Der Tatortreiniger Staffel 4: Schotty schrubbt weiter

tatortreiniger4_coverWenn der Tatortreiniger anrückt, sind Polizei und Spurensicherung längst zuhause. „Schotty“ (Bjarne Mädel) schrubbt dann den blutigen Rest, bis nichts mehr bleibt: ein Mann für den letzten Dreck – buchstäblich. Und weil Schotty täglich mit dem Tod zu tun hat, macht er sich so seine Gedanken zum Leben und allem, was dazugehört. Seine Ansichten teilt er bereitwillig noch am Tatort mit Familie, Freund oder Feind der Verstorbenen.
In der vierten Staffel der vielfach ausgezeichneten, pechschwarzen Sitcom geht Schotty auf Tour: Der Tatortreiniger glänzt in friesischen Disziplinen bei der Wattolümpiade, beschäftigt sich mit dem unbestechlichen Charme einer Hamburger Kiezkneipe und trifft auf einen Kunden mit extremem Putz-Zwang. Zudem wird Schotty zu einem alten Schloss gerufen, in dem es spuken soll, und stellt sich nicht weniger als dem Ende der Welt – in einem Elektrofachgeschäft…

Film-Blog.tv meint:
Wenn die Tatortmelodie als Klingelton ertönt, dann ruft es Tatortreiniger Schotty zum nächsten Einsatzort. Und dank Autorin Mizzi Meyer und Regisseur Arne Feldhusen gelingt es, die mit dem Grimmepreis ausgezeichnete Serie erfolgreich fortzuführen und neue Dimensionen auszuloten. Dabei ist es neben dem grandiosen Schauspiel unverändert die Qualität der Dialoge, die diese Serie so besonders macht, als ein Kammerspiel, das das Leben vor dem Hintergrund des Todes beleuchtetet. In der vierten Staffel tauchen zusätzliche komödiantische Aspekte auf („Der Fluch“) und die Kamera zeigt punktuell Experimente. Mit Einblicken in schwierige Felder der Gesellschaft, wie soziale Isolation („Wattolümpiade“) und ausgeprägte Phobien („Der Putzer)“, geht die Serie unter der humorvollen Oberfläche recht tief. Der Mensch in seinen vielfältigen Facetten und Lebenssituationen spielt in ihr eine große Rolle, und spiegelt sich im bodenständigen Schotty, der sein Herz am rechten Fleck trägt, aber ebenso menschliche Fehlbarkeit zeigt. „Der Tatortreiniger“ ist unverändert eine Perle der TV-Unterhaltung und unbedingt sehenswert.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

„Wattolümpiade“ haucht zwei unterschiedlichen Polen Leben ein, die die unterschiedlichen Lebenswelten einer einsamen verwitweten Rentnerin und eines stark eingespannten Berufstätigen spürbar machen. Barbara Nüsse verkörpert den Hunger der Hausfrau mit einem leeren Tagesablauf, ihr früher durchaus bewegtes Leben mitzuteilen; Tatortreiniger Schotty hat es jedoch eilig, denn er möchte mit seinen Kumpeln zur Wattolympiade in Fuhlsbüttel. Im aufgezwungenen, dann akzeptierten Gespräch spürt er, wie unausgefüllt die vereinsamte Frau in ihrer täglichen Monotonie ist. Sie hat nach einer schweren Kindheit schon in den fünfziger Jahren zahlreiche Angehörige verloren, diese Lücken wirken noch sechzig Jahre später in ihr. Schotty redet ihr ins Gewissen, doch endlich einmal etwas zu unternehmen. Als sie diesen Rat umsetzen will, in dem sie ihn spontan zum Funsport begleitet, sucht er eine Ausrede nach der anderen, um genau dies zu verhindern. Dank des tollen Schauspiels leidet der Zuschauer mit der alten Dame, als sie die Ablehnung mit hanseatischer Fassung trägt. Und fragt sich, sicher im Sinne der Autorin Mizzi Meyer, warum unsere Lieblingsreinigungsfachkraft der sympathischen Dame die Möglichkeit verwehrt, und nicht selbst einmal aus Konventionen ausbricht. Als die Kamera ruhig aus dem Raum fährt, füllt Barbara Nüsse das Bild mit einer greifbaren Leere, während zahlreiche Uhren um sie herum ticken. Mit einem folgenden versöhnlichen Schlussbild entlässt Arne Feldhusen den Zuschauer dann doch in einer anderen Stimmung aus der melancholischen Episode.

