Citizen Four: Zeitgeschichte, die uns alle betrifft

Gewinnspiel_rotcitizen_coverIm Januar 2013 erhält die Filmemacherin Laura Poitras, die gerade am dritten Teil ihrer vielfach preisgekrönten Trilogie über die USA nach 9/11 arbeitet, verschlüsselte Emails von einem Unbekannten, der sich “Citizen Four“ nennt und Beweise für verdeckte Massenüberwachungsprogramme der NSA und anderer Geheimdienste in Aussicht stellt.
Im Juni 2013 fliegen Laura Poitras und die Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill nach Hongkong, um sich mit “Citizen Four“ zu treffen – es ist Edward Snowden. Ihre Kamera hat Laura Poitras in diesen Stunden und Tagen, die unsere Welt nachhaltig verändern werden, immer dabei…

Film-Blog.tv meint:
Schon mal was vom Tempora-Netzwerk gehört, oder Stellar Wind? Nein? Umgekehrt kennt diese Routinen dich, mich, uns. Dass unsere Kommunikation, unser Konsumverhalten und unsere Bewegungen erfassbar und auswertbar sind, ist nicht neu. In welcher Dimension Geheimdienste Daten sammeln, analysieren und nutzen, wurde vor allem durch die Enthüllungen Edward Snowdens 2013 deutlich. „Citizen Four“, betitelt nach dem Codenamen Edward Snowdens bei der ersten Kontaktaufnahme, begleitet Laura Poitras, Glenn Greenwald und Ewen MacAskill zu ihren ersten konspirativen Gesprächen mit dem schon heute legendären Whistleblower. Laura Poitras‘ Dokumentation ist authentisch und rüttelt auf. Wohl selten gelingt es, den Beginn solcher weitreichenden Ereignisse zu dokumentieren. Laura Poitras präsentiert ein wichtiges Segment der Zeitgeschichte aus erster Hand und macht gleichzeitig mit dem jungen Menschen hinter den großen Schlagzeilen vertraut.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Es gibt ein paar Menschen, die sich Laura Poitras‘ Portrait ansehen sollten. Menschen mit einem Mobiltelefon, und solche mit einem Computer, der das Internet nutzt. Menschen, die elektronische Zahlverfahren nutzen, wie EC- und Kreditkarten. Auch ein Festnetzanschluss ist ein Grund, „Citizen Four“ anzusehen. Dabei ist es nicht einmal nötig, den Hörer des Telefons abzunehmen…

Edward Snowden erläutert streng gehütetes Wissen um eine Informationsgewinnung, die die Phantasie der meisten Menschen in den Schatten stellt. Und er tut dies aus erster Hand, als ehemaliger Dienstleister der National Security Agency. Dort hatte der Infrastrukuranalyst von 2009 bis 2013 privilegierten Zugriff auf Daten jeder Geheimhaltungsklassifikation, weitergehend als die meisten der NSA-Bediensteten.

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Er spricht über die Macht des Staates, und wie er und seine früheren Kollegen dafür bezahlt wurden, diese auszuweiten. Niemals, sagt Snowden, gab es in der Geschichte solch eine Überwachung. Heute ist jede Art von elektronischer Kommunikation betroffen, ob analog oder digital, und über Selektoren wie Kreditkarteninformationen, IP- und E-Mailadressen ist so ziemlich jeder Mensch identifizierbar, erläutert der Whistleblower die Dimension. Und diese Überwachung könne dann aufgrund der gespeicherten Datenmengen auch retrospektiv erfolgen. Werden wir auffällig, liegt unsere Historie offen.

Der Whistleblower öffnet sich den wichtigen Fragen, die ihm die Journalisten zur Motivation seiner Enthüllungen stellen, die ihn aus seinem Heimatland und der gesamten westlichen Welt bis heute ausgrenzen und von seiner Familie trennen. Wie fühlt es sich an, sich in die vollkommene Ungewissheit über das eigene Schicksal zu begeben? „It is a scary but liberating feeling not to know what is going to happen the next hour or day“, sagt der Interviewte. Besonders die Erfassung von Drohnenaufnahmen, drone feeds, nennt er als Motivation, an die Öffentlichkeit zu gehen, selbat wenn das seine Freiheit gefährdet. Aber auch die breite geheime Überwachung war es, die ihn sein Gewissen erleichtern lassen musste. Da er mit der Presse keine Erfahrung hat, wandte er sich an die Journalisten. Zunächst wird die Überwachung des Diensteanbieters Verizon öffentlich, bald darauf folgten Erkenntnisse über die Überwachung aller großen Internetanbieter wie Microsoft, Skype, YouTube, Yahoo, Facebook und AOL.

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Laura Poitras ist mit ihrer Dokumentation am Puls des Zeitgeschehens. „Citizen Four“ ist ihr Abschluss einer Trilogie über die USA nach 9/11, die mit My Country, My Country (2006) zum Irakkrieg begann, gefolgt von The Oath (2010) über Guantánamo. Mit „Citizen Four“ ist ihr eine aufrüttelnde, authenische Reportage gelungen, die uns am Beginn einer Story teilhaben lässt, die die Welt aufhorchen ließ. Dabei vergisst sie nicht, den Menschen zu zeigen, der unter großen persönlichen Opfern im Mittelpunkt der aufgedeckten Ereignisse steht. Edward Snowden wollte nicht, dass seine Enthüllungen zu einer persönliche Story über ihn werden; dennoch hält die Kamera gerne auf den ruhigen jungen Mann, während er erzählt, und sucht seine Mimik und Emotion. Und zeigt ihn bei privaten Verrichtungen wie dem Richten der Frisur.

