Die Gentlemen bitten zur Kasse / Hoopers letzte Jagd: TV-Krimi-Nostalgie der 60er

gentlemen_coverDie Gentlemen bitten zur Kasse
Bei einem Pubbesuch kriegt der Gentlemanganove, Archibald Arrow einen heißen Tipp über einen Postzug, der regelmäßig riesige Mengen Geld transportiert. Arrow überzeugt den Antiquitätenhändler und kühlen Strategen Michael „Major“ Donegan davon, ein großes Ding zu drehen. Mit einem Team von Spezialisten planen die Gentlemenganoven den größten Postraub der Geschichte. Ihr Motto lautet: Keine Gewalt. In der Nacht vom 08.08.1963 erbeutet die Bande 2.631.784 Pfund Sterling, etwa 29,5 Millionen Mark, ohne dass jemand ernsthaft zu Schaden kommt. Doch schon bald kommt es zu Spannungen unter den Bandenmitgliedern.
Hoopers letzte Jagd
Nachdem Chief-Superintendent James Hooper die legendäre Gentlemen-Posträuber-Bande dingfest machen konnte, fehlt ihm nur noch der Kopf der Bande. Doch der äußerst gewiefte Michael „Richy“ Richardson spielt ein Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mann von Scotland Yard, der den Gentlemangangster nunmehr seit Jahren quer um den Globus jagt. „Richy“ wechselt seine Identitäten wie seine Anzüge und schlüpft Hooper immer wieder durchs Netz. Ihm rennt langsam die Zeit davon, denn seine Pensionierung steht kurz bevor. Im wohlverdienten Ruhestand beginnt „Hoopers letzte Jagd“ aufs Neue, denn der verbissene Ex-Chefinspektor ist nicht gewillt, den Supergangster entkommen zu lassen.

Film-Blog.tv meint:
Die mir vorliegende Veröffentlichung der Straßenfeger-Box Nr. 50 als Jumbo-Amaray 4er DVD-Softbox, ist wohl als Alternative zur ebenfalls erhältlichen Erstveröffentlichung vom 16. November 2012, als Digi-Pack mit identischen Inhalt, zu verstehen. Im Unterschied zur Erstausgabe aus dem Jahr 2012 fehlt dieser 2015er Edition nun allerdings ein ausführliches Booklet mit Episodenführer. Stattdessen wurde ein 4-seitiger Einleger beigelegt der lediglich die Angaben zu Cast und Crew des Dreiteilers und des Zweiteilers enthält. Ein Unterschied der aber, so denke ich, zu verschmerzen ist.
Wer die DVD-Veröffentlichung der „Gentlemen“ aus dem Jahr 2006 bereits besitzt und kein weiteres gesondertes Interesse an den neuen hier veröffentlichten Inhalten und dem Bonusmaterial hat, der braucht diese 50. Straßenfeger-Box aus dem Jahr 2015 nicht unbedingt zu erwerben. Alle anderen sollten allerdings unbedingt zugreifen.

Den Beitrag verfasste unser Kollege Lutz Zander.

Die Gentlemen bitten zur Kasse
Ein Highlight für 60er Jahre Krimifans ist diese Produktion des Norddeutschen Rundfunks (NDR) aus dem Jahr 1966 allemal. Der TV-Dreiteiler wurde 1965 gedreht und im Februar 1966 als Erstausstrahlung im Programm der ARD gezeigt.
Der Plan
(ARD-Erstsendung: 08. 02.1966, Laufzeit: 79:56 min.)
Die Gentlemen bereiten einen großen Postraub vor. Durch einen „kleinen“ Banküberfall wird das Vorhaben finanziert. Generalstabsmäßige Ausarbeitungen aller Einzelheiten werden für den Überfall auf den Zug durchgeführt – nichts wird vergessen…

Der Überfall
( (ARD-Erstsendung: 10.02.1966, Laufzeit: 77:19 min.) (
Der Überfall auf den Geldtransport läuft „wie am Schnürchen“. Damals fast 30 Mio. Pfund Sterling sind die Beute. Auf einer alten Farm beginnen die Gentlemen damit, das Geld zu verteilen – erste Spannungen entstehen. Die Fahndung der Polizei setzt ein…

Die Flucht
(ARD-Erstsendung: 13.02.1966, Laufzeit: 76:43 min.)
Nach dem gelungenen Überfall dauert es nicht lange, bis die ersten der Gentlemen-Bande von der Polizei aufgespürt und gefasst werden. Die anderen sind auf der Flucht – intelligent und raffiniert gelingt es einigen von ihnen, sich dem Zugriff der Polizei erfolgreich zu entziehen…

Jahre später folgen Prozesse und Verurteilungen.

