Carl & Bertha: Die Demokratisierung des Reisens

cb_coverSchon beim ersten Zusammentreffen ist die junge Bertha Ringer von den Ideen und Träumen des Carl Benz für motorisierte Fortbewegung bezaubert. Für die Ehe mit ihm ficht sie einen harten Kampf mit ihren Eltern aus, denn die fürchten, dass Bertha mit einem verschuldeten Ingenieur ohne die gewohnte bürgerliche Sicherheit unglücklich wird. Tatsächlich wird Bertha in ihrer Ehe reichlich Gelegenheit haben, Zuversicht und Durchhaltevermögen zu beweisen, denn Carls Erfindung braucht nicht nur technisches Knowhow, sondern auch sehr viel Zeit, mühsam zu findende Investoren und noch mehr Überzeugungskraft. Trotzdem gelingt es Carl Benz nach harten Jahren, seinen Verbrennungsmotor zu einem pferdelosen Wagen weiterzuentwickeln. Als den niemand haben will, ist Carl bereit, aufzugeben. Spontan macht Bertha sich mit ihren Söhnen auf eine Pionierfahrt, um die Fahrtüchtigkeit des Wagens zu beweisen.

Film-Blog.tv meint:
Zwei Menschen und 12 Stunden 57 Minuten, die die Welt veränderten: Die Produktion von Mark Horyna und Michael Souvignier aus 2011 mündet in der legendären Fahrt von Bertha Benz von Mannheim nach Pforzheim. Der Film verbindet die maschinenbauerische Meisterleistung von Carl Benz mit seiner engen Beziehung zu seiner selbstbewussten Frau Bertha, ohne deren Rückgrat die Entwicklung der Automobilität wohl später begonnen hätte. Der zutiefst menschliche Film zeigt die Not und Hürden, die das Ehepaar aushalten musste, bis die bahnbrechende Idee des Ingenieurs ihre Wirkung entfalten kann. Darsteller, Kulisse und Buch: dank der ambitionierten Zusammenarbeit der Kreativen liegt mit „Carl & Bertha“ ein Film vor, der die Entstehung dieser weltverändernden Erfindung lebendig greifbar macht und den Zuschauer authentisch in eine mehr als hundertjährige Vergangenheit mitnimmt. Mehr als jedes Lexikon macht diese Verfilmung nach biographischen Motiven eine Vision greifbar, deren Umsetzung für uns heute so alltäglich ist.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Carl Benz hat eine Vision: die Demokratisierung von Reisen. Reisen für alle und nicht nur die Menschen, die sich Pferde und Personal für deren Pflege leisten können. Seine Idee eines pferdelosen Wagens mit Gasmotor überzeugt nicht alle, die Widerstände gegen seine gewagte Idee sind groß und er findet keinen Geldgeber. Doch die junge Bertha Ringer ist vom ersten Moment an fasziniert; sie glaubt an die Erfindung des überzeugten jungen Mannes, den sie schon bald gegen den Widerstand ihres Vaters heiraten wird.

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Die junge Familie wächst rasch. Vor dem Hintergrund des Börsenzusammenbuchs und der verbrauchten Mitgift seiner Frau, arbeitet Carl hart in seiner Werkstatt, damit sie und ihre Kinder satt werden. Die materielle Not ist groß und Zeit für die Arbeit an seiner Erfindung bleibt nicht Er muss seinen Mitarbeiter Josef bald aus wirtschaftlicher Not heraus entlassen.

Ein Kunde Carls ist der Hoffotograf Emil Bühler, der Fotoplatten bei ihm fertigen lässt. Bühler lässt sich von der geschäftstüchtigen Bertha überzeugen und steigt finanziell in die Entwicklung des Gasmotors ein.

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Carl steht unter Zeitdruck, denn jederzeit könnte ihm jemand anders zuvorkommen und einen funkionierenden Motor präsentieren. Er „schafft“ auch als er krank ist, und der Zeitdruck wächst: bis zum Jahresende gab ihm sein Investor Zeit, um die Erfindung zur Funktionsreife zu bringen. Das ist seine letzte Chance. Die Kinder sehen ihren Vater kaum noch, er verbringt all seine Zeit in der Werkstatt. Auch den Silvesterabend müssen sie ohne ihn verbringen. Doch das Wunder geschieht, als draußen das Feuerwerk abbrennt: in der Werkstatt beginnt sich die Kurbelwelle zu drehen! Ein Moment, der die Welt verändern soll.

Doch für die Familie Benz bleibt es hart. Carl lässt sich von der Gründung einer Aktiengesellschaft überzeugen, das Fremdkapital soll die Produktion ermöglichen. Die Gasmotorenfabrik in Mannheim A. G. wird gegründet. Doch Daimler und Otto aus Deutz werfen Carl eine Patentverletzung vor, sie haben schneller registriert. Seine Aktionäre bieten ihm an, die juristische Streitigkeit für ihn aus der Welt zu schaffen, doch dafür soll er seine eigenen Anteile und die Geschäftsführung an sie übertragen, sowie alle Einnahmen aus zukünftigen Erfindungen. Carl lehnt ab, doch er muss nun erneut entlassen. Seine Mitarbeiter versprechen ihm, jederzeit zurückzukehren, wenn er sie braucht.

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Bei der ersten Testfahrt auf der Straße bricht die Achse, Dampf steigt aus dem Motor auf. Die Menschen lehnen Carls unheimliche Erfindung ab, die Polizei verbietet die Benutzung seiner „Hexenmaschine“.

