Chasing the Wind: Nach Hause in die Fremde, zu sich selbst

chasing_wind_coverAls ihre Großmutter stirbt, kehrt Anna zurück nach Norwegen, in ihr kleines Heimatdorf am Meer. Jahrelang hat sie sich nicht blicken lassen. Ihr verbitterter Großvater Johannes ist wenig begeistert, sie zu sehen und auch Annas zurückgelassener Freund Håvard scheint mehr als überrascht, dass sie wieder auftaucht.
Johannes spricht kaum ein Wort. Der mürrische Alte schlägt selbst das Bestattungsunternehmen in die Flucht. Ein Glück, dass Håvard beim Sargbau einspringt, Annas Charme trägt Früchte. Doch ihre Rückkehr kratzt an alten Wunden, ein Unfall, der das Leben aller Beteiligten für immer verändert hat und das Miteinander nicht einfacher macht. Als Annas Verlobter Mathias überraschend aufkreuzt, muss sich Anna entscheiden, was ihr wirklich wichtig ist.

Film-Blog.tv meint:
Regisseur Rune Denstad Langlo zeichnet mit „Jag etter vind“ ein ruhiges Drama um Verwurzelung und Entfremdung, um Verdrängen und Schweigen. Dabei trifft der Norweger die Seele seiner Mitmenschen pointiert. Er lässt die junge Designerin Anna zur Beerdigung ihrer Großmutter in die Heimat reisen. Erstmals zurück nach ihrer Flucht im Alter von 18 Jahren. Dort begegnen ihr der Großvater und ihr früherer Freund mit Distanz, und langsam beginnen sich die Gründe der Reserviertheit vor dem Zuschauer zu entwickeln. Mit dem Weg seiner Charaktere und nicht zuletzt auch mit der Kamera lässt Rune den Zuschauer in eine melancholische Welt eintauchen, die er nicht ohne Wärme verlässt.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Der Tod ihrer Großmutter führt Anna aus ihrer Wahlheimat Berlin zurück in die mittelnorwegische Heimat. Erstmals nach vielen Jahren trifft sie die Menschen dort wieder. Ihr Großvater Johannes begegnet ihr nach all den Jahren kühl und schweigsam. Sie sei nun mit Mathias verlobt, sie wollen Kinder, beginnt sie ein Gespräch. „Ich sah an alles Tun – das unter der Sonne geschieht – und siehe es war alles eitel – und Haschen nach dem Wind“, zitiert der jung verwitwete Mann. Woher der Verlobte denn sei? Mathias ist halb Däne, halb Deutscher. So so. Deutsche mag er, weil sie zeitig aufstehen und den Tag nutzen. Und aus Berlin? Mäßigkeit, Fleiß, Geradlinigkeit, zählt er die preußische Tugenden auf. Aber näher lässt er seine Enkeltochter nicht an sich heran.

Anna begnet ihrem Jungendfreund Hårvard. Mit 18 verließ sie ihn und ihr Heimandland. Sie floh, wirft er ihr vor. Seine Frau Vibeke ist verstorben, er ist nun alleinerziehender Vater. Seine Tochter spielt alleine. Sie spielt „Tornado“, „Tsunami“ und „Erdbeben“; jedesmal ist sie die einzig Überlebende.

Die Bestatterin stellt Johannes Särge vor. Alle Modelle sind hässlich, findet er, und beschließt einen eigenen zu bauen. Das Sargholz ist feucht, aber es verrottet in der Erde ja ohnehin, sagt er.

Hårvard soll beim Sargbau helfen. Annas Großvater findet, dass seine Enkelin ruhig einmal mit ihren Ex-Freund schlafen solle, damit der Sarg schneller fertig wird.

Das würde Mathias, ihrem Verlobten, wohl nicht gefallen. Er besucht sie. Als er erfährt, dass sie die Pille nie abgesetzt hat, kehrt er enttäuscht zurück nach Berlin.

Langsam, sehr langsam beginnen die Akteure über die Vergangenheit zu sprechen. Nachbar Arne mag keine Deutschen, Schweden und Dänen; Annas Großmutter hingegen mochte er, bricht Johannes sein Schweigen. Nach und nach entspinnt sich die volle Geschichte, über die die Familie stets geschwiegen hat und sich darüber entfremdete. Auch Annas Lebenstrauma kommt zum Vorschein…

„Jag etter vind“ erzählt ruhig und nordisch reduziert. In einer Geschichte um Entfremdung und erneute Annährung sind der Tod und das Schweigen die zentralen Themen. Johannes Sohn ist tot, und damit Annes Vater. Seine Schwiegertochter starb mit ihm, Annas Mutter. Vibeke, die spätere Frau ihrer Jugendliebe Hårvard, lebt nicht mehr, und seine Tochter durchlebt spielerisch Katastrophen. Mit dem Ende des Films verstirbt auch Johannes. Was Anna zurückholte, ist die Beerdigung ihrer Großmutter. Es ist der Tod, es ist die Vergänglicheit, die uns Regisseur und Rune Denstad Langlo mit seinem wiederkehrenden Motiv immer wieder vor Augen führt. Und uns vor diesem Hintergrund zeigt, was für unser Zusammenleben wichtig ist, um diesem Tod seine Macht zu nehmen: Offenheit, Interesse für einander, und Nachsicht. Denn das konsequente Schweigen, die Flucht voreinander lässt die Verluste erst vollständig wirken. Ein Schweigen, dass zwischen Annas Großeltern Jahrzehnte dauerte.

Versöhnlich ist die Kulisse: die Umgebung am Fjord ist wundervoll. Ob Philip Øgaard an der Kamera dies nun bewusst einfängt, oder sich einfach nicht gegen die natürliche Schönheit der Landschaft wehren kann, sei dahingestellt. Stokkøya in Sør-Trøndelag unterstreicht die Inszenierung jedenfalls einmalig.

Kurz nach seiner Premiere am 15. März 2013 fand der Film große Anerkennung im Heimatland. Ola Kvernberg gewann den Amandapreis 2013 für die beste Filmmusik. Marie Blokhus war als beste Schauspielerin und Newcomerin des Jahres nominert, Tobias Santelmann als bester Schauspieler und ebenfalls als Newcomer des Jahres.

„Wir brauchen Filmschaffende, die die norwegische Volksseele erforschen, mit all ihren positiven und negativen Seiten“, sagt Birger Vestmo über „Jag etter vind“ in „Die Filmpolizei“ des öffentlich-rechtlichen Senders NRK („Vi trenger filmskapere som utforsker den norske folkesjela, med all dens positive og negative sider.“).

Und das gelingt sehr gut. Die Distanz und ein gewisses Misstrauen gegenüber den Mitmenschen, vor allem gegenüber Fremden, tauchen auf. Besonders deutlich wird die fehlende Bereitschaft zum Dialog aufgegriffen, mit all ihren Konsequenzen für das Zusammenleben. Die „Norsk sjenanse“, die norwegische Schüchternheit, taucht auf; sie artikuliert sich vor allem zwischen Anna und Hårvard.

„Ute bra men hjemme best“, sagt man in Norwegen; „Draußen ist es schön, zuhause am besten“. Man muss dort nur die Schatten der Vergangenheit überwinden.

Das Bild ist konturiert und balanciert Lichtstimmungen schön aus. Der Sound ist einwandfrei. Spektakuläre Effekte sind wohl das Letzte, das man in einem Film wie diesem erwarten würde, und so bleibt auch das Soundsystem ruhig.

Der Zuschauer lässt sich auf die norwegische Sprachfassung als einzige Tonspur ein. Großvater Johannes macht es einem mit seiner Dialektfärbung nicht immer leicht. Deutsche Untertitel lassen auch Zuschauer teilhaben, die Norwegisch nicht verstehen. Die langen dialogfreien Pausen lassen dabei Raum zum Atmen und Genießen der Bilder. Wer Norwegisch als Fremdsprache spricht, hätte sich über optionale norwegische Untertitel gefreut, um so in einer Sprachwelt zu bleiben.

good!movies präsentiert „Chasing the Wind“ ab dem 07. November 2014 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von good!movies zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Jag etter vind
Land / Jahr: Norwegen / 2013
Genre: Drama
Darsteller: Marie Blokhus, Anders Baasmo Christiansen, Frederik Meldal Nørgaard, Tobias Santelmann, Sven-Bertil Taube u.a.
Regie: Rune Denstad Langlo
Drehbuch: Rune Denstad Langlo
Produzenten: Sigve Endresen, Brede Hovland
Kamera: Philip Øgaard

DVD
Laufzeit: ca. 90 Min. + Bonus
Bildformat: 16:9 (1:2,35)
Tonformat: Dolby Digital 2.0/5.1
Sprachen: Norwegisch
Untertitel: Deutsch
FSK: ohne Altersbeschränkung

Webseite zum Film: Chasing the Wind