Der Hauptmann von Köpenick: Kleider machen Leute

koepenick_coverDer Schuster Wilhelm Voigt, der bereits sein halbes Leben im Gefängnis verbracht hat, wird nach fünfjähriger Haftstrafe entlassen und möchte nun ein ehrliches Dasein bestreiten. Doch als „Ex-Knacki“ ohne Pass und gültige polizeiliche Anmeldung ist seine Arbeitsuche im preußischen Berlin schier aussichtslos. Schon bald gerät er in den Teufelskreis der Bürokratie, denn: Ohne Anmeldung gibt es keine Arbeit und ohne Arbeit keine Anmeldung. Seine redlichen Versuche ein anständiges Leben zu führen, enden schließlich wieder hinter Gittern. Doch auch nach seiner Entlassung geht der Spießrutenlauf wieder von vorne los. Wilhelm Voigt ersteht in einem Trödelladen eine Uniform und rekrutiert als „Hauptmann von Köpenick“ kurzerhand einen Trupp Soldaten, mit denen er das Rathaus besetzt, um endlich einen gültigen Pass zu erhalten.
In der auf einer wahren Begebenheit beruhenden Groteske Carl Zuckmayers über Bürokratie und Autoritätsglauben zur Zeit des Wilhelminischen Kaiserreichs glänzt Harald Juhnke in seiner Paraderolle.

Film-Blog.tv meint:
Harald Juhnke brilliert in der Charakterrolle des „Hauptmann voin Köpenick“. Wohl kaum jemand könnte den Schuhmacher Wilhelm Voigt so herzlich und so menschlich zeichnen wie der 2005 verstorbene Berliner. Carl Zuckmyayers Tragikomödie macht es dem Schauspieler leicht, uns in das wilhelminische Berlin zu versetzen. Die preußisch eifernden Menschen sind deutlich angelegt, und inmitten unter ihnen spielt Juhnke den glücklosen Schuster, der so gerne in die Normalität zurückkehren möchte. Was die Gesellschaft verhindert – bis er sie mit ihren eigenen Waffen schlägt.
Hier stimmt einfach alles: eine klassische, leicht romantisierte Geschichte, und ein wirklich großer deutscher Schauspieler. Studio Hamburg Enterprises hat diesen Film aus 1997 zu Recht in die Serie „Große Geschichten“ eingereiht.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Wenn der Consultant mit seinem Business-Anzug und Rimowa-Köfferchen anrollt und von Synergien, Downsizing, Lean production und Changemanagement spricht, dann lassen wir uns gerne blenden. Nicht nur von seinen Phrasen aus dem Standard-Werkzeugkasten der Berater, sondern auch von seinem edlen Zwirn. Manchmal trifft es sogar gestandene Mittelständler. Und wenn der Investmentberater in seinem teuren Anzug und in edlen Schuhen vor uns sitzt, dann ist er doch ganz sicher seriös, oder? So einem Menschen vertrauen wir doch ruhigen Gewissens unsere Ersparnisse an. Ob Makler, Autoverkäufer oder Werber: wer Vertrauen gewinnen will, tritt besser elegant auf. Menschen im T-Shirt traut man nichts zu. Erst die Krawatte macht intelligent und ehrlich. Oder?

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Carl Zuckmayers Drama ist zeitlos. Schon immer haben sich viele Menschen von Äußerlichkeiten blenden lassen. Ob nun in der, später katastrophalen, Partnerschaft, im ruinierten Unternehmen oder bei der Enttäuschung nach dem Wahlkampf: wer nur auf den Anschein setzt, der greift zu kurz. Viel zu kurz.

Besonders ausgeprägt war dieses Phänomen in der wilhelminischen Zeit. Standesdünkel war das eine, Militarismus das andere. Wer gesellschaftlich irgendetwas erreichen wollte, der brauchte einen militärischen Rang. Je höher eingeordnet, desto besser.

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Dies spürt auch der Schuster Wilhelm Voigt. Es sind Kleinigkeiten, die ihm eine Haftstrafe einbrachten. Doch der Gebrandmarkte kann nun keinen Fuß mehr in der Gesellschaft fassen. Ohne Wohnsitz kann er sich nicht anmelden, ohne Anmeldung und als ehemaliger Strafgefangener findet er keine Anstellung. Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, bricht er in die Polizeiwache ein. Dort will er sich gefälschte Papiere verschaffen. Er wird ertappt und erhält eine langjährige Hafstrafe, die ihn noch tiefer in das Dilemma reißt.

