„Der kleine Tod“: Jedem Tierchen…

tod_coverDie französische Redewendung la petite mort (dt. ‚der kleine Tod‘) steht für ‚Orgasmus‘, den zu erlangen das erklärte Ziel der fünf Mittdreißiger-Pärchen ist, die in einer mittelmäßigen Vorstadt ihren Mittelklasse-Traum leben. Doch diese scheinbar sehr gewöhnlichen Paare haben sehr ungewöhnliche Fantasien, deren Verwirklichung sie so sehr beschäftigt, dass sie gar nicht den bedrohlichen Neuzugang in ihrer Nachbarschaft bemerken…
„Der kleine Tod“ ist eine unerhörte wie warmherzige Liebeskomödie über Fetische, Geheimnisse und Schicksale, die zeigt, dass die schönste Nebensache der Welt riskant, romantisch, anstrengend und vor allem lustig sein kann.

Film-Blog.tv meint:
In seinem Regiedebüt nimmt uns der australische Schauspieler Josh Lawson mit hinter die Schlafzimmertüren von Paaren. Jedes von ihnen geht mit einer sexuellen Deviation um, und wir begleiten sie bei hin und wieder erfolgreichen, meistens jedoch katastophal scheiternden Versuchen diese Fantasien umzusetzen. In Lawsons „Kleinem Tod“ und der stillen Beobachtung von Menschen im Labyrinth gesellschaftlicher Erwartungen klingt hin und wieder Loriot an; ohne das Genie Vico von Bülows für Timing zwar, aber eben doch so, dass der skurril verzerrte Alltag hier und dort zu Heiterkeit führt und durchaus sehenswert in Szene gesetzt. Lawnsons komödiantische Beziehungsdramen heben sich erfreulich von der Legion der Schenkelklopferunterhaltung ab und bieten über rund 90 Minuten einen schönen individuellen Filmgenuss.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Paul und Maeve: Sexueller Masochismus
Paul hat einen leichten Fußtick und beginnt den Sex mit seiner Partnerin Maeve recht weit unten. Deren Fantasie geht noch um einiges weiter: sie möchte, dass Paul sie vergewaltigt. Am liebsten in einer anderen Rolle, so dass sie die Illusion eines anderen Mannes bekommen kann.

Dan und Evie: Rollenspiel-Fetisch
Evies Blow jobs sind nicht besonders gut, offenbart Dan beim Sexualtherapeuten. Insgesamt ist das Liebesleben der beiden nicht übermäßig befriedigend. „Try role play“, rät der Therapeut. Und so schlüpft Dan in die Rolle eines Detectives, Arztes und anderer Charaktere. Nach anfänglicher Komik zündet die Strategie. Doch am stärksten wirkt Evies Anmerkung „You should have been an actor“ auf Dan, der nun leidenschaftlich in das Schauspiel drängt.

Richard und Rowena: Dacryphilie (das sexuelle Vergnügen, jemanden weinen zu sehen)
Richards und Rowenas Kinderwunsch bleibt unerfüllt. Ein Orgamus steigert die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis, sagt die Ärztin, doch während ihrer Beziehung hat Rowena noch nie einen erlebt; ihre Höhepunkte waren sämtlich vorgespielt. Als vor dem nächsten Versuch das Telefon klingelt und die Nachricht bringt, dass Richards Vater an einem Herzinfarkt verstorben ist, bricht er in Tränen aus. Rowena zieht ihn zu Bett und erlebt eine Klimax. Ursache ist ihre Dacryphilie, das sexuelle Vergnügen, jemanden weinen zu sehen.

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Phil und Maureen: Somnophilie (Sexuelle Erregung durch Beobachten einer schlafenden Person)
Maureen ist eine Zicke und lässt kein gutes Haar an ihrem ruhigen Mann Phil. Nur wenn sie schläft kann Phil die Zeit mit ihr genießen. Nachts baut er die Illusion einer harmonischen Beziehung, beobachtet Maureen und interagiert mit der Schlafenden. Tagsüber im Job schläft er regelmäßig ein, da sein Beziehungsleben nun in der Nacht stattfindet. Als sein Chef ihm ein potentes Schlafmittel gibt, damit er Nachruhe findet, wendet Phil es heimlich auf Maureen an und erlebt eine neue Dimension seiner „Zweitbeziehung“.

