Der Tatortreiniger Staffel 3: Kammerspiel mit Lösemitteln

she_tatort3_coverHeiko „Schotty“ Schotte ist Gebäudereiniger mit Zusatzausbildung: Als Tatortreiniger wird er gerufen, wenn Polizei und Spurensicherung längst abgerückt sind, und beseitigt einsam die Spuren des Todes. Trifft er im Einsatz auf Hinterbliebene, Freunde oder Kollegen der Verstorbenen, macht Schotty sich dabei nicht selten seine Gedanken zum Leben und Leben lassen. In der dritten Staffel des vielfach preisgekrönten Comedy-Hits trifft der Tatortreiniger unter anderem auf eine militante Vegetarierin, den ganz normalen deutschen Beamten-Wahnsinn und eine Ex-Freundin, mit der es noch immer knistert…

Film-Blog.tv meint:
Die Gespräche des Hamburger Jung‘ Schotty an den Fundorten von Verstorbenen sind eine Perle der Unterhaltung. Angetrieben von Dialogen mit Zufallsbekanntschaften an den Einsatzorten entfaltet sich ein Kosmos, der originell und humorvoll ist und dabei nicht selten eine beachtliche Tiefe entwickelt.
Die hohe Messlatte, die die ersten beiden Staffeln vorgelegt haben, erreicht die neue Produktion spielerisch. Bjarne Mädel führt die Szenen aus dem Hintergrund, Regisseur Arne Feldhusen setzt die Begegnungen gefühlvoll und mit exzellentem Timing in Szene. Der einzige Wermutstropfen dieser brillanten DVD: Leider sind nur vier neue Folgen enthalten.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Schotty schrubbt weiter: sein Job ist, die sterblichen Reste an Leichenfundorten zu entfernen. Ob im Wohnhaus, im kafkaesken Amt oder im Feriendomizil: überall begegnen ihm zufällig Gesprächspartner, mit denen er in den Dialog tritt. Die Bandbreite der Gespräche reicht von der ethischen Rolle des Wurstbrots bis zum Sinn des Lebens und unserer Bestimmung. Und seine Bekanntschaften in der dritten Staffel machen es ihm argumentativ nicht leicht!

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Der ethischen Diskussion mit einer überzeugten Veganerin ist Schotty nicht gewachsen. Was unterscheidet den Menschen von einem Tier? Der geerdete Gbäudereiniger findet zahlreiche Kriterien, aber die konsequente Gesprächspartnerin kontert jedes einzelne mit bestimmten Personengruppen, die seine Unterscheidung zunichte machen. Und warum heiratet er nicht eine ihm unbekannte Angolanerin, um sie vor Abschiebung und erneuter Folter im Heimatland zu schützen? Schotty fühlt sich von der Forderung der Trauzeugin überrumpelt, doch der eigens eingekaufte Schein-Ehemann wurde gerade von seinen Kampfhunden Stan und Ollie zerfleischt, und die Zeit drängt. Und will er wirklich Schuld an der Misshandlung sein, nur, weil er keine spontane Schein-Ehe innerhalb weniger Tage eingehen will?

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Sehenswert ist die leise Situationskomik, die gerne auch melancholisch in das Bild tritt. Schotty und seine Jugendliebe Wiebke stehen am Seeufer. Zwei kleine Menschen in einer großen Welt. Bei ihrer ersten Umarmung nach fünfzehn Jahren ist die Topfpflanze im Weg.

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Neben Dialog und Szene kann auch das Bühnenbild erneut überzeugen. In „Carpe diem“ schafft das Team ein kafkaeskes Amt, in dem die Lichtstimmung die anonymen Bediensteten uniformiert wirken lässt. Regisseur Arne Feldhusen lässt sie seelen- und sinnlos auf sterilen Fluren umherwandern, einander ignorierend. Und insistierend, dass „§ 462“ verhindert, dass die Leiche eines Kollegen einfach so abtransportiert werden darf. Ein Antrag ist erforderlich. Zwei Wochen lag der Staatsdiener nach einem Herzinfarkt tot in der Amtsstube. Niemand fühlte sich zuständig nach ihm zu sehen. Und überhaupt, der Tod ist ja strenggenommen auch kein dienstliches Ereignis, beschließen die Staatsdiener. Womit sich ja niemand zuständig fühlen musste. Inmitten der Amtsblattzombies hat Dittsche einen Gastauftritt. Er sitzt mit weiteren verlorenen Bürgern im Wartesaal, gekleidet in seinem charakteristischen Bademantel.

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Und es macht den Produzenten Spaß, kleine Bogen zu spannen. Geht es im Auftakt „Fleischfresser“ um das Töten von Tieren für menschliche Zwecke, wurde der Tote in der Schlussfolge „Schweine“ von einem Wildschwein getötet. In der Folge „Ja, ich will“ sehen wir die Beine der designierten Trauzeugin des Verstorben anfangs die Treppe hocheilen; gegen Ende stürmen die Beine ihrer Frau die selbe Treppe in der gleichen Einstellung herunter. Es sind Kleinigkeiten, in denen die Liebe der Produktion zum Detail deutlich wird.

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Dialoge, Szenen und Bildsprache: es gelingt den Produzenten, die gewohnt hohe Qualität des Kammerspiels zu erhalten. Bjarne Mädel schafft es unverändert, die Kraft des Textes auf die Straße der Filmkunst zu übertragen. Sein trockenes, pointiertes Spiel vermittelt den zusatzqualifizierten Gebäudereiniger mit Herz und gesundem Menschenverstand authentisch. Dabei wird er in die Lebenswelten seiner Mitmenschen getrieben, die er nicht sucht; von banal bis skurill reicht der Bogen seiner ungewöhnlichen Begegnungen. Unfreiwillig gelangt er mitten in die Intimsphäre einer jungen Frau, deren Exfreund auf den Anrufbeantworter spricht. Sieht zu, wie das Alltagsleben seiner zufällig wiedergetroffenen Exfreundin in Stücke fällt. Wie ein Ehepaar in Streit gerät.

Die Reihe der Auszeichnungen dieser Serie ist lang: zweimal der Grimmepreis, der Deutsche Comedypreis, der Jupiter Award und der CIVIS-Medienpreis. Weitere Meriten werden sicher folgen, denn Buch, Regie und vor allem Schauspiel machen aus dem Facharbeiter mit Blutresistenz weiter eine Perle der deutschen TV-Unterhaltung.

Andere Länder strecken ihre Fühler bereits aus: Studio Hamburg Distribution & Marketing hat Ausstrahlungs- und DVD-Rechte an MHz Worldview in den USA verkauft, sagt quotenmeter.de. Nachdem Canal+ Frankreich sich bereits Video on Demand-Rechte gesichert hat, wird Schotty nun zunehmend international und intelligente Dialoge zum Exportschlager.

So finden sich in den „Zusatzstoffen“, dem DVD-Bonus, auch gleich Synchronfassungen aus vorherigen Staffeln als Visitenkarten der deutschen Erfolgsserie. „Schottys Kampf“ ist in der deutschen Originalfassung enthalten, daneben in einer englischen Synchronisation. Der hamburger Dialog der Akteuere wird mit britischem Englisch ersetzt („Mate“ für „Kumpel“ ist schön). Die Folge „Angehörige“ kommt ergänzend zum Originalton französisch parlierend daher.

Während auch Menschen in anderen Ländern die intelligenten Dialoge des Hamburger Spurenbeseitigers kennenlernen, haben wir Grund zur Vorfreude: diese und weitere Folgen will der NDR im Zeitraum November 2014 bis Februar 2015 senden.

Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Der Tatortreiniger 3“ ab dem 10. Oktober 2014 auf Blu-ray und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

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Originaltitel: Der Tatortreiniger
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Serie, Komödie
Darsteller: Bjarne Mädel, Fritzi Haberlandt, Karin Hanczewski, André Jung, Peer Martiny, Jörg Pose und Hilke Altefrohne u.a.
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Mizzi Meyer
Produktion: Wolfgang Henningsen
Kamera: Krisian Leschner
Schnitt: Benjamin Ikes
Musik: Carsten Meyer

Blu Ray-Disc ™
Laufzeit: ca. 100 Min. + 50 Min. Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0 (DVD), Dolby Digital 5.1 (Blu-ray)
Sprachen: Deutsch, optional als Hörfilmfassung, teils Englisch, teils Französisch
Untertitel: Deutsch
Bonus: „Zusatzstoffe“: fremdsprachige Fassungen „Schottys Kampf“ (Englisch), „Angehörige“ (Französisch)
FSK: 12