Sein Ausweg ist kreativ: er stellt sich eine Hauptmannsunifrom zusammen, rekrutiert Soldaten auf der Straße und marschiert in das Rathaus, in dem er den Bürgermeister verhaften lässt. Sein Ziel ist es, hier endlich an die ersehnten Papiere zu kommen.

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In Harald Juhnkes Paraderolle wird deutlich, wie die wilhelminische Gesellschaft mit den Menschen umging. Dem „kleinen Mann“ gegenüber begegnet man respektlos. Autoritäten, Obrigkeiten hingegen voller Unterwürfigkeit. Wie sehr diese Wahrnehmung hier von Uniformen und Insignien bestimmt ist, zeigt ein Schwenk in der Handlung: Ein echter Hauptmann will einen Streit schlichten, wird in seiner Zivilkleidung aber nicht ernst genommen. Obwohl er seinen Rang nennt. Aufgrund der Auseinandersetzung verliert er darauf seine exponierte Stellung beim Militär.

Zuckmayers Theaterstück, das die Grundlage fie diese Verfilmung bietet, romantisiert ein wenig. Man geht davon aus, dass es der historische Wilhelm Voigt auf eine große Menge Bargeld abgesehen hatte, die er im Rathaustresor vermutete. Zuckmayer schrieb ihm lieber die verzweifelte Absicht zu, einen Ausweis zu erlangen. Er lässt ihn zu einer Art gesellschaftlichem Robin Hood in eigener Sache werden.

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Die Wärme und Authentizität des etwas geschönten Theater- und Film-Voigt verkörpert der Charakterdarsteller Juhnke herrlich. In „seinem“ Berlin entfaltet er das Leben und Schicksal eines Getriebenen, der das Heft schließlich in die Hand nimmt und eine Gesellschaft ihrer Lächerlichkeit preisgibt.

Das Bild der 1997er-Produktion ist klar und konturiert, der Ton stimmig mit klar abgemischten Dialogen. Das Bonusmaterial ist informativ und unterhaltsam.

Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Der Hauptmann von Köpenick“ auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprisesmm zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

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Der Hauptmann von Köpenick
Land / Jahr: Deutschland / 1997
Genre: Drama, Komödie
Darsteller: Harald Juhnke: Wilhelm Voigt; Udo Samel: Bürgermeister Obermüller; Elisabeth Trissenaar: Mathilde Obermüller; Katharina Thalbach: Marie Hoprecht; Hermann Beyer: Friedrich Hoprecht; Rolf Hoppe: Zuchthausdirektor; Reimar Johannes Baur: Adolf Wormser; Hark Bohm: Kriminalinspektor Schmude; Matthias Günther: Stadtkämmerer Rosenkrantz; Reiner Heise: Kallenberg; Jürgen Hentsch: Kriminaldirektor Mehlhorn; Horst Hiemer: Reviervorsteher; Hansjürgen Hürrig: Polizeiinspektor; Michael Klobe: Wabschke; Holger Mahlich: Knell; Marlene Marlow: Lieschen; Dieter Montag: Kilian; Klaus Piontek: Oberst; Volker Ranisch: Bahnbeamter; Sophie Rois: Mieze; Götz Schubert: von Schlettow; Steffen Steglich: Grenadier; Veit Stübner: Polizeioberwachtmeister; Gerry Wolff: Krakauer; Florian Lukas: Willy Wormser; Alexander Reed: Gefreiter Klappdohr; Niels Bruno Schmidt: Zeitungsjunge; Alexander Beyer: Melder; Joerg Liebe: Gefängnisinsasse u.a.
Regie: Frank Beyer
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
Produktion: Horst Meyer für Hannover Film GmbH
Kamera: Eberhard Geick
Schnitt: Clarissa Ambach
Musik: Peter Gotthardt

DVD
Laufzeit: ca. 100 Min. + Bonus
Bildformat: 4:3 – 1,33:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0 Stereo
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch
Bonus: Dokumentation „Deutsche Lebensläufe – Carl Zuckmayer“, Hörfilmfassung, 20-seitiges Booklet
FSK: Freigegeben ohne Altersbeschränkung