Monica und Sam: Telefon-Skatologie (Erregung durch obszöne Telefonate mit Fremden)
Monica arbeitet für „Video Relay“. Sie ermöglicht Gehörlosen, mit denen sie über Skype verbunden ist, Telefonate mit Normalhörenden, in denen sie gesprochene Worte in Gebärdensprache übersetzt. Ihr Kunde Sam möchte eine der „Schlampen von Phone Fuck“, wie die Stimme am anderen Ende der Leitung offenbart. Es wird das ungewöhnlichste Gespräch in Monicas Leben. Sie trägt ein Hörgerät; ihr Arbeitgeber darf das nicht wissen, sie braucht den Job. Die angerufene Sexarbeiterin versorgt während des Telefonats ihre Großmutter als Schlaganfallpatientin. Das darf niemand wissen, denn die Hotlinemitarbeiterin braucht ihren Job ebenfalls. Als die Sexarbeiterin ihre pflegebedürftige Großmutter für einen Moment versorgen muss und das Gespräch dabei nicht fortsetzen kann, muss Monica ihre Rolle übernehmen, ohne dass Sam davon weiß…

Die Schicksale der Protagonisten sind sehr lose verbunden, im Mittelpunkt der Handlung steht die Beziehung der Paare zueinander. „Der kleine Tod“ will dabei ein Film über Erotik sein, kein Erotikfilm. Er gewinnt Humor über die Unbeholfenheit und Scham seiner Akteure, die keine Casanovas und Lolitas sind, sondern Alltagsmenschen, die sich unbeholfen ihren Vorlieben nähren; mal mehr, mal weniger erfolgreich.

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Eines der verbindenden Elemente ist Steve, der sich allen Paaren als neuer Nachbar vorstellt und „Goliwogs“ verteilt, ethnisch fragwürdige Backwaren. Nebenbei weist er aufgrund einer gesetzlichen Verpflichtung darauf hin, dass er ein verurteilter Sexualstraftäter ist. Und erscheint meist in unpassenden Momenten.

Am Ende des Films laufen viele offene Handlungsstränge in einer Szene zusammen. Doch nicht nur das verbindet Josh Lawsons Akteure; häufig ist es auch deren Egoismus bei ihrer Jagd nach dem „kleinen Tod“.

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Rowena reisst bewusst Wunden auf, als Richard den Schmerz über seinen verstorbenen Vater verdrängen will. Sie entführt den Familienhund Roxie für eine Nacht, sie erfindet eine Krebsdiagnose. Alles, um Stimulation aus seinem Weinen zu gewinnen. Dan werden Rollenspielvorbereitungen wichtiger als Evie. Ihm geht es um den Sex, ihr um die Beziehung. Es gelingt ihr noch nicht einmal lange genug durchzukommen um ihre Schwangerschaft zu offenbaren. Und die von ihm erdachten Handlungsfäden bringen Evie in unangehme Situationen: als „Patientin“ dichtet er ihr Hapatitis C als sexuell übertragbare Erkrankung an, als „Gefängnisinsasse“ behauptet er, einen Mann vergewaltigt zu haben. Phil nutzt ein starkes Schlafmittel, um Maureen auszuknocken. Er betrügt sie mit ihr selbst, in ihrem Schlaf, und vermeidet die offene Aussprache.

Aufgrund der sexuellen Varianzen wird hingegen niemand bloßgestellt; der gehörlose Comiczeichner Sam wirkt trotz seiner „schmuddeligen“ Konsumentenrolle smart, und auch Paul und Maeve, Dan und Evie, Richard und Rowena sowie Phil und Maureen dürfen vor allem Menschen bleiben. Vor allem Paul strengt sich an, seiner Partnerin gegen die eigene Überzeugung zum Lustgewinn zu verhelfen und vollführt einen riesigen Spagat zwischen seiner echten Zuneigung und den passiven Gewaltphantasien seiner Maeve.

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Das Bild ist einwandfrei ausgeleuchtet und zeigt eine dezente Weichheit in den Konturen. Die deutsche Synchronisation weist mehr Dynamik auf als die englischsprachige Originalversion. Verfolgen kann man diese aber auch in ihrer flacheren Abmischung, und das lohnt sich allein schon wegen der Situationskomik: Als Maeve ihrem Paul von ihrem heimlichen Wunsch berichtet, entgegnet er lapidar „You’re a ten, babe“. Statt „I want you to rape me“ hat er „rate“ verstanden…

Weltkino Filmverleih präsentiert „Der kleine Tod“ im Vertrieb von Universum Film GmbH ab 28. August 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von der Weltkino Filmverleih GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

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Originaltitel: The Little Death
Land / Jahr: Australien / 2014
Genre: Komödie
Darsteller: Josh Lawson, Bojana Novakovic, Damon Herriman, Kate Mulvany, Kate Box, Patrick Brammall, Alan Dukes, Lisa McCune, Erin James,
T.J. Power, Kim Gyngell, Lachy Hulme u. a.
Regie: Josh Lawson
Drehbuch: Josh Lawson
Produzenten: Jamie Hilton, Michael Petroni, Matt Reeder
Kamera: Simon Chapman
Schnitt: Christian Gazal
Musik: Michael Yezerski
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 92 Min.+ Bonus
Bildformat: 2,40:1 Auflösung: 1080/24p Full HD
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Interviews mit Cast & Crew, Behind the Scenes, Trailer, Teaser, Trailershow

Webseite zum Film: Der kleine Tod