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„Der Putzer“ ist ein Hygienephobiker, in dessen Wohnung ein Versicherungsvertreter sein Leben ausröchelte. Das belastet den psychisch kranken Mann noch immer, als Schotty mit seinem Reinigungsauftrag die sterile Wohnung durch die Hygieneschleuse betritt. Die Skepsis gegenüber den professionellen Fähigkeiten des Tatortreinigers schwindet, als dieser über Korundanteile in Schwämmen, saure und basische pH-Werte und die links schnellere Trocknung von Oberflächen spricht. „Durch die Erdanziehung bedingt“, erläutert er auf Nachfrage. Eigentlich ist der Job in der penibel sauberen Wohnung dann schnell erledigt, aber neben Schottys Auto hat sich inzwischen ein Bodybuilder aufgebaut, mit dessen Freundin Mandy er einen One Night-Stand hatte. Mit den massiven Oberarmen und den Kampfsportlockerungsübungen schüchtert der rachsüchtige Betrogene Schotty ein, der immer ausgefeiltere Erregerherde im Haushalt des Putzsüchtigen erdenkt, um noch im schützenden Wohnungsinneren bleiben zu können. Doch die Erschöpfung des massiven Phobikers führt zu einer ungeplanten Konfrontationstherapie, und die Dinge ändern sich schlagartig…

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Ein Verkäufer wurde beim Raubüberfall eines Elektronikmarktes erschossen, eine Kollegin von den Tätern schwer verletzt. „Damit muss man rechnen“, weiß Lagerist Olaf in der gleichnamigen Episode. Und mit schlimmerem: Krieg. Naturkatastrophen. Einem Atomunfall. Darauf bereitet er sich vor, hierauf verwendet der einsame Mann seine gesamte Energie. Fast freut er sich auf den erwarteten Untergang, auf den Moment, an dem er dank seiner Vorbereitung nicht mehr zu den Verlierern zählen wird. Fatalist Schotty ist davon unbeeindruckt, er lebt für den Moment. Langsam kommen die beiden ungleichen Männer sich näher, aber werden sie ihre diametral entgegengesetzten Grundhaltungen dadurch überdenken können?

Die Skurrilität nimmt in „Der Fluch“ einen großen Raum ein. Dieser Auftrag ist in einem verwunschenen Haus zu erledigen, in dem jeder nicht gereimte Satz fatale Folgen zeigt. Das gibt dem Hobby Bjarne Mädels, unterhaltsame Gedichte zu schreiben, auch in seiner Rolle als Tatortreiniger Schotty etwas Raum. Der im Grundsatz unterhaltsame Klamauk muss hier über die volle Episodenlänge antreiben, die auf weitere Inhalte weitgehend verzichtet. Diese Folge reißt aus der Serie aus, die ihre Stärke sonst aus meist philosophisch betrachtenden Dialogen bezieht. Und beweist gleich in der nächsten Folge, „Tauschgeschäfte“, dass sie diese Kunst weiterhin beherrscht.

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Bette van der Horst, 72 Jahre, hat ihren 34-jährigen Mann Zacko in einer Schießerei verloren. Die alte Dame führt ihre Kneipe mit eiserner Hand, und diese heißt Hand heißt Kuddel. Das spürt Schotty nach einem Missgeschick schnell. Zacko, eigentlich Michael, war ein Heiratsschwindler, mit dem Bette sich einließ und ihn zum Geschäftsführer machte. Sie tauscht sich mit Schotty über ihre tiefen Einsichten in das Leben und die Liebe aus, die für den Tatortreiniger gerade nicht so leicht ist. Wird es etwas mit seiner Traumfrau Merle, oder lässt die charmante Krankenschwester sich lieber mit einem Herzchirurgen ein? Bette weiß, wie Schotty sie überzeugen kann, aber vor diesem Weg stehen große Hürden. Und Schotty zeigt der lebenserfahrenen Frau durch einen Zufall auf, dass auch sie das Leben nicht immer so steuerte, wie sie glaubte…

Klasse statt Masse: Wie die Vorgänger beschränkt sich auch die vierte Staffel der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serie auf wenige Folgen, hier fünf. Doch selbst in dieser kompakten Auswahl zeigt sich eine beachtliche Breite in Dramaturgie und Erzählung.

