee hat die bisherige Chefin auch noch geklaut: das Fakeprofil eines jungen Mannes auf Facebook soll erst „Likes“ aus Mitleid bringen und dann Konsum stimulieren. Ihrer Familie gibt Alice vor, dass sie eine Anstellung bekommen wird.

Ihre Freundinnen Rossella, Martina und Gilda sind nicht viel besser dran. Mit Jobs als Camgirl sind Rosella und Martina sie recht erfolgreich und verdienen mit ihren Reizen vor der Webcam Geld. Aber auch dies versiegt, als die Agentur Martina die Provision mit fadenscheinigen Argumenten vorenthält. Auch Rossella kennt solche Hintertüren, um den Frauen das Geld vorzuenthalten. Was tun, wenn in der gegenwärtigen Situation nicht einmal mehr Callcenter einstelllen und der Verlust der Wohnung droht? Die geistig bewegliche Alice hat eine Idee: die Freundinnen sollten eine eigene Agentur gründen. Das verspricht gute Einnahmen, und das Geld kommt nicht bei irgendwelchen windigen Ausbeutern an. Mitarbeiterinnen sollen mit 60% vom Umsatz statt der branchenüblichen 45% Provision geworben werden. Gilda, die als Bedienung in der Gastronomie arbeitet, soll mitmachen. „Zeig‘ Deinen Arsch ein paar Arschlöchern und du verdienst viel mehr“, überzeugt Alice ihre Freundin. Und ergänzt selbstverständlich klingend „Natürlich schwarz“. Auf diese Art arbeitet Gilda auch bisher…

Auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit nimmt Alice Kontakt zum Designer Giovanni auf, den sie noch aus der Agentur kennt. Er soll sich um die Grafik und die Onlinepräsentation des neuen Webcam-Portals kümmern. Er empfiehlt der klammen Jungunternehmerin, in skalierbare Server und Onlinewerbung mit den richtigen Suchmaschinenkeywords zu investieren. Das ist teuer, aber auch hier hat Alice eine Idee: sie setzt auf günstige Suchwörter, die dann aber ein hohes Ranking garantieren. So entsteht „Cam together“, das Angebot der nun selbsständigen Frauen. Der Rechtsberater empfiehlt, eine Offshoregesellschaft auf den Cayman Islands oder in Panama zu gründen, das würde die Staatsanwaltschaft schon nicht interessieren. Denn ihr Geschäftsmodell ist im Heimatland sittenwidrig.

Das Geschäft läuft schnell und gut an im jungen Unternehmen. Die vier Gründerinnen werden von den neuen Mitarbeiterinnen unterstützt, die Rossella bei ihrem bisherigen Arbeitgeber abwerben konnte.

Doch die Prosecco-Stimmung weicht schon bald Problemen untereinander. Bei sinkenden Einnahmen und nachlassender Motivation der Mitarbeiterinnen wachsen die Spannungen, und Streit um Engagement, Geld und offene Vorschüsse stellt sich ein. Rossella geht mit einem Kunden aus, gegen die Abmachung. Gildas Freund Mateo ist eifersüchtig, und sie wird von einem aggressiven Kunden bedroht. Alices Mutter erfährt vom Gewerbe ihrer Tochter. Private und berufliche Träume platzen, und Gildas Bedrohung durch einen obsessiven Kunden wird sehr real…

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„Cam Girl“ zeichnet das Portrait junger Frauen, die in einer wirtschaftlich schwierigen Situation sind. Im problematischen Umfeld bietet sich keine Chance, sie verlieren Arbeitsplätze und die Vermieter drohen zu kündigen. Aus der Not heraus wechseln sie in das Geschäft mit der Erotik, und der anfängliche Optimismus wird schnell von harter Realität eingeholt. Welche Löhne sind fair? Wie geht man als Kleinunternehmer mit nachlassender Leistung von Angestellten um? Darf man Löhne einfrieren, wenn das Geld für Werbung fehlt und dies die Existenz bedroht? Schon bald wird Alice zu der Art von Mensch, der sie mit ihrem Unternehmen entfliehen wollte.

Mirca Violas Sozialdrama zeichnet naiv-optimistische ebenso wie desillusionierte Bilder. Es ist keine Produktion, die neue Missverhältnisse aufdeckt, und skizziert keine Lösungsmodelle. Momente des Nachdenkens und der Melancholie sind in dem überwiegend stillen Drama vereinzelt vorhanden. Und auch wenn sich die Kamera hier und dort auf Unterleibshöhe bewegt und in einigen Fällen nicht scheut, den Geschlechtsakt zu zeigen, ist „Cam Girl“ keineswegs ein Erotikdrama. Ob diese Einstreuungen Realismus addieren sollen, oder einfach „ziehende“ Prornobilder und eine „anrüchige“ FSK-Einstufung als Kaufanreiz ermöglichen will, sei dahingestellt. Nötig mögen diese Einstellungen nicht sein; im Kontext der Erzählung wirken diese Momente jedoch nicht deplatziert.

Lighthouse Home Entertainment präsentiert „Cam Girl“ ab 24. April 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Lighthouse Home Entertainment zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Cam Girl
Land / Jahr: Italien / 2014
Genre: Drama
Darsteller: Antonia Liskova: Alice; Alessia Piovan: Rossella; Marco Cocci: Giovanni; Enrico Silvestrin: Roy; Mauro Conte: Djay; Maria Grazia Cucinotta: Direttrice agenzia (Agenturchefin); Sveva Alviti: Gilda; Ilaria Capponi: Martina u. a.
Regie: Mirca Viola
Drehbuch: Mirca Viola, Angelica Gallo, Andrea Tagliacozzo
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 86 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat:DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen:Deutsch
Untertitel: keine
Extras: Trailershow

Webseite zum Film (mit Trailer): Cam Girl