Crossbones: Wie Haie, die sich umkreisen

crossbones_cover1715, New Providence/Bahamas: Hier entsteht die erste funktionierende Demokratie Amerikas. Der diabolische Pirat Edward Teach, auch Blackbeard (John Malkovich) genannt, regiert dort über eine Nation von Dieben, Gesetzlosen und Schurken. Dieser einzigartige Ort, teils Slum, teils Plündererparadies, wird zunehmend zur Bedrohung des internationalen Handels. Deshalb wird Tom Lowe dorthin entsandt, um den brillanten und charismatischen Blackbeard zu töten. Doch zwei Dinge durchkreuzen diese Mission: Toms Leidenschaft für eine Frau und sein unerwarteter Respekt für Blackbeard.

Film-Blog.tv meint:
Piraten, etwas James Bond, etwas Bravehart, etwas Soap: was wie eine wilde Genremischung klingt, wird in „Crossbones“ gekommt zu einer sehenswerten Mischung verdichtet. Die Serie in Anlehnung an den Roman „The Republic of Pirates“ von Colin Woodard macht großen Spaß. Insbesondere John Malkovich überzeugt als charismatischer Piratenführer, und auch der übrige Cast spielt sehenswert. Während der Spannungsbogen in der komplexen Handlung nach einem dynamischen Einstieg ab der zweiten Episode etwas absinkt, zieht er insbesondere zum Serienende dramatisch an und entlässt den Zuschauer nicht mehr vom Bildschirm. Die 2014er-Serie ist eine Empfehlung für alle, die Spannung und Handlung mögen; sie überzeugt sowohl schauspielerisch als auch aufnahmetechnisch.

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Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

1712 lobt die britische Krone das „Vermögenen eines Prinzen“ für die Erfindung eines Navigationsgerätes aus, das ihr die Seehoheit und damit die Kontrolle über ein Fünftel der bekannten Welt sichert. Dem Briten Frederick Nightingale ist diese Entwicklung gelungen, sein „Longitude Chronometer“ kann die Position eines Schiffes auf See präzise berechnen. Das Genie soll diese Innovation dem König von England vorstellen, und wird auf seiner Fahrt auf der HMS Petrel von Tom Lowe begleitet. Dessen Aufgabe ist es, die Erfindung, die über das Schicksal von Millionen von Menschen entscheiden soll, zu schützen. Sein Kommandant William Jagger stattet ihn mit einem weiteren Auftrag aus: den „Commodore“ zu töten, den berüchtigten Edward Teach, besser bekannt als „Blackbeard“. Lange warten muss Lowe nicht: Blackbeards Freibeuter entern die HMS Petrel. Bevor sie in den Besitz des „Longitude Chronometer“ gelangen, zerstört Lowe es durch einen Schuss, verbrennt die codierten Konstruktionsnotizen und stopft dem Erfinder Nightingale eine Giftkapsel in den Mund.

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Lowe und der fast leblose Nightingale werden auf die Insel Santa Compaña verschleppt. Dort regiert Blackbeard als Coomodore über eine Freibeuterrepublik, und er knüpft das Schicksal Lowes an an das Überleben Nightingales sowie die Rekonstruktion des Prototypen. Denn auch der Freibeuter weiß, welche Möglichkeiten diese Konstruktion eröffnet. Als der Erfinder stirbt, bringt sich Lowe durch einen geschickten Schachzug in den Besitz des Codes, mit dem sich der verkohlte, aber noch lesbare Konstruktionsplan dechiffrieren lässt. Damit hat Blackbeard einen Grund, ihn am Leben zu lassen, und Lowe eine zweite Chance.

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Von hier an vewebt sich sein Leben und sein Schicksal mit den Bewohnern der Freibeuterrepublik, und er kommt dem Mann näher, den er töten soll: dem Commodore. „Like sharks circling each other“, beschreibt Kate die wechselnde Machtbalance der beiden Männer. Die Britin wird von ihrem Mutterland wegen Hochverrats gesucht und nimmt eine führende Rolle in der Piratengesellschaft ein.

Die räuberischen Inselbewohner hegen ein beachtliches Misstrauen gegenüber Lowe, und sein Leben gleicht nun einer Achterbahnfahrt aus Gefangenschaft, Triumph, einer Situation kurz vor seiner Hinrichtung und Aufstieg. Mehr und mehr erkennen die Freibeuter den Piraten, der in dem Engländer steckt, und immer dichter wird seine Einbeziehung in die berüchtigte Piratengemeinschaft auf Santa Compaña…

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Blut und Folter auf beiden Seiten, Englands wie der der Freibeuter, lassen die FSK-Einstufung 16 verdient erscheinen. Und auch sonst ist das Leben auf Santa Compaña hart: „Let’s drill a hole in my head and let the demons out.“. Diesen von John Malkovic in Episode 6 ruhig vorgetragenen Worten folgt eine archaische Szene, in der Lowe mit einem Handbohrer, einem „Trephine“, ein großes, rundes Stück aus der Schädeldecke des berüchtigten Freibeuters bei vollem Bewusstsein bohrt und mit einer Münze ersetzt. So, glaubt Blackbeard, wird er von seinen alptraumartigen Visionen geheilt werden. Nichts für schwache Nerven, wenn das Gehirn offen pulsierend durch die eröffnete Schädeldecke in das Blickfeld der Kamera rückt.

