Der Junge Siyar: Männersache?

Gewinnspiel_rotsiyar_coverSiyar soll durch den Mord an seiner Schwester die Familienehre wiederherstellen. Die Suche nach ihr führt den kurdischen Jungen aus seinem Dorf quer durch Europa. Diese Odyssee durch eine andere Welt verändert sein Leben.Siyar lebt in einem kleinen kurdischen Dorf im Nordirak. Er ist zwar noch ein Teenager, aber seit dem Tod seines Vaters muss er als Familienoberhaupt die Entscheidungen treffen. Als seine ältere Schwester kurz vor ihrer arrangierten Hochzeit verschwindet, wird Siyar auf eine abenteuerliche Reise durch Europa geschickt, um mit einem Ehrenmord sein Ansehen zu retten. In Istanbul lernt er das Straßenmädchen Evin kennen. Als er sie auf seine illegale Reise mitnimmt, verschieben sich mehr und mehr seine Wertvorstellungen.

Film-Blog.tv meint:
Der Jäger in Hisham Zamans Film aus 2013 ist kein Held. Die patriarchalische Gesellschaft seines kurdischen Dorfes im Nordirak treibt ihn, und zwingt den Sechszehnjährigen einen schrecklichen Auftrag auf: den Mord an seiner Schwester, die einen anderen Mann liebt als den, den ihre Familie für sie bestimmt hat. Regisseur und Autor Hisham Zaman schickt seinen Hauptdarsteller auf eine Reise durch Europa, und setzt ihn dabei szenisch in eine Welt, die ihn überragt und erdrückt. Mit zunehmendem Weg nach Westen lässt Hisham Zaman seinen Antihelden mehr und mehr Veränderung erfahren, in der ungewohnten Gesellschaft der jungen Kurdin Evin, die er in Istanbul kennenlernt. In der überwiegend ruhigen Erzählung setzt der Regisseur ausdrucksstarke Symbolik ein, und entlässt den Zuschauer ohne eine Lösung. Die vielfach verdient ausgezeichnete Produktion ist hervorragend inszeniert und wird von den talentierten Jungschauspielern Taher Abdullah Taher und Suzan Ilir bereichert.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Studentenwerke werden trotz Kosten in Millionenhöhe zu Studierendenwerken, und wir überlegen einen neuen Plural einzuführen: Profxe, um den Professor geschlechtsneutral zu machen. Die Instrumente des „Gender Mainstreaming“ finden nicht bei allen Menschen Gegenliebe, und dies gilt für beiderlei Geschlechts. Aber die zugrundeliegende Idee, dass Männer und Frauen gleichgestellt sind, stellt bei uns wohl kaum jemand ernsthaft in Frage. Dort, wo Lücken sind, werden sie geschlossen. Jüngst beschloss der Bundestag, ab 2016 eine verbindliche Frauenquote unter anderem in Aufsichtsräten einzuführen. Frankreich, Italien, Belgien und die Niederlande kennen solche Regelungen bereits. Die Gleichstellung von Frau und Mann ist und Deutschland und den Nachbarstaaten weit, und sie bewegt sich weiter nach vorne. Wer kann sich heute noch ernsthaft vorstellen, dass das Wahlrecht für Frauen in Deutschland gerade einmal knapp hundert Jahre alt ist? Und immerhin bis 1976 erlaubte das Bürgerliche Gesetzbuch es jedem Ehemann, seiner Frau die Berufstätigkeit zu verbieten und, auch gegen ihren Willen, einen bestehenden Job zu kündigen. Ja, hier. In Deutschland.

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Szenenwechsel. Nur wenige Flugstunden Richtung Südosten entfernt herrscht im staatenlosen Gebiet Kurdistan ein weit verbreiteter, tief verwurzelter Patriarchalismus. In diesen wird auch der sechzehnjährige Siyar gedrängt, als er die Rolle seines verstorbenen Vaters einnehmen muss. Als das Oberhaupt einer anderen Familie aus dem Dorf seinen Sohn mit Siyars Schwester Nermin verheiraten will, willigt der Junge in einem Gespräch „von Mann zu Mann“ ein.

