Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht: „Etwas Besseres als den Tod findet man überall”

heimat_cover Ein Dorf im Hunsrück, 1842: die Menschen leiden unter Hungersnot, Armut und Willkürherrschaft. Eine Auswandererwelle nach Südamerika schwappt über das Land. Auch der Bauernjunge Jakob träumt von einer Zukunft in Brasilien.
Doch als sein älterer Bruder Gustav aus dem Militärdienst zurückkehrt, zersplittern seine Hoffnungen auf ein anderes Leben. Es geht um die ewig zeitlose Suche einer jungen Generation nach Zielen, es geht um Sehnsüchte, Hoffnungen und Pflichterfüllung.

Film-Blog.tv meint:
Das Juryurteil der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) zur Vergabe des Prädikats „besonders wertvoll“ ist eindeutig: „Edgar Reitz ist ein großes episches Werk gelungen, das zeitlos in die Filmgeschichte eingehen wird.“ Dem ist nicht viel hinzu zu fügen. Knapp vier Stunden dauert die Zeitreise und die sind noch fast zu knapp bemessen. Der Zuschauer wird in die Handlung mit einbezogen, lebt für knappe vier Stunden in der Vergangenheit.

Deutschland im Jahr 1843. Hungersnöte, Armut und Willkürherrschaft prägen das Leben der darbenden Landbevölkerung. Nicht wenige Menschen sehen nur eine Lösung, dem Elend zu entkommen: die Auswanderung. Der Satz „Etwas Besseres als den Tod findet man überall“ war bittere Erkenntnis und Hoffnung zugleich. Hunderttausende haben bereits den Weg ins ferne Südamerika gewagt.

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Und auch im bettelarmen Hunsrück ziehen Armutsflüchtlinge mit ihren hochbeladenen Pferde-Fuhrwerken in schier endlosen Kolonnen über Berge und Täler zum Rhein hinab. Von dort wollen sie zu den Seehäfen gelangen, wo die Auswandererschiffe liegen, die die Mühseligen und Beladenen Europas in die Neue Welt bringen sollen. Es ist eine Reise ins Ungewisse und ganz gewiss eine Reise ohne Wiederkehr.

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Auch der junge Jakob, Sohn eines Schmieds in dem Hunsrückdorf Schabbach, träumt von der Fahrt über das Weltmeer und versucht, alle Grenzen hinter sich zu lassen, die einem Bauernjungen in dieser Zeit gesetzt sind. Wie besessen liest er jedes Buch über Südamerika, das ihm in die Finger kommt. Er studiert die Sprachen der Indianer, er entwirft Pläne für romantische Abenteuer in den Wäldern Brasiliens. Dabei beschreibt er seinen inneren Aufbruch aus dem Hunsrück in einem Tagebuch.

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Mit der Zeit werden alle, die Jakob begegnen, in den Strudel seiner Träume gesogen: seine von Mühsal und Arbeit geplagten Eltern, sein streitbarer, älterer Bruder Gustav und vor allem das schöne Jettchen, die Tochter eines verarmten Edelsteinschleifers, und ihre beste Freundin Florinchen. Was kann es in dieser kargen Bauernwelt schöneres geben, als Jakobs Erzählungen zu folgen und mit ihm Pläne für ein glücklicheres Leben jenseits des Ozeans zu schmieden?

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Die Sehnsucht der jungen Menschen droht immer wieder zu zerbrechen – an der Unwissenheit der Zeit und an Krankheiten, an Tod und Naturkatastrophen, die das Land heimsuchen. Die Rückkehr von Jakobs Bruder Gustav aus dem preußischen Militärdienst bringt eine Wende. Die Liebe zwischen Jakob und Jettchen wird jäh erschüttert und Jakobs Leben in eine völlig unerwartete Richtung gelenkt…

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Wer Deutschland wirklich verstehen will, sollte die Filme von Edgar Reitz sehen: Mit seiner „Heimat“-Trilogie ging der Regisseur an die kulturellen Wurzeln und gab dem Begriff „Heimatfilm“ einen völlig neuen Sinn. In seinem jüngsten Werk führt der große Epiker des deutschen Films diese Tradition weiter und ist dabei noch überraschender, noch überwältigender und radikaler, als man es ohnehin von ihm gewohnt ist.

