Der Schattenmann: „Noch is Frankfurt ned Chicago“

Gewinnspiel_rotschattenmann_coverNach einer misslungenen Polizeiaktion, bei der sein Partner Otto Tötter getötet wurde, soll sich der nach außen hin biedere Familienvater Charly Held als Undercover-Ermittler das Vertrauen von Jan Herzog erschleichen, dem Boss des organisierten Verbrechens in Frankfurt. Er wird als betuchter Geschäftsmann Karl von Hellberg luxuriös ausgestattet und findet tatsächlich Kontakt zu Herzog, der ihm immer mehr Vertrauen schenkt. Bald gilt er sogar als dessen Nachfolger. Doch das Doppelleben macht Charly zu schaffen: Er taucht immer tiefer in diese neue Welt ein, entfremdet sich seiner Familie und erliegt fast dem Charme von Herzog sowie den Versuchungen des Luxuslebens. Wird er die Fronten wechseln?

Film-Blog.tv meint:
In der Vielzahl von Filmproduktionen ist es schwer, etwas besonderes zu leisten. Auf grandiose Weise schaffte dies Dieter Wedel mit dem 1995 verfilmten „Schattenmann“. Der rund zehnstündige Thriller besticht mit atemberaubendem Schauspiel und einem Plot, der heute wie vor 20 Jahren jede einzelne Minute fesselt. Warum diese Serie bei ihrer Erstausstrahlung im TV an mir vorbeiging, kann ich nicht sagen. Ich bin dankbar wie selten bei einem Film, dass ich dieses Mafia-Epos nun auf DVD sehen konnte, und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die Geschichte um einen Undercover-Ermittler, der seine Identität verliert, in meinem Player dreht. Ein charismatischer Mario Adorf, ein beispiellos gelungenes Filmdebüt von Stefan Kurt und die Crème de la crème des zeitgenössischen deutschen Schauspiels in Verbindung mit einer Handlung, die buchstäblich bis zur allerletzten Minute fasziniert: „Der Schattenmann“ ließ mich schon tagsüber auf die Fortsetzung der Serie am Abend freuen.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Alles ist gut geplant: die Polizisten Otto Tötter und Charly Held sollen Geld gegen brisante Papiere tauschen, die Übergabe wird von einer gegenüberliegenden Wohnung gefilmt. Doch während Charly von den Gangstern unter einem Vorwand dazu gebracht wird, das Gebäude zu verlassen, verschafft sich Gangster Lasky Zugriff auf eine versteckte Waffe. Während die observierenden Beamten hilflos zusehen, wird Otto Tötter erschossen.

„Niemand steht einem so nah wie der Partner. Verheiratet bin ich mit meiner Frau, aber ich lebe mit meinem Partner.“ Charly Held nimmt der Tod seines Kollegen mit, und er ist sicher, das der Frankfurter Pate Jan Herzog hinter dem Mord seines Partners steht. Doch beweisen kann die Justiz es nicht, und so nagt die hilflose Wut an dem engagierten Polizisten.

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Schon bald erhält der Frankfurter Kriminalhauptkommissar einen neuen Auftrag, und dies ist seine Chance: im Visier steht Jan Herzog. Der Unterweltchef hat sich vom Türsteher zum Paten Frankfurts hochgeboxt. „Herzog Investments“ ist die legale Fassade für sein Unternehmen, zu dessen Geldquellen Prostitution und Giftmüllverschiebung gehören. Charly geht undercover. Aus dem Polizisten wird Karl von Hellberg, ein wohlhabender Geschäftsmann, der aus seiner fiktiven Stasi-Vergangenheit Namen von Männern anbietet, die das Waffenembargo in der Zeit des kalten Krieges umgangen haben. Namen, die den Fahndern viel wert sind — und damit ein lukratives Erpressungsgeschäft versprechen. Er tauscht seine Familienidylle im Reihenhaus nun beruflich gegen ein Penthouse mit Indoor-Pool, ganz der solvente Geschäftsmann, der für Herzog interessant ist. An seine Seite stellt die Dienststelle Erich Grobecker, genannt „King“. Der geerdete Polizist ist frühpensioniert und bedient die Rolle des Fahrers, Leibwächters und Assistenten von Hellbergs.