Land / Jahr: Deutschland / 1966
Genre: TV-Serie, Krimi
Darsteller: Horst Tappert: Michael Donegan, Hans Cossy: Patrick Kinsey, Günther Neutze: Archibald Arrow, Karl-Heinz Hess: Geoffrey Black, Hans Reiser: Tomas Webster, Rolf Nagel: Gerald Williams, Wolfgang Weiser: Harold McIntosh, Harry Engel: George Slowfoot, Wolfram Schaerf: Andrew Elton, Günther Tabor: Ronald Cameron, Wolfried Lier: Walter Lloyd, Franz Mosthav: Alfred Frost, Kurt Conradi: Arthur Finegan, Horst Beck: Twinky, Paul-Edwin Roth: Peter Masterson, Kai Fischer: Inge Masterson, Grit Böttcher: Jennifer Donegan, Eleonore Schroth: Eileen Black, Sylvia Lydi: Suzy Fast, Siegfried Lowitz: Dennis MacLeod, Lothar Grützner: Sgt. Robbins, Günter Meisner: Smiler Jackson, Dirk Dautzenberg: Sgt. Davies, Albert Hörrmann: Montague, Alexander Golling: Gerichtsvorsitzender, Isa Miranda: Mona, Sprecher Hans-Günter Martens u.v.a.
Regie: John Olden und Claus Peter Witt
Drehbuch: Henry Kolarz, Robert Muller
Vorlage: Bericht im „Stern“ von Henry Kolarz
Produzent(en): Egon Monk
Kamera: Gerald Gibbs
Schnitt: Oswald Hafenrichter, Gisela Quicker, Monika Tadsen-Erfurth
Musik: Heinz Funk
FSK: 12

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Hoopers letzte Jagd
Teil 1:
(ARD-Erstsendung: 01. 01.1972, Laufzeit: 70:58 min.)
Schon seit vielen Jahren jagt Chief-Superintendent James Hooper den Boss der legendären Posträuberbande (Horst Tappert). Die allermeisten Komplizen hat er bereits gefaßt, nur Richardson konnte ihm immer wieder entwischen. In sechs Monaten wird Hooper pensioniert. Vorher will er „Richy“ aber unbedingt noch, tatkräftig unterstützt durch seine Assistenten Higgins, Robbins und Morris, zur Strecke bringen…

Teil 2:
(ARD-Erstsendung: 02. 01.1972, Laufzeit: 95:31 min.)
Noch immer ist es James Hooper nicht gelungen, Michael Richardson, der sich gemeinsam mit seiner Frau Jenny und deren gemeinsamen Sohn Tommy auf der Flucht um die halbe Welt befindet, zu fangen. Mittlerweile ist aber der Scotland-Yard-Chef nicht mehr länger gewillt Hoopers Pensionierung aufzuschieben. Damit bleibt ihm fortan nichts anderes übrig, als seine Ermittlungen auf rein privater Basis fortzusetzen. Denn Hooper hat nach wie vor nur ein einziges klares Ziel vor den Augen: Endlich den ehemaligen Anführer der Posträuber zur Strecke zu bringen…

Land / Jahr: Deutschland / 1971
Genre: TV-Serie, Krimi
Darsteller: Max Mairich: James Hooper, Horst Tappert: Michael Richardson, Liselotte Pulver: Jenny Richardson, Florian Halm: Tommy, Dieter Borsche: Chef von Scotland Yard, Herbert Bötticher: Higgins, Erik Schumann, Robbins, Dieter Augustin: Morris, Edgar Hoppe: Williams, Robert Nägele: Alec White, Eva Zlonitzky: Judy White, Kurt Zips: Chico, Gert Haucke: Craig u.v.a.
Regie: Claus Peter Witt
Drehbuch: Rüdiger Humpert, Claus Peter Witt
FSK: 12

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Die Geschichte von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ nimmt natürlich, den legendären Überfall einer echten Gentlemen-Bande vom 8. August 1963 auf den Postzug ihrer Majestät der Königin von England, bei dem die maskierten Männer ca. 50 Kilometer vor London aus den Waggons 2.631.784 Pfund Sterling raubten, als reale Grundlage. Jeden Abend um 18:50 Uhr verlässt der Postzug zu dieser Zeit den Bahnhof von Glasgow, um in London am nächsten Morgen pünktlich um 03:41 Uhr einzutreffen. Nur eben nicht an jenem 08. August 1963.