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Akzente setzen auch die Kamera und Post-Produktion, etwa in der Folge „Wattolümpiade“, in der eine geringen Sättigung die Tristesse des einsamen Daseins einer Rentnerin unterstreicht. In „Damit muss man rechnen“ liefert die Kamera von Kristian Leschner schöne Aufnahmen, die auch einmal kreative Perspektiven einnehmen, von Boden- bis zu Luftaufnahmen. Selbst das Titel-Insert steht statisch in der Ecke, als der Kamerafokus sich bewegt. Das sind schöne Ideen in Kameraführung und Schnitt (Benjamin Ikes).

Die Serie mit ihrem nachdenklichen Unterton scheut sich nicht, punktuell Slapstick einzusetzen. Neben den fortgesetzten Reimen, die fast die gesamten Dialoge in der Folge „Der Fluch“ einnehmen, kommt in „Der Putzer“ eine schnelle Schnitt-Gegenschnittfolge zum Einsatz, in der das Schauspielerpaar eine wundervolle Argumentation austauschen darf: „Nein“ – „Doch“ – „Nein“ – „Doch“ – „Nein“ – „Doch“…

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„Der Tatortreiniger“ lässt sich nicht auf ein Korsett aus wiederholenden Elementen reduzieren, und das ist gut so. Auch in Staffel Vier gelingt es, die bewährte Erzählart mit Überraschungen zu durchmischen und spannend zu halten. Ganz wesentlich sind es die vielschichtigen Charaktere, die zum erhaltenen Bewährten dieser Serie zählen, mit ihrem Ansatz eines Kammerspiels, das Raum für intime Dialoge unter meist vier Augen bietet. In der stillen Zäsur nach dem Tod öffnen sich die Menschen. Man merkt, das Bjarne Mädel Spaß an dieser Rolle hat; er gibt an, zur Vorbereitung täglich sieben Kilometer um das Tempelhofer Flugfeld zu laufen und sich für die Darstellung des Schotty die Haare verlängern zu lassen. Die ausnahmslos guten Darsteller wie Grimmepreisträger Matthias Brandt und Viviane de Muynck unterstützen dieses innovative Konzept wirksam, in dem sie sich von Bjarne dankbar anspielen lassen und ihre sehr individuellen Rollen authentisch ausfüllen.

„Wenn ich in den Medien von einem Mord höre, denke ich immer, klingelt das Telefon bei mir oder einem Kollegen?“: Im Bonusmaterial, den „Zusatzstoffen“, sprechen Regisseur Arne Feldhusen und Hauptdarsteller Bjarne Mädel mit dem Tatortreiniger Christian Heistermann rund 27 Minuten lang über den realen Arbeitsalltag in diesem Gewerbe. Über Bilder, die er von Fundorten mitnimmt, über emotionale Belastungen und über Rituale, um von den für andere Menschen nicht alltäglichen Eindrücke loszulassen. Reflektionen über den Tod gehören auch beim realen Vorbild des Seriencharakters dazu.

Das knapp 3-minütige Making of gibt einen kompakten Einblick in die Entstehung und Ausrichtung der Serie.

Das Bild ist auf einem hohen technischen Niveau, das Licht spielt mit den Stimmungen und ist oft zurückgenommen. Der glasklare Ton lässt keine Wünsche offen. Das Menü bietet keine Funktion, um alle Folgen abzuspielen. Dabei lohnt es sich ohne Frage, alle fünf dreißigminütigen Teile anzusehen. Das ist jedoch nicht schwer, denn die Auswahl im Menü springt nach jeder Episode auf die folgende.

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Studio Hamburg Enterprises präsentiert „Der Tatortreiniger 4“ ab 13. März 2015 auf Blu-ray Disc™ und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Der Tatortreiniger 4
Land / Jahr: Deutschland / 2015
Genre: Serie, Komödie
Darsteller: Bjarne Mädel, Barbara Nüsse, Matthias Brandt, Charly Hübner, Josef Heynert, Viviane de Muynck, Hendrik Arnst u.a.
Regie: Arne Feldhusen
Drehbuch: Mizzi Meyer
Produktion: Wolfgang Henningsen, Kerstin Ramcke
Kamera: Kristian Leschner
Schnitt: Benjamin Ikes
Musik: Carsten Meyer

DVD, Blu Ray-Disc ™
Laufzeit: ca. 125 Min. + Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch, optional als Hörfilmfassung
Untertitel: Deutsch
Bonus: “Zusatzstoffe”: Schotty trifft den Tatortreiniger, Making of, Trailershow
FSK: 12

Webseite zum Film: Der Tatortreiniger 4