Chuzpe – Klops braucht der Mensch! – „Läuft bei dir? Sowieso!“

chuzpe_coverPublikumsliebling Dieter Hallervorden zieht in dieser herzerfrischenden Komödie zu seiner Tochter Ruth nach Berlin zurück – und stellt ihr Leben gehörig auf den Kopf: Schon seit seinen Jugendtagen lebt Edek Rothwachs, Holocaust-Überlebender jüdischer Abstammung, in Melbourne. Nun ist er Anfang 80, aber noch immer topfit und voller Lebenslust. Seine Tochter Ruth würde ihn trotzdem lieber nach Berlin zurückholen, wo sie mit ihrem Mann und Sohn ein geordnetes Leben führt. Edek ist skeptisch, aber die Bekanntschaft mit der lebenslustigen Polin Zofia bringt ihn schließlich doch dazu, Australien hinter sich zu lassen. Ruths Freude über die Heimkehr ist allerdings schnell passé, als sie bemerkt, dass der kauzige Edek alles andere als einen ruhigen Lebensabend im Sinn hat: Nicht nur richtet er jede Menge Chaos an, er beginnt auch ein Verhältnis mit Zofia und plant mit ihr und ihrer Freundin Valentina die Eröffnung eines Restaurants für Zofias Spezialität: polnische Fleischklopse. Ruth ist entsetzt und besorgt – doch Edeks Energie ist scheinbar unverwüstlich…

Film-Blog.tv meint:
Wie die Zeit vergeht – Komödienaltmeister Dieter Hallervorden wird 80 Jahre alt. Nach „Honig im Kopf“ bringt der talentierte Darsteller nun erneut sein Alter erfolgreich in eine Produktion ein. Frei nach Motiven aus dem Roman „Chuzpe“ der australisch-amerikanischen Erfolgsautorin Lily Brett entstand eine Berliner Komödie mit leicht nachdenklichen Momenten. Isabel Kleefeld inszeniert eine familienfreundliche Produktion, die charmant unterhält und ein Plädoyer für das Leben nachhallen lässt.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Fünf Blätter Salat zum Mittag und Fitness: die erfolgreiche Berliner Agenturchefin Ruth Rotwachs ist sympathisch, aber etwas bemüht und lustfeindlich. Das Leben mit ihrem Mann Georg, Kunstmaler, und ihrem studierenden Sohn Zachy gibt ihr Zufriedenheit. Ruth ist selbstständig als Coach und schätzt geordnete Wege. Als ihr liebenswerter Vater Edek nach 60 Jahren in Melbourne in ihr deutsches Leben tritt, verlässt ihr Alltag seine vorhersehbare Bahn. Der Holocaustüberlebende ist agil und lebensfroh, und er möchte sich nicht in den gesetzten Lebensabend einfügen, den seine Tochter für ihn vorsieht. Ihre Fürsorglichkeit ist groß, als ihr Vater nach Berlin kommt. Sie mietet ihm eine große Wohnung und richtet sie geschmackvoll ein, sie stellt ein Fitnessfahrrad an das Fenster und beauftragt einen Biokost-Lieferservice für die regelmäßige Versorgung. Das seniorengerechte Mobiltelefon beklebt sie mit seiner neuen Adresse, denn man kann ja nie wissen.

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Edek erlebt seine Tochter als etwas überdreht, doch er hat Verständnis: „Wie soll man werden normal mit Eltern die haben überlebt Aussschwitz?“. Anders als Ruth genießt Edek das Essen, denn er hat in seinem Leben Hunger erlebt und weiß den Luxus zu schätzen.

Edek möchte nicht behütet sein. Er hat Kraft, er möchte leben und arbeiten. Nach 40 Jahren in seinem Job traut er sich zu, in der geschäftigen Agentur seiner Tochter zu helfen. Doch das läuft nicht so, wie es sich die skeptische Ruth wünscht. Das Toilettenpapier, das er ganz im Sinn von Loriots Heinrich Lohse als Zweijahresbedarf mit 40% Rabatt bestellt, verursacht 180 Euro Kellermiete pro Monat. Der Stromausfall, den er verursacht, trifft Ruth mitten im Kundencoaching.