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„Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ ist eine bewegende Familien- und Liebesgeschichte voller Emotionalität und Sinnlichkeit und darüber hinaus ein anderer, ein sehr besonderer Historienfilm, der tief in die Vorgeschichte von Reitz‘ Hunsrücksaga eintaucht. Es geht um ein spannendes Stück fast vergessener deutscher Geschichte: Auswanderer fliehen vor Unterdrückung und Armut und suchen eine neue Heimat in Südamerika.

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Der Film ist fast komplett in schwarz-weiß, was die teilweise recht bedrückende, melancholische Grundstimmung zusätzlich verstärkt. Nur ganz selten setzt Reitz kleine, farbige Akzente, die meist etwas poetisches, träumerisches an sich haben. Die Kameraarbeit von Gernot Roll ist hervorragend. Er fängt die Atmosphäre so sensibel ein, dass man für gute 230 Minuten im Hunsrück um 1842 lebt. Die harte Arbeit, das karge Leben, der allgegenwärtige Tod – das alles ist Thema. Aber auch frohe Feste und Hoffnungen auf eine bessere Zeit.

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Ob es künstlerisch gewollt ist, dass das Bild stellenweise deutliche Randunschärfen hat, sei dahingestellt. Die Objektive, die es im 19. Jahrhundert – wenn auch erst viel später als 1842 – gab, hatten eine ähnliche Abbildung. Insofern ist das noch nachzuvollziehen. Es sieht ja auch ganz gut aus. Die Schärfe und die Körnigkeit der Blu-ray sind, auch bei Großprojektion, sehr gut. Doch Schwarz-weiß lebt von fein abgestuften Grauwerten und einer möglichst vollständigen Ausnutzung des Kontrasts. Für meinen Geschmack hätte grade der Kontrast bei vielen Einstellungen ruhig etwas deutlicher ausfallen dürfen. Trotz optimal eingestelltem Projektionssystem ist das Bild recht oft flau und etwas zu flach. Etwas mehr Mut zu klaren Spitzlichtern und tiefen Schwärzen hätte da gut getan.

Der DTS-HD Master Audio 5.1-Klang ist dagegen absolut auf internationalem Top-Niveau. Alle fünf Lautsprecher werden ständig beschäftigt, die klangliche Atmosphäre schafft Nähe und unterstützt die intensiven Bilder. Die Dialoge sind klar und verständlich, wenn man sich in den Dialekt hineingehört hat. Wer hochdeutsche Untertitel benötigt, kann sie auf Wunsch einblenden.

Concorde Home Entertainment präsentiert „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ auf Blu-ray Disc™, DVD und als Download.
Das Rezensionsexemplar wurde von Concorde Home Entertainment GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht
Land / Jahr: Deutschland, Frankreich / 2013
Genre: Drama
Darsteller: Jan Dieter Schneider – Jakob Simon, Antonia Bill – Jettchen, Maximilian Scheidt – Gustav Simon, Marita Breuer – Margarethe Simon, Rüdiger Kriese – Johann Simon, Philine Lembeck – Florinchen, Mélanie Fouché – Lena, Eva Zeidler – Großmutter, Reinhard Paulus – Unkel, Barbara Philipp – Frau Niem, Christoph Luser – Franz Olm, Rainer Kühn – Dr. Zwirner, Konstantin Buchholz – Der junge Baron, Andreas Külzer – Dorfpfarrer Wiegand, Julia Prochnow – Hebamme Sophie, Werner Herzog – Alexander von Humboldt, Jeroen Perceval – Auswanderungswerber u. a.
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
Produktion: Christian Reitz, Margaret Menegoz (Co-Produzentin)
Kamera: Gernot Roll
Schnitt: Uwe Klimmeck
Musik: Michael Riessler
FSK: 6

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 231 Min. + 60 Min. Bonus
Bildformat: 2,40:1 1080p High Definition
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte (ausblendbar)
Extras: Regisseur Edgar Reitz im Gespräch mit Medienwissenschaftler Thomas Koebner, Hinter den Kulissen der Filmpremiere in München, Bühnenpräsentation von Edgar Reitz zur Filmpremiere in München, Interviews mit Edgar Reitz und Darstellern, Trailer

Webseite zum Film: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht