Der Tatortreiniger: Dreck ist Materie am falschen Platz

she_tatort Der letzte Dreck! „Meine Arbeit fängt da an, wo sich andere vor Entsetzen übergeben” – das ist die stark vereinfachte, aber zutreffende Beschreibung von Schottys Job als Tatortreiniger.
Mit Desinfektionsmitteln, Schrubber und Putzlappen bewaffnet, ist Heiko „Schotty” Schotte immer der letzte am Leichenfundort. Täglich macht er die Erfahrung, dass der Mensch am Ende auch nur Materie ist. Bei seinen Einsätzen trifft Schotty auf hinterbliebene Angehörige, Freunde oder Bekannte, für die der Verstorbene mehr als zu desinfizierende Auslegeware ist. Und während er die Überreste entsorgt, fragen seine Gesprächspartner im Angesicht des Todes nach dem Sinn des Lebens. Davon bleibt selbst Schotty nicht unbeeindruckt. Doch während er noch überlegt, ob er eigentlich glücklich ist, muss er schon seine Sachen packen. Der nächste Leichenfundort wartet…

Film-Blog.tv meint:
Irgendjemand muss ihn ja wegmachen, den „letzten Dreck“. Die sterblichen Überreste von Ermordeten und einsam verblichenen Menschen. Dieser jemand ist in „Der Tatortreiniger“ Bjarne Mädel. Sein Charakter Schotty bringt dazu nicht nur eine Facharbeiterausbildung und allerlei Reinigungschemikalien mit, sondern auch ein sattes Maß an Situationskomik und Timing. Mit diesem Werkzeugkoffer verwandelt Bjarne die ungewöhnlichen Orte zum Schauplatz einer wundervollen schwarzen Komödie. In seinen sehr lebendigen Gesprächen mit Menschen, denen er an den Tatorten zufällig begegnet, entwickelt er den Tod zu einer Frage über das Leben in all seinen Facetten. Die bodenständige und oft kontrastierende Art, in der der Hamburger Gebäudereiniger dies tut, ist eine wirkliche Perle der deutschen Fernsehunterhaltung. Die als kreative und eigenständige Produktion mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurde. Bjarne Mädel als Alltagsphilosoph am blutbefleckten Tatort: unbedingt ansehen!



Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Schotty ist Malocher. Das sehen wir schon in der Einganssequenz, in der wir den Gebäudereiniger zu seinem Einsatzort begleiten. Aber sein Job ist ungewöhnlich. „Meine Arbeit fängt da an, wo sich andere Leute vor Entsetzen übergeben“, erklärt er seinen Beruf. Schotty ist Tatortreiniger. Er ist es, der im Auftrag der Polizei das wegwischt, das die Toten hinterlassen. Er ist von der „Spube“, erläutert er uns in der Auftaktfolge; der Spurenbeseitigung.

Wenn sein Telefon mit der Tatort-Titelmelodie klingelt, kommt der nächste Auftrag. Dabei setzt die folgende Szene nicht das Mordopfer in den Vordergrund, sondern die Dialoge des Gebäudereinigers mit den Hinterbliebenen, den Freunden und Bekannten der Gemeuchelten. In der ersten Episode ist das eine Dame, bei der der nun ermordete käufliche Liebe bestellt hatte. Es folgt ein skuriller Austausch über Alltäglichkeiten am blutverschmierten Tatort, und ein vergleichender Dialog um Tatortreinigung und Prostitution. Das trockene Spiel von Bjarne Mädel und die intelligenten Dialoge aus der Feder von Mizzi Meyer machen schnell klar, warum die Serie unter anderem zweimal mit dem Grimme-Preis und dem „Jupiter“ ausgezeichnet wurde. Daneben ist auch die Bildsprache originell. Als Schotty überlegt, die Dienstleistung der nun anwesenden Dame doch gleich einmal zu nutzen, zeigt die Kamerafahrt den Reinigungsprofi in seiner Unterhose und das blutbefleckte Bad als situationsuntypische Kulisse. Das passiert leise, nicht sensationsheischend, und unterstreicht den trockenen Wortwitz szenisch.