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Nun ist es wirklich an der Zeit für Rommeclub und Seniorentreff, entscheidet Ruth. Edek sieht das anders. Er hat vor einem Jahr in Marseille die lebensfreudige Zofia und ihre Freundin Valentina kennengerlernt, die ebenfalls nach Berlin gezogen sind. Mit Hilfe seines Enkels Zachy findet er die beiden Damen und lässt sie bei sich einziehen. Ruth ist der „polnischen Sexbombe“ Zofia gegenüber misstrausch, und als ihr Vater mit den beiden Freundinnen ein Restaurant eröffnen will, verliert sie vollends die Fassung. Als sie die Immobilie in einem Gewerbegebiet in Wedding sieht, die ihr Vater ausgewählt hat, ist sie überzeugt: das kann nicht funktionieren. Renovierungsbedürftig, weit entfernt vom Zentrum, neben einer Autowerkstatt. Doch Edek ist weiter: der Werkstattbetreiber wird in einem Monat ausziehen, Zofia kennt günstige Handwerker aus Polen, und ihre Fleischklopse sind „nicht von dieser Welt“. Ruth gibt ihm das benötigte Startkapital in Höhe von 30.000 Euro, glaubt aber nicht an den Erfolg.

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Sie täuscht sich: das Etablissement verwandelt sich in einen Hot Spot, der Zulauf ist gewaltig und ein Filmteam kommt für Dreharbeiten. Das Restaurant „Klops“ entwickelt sich rasant und expandiert. Doch dann bricht Edek zusammen. Hatte seine Tochter recht? Übernimmt sich ihr Vater lebensbedrohend? Edek bleibt für Überraschungen gut, und seine Tochter darf noch lange nicht mit Vorhersehbarkeit rechnen…

Dieter Hallervorden legt seinen Edek sehr sympathisch an. Er spielt den lebensfrohen Holocaustüberlebenden überzeugend und bewegt sich sehr agil. Seine Sprache lässt er von Jiddisch und Englisch beeinflusst sein.

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Anja Kling präsentiert ihren Charakter Ruth Rotwachs authentisch zwischen den Polen der selbstständigen Karrierefrau und der fürsorglichen bis bemutternden Tochter. Während sie als Coach Führungskräften Selbstsicherheit vermittelt, ist sie beim Geschäftsmodell ihres Vaters pessimistisch und sehr wenig unternehmerisch. Die Hütte ist voll: „Der Laden wäre tot, wenn man Freunde und Familie herausrechnet“. Ihr Vater zahlt einen Teil des Kapitals an sie zurück: „Es muss schlecht laufen“. Der Besucheransturm wächst, Hollywood dreht: „Die Belastung für meinen Vater ist viel zu hoch“. Man nimmt Anja Kling diesen Spagat ab.

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Die Komödie streut nachdenkliche Momente ein: vor „Stolpersteinen“ in Berlin, als sich Edek an die Schreie verschleppter Kinder erinnert. „Du kannst nicht ewig auf den Holocaust fixiert bleiben“, regt Ruths beste Freundin Sonia ihr gegenüber an. In der Summe hat Autorin Andrea Stoll eine familientaugliche Komödie geschrieben, die Humor mit einem Schuss Melancholie unterlegt. Wenn sie ihren Edek sagen lässt, dass das Essen eine individuelle Note beinhalten soll, wie zuhause, dann grenzt sie gegen die weltweit uniformen Ketten mit ihren Franchises ab. Der wirkliche Appell gilt jedoch dem Leben, der Lebensfreude und dem Optimismus.

Die technische Qualität der jungen Produktion ist über jeden Zweifel erhaben. Das Farbklima ist eher warm angelegt und unterfüttert die Stimmung des Inhalts.

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Universum Film präsentiert „Chuzpe – Klops braucht der Mensch!“ ab 4. September 2015 auf DVD und als Video on Demand.
Das Rezensionsexemplar wurde von der Universum Film GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Chuzpe – Klops braucht der Mensch!
Land / Jahr: Deutschland / 2015
Genre: Komödie
Darsteller: Edek Rotwachs: Dieter Hallervorden; Ruth Rotwachs: Anja Kling; Zofia: Franziska Troegner; Valentina: Natalia Bobyleva; Georg: Hans-Jochen Wagner; Zachy: Tilman Pörzgen; Sonia: Barbara Philipp; Maxi: Claudia Eisinger; Lucia Seiters: Florentine Lahme; Franziska Hoppen: Mélanie Fouché; Uwe Meyer: Mike Hoffmann; Karl Berger: Ole Eisfeld; Ulrike Krause: Esther Esche; Helene Bocksberg: Vera Teltz; Nachbarin: Katharina Palm; Nachbar: Mürtüz Yolcu u. a.
Regie: Isabel Kleefeld
Drehbuch: Andrea Stoll nach Motiven aus dem Roman „Chuzpe“ der australisch-amerikanischen Erfolgsautorin Lily Brett
Produzenten: Thomas Hroch und Gerald Podgornig
Kamera: Rainer Klausmann
FSK: 0

DVD
Laufzeit: ca. 87 Min.
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailershow

Webseite zum Film: Chuzpe – Klops braucht der Mensch!