Doch Nermin verlässt das Land mit einem anderen Mann als dem ihr zugedachten, und Siyar nimmt ihre Verfolgung auf. Um die „Ehre“ der Familie wiederherzustellen, will er seine Schwester ermorden. Er lässt sich im Inneren eines Tanklasters über die Irakisch-Türkische Grenze schmuggeln, eingehüllt in Cellophan-Folie und um Luft ringend. Bei der Grenzkontrolle muss er vollständig in der öligen Ladung untertauchen.

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„Glücklich sind die, die sich Türken nennen dürfen“, begrüßt ihn eine Inschrift an einem Berghang auf dem Weg nach Istanbul. Dort findet er seine Schwester und attackiert sie mit einem Messer. Nermin gelingt die Flucht vor ihrem Bruder, und sie verlässt die Stadt Richtung Europa. In Istanbul lernt Siyar die junge Kurdin Evin kennen, die ihren Vater in Berlin aufsuchen will. Siyar begleitet sie, denn er hat vom neuen Aufenthaltsort seiner Schwester erfahren: die norwegische Hauptstadt Oslo. Schleuser bringen sie über einen Fluss aus der Türkei nach Griechenland, und damit nach Europa.

Evin begegnet ihrem Vater in Berlin, findet in ihm aber nicht die Person, die sie so zu finden hoffte. Sie reist enttäuscht weiter, zusammen mit Siyar nach Oslo, wo er auf ein Netzwerk aus seiner Heimat trifft. Von diesen Männern erhält er eine Waffe und einen Hinweis auf die Adresse seiner Schwester. Als er sie konfrontiert, beginnt eine todbringende Dynamik…

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Dem junge kurdischen Mann von 16 Jahren wird von der Gesellschaft eine patriachalische Rolle aufgezwungen, die nicht seiner inneren Einstellung entspricht, und für die er keine ausreichende Reife mitbringt. Als er aufbricht, sieht er keine Alternative zum grausamen Mord an seiner Schwester; in einer Gesellschaft ohne nenneswerte Bildung und in prekären materiellen Verhältnissen wird ein eigenes Verständnis von „Ehre“ als wichtige Ressource gelebt, und diese wurde durch die eigenmächtige Handlung seiner Schwester verletzt. Der junge Mann steht vor der Entscheidung, entweder den Erwartungen zu entsprechen und seine Schwester zu ermorden, oder seinen eigenen sozialen „Tod“ durch Ausgrenzung zu erfahren. Es sei eine „Männersache“, sagt der Sechszehnjährige mit dem Flaum auf seiner Oberlippe zu seiner Familie, als er vor seiner Abreise das Haus des unerwünschten Freundes seiner Schwester mit einem Gewehr aufsucht.

Gleich zu Begin lässt Hisham Zaman den Zuschauer Siyars strapaziöse illegale Ausreise erleben. Vollständig eingehüllt in Folie, von einer klaustrophobischen Kamera im Inneren eines Tankwagens inmitten von Öl gezeigt, nimmt er all dieses Leid auf sich, um einem anderen Menschen noch größeres Leid anzutun, um sich und seine Familie „reinzuwaschen“.

Hisham Zaman bedient sich einer immer wieder auftauchenden Symbolik um zu verdeutlichen, dass die Welt, dass die Anforderungen zu groß für den Sechzehnjährigen sind. Als er seiner Schwester vor der Hochzeit zusagt, dass die Tür zum Haus ihres Vaters immer offensteht, wird deutlich, dass Siyar, der nun die Familie anführen soll, kleiner ist als seine Schwester. Klein und verloren zeigt der Regisseur seine Hauptfigur Siyar auch bei Einstellungen in der malerischen Landschaft. Die Last, die die Erwartung „des ganzen Dorfs“ auf die Schultern des verzweifelten jungen Mannes legt, wird greifbar artikuliert. Auch in seiner zu großen Lederjacke verschwindet Siyar.

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In diesem besonderen Roadmovie spielt bildliche Symbolik insgesamt eine besondere Rolle. Die Farbstimmung ändert sich von warm zu kalt, bereits in Berlin zeigt die vereiste Spree Kälte, um in Oslo zu erdrückendem Schnee zu werden. Und bereits die Eingangssequenz, in der der Junge vom männlichen Teil der Dorfgemeinschaft in Folie gewickelt wird, symbolisiert die unausweichliche, lähmende Allmacht der Gesellschaft um Siyar, die ihn umschlingt und keine Bewegung zulässt.