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Um an Herzog zu kommen, arrangieren die Ermittler einen Fahrradunfall dessen Sohnes Louis. Sie bringen den Bluter rasch in die Notaufnahme der Klinik, Herzog ist ihnen zu großem Dank verpflichtet. Als Charly Jan Herzog kurz darauf gerade rechtzeitig vor einem Scharfschützen warnt, begründet er ein tiefes Vertrauen des Paten ihm gegenüber. Er brauche einen Partner, sagt Herzog zu Charly, er warte auf den richtigen Mann mit „Mumm in den Knochen“. Herzogs rechte Hand Fritz Gehlen ist dem jungen Mitglied der Organisation gegenüber sehr skeptisch, doch Herzog entscheidet alleine, und das Unmögliche passiert: Charly gewinnt schnell das Vertrauen des Paten. Er nimmt schon bald eine führende Rolle in den Geschäften Herzogs ein. Doch in dem Maß, in dem sich seine Beziehung zur Unterweltgröße entwickelt, distanziert sich seine Frau mehr und mehr von ihm. Er verbringt viel Zeit in seinem Undercover-Job, und er kann zuhause nicht darüber reden.

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Charlys Rolle gewinnt zunehmend eine eigene Dynamik, zu der auch Barbara gehört. Er verliebt sich in die Frau aus Herzogs Entourage und wird weiter in dessen Gesellschaft verankert. Zwischen Barbara und Charly entsteht mehr, als seine verdeckte Rolle zulässt.

Herzog hat erfolgreich eine illegale Giftmüllverschiebung abgeschlossen, da tut sich die nächste Gelegenheit auf: der Frankfurter „Alte Markt“ soll gewinnbringend gentrifiziert werden. Dabei weiß er den parlamentarischer Staatssekretär Hans Möllbach auf seiner Seite. Der korrupte Politiker kooperiert schon lange mit Herzog, und nachdem seine Partei ihn zum Kandidaten um das Amt des hessischen Innenministers aufgestellt hat, wachsen seine Bedeutung und seine Möglichkeiten. Möllbach weist die Polizeispitze wiederholt auf die ausufernden Kosten der „Operation Bernstein“ hin und versucht sie zu unterbinden; an den Namen des verdeckten Ermittlers kommt er jedoch nicht.

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Charly tifft im Kino mit seiner Geliebten Barbara auf seine Frau und zieht in der Folge zuhause aus. Seine Karriere als Scheinkrimineller entwickelt sich hingegen blendend: er bekommt von Herzog die Unternehmensleitung in Aussicht gestellt, denn der Sohn des Paten ist ein sensibler Künstler, und Herzog will die Führung seine Geschäfte durch eine starke Hand.

Während Möllbach zum hessischen Innenminister gewählt wird und Herzog seine gefährlichsten Gegner ausschaltet, geht es bergauf für die Organisation, und damit für Charly, der immer mehr in seiner Rolle als führendes Mitglied aufgeht. Doch dann beginnen sich Zweifel in ihm zu regen. Wo steht Charly, wohin will er? In der Folge entwickelt sich ein kompromisslos blutiger Kampf zwischen der Justiz und dem machtvollen Paten, in dem Menschenleben keine Rolle mehr spielen…

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Präsenz! Dieter Wedels Epos ist ein Meilenstein der TV-Unterhaltung, und der Motor sind die beeindruckenden Darsteller. Angeführt vom atemberaubenden Mario Adorf versammelt der „Schattenmann“ das „Who is Who“ der deutschen Darsteller seiner Zeit, und beeindruckt auch und gerade mit der Hauptrolle, die der bis dahin im Film unbekannte Schweizer Schauspieler Stefan Kurt bedient. Dieter Wedel entdeckte ihn am Thalia-Theater, und dem Filmdebütanten gelingt der so klar beginnende und dann zunehmend zerrissene Charakter Charly einfach blendend. Man nimmt ihm jede Minute seiner filmischen Biographie ab und fühlt mit ihm, als er den Spagat zwischen dem ehrlichen Polizisten mit finanziell begrenzten Möglichkeiten und hoch erfolgreichem Macher der organisierten Kriminalität vollführt.

