Die 12 Geschworenen: Sie sind das Gesetz!

12_coverHat ein 18-jähriger Einwanderer, der aus den Slums stammt, seinen Vater kaltblütig ermordet?
Zwölf Geschworene müssen ein einstimmiges Urteil im Prozess finden. Zunächst scheint der Schuldspruch auf Grund zweier eindeutiger Zeugenaussagen so gut wie fix zu sein. Bei der ersten Abstimmung stimmen allerdings nur elf der zwölf Geschworenen für „schuldig“. Nummer 8, Architekt und Familienvater, hat seine Zweifel. Das löst Empörung bei einigen Mitgeschworenen aus, die möglichst schnell ein Urteil finden wollen, um den Prozess rasch zu beenden. Nach leidenschaftlich geführten Diskussionen schließen sich jedoch immer mehr Geschworene der Meinung des „Quertreibers“ an, der die Tat nochmals Revue passieren lässt. Seine Darstellungen decken schließlich Lücken und Ungereimtheiten im Tathergang auf und lassen die Zeugenaussagen mehr als fraglich erscheinen…

Film-Blog.tv meint:
Reginald Roses Gerichtsdrama „Twelve Angry Men“ aus 1954 wurde mehrfach verfilmt. Die soziologische Studie mit ihren Fragen zu Ethik und Vorurteilen fasziniert zeitlos, in dem sie Gruppenprozesse und die Fragen in einem Mordfall für den Zuschauer greifbar macht, als wäre er im stickigen Verhandlungszimmer dabei. Auch die von Regisseur William Friedkin 1997 inszenierte Umsetzung ist packend und lebendig bis zum Schluss. Das 4:3-Bild der TV-Produktion mag von den heutigen Standards weit entfernt sein, doch das spielt keine Rolle; das Schauspiel ist einfach beeindruckend und entfaltet in Verbindung mit der packenden Handlung des Kammerspiels eine Wirkung, die auf 1080p und DTS 5.1 spielend verzichten kann. So muss ein Film sein!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

„Murder first degree“ lautet der Vorwurf, und für den 18-jährigen Angeklagten kann ein Schuldspruch eine tödliche Spritze bedeuten; mindestens würde er sein Leben jedoch im Gefängnis verbringen. Die Richterin erinnert die zwölf Mitglieder der Jury am Ende der Verhandlung: ihre Entscheidung muss einstimmig sein. Die Männer übernehmen eine große Verantwortung, ergänzt sie, und seien in ihrer Rolle nicht zu beneiden.

Die Geschworenen gehen in Klausur, und am heißesten Tag des Jahres gelingt es ihnen nicht, die Klimaanlage in Betrieb nehmen. Die „Jury duty“ im stickigen Hinterzimmer des Gerichtsgebäudes ist eine staatsbürgerliche Pflicht, und die Mehrzahl der Berufenen will das Ganze schnell hinter sich bringen. Der Fall ist ja auch eindeutig, ergeben die ersten informellen Gespräche: es gibt Zeugenaussagen und eine Tatwaffe, und eine Morddrohung des Angeklagten gegenüber dem späteren Opfer macht die Sache rund.

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Als die formelle Sitzung eröffnet wird, stimmt dann auch einer nach dem anderen auf „schuldig“. Alleine der achte Geschworene votiert zur großen Überraschung der übrigen auf „nicht schuldig“. Er ist nicht von der Unschuld des Angeklagten überzeugt, erläutert er; aber er möchte das Leben eines anderen Menschen nicht leichtfertig ruinieren, in dem er kritiklos die Mehrheitsmeinung übernimmt.

Der Zweifler stößt auf großes Unverständnis, aber ohne seine Stimme gilt das Juryergebnis nicht. Und so beginnt ein Gespräch, in dessen Verlauf der achte Geschworene mehr und mehr scheinbar eindeutige Beweise und Zeugenaussagen kritisch hinterfragt und Schritt für Schritt entkräftet. Das überzeugt keineswegs alle Mitglieder der Jury, und die Diskussionen werden hitzig, denn nicht alle Geschworenen wollen sich in ihrem Urteil alleine von der Wahrheit leiten lassen. Schon bald liegen die Nerven blank, als sich Gewichte in der Mehrheit verschieben und kein einstimmiges Ende absehbar ist. Immer tiefere psychologische Abgründe eröffnen sich unter den zwölf unterschiedlichen Männern…

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William Friedkin zeigt ein Kammerspiel um Leben und Tod. Es war eine gute Entscheidung, 1997 ein Remake des 40 Jahre alten Vorgängers aus 1957 neu auf den Filmmarkt zu bringen, das zeitlose Drama trägt ohne weiteres über Jahrzehnte. Das herausragende Ensemble bringt die Handlung kraftvoll auf die Leinwand, mit elf zunächst indifferenten, verpflichtete Geschworene und einem Zweifler, in deren Hände ein Menschenleben gelegt wird.