Bei einer Ausstellung findet seine Innovation keine Interessenten, Carls Investoren entziehen im das Vertrauen. Seinem ebenfalls anwesenden Konkurrenten Gottlieb Daimler geht es nicht besser. Die beiden Männer, die sich bisher nur über ihre Anwälte kannten, denken über eine Zusammenarbeit nach. Sofern ihre Unternehmen überleben, und danach sieht es nicht aus.

Wilhelm von Mannstedt besucht Carl Benz. Er bietet ihm an, gegen Übertragung der Patentrechte alle Schulden zu tilgen. Doch Bertha hat sich am Morgen ohne das Wissen ihres Mannes mit den Kindern zu einer abenteuerlichen Fahrt aufgemacht: die Reise zu ihrer Mutter in Pforzheim über gut 100 Kilometer soll die erste Reise mit dem Motorwagen sein. Carl zögert: soll er unterschreiben und seine Träume aufgeben, um die erdrückenden Schulden loszuwerden? Oder soll er seiner mutigen Frau vertrauen, so wie sie in all den Jahren an ihn glaubte?

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Die Exposition ist bereits der Konflikt — wenn das die Griechen des klassischen Dramas wüssten… Autor Stefan Rogall führt mit dem szenischen Vorgriff auf Carl am Ende seiner Kraft gleich in den steinigen Weg ein, den die Pioniere Carl und Bertha Benz gingen.

In der Eröffnungssequenz versucht Bertha ihren aufgebrachten Mann zu motivieren, an seiner Vision festzuhalten, die ihn jahrelang gleichermaßen antrieb und auszehrte. „Carl & Bertha“ gelingt es, dieses für uns so relevante Stück Zeitgeschichte mit Leben zu füllen und der technischen Entwicklung ein ausgesprochen menschliches Gesicht zu geben. Felicitas Woll als Bertha und Ken Duken als Carl Benz lesten hierbei großartiges, und die aufwenige Kulisse tut ein übriges, um den Zuschauer in das Geschehen zu ziehen.

Der Film zeigt wunderschöne Detailaufnahmen der Skizzen und Produktion, die bereits im Intro aufgegriffen werden. Die Produzenten rekrutierten alte Fachkräfte, die die alten Werkzeuge noch kannten, und junge, die sie installierten. Hauptdarsteller Ken Duken musste sich auf die Erläuterungen, wie die historischen Produktionsmittel bedient werden, verlassen, erläutert er im 18-minütigen Making of. Felicitas Woll spricht über die beengen Korsagen, die anfangs ungewohnt waren. Später hätte sie sich ein Korsett zugelegt, weil sie die resultierende Körperhaltung schätzenlernte, verrät sie der Kamera. Der Einblick in die Entstehung ist spannend: während das Make-up zurückhaltend eingesetzt wird, ist die Kulisse aufwendig gestaltet. Neben vielen musealen Requisiten kommt eine große Bluescreen-Plane bei Außeneinnahmen zum Einsatz, die in der Postproduction mit Hintergründen ersetzt wird. Das „Making of“ erläutert Drehorte wie das Freilandmuseum Wackershofen und das Rastatter Schloss Favorite.

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Für die Dreharbeiten wurde ein Parkscheinautomat abgedeckt, demontierte Verkehrsschilder liegen gestapelt in der Ecke. Der zeitlichen Authentizität waren sie bei den Dreharbeiten im Weg, und gleichzeitig sind sie Zeugen der Verbreitung von Benz‘ Idee.

Während das Making of Szenen noch vor ihrer endgültigen Bearbeitung zeigt, sind die bearbeiteten Aufnahmen im Film klar und fantastisch ausgeleuchtet. Über Licht und Hintergrund wirken manche Einstellungen wie historische Inszenierungen, jedoch dank moderner Aufnahmetechnik nun glasklar. Der Ton präsentiert sich in einer guten Mischung, die Dialoge sind ganz überwiegend in Hochdeutsch gesprochen. Ein Vorteil für Norddeutsche wie mich, denen sich das Badensische nicht immer gleich erschließt.

Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Carl & Bertha“ ab 31. Juli 2015 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Carl & Bertha
Land / Jahr: Deutschland / 2011
Genre: Drama, Geschichte
Darsteller: Felicitas Woll: Bertha Benz; Ken Duken: Carl Benz; Hansjürgen Hürrig: Friedrich Ringer; Michou Friesz: Auguste Ringer; Alexander Beyer: Wilhelm von Mannstedt; Jürgen Schornagel: von Mannstedt Senior; Johann von Bülow: August Ritter; Hannes Hellmann: Emil Bühler; Benno Bings: Eugen Benz; Julia Brendt: Klara Benz (Kind); Eric Wüst: Richard Benz (Kind); Timo Dierkes: Max Kasper Rose; Olli Dittrich: Gottlieb Daimler; Hanna Höppner: Klara Benz; Fiona Kaulin: Thilde Benz; Jonas Krstic: Eugen Benz als Kind; Peter Rühring: Pfarrer Schneise; Wolf-Niklas Schykowski: Richard Benz, älter; Mike Zaka Sommerfeldt: Wilhelm Esslinger; Antonio Wannek: Josef; Esther Zimmering: Corinna von Mannstedt; Elert Bode u. a.
Regie: Till Endemann
Drehbuch: Stefan Rogall
Produzenten: Mark Horyna, Michael Souvignier
Kamera: Lars Liebold
Schnitt: Heike Parplies
Musik: Enis Rotthoff
FSK: ohne Altersbeschränkung

DVD
Laufzeit: ca. 90 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital 2.0 Stereo
Sprachen: Deutsch
Extras: Making of (ca. 18 min.)