Der Geizige: Verliebt in die Goldschatulle

geizige_coverParis im 17. Jahrhundert: Harpagon ist ein alter Geizkragen. Er ist ständig von der Angst besessen, dass ihm jemand seine im Garten vergrabene Geldkassette entwendet. Der alte Mann, dem die Wünsche seiner Kinder völlig gleichgültig sind, will seine Tochter Élise ohne Mitgift an einen unansehnlichen Greis verheiraten. Sein Sohn Cléante soll eine reiche Witwe ehelichen, deren Tod er bald erhofft, um an das Erbe zu kommen. Für sich selbst hat der Geizige allerdings ein junges Mädchen namens Mariane auserkoren, in die jedoch sein Sohn verliebt ist. Die Verwirrungen nehmen ihren Lauf, und als die geliebte Geldkassette Harpagons gestohlen wird, ist das Fass am Überlaufen …

Film-Blog.tv meint:
Die Dialoge der 350 Jahre alten Molière-Komödie wirken unverändert. Erst recht in der Inszenierung mit Harald Juhnke als Harpagon aus 1990. Jean-Paul Roussilon lässt sein bravouröses Ensemble lebendig und leicht agieren, die Pidax-DVD vermittelt den Charme des Theatersaals dabei auch im Wohnzimmer. Man wird zu einem der Zuschauer in den Reihen, die Maestro Juhnke von der Bühne aus mit in das Geschehen zieht. Die rund zwei Stunden vergingen wie im Flug und sehr unterhaltsam!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Élise liebt Valère. Der junge Mann steht als Intendant im Dienst ihres Vaters, um Élise nahe zu sein. Cléante liebt die junge Mariane. Doch Harpagon, der Vater Élises und Cléantes, hat andere Pläne für die Zukunft seiner beiden Kinder. Für seinen Sohn sieht er eine Witwe als Frau vor, seine Tochter soll den deutlich älteren Anselme ehelichen. Eine Mitgift soll sie nicht bekommen; im Gegenteil, die designierte Schwiegertochter wie auch der designierte Schwiegersohn sollen nach deren Ableben Harpagons Vermögen mehren.

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Harpagon ist so reich wie geizig. 100.000 Francs hat er in einer Schatulle in seinem Garten vergraben, und lebt in großer Sorge vor Dieben. Niemand soll von seinem Reichtum wissen, das Geld geht ihm über alles.

Erst danach kommt die Liebe zu einer Frau, und dies ist ausgerechnet Mariane, in die sein Sohn verliebt ist. Die „Gelegenheitsmacherin“ Frosine soll ihm die Begehrte näherbringen, und redet Harpagon ein, dass die junge Frau ältere Männer bevorzuge. Je älter, desto besser. Und dass sie aus ärmlichen Verhältnissen stammt bedeute ja nur, dass sie nicht gewohnt sein wird, etwas von Harpagons gehütetem Geld auszugeben.

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Dies stellt sich jedoch anders dar, als Mariane ihm einen Besuch abstattet. Ihre Leidenschaft gilt nicht ihm, sondern Valère. Die Konfusion zwischen Sohn und Vater wird groß, zumal Maître Jacques, der Koch und Kutscher Harpagons, noch eine Rechnung offen hat und Öl in’s Feuer gießt.

Das ist jedoch nichts im Vergleich zu dem Moment, als Harpagon vom Verlust seiner Geldschatulle erfährt. Ganz Paris soll verhaftet werden, und die Bewohner der Vororte gleich mit…

Juhnke, vom Publikum mit großem Applaus begrüßt, spielt durch alle Facetten: furios, aggressiv, jammernd, werbend, umgarnend, zynisch, kalt, verzweifelt. Der erfahrene Darsteller entfaltet einen ganzen Kosmos auf der Bühne und führt den Fünfakter, dessen gesamtes Ensemble sein Handwerk versteht.