Und den Wollmantel der neuen Bekanntschaft desinfiziert der Tatortreiniger dann auch gleich einmal, denn „Ne Mikrobe macht da keinen Unterschied, zwischen Wolle und Tante Erna aus’m dritten Stock“.

Mit einem Gastauftritt von Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau aus dem „Polizeiruf 110“ schließt schon die erste Episode rundum perfekt.

Der Tod ist der Auslöser der jeweiligen Handlung, das Leben steht im Vordergrund. Das Leben, reflektiert von einem Hamurger Jung mit einer einfachen, aber bodenständigen Weltsicht und einem HSV-Pin am Overall. Gerne rückt er die Eskapaden mancher Biographien einmal gerade. Dabei ist er vorurteilsfrei und direkt.

Der Kanon der Gesprächpartner ist vielschichtig. Eine mordernde alte Dame in einer Alstervilla, ein selbstverliebter Schriftsteller mit Schreibblocklade, und ein Castinghuhn, das aus dem Mord ihres Exfreundes Kaptial schlagen will. Manchmal kommen auch die Ermordeten selbst aus dem Jenseits zu Wort, wie in der Episode „Geschmackssache“. Viele Ansatzpunkte also, um über den Tod und das Leben zu diskutieren.

Hier und da hält uns Schotty einen Spiegel vor. In einem einsamen Haus im Wald lag ein verstorbener Obdachloser, der hier Zuflucht gesucht hatte. Warum, fragt Schotty, zahlt die Hauseigentümerin 480 Euro für die Dienste eines Schamanen, der das Haus nun spirituell reinigen soll, während vorher niemand Geld für ein menschenwürdiges Leben des verstorbenen übrig hatte? Ja, warum eigentlich?

Regisseur Arne Feldhusen (Stromberg) zeigt uns schöne Kameraperspektiven, wie die Motorhaube des Firmenfahrzeugs bei der Anfahrt des Tatorts von oben im Einspieler. Und wenn es in der Episode „Über den Wolken“ um das Anderssein geht, um das Ausbrechen aus der Routine: dann laufen die Credits zum Abpann auch schon einmal andersherum, von unten nach oben.

Räumlicher Klang ist vorhanden, steht aber nicht im Vordergrund. Das Menü bringt keine Funktion mit, mit der sich alle Folgen abspielen lassen (und sie sind es wert!), aber nach dem Ansehen ist die nächste Episode im Menü ausgewählt und wartet auf die Aktivierung. Die man gerne vornimmt, den die Serie ist auf einem konstant hohen Niveau.

Auf der Bonus-DVD finden sich „Behind the scenes“-Folgen, in denen insbesondere Regisseur Arne Feldhusen und Hauptdarsteller Bjarne Mädel zu Wort kommen. Sie sprechen über die Entstehung und Produktion der ersten beiden Staffeln. Einige kurze Webclips runden das Zusatzmaterial ab.

Bjarne Mädel als Tatortreiniger waren die kurzweiligsten 225 Minuten seit langem! Wer die Episoden wie ich nicht im NDR gesehen hat, sollte das mit diesen Medien dringend nachholen. Wer sie im TV verfolgt hat, sollte sich ebenfalls die DVD oder Blu-ray(TM) zulegen, denn solch qualitativ hochwertige Unterhaltung kann man sich definitiv mehrfach ansehen!

Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Der Tatortreiniger“ auf Blu-ray und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Der Tatortreiniger
Land / Jahr: Deutschland / 2013 (Blu Ray™-Ausgabe)
Genre: Komödie
Darsteller: Bjarne Mädel, Jean-Pierre Cornu, Alwara Höfels, Holger Stockhaus, Nicole Marischka u.a.
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Mizzi Meyer
Produktion: Wolfgang Henningsen
Kamera: Krisian Leschner
Schnitt: Benjamin Ikes
Musik: Carsten Meyer

Blu Ray-Disc ™
Laufzeit: ca. 225 Min. + Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch, teils optional als Hörfilmfassung
Untertitel: Deutsch
Bonus: Bonus-DVD mit Behind-The-Scenes und Webclips
FSK: 12