Er wirkt hölzern, unbeholfen auf seinem Weg in die unbekannte Welt im Westen. Taher Abdullah Taher legt seinen Charakter in diesem Stadium mit verbissener Miene und steifen Bewegungen an. Die Frauen in der Großstadt Istanbul schockieren ihn in ihrer westlichen Offenheit, in einer ihm so fremden Großstadt. Und da ist es ausgerechnet ein Mädchen, das ihn zunächst bestiehlt, um dann zu seiner Weggefährtin zu werden. Siyar, der seiner älteren und reiferen Schwester die Beziehung vorschreiben will, ist unerfahren in der Liebe. Der jungen Evin nähert er sich schüchtern und sehr langsam entdeckend. Ihre androgyne Art erlaubt ihm die Annährung, und neben ihr darf das noch immer in ihm vorhandene Kind hervorscheinen. Hier lässt Hisham Zaman seinen Siyar entspannter werden, und sogar einmal lächeln. Seine Wandlung zeigt Siyar vor allem in Mimik und Gestik. Fern der Heimat mit ihren kompromisslosen Anforderungen ist es leichter, Mensch zu sein, die starke Evin erwartet keine Männlichkeitsrolle von ihm; aber das kurdische Netzwerk wirkt bis in das norwegische Oslo, und der soziale Druck entlässt ihn nicht aus der tödlichen Konfrontation.

Der vielfach prämierte Film gibt wichtige Impulse für einen Blick hinter die Maske der Menschen, die an der Erwartung an ihre Stärke und vermeintliche Männlichkeit zu zerbrechen drohen. Die Kraft erhält das Drama neben der gekonnten Inszenierung vor allem durch das überzeugende Spiel von Taher Abdullah Taher.

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Die Welturaufführung erfolgte auf dem Tromsø Festival 2013 als Eröffnungsfilm, zu weitere Festivalscreenings zählen unter anderem in Karlovy Vary 2013, Seattle 2013, Edinburgh 2013, Warsaw 2013, Istanbul 2014 und Brno 2014.

Hisham Zaman drehte in Istanbul an Orten, die Teams ohne den Zugang zur örtlichen Kultur verschlossen bleiben, er filmte mit realen Flüchtlingen und interviewte Schleuser, um in seinem Film authentische Szenarien aufzubauen.

Das Bild der DVD ist gestochen scharf und weiß durch gekonnte Inszenierung und wechselnde Aufnahmetechnik künstlerisch zu sprechen. Der Ton ist klar, die Soundwelt harmonisch präsent. Die zurückgenommenen Dialoge sind in der deutschen Synchronfassung sehr deutlich vorhanden, in der kurdischen Originalversion wohl auch; zu fremd ist mir allerdings die Originalsprache und Intonation, um dies hier abschließend beurteilen zu können.

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Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
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Dazu habt ihr bis zum 15.04.2015 bis 24.00 Uhr Zeit. Gehen mehr als eine richtige Antworten ein, lassen wir das Los entscheiden. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie film-blog.tv dürfen nicht mitmachen, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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Dualfilm präsentiert „Der Junge Siyar (Før snøen faller)“ ab 20 März 2015 2015 auf DVD und als VoD.
Das Rezensions- und die Gewinnspielexemplare wurden von Dualfilm GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel:Før snøen faller (internationaler Festivaltitel: Before Snowfall)
Land / Jahr: Norwegen, Deutschland, Irak / 2013
Genre: Drama
Darsteller: Taher Abdullah Taher: Siyar , Suzan Ilir: Evin, Bahar Özen: Nermin, Nazmi Kirik: Karzan (der Schleuser), Ahmet Zirek: Miro (Evins Vater), Muafaq Rushdie: Sherzad u. a.
Regie: Hisham Zaman
Drehbuch: Hisham Zaman, Kjell Ola Dahl
Produzenten: Finn Gjerdrum, Stein B. Kvae, Mehmet Aktas
Kamera: Marius Matzow Gullbrandsen
Schnitt: Sverrir Kristjansson
Musik: David Reyes
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 105 Min.+ Bonus
Bildformat: Flat (1.85:1)
Tonformat: 5.1 Surround
Sprachen: Kurdisch (mit Passagen in Englisch, Türkisch, Deutsch), deutsche Synchronfassung, OmU
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of (13 min.), Trailer

Webseite zum Film: Der Junge Siyar (Før snøen faller)