In gleichem Maß wie die harten Szenen sind allerdings die Dialoge erwähnenswert, vor allem zwischen Piratenchef Teach und Lowe, dem Mann der Krone, sowie seine Gespräche mit Lady Kate Balfour. Die Themen sind Religion, Politik und Macht, und zeigen nicht nur einen gewissen Tiefgang, sondern auch ein beachtlich elegantes Englisch in der Originalfassung der Serie.

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Die Spannung zieht im Serienverlauf deutlich an, der Plot bleibt mit Überraschungen frisch. Die Beziehungen der Akteure zueinander sind dynamisch, und sorgen für ein hohes Spannungsniveau. Die betrifft insbesondere die letzten Episoden. Die Geschichte wird darin größer, die Entscheidungen der Akteure wachsen massiv in ihrer Bedeutung. Der Commodore lockt die Spanier geschickt in eine Falle und ist in der Lage, ihre Armada zu versenken um ihre Schätze an sich zu nehmen. Doch eine Konfrontation mit der britischen Krone in Form von Jagger lässt ihn die Angriffsrichtung ändern. Hierfür riskiert er eine Meuterei seiner Mannschaft, die auf die unvorstellbaren Reichtümer der Spanier aus ist. Während der strategischen Wendungen auf See fesselt das persönliche Schicksal von Tom, Kate und ihrem Mann auf Santa Compaña nicht minder, als in der Dreiecksbeziehung aus Liebe und Freundschaft eine fehlgeschlagene Abtreibung das Leben von Mutter und Kind bedroht.

Vor allem in den letzten Episoden fesselt die Serie durch ein hervorragendes Script und deutlich anziehende Intensität. Der Vergleich mit Braveheart bietet sich an – nicht nur, weil es gegen England um die Unabhängigkeit geht, sondern auch, als die entscheidende Schlacht um Santa Compaña ansteht und der Commodore seine Kämpfer motiviert. Sie sind in der Unterzahl, doch die Worte des Commodore lassen sie zu Löwen werden.

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Doch das Crossbonesfinale ist kein bloßes Braveheartzitat, es legt hervorragende eigene Wendungen in das Serienende, und führt Showdowns wie in einem Bilderbuch ein. Bis zur letzten Einstellung bleibt das Tempo hoch und der Verlauf überraschend.

Eine Fortsetzung der Serie ist nicht geplant. Das Ende kann abschließend wie in einem Spielfilm gesehen werden, könnte jedoch auch in zwei Strängen weiterentwickelt werden.

Die darstellerische Leistung des gesamten Ensembles ist hoch. Vor allem John Malkovich als Edward Teach, Richard Coyle als Tom Lowe, Claire Foy als Kate Balfour und Julian Sands als William Jagger fallen angenehm auf.

Die Kamera fängt nicht nur die Stimmung der Bahamas und die Charaktere in ihr erstaunlich voluminös und klar ein; sie versteht auch, Objekte scharf und dynamisch in den Nahbereich zu nehmen. Insbesondere Schiffe und Segel werden immer wieder malerisch in Szene gesetzt, leider nur für sehr kurze Momente. Optisch ist „Crossbones“ eine Freude, und auch der Ton hält über alle Kanäle mit.

Die Dialoge der deutschen Synchronfassung von Michael Erdmann sind gelungen; wer die englische Sprache versteht, sollte trotzdem unbedingt die Originalfassung wählen. John Malkovic allein ist dies schon wert, die geschliffenen Konversation insbesondere zwischen Teach und Lowe ist ein weiteres Argument dafür. Ich habe anfangs länger überlegt, an welche Rolle mich John Malkovich in seinem distinguierten, modulierten Englisch und in der Mimik erinnert. Es ist sein „Pascal Sauvage“ in „Johnny English“, der für mich hin und wieder in Elementen durchschien; eine kleine Schnittmenge existiert in der Art, wie der begabte Schauspieler die beiden Rollen anlegt. Ganz wesentlich darf er hier natürlich der legendäre Freibeuter sein, und das tut der Serie gut.

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Concorde Home Entertainment GmbH präsentiert „Crossbones“ ab 15. Januar 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Concorde Video zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Crossbones
Land / Jahr: Vereinigte Staaten / 2014
Genre: Historie, Abenteuer
Darsteller: John Malkovich als Edward „Blackbeard“ Teach, Richard Coyle als Tom Lowe, Claire Foy als Kate Balfour, Yasmine Al Masri als Selima El Sharad, David Hoflin als Charles Rider, Chris Perfetti als Tim Fletch, Tracy Ifeachor als Nenna Ajanlekoko u. a.
Regie: David Slade, Ciaran Donnelly, Stephen Shill, Dan Attias, Terry McDonough, Deran Sarafian
Drehbuch: Neil Cross, James V. Hart, Amanda Welles, Blake Masters, Elizabeth Sarnoff, Michael Oates Palmer, Josh Friedman
Produzenten: Neil Cross, Ciaran Donnelly, Ted Gold, Laurie MacDonald, Walter F. Parkes, Rudd Simmons, Jane Bartelme, Tim Dragga / P+M Image Nation, Mr. Cross, Universal Television
Idee: Neil Cross, James V. Hart, Amanda Welles
Kamera: Christopher J. Baffa
Schnitt: Art Jones, Tim Streeto, Margaret Reticker
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 374 Min. (9 Episoden à ca. 42 Min.)
Bildformat: 1,77:1 / 16:9
Tonformat: DTS-HD 5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Extras: Wendecover

Webseite zum Film: Crossbones