Das Ende der Geduld: „Sie bringen hier das ganze System durcheinander!“

eurovideo_coverDas Ende der Geduld basiert auf der wahren Geschichte der Berliner Jugendrichterin und umstrittenen Kämpferin gegen Jugendkriminalität Kirsten Heisig. Bekannt wurde sie bundesweit als Erfinderin des Neuköllner Modells, in dessen Mittelpunkt das vereinfachte Jugendstrafverfahren bei kleineren Delikten steht. Ihr gleichnamiges Sachbuch erschien posthum und stand mehrere Monate in den Bestsellerlisten. Produzent und Regisseur Christian Wagner nähert sich diesem Thema und der Arbeit der Jugendrichterin sehr respektvoll und versucht der Jugendrichterin mit seinem Film ein Denkmal zu setzen. „Das Ende der Geduld“ ist das Ergebnis einer sehr umfangreichen und detaillierten Recherchearbeit und nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Film Teil der Edition „Der wichtige Film“, in der hochwertige ARD-Produktionen, die sozialkritische Themen aufgreifen und wachrütteln sollen, sich vereinen.

Film-Blog.tv meint:
Was für ein Film, und was für ein gesellschaftliches Problem! Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig beging am 28. Juni 2010 Selbstmord. Ihre Biographie „Das Ende der Geduld“ basiert auch auf ihrem gleichnamigen Sachbuch und zeigt, wie eine Jugendrichterin für Gerechtigkeit brennt und versteinerte Prozesse in der trägen Bürokratie aufbricht. Ihr „Neuköllner Modell“ fand bundesweit Aufmerksamkeit und Anerkennung, es hat bis heute Bestand. Regisseur Christian Wagner zeigt Martina Gedeck als couragierte Richterin Corinna Kleist im Kampf gegen eine Kriminalität, vor der die Justiz resigniert hat und gegen interne Widerstände. Das realistisch inszenierte Drama aus 2013 zeigt eindrucksvoll die Dimension eines gewaltigen Problems auf, das immer noch auf eine Lösung wartet. Den Anfang machte die mutige Frau, die in Neukölln wirkte. Hat jemand das Potential, diese wichtige Aufgabe zu übernehmen? Der Film wie auch die Neuköllner Realität lassen diese Frage offen.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Wer regiert eigentlich Neukölln? Ziemlich sicher nicht der Senat der Stadt Berlin und dessen Organe, das wird der Jugendrichterin Corinna Kleist schnell deutlich, als sie ihren neuen Bezirk übernimmt. Als sie in ihrem alten Bereich eine junge Erwachsene zu Sozialstunden verurteilt, liest die junge Frau ihr ein Gedicht vor, das sie für die respektvolle Juristin geschrieben hat. Kurz darauf springt sie aus dem Fenster des Gerichtsgebäudes, worauf Corinna eine sechsmonatige Auszeit nimmt.

Als sie in ihren Beruf zurückkehrt, will sie es wissen und nimmt eine Stelle als Jungendrichterin im Problembezirk Neukölln an. Schnell wird ihr klar, dass die bürokratischen Mühlen im Justizgebäude langsam mahlen. Erheblich zu langsam, um den vielen jugendlichen Intensivtätern ein Signal zu vermitteln. Corinna will reformieren, und sie packt an. Weil ihr die schwerfälligen Prozesse und das Nebeneinander der Akteure als Problem auffällt, geht sie in die Polizeiwache und lässt sich den Kiez zeigen. Ein Novum, wie die Beamten überrascht feststellen, denn noch nie ließ sich ein Richter dort blicken.

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„Sie bringen hier das ganze System durcheinander“; „Hier kann aber nicht jeder wie er will“: Corinnas Reformwillen stößt in der Justiz nicht überall auf Gegenliebe. Man bietet ihr einen neuen Job außerhalb der Neuköllner Gerichtsbarkeit an, mit Karriereaussichten; doch als ein Verurteilter ihr privates Auto aus Rache mit Bauschaum verschließt, weiß sie, dass sie bleiben wird. Es muss etwas passieren, und sie wird sich der Aufgabe stellen.

Sie überzeugt die kommunale Politik gegen Widerstände von ihrem Neuköllner Modell, das Täter schnell einem Richter zuführt und die Polizei stärker als bisher einbezieht. Und auch nach Feierabend setzt sie sich ein. Sie appelliert an die Mütter ihrer „Kunden“ und klärt auf, sie motiviert. Nach anfänglichem Zögern gibt ihr die Schulleiterin die Mobiltelefonnummern der Schüler, die regelmäßig den Unterricht schwänzen. Auch die Pädagogin ist „Am Ende der Geduld“. Als Konsequenz für ihre Handlung wird sie auf der Straße brutal zusammengetreten und will danach ihre Frühpensionierung einreichen.