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Die Aufführung, die Pidax präsentiert, ist 25 Jahre alt, doch die Bühnengeschichte ist noch vierzehnmal älter: 1668 wurde „L’Avare ou l’École du mensonge“ uraufgeführt Die Basis hat eine noch längere Geschichte und geht auf die Komödie „Aulularia“ des römischen Dichters Plautus zurück. Der rund 350 Jahre alte Molière-Text entfaltet noch immer seine Wirkung. Die komödiantische Seite funktioniert, etwa dort, von Harpagon im Kreis seiner Bediensteten ein „Briefing“ für die geplante Hochzeitsfeier durchführt. Die Möbel solle man nicht zu sehr abwischen, denn dann verschleißen sie. Nur nachschenken, wenn jemand wirklich Durst hat, und nicht aufdringlich zum Trinken animieren; natürlich mit Wasser verdünnt. Hammelfleisch, fettig, und weiße Speckbohnen sollen gereicht werden. Das stopft, und davon wird weniger gegessen. Der Koch, in Personalunion Kutscher, soll sich nicht erdreisten Geld für die Einkäufe zu verlangen. Moliére wird ein Vorbild gehabt haben, dessen Eigenschaften er gekonnt humoristisch überzeichnete.

Theater ist linearer Vortrag, anders als Spielfilm. Jean-Paul Roussilon inszeniert das Stück lebendig und impulsiv, die Gleichung geht auf. Das Ensemble füllt die rund zwei Stunden sehr kurzweilig. Bühnenbildner Jacques Le Marquet verwendet einen Treppenaufgang als zentralen Ort für das Geschehen, der die Bühne für Dialoge und Monologe bietet. Etwa von Horst Pinnow als Maître Jacques („Ich weiß auch nicht warum, aber ich mag sie. Gleich nach meinen Pferden kommen Sie.“) oder Hauptdarsteller Harald Juhnke, der als Harpagon nach dem Verlust seiner Schatulle auf der Suche nach dem Dieb mit dem Theaterpublikum interagiert. Die Kamera schwenkt in die Reihen, die der fantastische Darsteller gerade einbezogen hat.

Wer Filme an Auflösung, Farbdynamik, Schwarzwerten und Räumlichkeit des Tons misst, wird keine Freude an dieser Aufnahme haben, die vor einem Vierteljahrhundert im Seitenverhältnis 4:3 entstand. Wer authentisches Schauspiel schätzt, die Illusion eines Theatersaals, kommt hier auf seine Kosten. Der Beleuchter hat das Bild im Griff, die geringe Sättigung wie der Verzicht auf Blautöne unterstreichen die Historie des klassischen Komödienstoffes visuell.

Der Ton ist klar und leicht verständlich festgehalten, die Rückmeldung des Publikums macht die Aufführung lebendig und ist nie störend. Eine Tonwiederholung fällt etwa bei Minute 73 auf, sie ist zeitlich begrenzt und nicht im Weg.

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Pidax film media Ltd. präsentiert „Der Geizige“ auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Pidax film media Ltd. zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Der Geizige
Land / Jahr: Deutschland / 1990
Genre: Komödie
Darsteller: Harald Juhnke, Daniela Strietzel, Volker Brandt, Franz Tscherne, Marina Krauser, Margret Homeyer, Rudolf Grabow, Roland Strehlke, Horst Pinnow, H. H. Müller, Eberhard Wechselberg, Konstanze Proebster, Harald Ihlo, Klaus Zabel
Fernsehregie: Gerhard Klingenberg
Inszenierung: Jean-Paul Roussilon
Drehbuch: nach einer Komödie von Molière
Produzenten:
Kamera: Kurt Raczeck
Schnitt: Beate Früstück
Ton: Hans-Joachim König
FSK: Infoprogramm gemäß §14 JuSchG

DVD
Laufzeit: ca. 118 Min.+ Bonus
Bildformat: PAL 4:3
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen:Deutsch
Untertitel: keine
Extras:Trailershow

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