Dieser spektakuläre Überfall, der Scotland Yard fast 40 Jahre beschäftigte, endete tatsächlich erst im Mai 2001. Zu diesem Zeitpunkt kehrte der letzte noch lebende, todkranke und inzwischen 86 Jahre alte Ronald „Ronnie“ Biggs, freiwillig nach England zurück. Er war 1965 aus der Haft entflohen und seither ohne Erfolg von Scotland Yard auf der ganzen Welt gesucht worden. Er lebte die ganzen Jahre unerkannt in Brasilien.

Er hatte nach seiner Rückkehr den Rest seiner dreißigjährigen Gefängnisstrafe angetreten. Im Jahr 2009 wurde er aus gesundheitlichen Gründen begnadigt und aus der Haft entlassen. Am 18. Dezember 2013 ist er im Alter von 98 in London verstorben. Im Posträuber-Dreiteiler hieß Ronald Biggs übrigens Arthur Finegan und wurde von Kurt Conradi dargestellt.

Im Bonusmaterial dieser DVD-Veröffentlichung ist übrigens (auf DVD 1 von „Hoopers letzte Jagd“) ein Interview mit Biggs zu finden, das die legendäre VIP-Schaukel-Reporterin Margret Dünser im Jahr 1977 mit ihm geführt hat. Dabei handelt es sich um einen Beitrag des ZDF der vollständig und ungekürzt übernommen wurde.

Ein weiterer Bonusbeitrag ist auf der zweiten Silberscheibe von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ zu finden. Es handelt sich dabei um eine Kinofassung des Dreiteilers, die damals für den Vertrieb auf dem internationalen Markt gefertigt wurde, da sowohl der Vor- als auch der Abspann in englischer Sprache gehalten ist.

Die Idee aus den drei Teilen von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ fünf Teile zu machen, war unmittelbar nach der Erstausstrahlung im Jahr 1966 entstanden. Doch daraus wurde leider zunächst nichts weil Henry Kolarz, der die Urfassungen der Drehbücher schrieb, sein Einverständnis für eine erneute Zusammenarbeit zurückgenommen hatte.

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Was war geschehen? Seine Drehbücher der beiden Fortsetzungen mussten aus rechtlichen Gründen vollkommen neu bzw. umgeschrieben werden. Denn zwischenzeitlich war am 08. November 1968 der echte ‘Major’, Bruce Richard Reynolds, der im Dreiteiler von Horst Tappert als Michael Donegan dargestellt wurde, den britischen Ermittlungsbehörden ins Netz gegangen. Der echte Posträuber drohte nun aus der Haft heraus dem NDR mit rechtlichen Konsequenzen, falls man weitere Verfilmungen auf Basis der Posträuber-Geschichte herstellen wolle.

Nachdem Kolarz seinen Namen für die neuen umgearbeiteten Drehbücher nicht mehr hergab, lag es nun an Rüdiger Humpert und Claus Peter Witt die Story derart unkenntlich zu machen, das absolut keine Gemeinsamkeiten mehr mit den drei ersten Teilen bestanden. Das erklärt auch weshalb Horst Tappert bei den „Gentlemen“ noch Michael Donegan hieß und bei „Hoopers letzter Jagd“ nun auf den Namen Michael Richardson hören musste. Grit Böttcher, die zuvor noch als seine Frau Jennifer Donegan mit dabei war, wurde nun durch Liselotte Pulver ersetzt und war fortan Jenny Richardson. Die fiktive Figur des Inspektor McLeod, der in den „Gentlemen“ von Siegfried Lowitz gespielt wurde, musste ausgewechselt werden, weil Lowitz wohl zu hohe Gagenforderungen gestellt haben soll. Deshalb wurde Max Mairich von Produzent Dieter Meichsner verpflichtet um jetzt als Chief-Superintendent James Hooper auf dessen „letzte Jagd“ zu gehen.

Trotz dieser und anderer Probleme im Vorfeld der Produktion kam „Hoopers letzter Jagd“ beim damaligen TV-Publikum recht gut an. Denn immerhin lag die Einschaltquote und damit die Sehbeteiligung während der Erstausstrahlung des Zweiteilers am 01. und 02. Januar 1972 bei 56%. Ganz so wie sich das für einen echten Straßenfeger eben auch gehört.