Laura Poitras findet eine schöne Balance, die informierte Zuschauer wie solche, die relativ neu im Thema sind, bedient. Sie setzt dramaturgische Elemente ein, vom Aufbau bis zur verwendeten Musik der Nine Inch Nails, die anfangs ein wenig das Verständnis der gesprochenen Sprache erschwert. Nötig wäre der dramatische Aufbau sicher nicht gewesen, die Story trägt bereits genug. Es mag durchaus helfen, manche Zuschauer bei der Stange zu halten.

In der Summe gelingt es ihr grandios, ein Stück Zeitgeschichte zu dokumentieren und spannend zu präsentieren. 124 Kollegen bei Rotten Tomatoes vergeben so gute Noten, dass ein atemberaubendes 98% approval rating resultiert.

Der wesentliche Teil der Doku speist sich aus den acht Tagen in einem Hotelzimmer in Hong Kong, China, in denen die Journalisten Laura Poitras, Glenn Greenwald und Ewen MacAskill erstmals mit Ed Snowden sprechen. Zu Beginn zeigt uns Laura Poitras Material zum Thema, das sie bereits vor den Kontakt zu Edward Snowden gedreht hatte, danach Momente der öffentlichen Rezeption der Neuigkeiten nach Eds überstüzter Abreise aus Hong Kong. Die Reportage mündet in Bildern eines erneuten Treffens der Macher mit Edward Snowden in dessen Moskauer Asyl.

Die englische Sprache ist dank der überwiegend klaren Sprechweise und der qualitativ guten Tonspur insgesamt leicht verständlich, in den Anfangsszenen vor dem Interview teils juristisch. Etwa dort, wo die NSA in einer öffentlichen Anhörung jede Form von flächendeckender Überwachung abstreitet. Als Glenn Greenwald in seiner Wahlheimat Brasilien Portugiesisch spricht, werden die Untertitel dann allerdings doch zum Freund.

Die Bilder sind überwiegend klar, wenngleich bei dieser Produktion nicht der cineastische Unterhaltungswert in Vordergrund stehen will. Die verwendeten Schrifttafeln, die wichtige Informationen vermitteln, sind etwas klein geraten.

Der DVD liegt ein sechsseitiges Booklet der Initiative „Digitale Courage“ bei. Unter dem Titel „Digitale Selbstverteidigung“ vermittelt die „Kleine Anleitung zur Selbsthilfe“ eine Reihe praktischer und überwiegend einfach umzusetzender Maßnahmen, die dabei helfen, die Privatsphäre besser zu schützen.

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Das achtseitge Filmbooklet enthält Pressstimmen und stellt die Protagonisten der Dokumentation vor.

Spätestens mit der Veröffentlichung dieses Textes mit einer Reihe von relevanten Schlüsselwörtern dürfen wir einen neuen treuen Leser auf film-blog.tv begrüßen: die National Security Agency. Welcome, guys! Make yourself at home and be sure to check out the rest of our fine reviews. Und natürlich eine ganze Reihe von deren Kollegen aus der ganzen Welt, die noch keinen mutigen Whistleblower in ihren Reihen hatten.

Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
1.) Wo werden unsere Daten noch gesammelt? Nennt uns einen Bereich des täglichen Lebens, in dem unser Verhalten protokolliert und ausgewertet wird.
2.) Wie habt Ihr zu www.film-blog.tv gefunden?
Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

2 x Blu-ray Disc™ „Citizen Four“

Schickt einfach eine Mail mit der, hoffentlich richtigen, Antwort und Eurer Adresse an gewinnspiel(at)film-blog.tv

Dazu habt ihr bis zum 31. Mai 2015 bis 24.00 Uhr Zeit.

Das Gewinnspiel wird von www.film-blog.tv veranstaltet, die Teilnahme ist kostenlos. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie von www.film-blog.tv
dürfen nicht mitmachen.Gehen mehr richtige Antworten ein, als Preise zur Verfügung stehen, lassen wir das Los entscheiden, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

Piffl Medien präsentiert „Citizen Four“ ab 8. Mai 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensions- und die Gewinnspielexemplare wurden von Piffl Medien zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: „Citizen Four“
Land / Jahr: USA, Deutschland / 2014
Genre: Dokumentarfilm
Mitwirkende: Glenn Greenwald, William Binney, Judge M. Margaret, Mckeown, Kevin Bankston, Judge Harry Pregerson, H. Thomas Byron, Judge Michael Daly Hawkins, Jacob Appelbaum, Edward Snowden, Ewen Macaskill, Jonathan Man, Robert Tibbo, José Casado, Roberto Kaz, Julian Borger, Paul Johnson, Nick Hopkins, Julian Assange, Marcel Bosonnet, Wolfgang Kaleck, Ben Wizner,
William Bourdon, Gonzalo Boye, Carsten Gericke, David Miranda, Ladar Levison, Marcel Rosenbach, Rainer Staudhammer, Jeremy Scahill, Lindsay Mills
Regie: Laura Poitras
Produktion: Laura Poitras, Dirk Wilutzky, Mathilde Bonnefoy, Steven Soderbergh
Kamera: Laura Poitras, Kirsten Johnson, Katy Scoggin, Trevor Paglen
Schnitt: Mathilde Bonnefoy
Musik: Hans Schumann, unter Verwendung von Material der Nine Inch Nails
FSK: 0 / ohne Altersbeschränkung

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 114 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9
Tonformat: DTS-HD Master Audio 2.0 / 5.1
Sprachen: Deutsch, Audiodeskription, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Deleted Scenes, Q&A Laura Poitras, Interviews mit Mathilde Bonnefoy (Schnitt & Produzentin) und Dirk Wilutzky (Produzent), dt. Audiodeskription

Webseite zum Film: Citizen Four