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Als Rafiq, der kleine Bruder des Berliner Drogenbosses Nazir, angeklagt wird, will sie ihn vor einem weiteren Abrutschen in die Kriminalität schützen. Rafiq kooperiert und akzeptiert die Sozialstunden, trotzdem er fest in die hierarchischen Strukturen eingebunden ist — von seinen Bruder spricht er stolz als „Prinz von Neukölln“. Das ist ein Novum in Neukölln, in der sich die Clans nach außen vollständig abschirmen. In den Medien stellt er sich hinter die faire Richterin. Die Rache der Clans ist hart: seine 13-jährige Freundin wird brutal vergewaltigt, denn eine Kooperation mit der deutschen Justiz wird als Verrat angesehen. Corinna glingt es, die Täter vor Gericht zu bringen, doch der Zeuge bricht ein und erinnert sich an nichts, das verletzliche Vergewaltigungsopfer behauptet gar Einvernehmlichkeit…

Kurz vor dem Ende des Filmes wird eine fröhliche Corinna Kleist bei der öffentlichen Übertragung eines Länderspiels der WM 2010 gezeigt. Deutschland spielt und gewinnt, als Fußballenthusiastin ist sie euphorisch. Unmittelbar zuvor beschließen Araber, ihr eine Lektion zu erteilen. Corinna verschwindet und wird als vermisst gemeldet. Später wird sie an einem Baum im Wald hängend aufgefunden. In der Pressekonferenz der Stadt Berlin wird Suizid vermutet. Der Film entlässt den Zuschauer mit der offenen Frage, ob es sich um Mord aus Rache oder Selbstmord handelte. Eine Texteinblendung spricht zum realen Fall Kirsten Heisigs von Suizid.

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Die filmische Umsetzung ist ohne Frage gelungen. Jana Marsik dokumentiert mit der Kamera, erzeugt aber auch sprechende Bilder. So fährt sie auf die kurzen Beine von Mohamad Issa als Rafiq im Gerichtssaal, sie reichen nicht an den Boden. Der Junge wirkt verletzlich und die Kamera zeigt, warum ihn die Jungendrichterin Corinna Kleist vor dem sicheren Abrutschen in die Kriminalität bewahren will. Die Kamera bringt an manchen Stellen Emotionen nach außen, sie arbeitet mit Unschärfe und Gegenlicht, wenn der hart agierenden Juristin die Situation entgleitet. Am Ende wird das Wasser der Spree schwarz und bedrohlich, als sie nach dem Joggen auf die Oberfläche sieht.

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Das ausdrucksstarke Schauspiel findet überwiegend erzählend statt. Man nimmt Martina Gedeck diese besondere Richterin ab, deren Beruf Berufung ist und der das Schicksal der angeklagten ernsthaft am Herzen liegt. Für ihre Leistung erhielt sie die Goldene Kamera 2015 als „Beste deutsche Schauspielerin“. Regisseur Christian Wagner führt seine Darsteller sicher durch die Nacherzählung realer, beklemmender Ereignisse, sein Drama schlägt dem Zuschauer die bittere Realität in’s Gesicht. Eine Realität, vor der die Justiz resignierte.

Als der Film in die gerichtliche Realität in Neukölln einführt, mit 600 Clanmitgliedern in einer Familie, deren Mitglieder bis zu 16 Identitäten unterhalten, durchbricht ein Junge die Anklage gegen ein Familienmitglied. Er beschuldigt einen Bruder und führt die Kammer damit gezielt auf eine falsche Fährte, worauf der Verdächtige wegbricht; zu ähnlich sehen sich die Brüder. Hier fallen starke Parallelen zur Episode „Der Igel“ in Ferdinand von Schirachs „Verbrechen“ auf. Ist das schon ein typisches Vorgehen im Neuköllner Gerichtsalltag?

Eurovideo Medien präsentiert „Das Ende der Geduld“ ab 28. April 2015 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Eurovideo Medien zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

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Originaltitel: Das Ende der Geduld
Land / Jahr: Deutschland / 2013
Genre: Drama
Darsteller: Corinna Kleist als Martina Gedeck; Herbert Wachoviak als Jörg Hartmann; Hück als Sascha Alexander Geršak; Devrim als Sesede Terziyan; Rafiq als Mohamed Issa; Nazir als Hassan Issa; Gerichtspräsident als Jörg Gudzuhn; Rechtsanwalt Schwindt als Lukas Miko; Justizsenatorin als Marie Gruber; Punkmädchen Bille als Mathilde Bundschuh u. a.
Regie: Christian Wagner
Drehbuch: Stefan Dähnert
Kamera: Jana Marsik
Musik: Antoni Komasa-Lazarkiewicz
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 89 Min.+ Bonus
Bildformat: 1,78:1 (16:9)
Tonformat: Dolby Digital 5.1
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Extras: Interviews, Trailer

Webseite zum Film: Das Ende der Geduld