Der Film beginnt mit dem Ende der Gerichtsverhandlung, die Natur der Anklage und ihre Details erschließen sich erst aus den Gesprächen der Geschworenen im Lauf der Handlung.

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Wenn der Zuschauer am Ende des Films bei der Verabschiedung zweier Männer deren Namen erfährt, ist das eine Ausnahme, denn im übrigen bleiben die Männer namenlos und anonym. Sie sprechen sich über ihre Nummern an und bilden eine Projektionsfläche für den Zuschauer. Biographische Details werden erst im Verlauf der Handlung vereinzelt deutlich und verleihen den namenlosen Männern dann eine Identität. Reginald Rose lässt übrigens nur Männer dort sitzen. Vielleicht wollte er die konfrontative Dynamik einer männlichen Rivalität entwickeln, ohne eine ausgleichende weibliche Sichtweise. In der Realität sollen Jurys die Gesellschaft widerspiegeln, womit eine rein männliche Besetzung ungewöhnlich ist.

Und der Testosteronspiegel ist hoch, als die Diskussion hitziger wird und ausgeprägter latenter Hass gegen andere Ethnien gepaart mit Angst ebenso ins Spiel kommt wie persönliche Verbitterung, die auf den Angeklagten projiziert wird.

„Let him live“ ist der bewegende Appell des achten Geschworenen Davis, dessen Namen wir erst am Ende erfahren, brillant gespielt von Jack Lemmon. Anders als der gerichtlich bestellte Pflichtverteidiger ist er ein scharf analysierender Beobachter und Psychologe, dessen Motivation die Menschlichkeit und die Gerechtigkeit sind.

George C. Scott als dritter Geschworener spielt überzeugend und emotional facettenreich, Armin Müller-Stahl als Geschworener Nr. 4 verkörpert sehr glaubwürdig einen kühl-analytischen Mann mit großer Aufrichtigkeit und einem deutschen Akzent in seiner sehr geschliffenen Ausdrucksweise. Doch es sind nicht nur bekannte Namen, die großes Schauspiel beitragen; das gesamte Ensemble bringt eine fantastische individuelle und gemeinsame Leistung.

Dass das digital restaurierte Material in Bild und Ton vom heutigen Standard merklich abfällt, tut dem Filmgenuss keinerlei Abbruch. Sicher: die TV-Produktion aus 1997 wirkt deutlich älter, und das Bildseitenverhältnis von 4:3 verstärkt den Retroeindruck. Die Tonspur in der Originalversion wirkt etwas angegriffen und zeigt Dynamikeinbußen. So what? Dieses Kammerspiel lebt von seinen Akteuren und der zeitlosen Handlung, und stellt viele technologisch hochwertig produzierte Filme in den Schatten.

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Pidax Film präsentiert „Die 12 Geschworenen“ ab 15.Mai 2015 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Pidax Film zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: 12 Angry Men
Land / Jahr: USA / 1997
Genre: Drama
Darsteller: Jack Lemmon, Armin Mueller-Stahl, Hume Cronyon, Courtney B. Vance, Ossie Davies, George C. Scott, Dorian Harewood, James Gandolfini, Tony Danza, Mykelti Williamson, William L. Petersen, Mary McDonnell, Tyrees Alleen, Douglas Spain u. a.
Regie: William Friedkin
Drehbuch: Reginald Rose
Produzent: Terence A. Donnelly
Kamera: Fred Schuler
Schnitt: Augie Hess
Musik: Kenyon Hopkins
FSK: 6

DVD
Laufzeit: ca. 111 Min
Bildformat: 4:3 – 1.33:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen:Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Extras: Trailershow

Webseite zum Film: Die 12 Geschworenen