Letztendlich dürfte es wohl auch egal bleiben ob der fiktive Michael in der filmischen Umsetzung mit Nachnamen nun Donegan heißt oder Richardson. Denn dargestellt werden sollte von Horst Tappert in beiden Fällen wohl ohnehin nur der echte ‘Major’, Bruce Richard Reynolds. Beide sind sich im Jahr 1998 sogar einmal ganz offiziell begegnet als Reynolds den Fernsehpreis ‚Telestar‘ an Tappert überreichte. Bruce Richard Reynolds ist am 28. Februar 2013 verstorben und überlebte damit seinen deutschen Darsteller Horst Tappert, der am 13. Dezember 2008 verstarb, um 4 Jahre und zwei Monate.

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Bildbewertung:
Wie schon in der zweiten DVD-Veröffentlichung aus dem Jahr 2006 von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ in der restaurierten Fassung, so weist das Filmbild auch hier wieder die selben gravierenden Mängel auf. Eine Tatsache die sich heute leider nicht mehr korrigieren lässt. Denn ein wesentlich anderes und qualitativ besseres Ausgangsmaterial des Dreiteilers, existiert damals wie heute nicht mehr. Die Originalfilmrollen wurden in den 1980er Jahren vernichtet, da man zum damaligen Zeitpunkt irrtümlich der Ansicht war, dass die Videokopie auf 1-Zoll-MAZ ausreichend sei. Das 1-Zoll-MAZ-Material (auf dem sich die einzige ursprünglich 35 mm Filmkopie befindet) ist allerdings durch fortschreitende Materialalterung fehlerhaft und wurde Anfang der 1990er Jahre auf Betacam SP umkopiert, was auch auf den hier vorliegenden aktuellen DVD-Kopien wieder eindeutig zu sehen ist.

Bei der ersten Auflage der DVD-Veröffentlichung am 04.11.2005 hatte man noch auf eine Bildrestaurierung verzichtet. Für die zweite Auflage vom 26.10.2006 konnten dann zumindest Filmrisse, Schrammen und MAZ-Fehler erfolgreich retuschiert werden. Allerdings reichte das natürlich bei weitem nicht aus um die äußerst unbefriedigende alte Filmabtastung nun auch insgesamt wesentlich zu verbessern. Es bleibt also festzuhalten, dass zumindest der „Gentlemen“-Dreiteiler hier auch nicht besser oder schlechter angeboten wird als 2006.

Denn unterm Strich wurde ja in jedem Fall versucht, das bestmögliche aus dem im NDR-Archiv noch vorhandenen Ausgangsmaterial heraus zu holen was irgendwie machbar war. Diese Handlungsweise verdient in jeder Beziehung zumindest Anerkennung und ist eine in Art und Weise würdige Behandlung die diesem TV-Klassiker hier zukommt.

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Tonbewertung:
Der Ton in Dolby Digital 2.0 Mono, aller innerhalb dieser Veröffentlichung verfügbaren Inhalte, ist zum überwiegenden Teil sauber und klar vorhanden. Allerdings geht mit dem Verlust des Originalfilm-Materials des Dreiteilers natürlich auch das Fehlen der Original-Tonspur einher. Deshalb sind kleinere Mängel des Tons, die bei einzelnen Szenen hörbar werden können, ähnlich dem Bild, heute leider nicht mehr zu beseitigen, da der Ton einst bei der MAZ-Überspielung von „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ in einer ebenso unbefriedigenden Weise wie das Bild übernommen wurde. Der Kinofilm liefert zwar sowohl den Vor- als auch den Abspann in englischer Sprache. Eine englischsprachige Tonspur steht dagegen nicht zur Verfügung. Die verwendete deutsche Tonspur ist dabei deutlich hörbar mit der des Dreiteilers identisch, stellenweise sogar etwas schlechter.

DVD
Laufzeit: ca. 401 Min. + 150 Min. Bonus auf 4 DVDs
Bildformat: 4:3
Tonformat: DD mono
Sprache(n): Deutsch
Extras: Kinofassung von Die Gentlemen bitten zur Kasse, Interview mit Ronald Biggs „Geblieben ist nicht einmal der Ruhm“

Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „Die Gentlemen bitten zur Kasse / Hoopers letzte Jagd“ seit dem 25. Juli 2014 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Webseite zum Film: „Die Gentlemen bitten zur Kasse / Hoopers letzte Jagd“