Die Zäsur in Charlys sozialem Gefüge wird am Beginn der dritten Folge besonders deutlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn, da er einem drogenabhängigen Informanten eine kleine Menge Stoff gegeben hat. Das Verfahren gefährdet nicht nur die Operation, sondern insbesondere seine persönliche Sicherheit. Herzog spürt Charlys Verstimmung, und bietet ihm herzlich eine Zeit in einem von seinen Häusern in Südamerika sowie eine beliebige Menge Geld an. Es ist dem Paten ernst mit seinem neuen Freund und Partner. Die Loyalität der Gangstergröße, der nicht einmal gegenüber seiner Frau Michelle eine aufrichtige Beziehung zulässt, ist grenzenlos, während der Beamtenapparat Restriktionen und Misstrauen mit sich bringt — ungeachtet der Tatsache, dass Charly für seine geringe Besoldung sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel setzt. Finanziell im Dienst begrenzt, umgeben von Kollegen, die Nebenjobs ausführen müssen, um über die Runden zu kommen.

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Dabei ist Charly keineswegs ein Vorbild; die Geldgier nimmt von ihm Besitz, und er weiß, dass die Frau, für die er seine sympathische kleine Familie verlässt, alleine auf einen solventen Partner aus ist; Gefühle spielen für die berechnende Barbara nur eine sekundäre Rolle.

Bei den scharf und authentisch gezeichneten Charakteren lässt Dieter Wedel Raum für Humor und Unbeschwertheit in der großen Anspannung der Undercoverermittlung. Einen großen Teil davon vermittelt die Rolle von Heinz Hoenig als „King“, der sich kindliche Freude und Ehrlichkeit auch im Milieu bewahrt, und der einen geerdeten Gegenpol bietet, als die Rolle Charlys im Sumpf der organisierten Großstadtkriminalität versinkt.

Ich bin bei Produktionen mit langer Spielzeit, hier fast zehn Stunden, meist skeptisch, ob der Plot ausreichend trägt und die Spannung konstant halten kann. Dieter Wedel gelingt das mit seinem „Schattenmann“ spielend, und das wirkt auch zwanzig Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten unverändert. Der Autor und Regisseur fuhr mit verdeckten Ermittlern mit, zwei Polizisten trugen das Thema an ihn heran. Seine engagierte filmische Umsetzung wurde ein Meilenstein der hochkarätigen TV-Unterhaltung. In diesem Epos voller Ereignisse tut der Zuschauer gut daran, inhaltlich am Ball zu bleiben. Das ist ohne weiteres möglich, Autor Wedel findet eine gute Balance der Dichte. Zudem helfen Zusammenfassungen bei Episodenbeginn und kleine Überlappungen zur Folge zuvor den Anschluss schnell zu finden. Bei der Erstausstrahlung 1996 wurden die Episoden jeweils mit einigen Tagen Abstand gesendet, hierfür wurden diese Hilfsmittel konzipiert. Während die ersten vier Folgen bereits ein konstant hohes Spannungsniveau halten und in einem Cliffhanger münden, lässt Wedel die Serie in der letzten Episode dramaturgisch eskalieren. Nach einem überraschenden Ausblick zu Beginn dieser Folge entwickelt er die Handlung dorthin und darüber hinaus. Bis über die Credits reicht das Katz- und Mausspiel, das Kräftemessen um den finalen Gewinn im Spiel im Macht und Menschenleben. Bis zur letzten Szene bleibt alles offen, und bis zum letzten Meter Filmrolle halten die Darsteller durch. Eine grandiose Gesamtleistung von Buch, Regie und Schauspielern!

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Die zeitgenössischen Kritiken waren voll des Lobes, aber eine Achillesferse wollten die Rezensenten entdeckt haben. „Wall Street“, John le Carres Thriller „Der Nacht-Manager“, „Der Pate der Macht“: Autor und Regisseur Dieter Wedel zitiere im „Schattenmann“ wild, hagelten nach Erscheinen der erfolgreichen TV-Serie Vorwürfe. Na wenn schon! Mit seinem Epos schaffte Wedel dennoch eine eigenständige Inszenierung, die dank der brillianten Darsteller machtvoll und packend durch die heimischen Röhrenfernseher krachte. Und diese Wirkung trägt 20 Jahre weiter, denn die beschriebenen Mechanismen gelten unverändert fort, ob nun in Fragmenten zitierend oder nicht. Und immerhin fand die Serie auch Zuspruch von einer besonderen Seite. Der Film habe, sagte BKA-Chef Zachert nach Erscheinen, beim Publikum „das Gefühl für die Gefahren der organisierten Kriminalität geschärft“. Und der musste es doch wissen, oder?

Zitieren und zitiert werden — dem Genrefan fällt auch der zwei Jahre später produzierte Film „Donnie Brasco“ mit Johnny Depp und Al Pacino auf, der das Grundthema des „Schattenmannes“ verwendet: ein FBI-Agent wird in eine Mafia-Familie geschmuggelt, steigt dort auf und versinkt mehr und mehr in seiner Undercoverrolle. Wobei das zugrundeliegende Buch „Donnie Brasco: My Undercover Life in the Mafia“ schon aus 1990 ist.

Zur technischen Qualität: Jede der fünf DVDs entschuldigt sich zu Beginn auf einer Texttafel für eventuelle Beeinträchtigungen in der Bild- und Tonqualität, „trotz sorgfältiger Digitalisierung“. Dazu besteht wenig Grund. Wer die Aufnahmetechnik in der Mitte der Neunziger Jahre als Vergleich heranzieht, der wird nicht enttäuscht. Farbigkeit und Konturenschärfe sind ein Spiegel ihrer Zeit wie das Bildseitenverhältnis von 4:3. Der Ton bringt eine angemessene Dynamik mit. An sehr wenigen Stellen, vielleicht zwei oder drei, musste ich etwas genauer hinhören; das dürfte bei der etwa zehnstündigen Spielzeit deutlich weniger als ein Promille der Laufzeit sein und stört so wenig wie die sehr kurzen Bildfehler, die den echten Genuss in keiner Weise trüben.

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Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
1.) Nennt uns Euren Lieblingsfilm mit Mario Adorf! Schön wäre eine kurze Begründung, warum Euch ausgerechnet dieser Film so gut gefällt.
2.) Wie habt Ihr zu www.film-blog.tv gefunden?
Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

1 x DVD-Box „Der Schattenmann“

Schickt einfach eine Mail mit der, hoffentlich richtigen, Antwort und Eurer Adresse an gewinnspiel@film-blog.tv

Dazu habt ihr bis zum 15.06.2015 bis 24.00 Uhr Zeit.

Das Gewinnspiel wird von www.film-blog.tv veranstaltet, die Teilnahme ist kostenlos. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie von www.film-blog.tv
dürfen nicht mitmachen. Gehen mehr richtige Antworten ein, als Preise zur Verfügung stehen, lassen wir das Los entscheiden, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Der Schattenmann“ ab 13.Februar 2015 auf 5 DVD.
Das Rezensions- und das Verlosungsexemplar wurden von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Der Schattenmann
Land / Jahr: Deutschland / 1996
Genre: Krimiserie, Thriller
Darsteller: Stefan Kurt: Karl Cäsar ‚Charly‘ Held; Heinz Hoenig: Erich ‚King‘ Grobecker; Mario Adorf: Janusz ‚Jan‘ Herzog; Heiner Lauterbach: Fritz Gehlen; Günter Strack: Dr. Hans Möllbach; Julia Stemberger: Anneliese Held; Jennifer Nitsch: Barbara Sattler; Claude-Oliver Rudolph: ‚Gonzo‘ Ritzeck; Maja Maranow: Michelle Berger; Constanze Engelbrecht: Sylvia Brandt; Alexander Radszun: Dr. Walter Kilian; Hans Häckermann: Oberle; Florian Martens: Jürgen Droegel; Christine Reinhart: Renate Sames; Henry Hübchen: Otto Tötter; Michael Mendl: Hotte; Axel Milberg: Rüdiger; Marek Harloff: Louis Herzog; Armin Rohde: Lasky; Michael Wittenborn: Leo Kaltenbach; Fritz Lichtenhahn: Schweizer Bankier; Jürgen Hentsch: Oberstaatsanwalt; Martin Benrath: David Schachmann; Louise Martini: Hanna Schachmann; Elert Bode: Tietze; Hans-Jörg Assmann: Rechtsanwalt Dr. Meyer; Don F. Jordan: Jerry Goldstein, Drogenboss u. a.
Regie: Dieter Wedel
Drehbuch: Dieter Wedel
Produzenten: Walter Saxer, Dieter Wedel
Kamera: Edward Klosinski
Schnitt: Tanja Schmidbauer, Birgit Bahr
Musik: Willy DeVille (Titelsong), Michael Landau, Günther Fischer, Wolfgang Hammerschmid, Rainer Kühn
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 580 Min. + ca. 100 Min. Bonus
Bildformat:4:3
Tonformat: DD 2.0 Mono
Sprachen:Deutsch
Untertitel: Deutsch
Extras: Making of, Gero von Böhm trifft Dieter Wedel, Gero von Böhm trifft Mario Adorf, Interview Dieter Wedel, Interview Mario Adorf