Die Kunst des negativen Denkens

Sponsored Post
Norwegisches Kino folgt gerne dem Erfolgsrezept norwegischer Werber: Neben der Spur fahren, Erwartungen brechen und die Überraschung des Konsumenten in ein beeindrucktes Lächeln verwandeln. Das gelingt Regisseur und Autor Bård Breien auch mit seiner „Feel bad comedy“ aus 2006.

Er lässt seinen Protagonisten Geirr, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, zugedröhnt und zutiefst desillusioniert in eine düstere Welt blicken. Zwei Jahre nach der unfallbedingten Zäsur in seinem Leben bringt ihn seine gutmeinende Freundin Ingvild mit einer „Positivitetsgruppa“ zusammen, deren Leiterin Tori vordergründig ihr Bestes gibt, um ihren allesamt behinderten Schäfchen eine positive Lebenssicht zu vermitteln.


Doch so einfach macht es ihr Neuzugang Geirr nicht. Im Gegenteil: Seine realistische Sicht der Dinge färbt schnell ab und lässt die Mitglieder der „Positivitätsgruppe“ daran zweifeln, dass es die versprochenen rosaroten Lösungen überhaupt gibt. Der unfreiwillig zum Meinungsführer gewordene Geirr verdrängt Tori schnell und schafft es mit seiner Destruktivität und seinem Zynismus, den Gruppenmitgliedern  eine neue Weltsicht zu eröffnen. Durch die Konfrontation mit der Realität wachsen die Menschen näher zusammen, und werden fitter für das Leben mit einer körperlichen Herausforderung. Auch, wenn Geirr dazu riesige Joints, eine Menge Alkohol und eine Runde Russisches Roulette einsetzen muss…

Die Kritiker im Heimatland Norwegen fanden ein breit gefächertes Meinungsspektrum. Auf der dort verbreiteten „Würfelskala“ von 1 bis 6 floppte Bård Breien nach Meinung des „Stavanger Aftenblad“ grandios und kassierte eine „1“, während die große und wichtige Zeitung „Aftenposten“ eine respektable „5“ verlieh. Mehr Filme dieser Art gibt es bei den Spielfilm Charts von Clipfish. Mit einer Besucherzahl von 35.000 zog „Kunsten å tenke negativt“, so der bedeutungsgleiche Originaltitel, auch für norwegische Verhältnisse nicht gerade spektakulär viele Zuschauer in die Kinosäle zwischen Oslo und Tromsø. Die Metakritiker des Portals „Rotten Tomatoes“ trauen sich aufgrund der geringen Bewertungszahl noch keine Durchschnittsnote zu, vereinigen  jedoch eine Reihe von Anerkennung in den dort kumulierten Texten.

Wie dem von Sheri Linden, die im “Hollywood Reporter” anmerkt, dass Bård Breien eine „engagingly angry black comedy“ abliefert, oder S. James Wegg, der sich freut, dass ein Film über Behinderungen, reale wie bloß wahrgenommene, endlich einmal Charaktere zeigt, die nicht einfach Schläge einstecken, sondern auch selbst austeilen; und dabei auch unerwartete Ziele treffen.

Und genau deshalb ist die skandinavisch-schräge Komödie bei Clipfish sehenswert. Fridtjov Såheim lehnt sich in seiner Rolle als Geirr gegen ein im Grundsatz sehr gut meinendes und behütendes, aber damit latent entmündigendes System auf. Indem Geirr dieses durchbricht, fördert er das Selbstbewusstsein und die Lebensfähigkeit seiner Gruppenkollegen, die mehr und mehr ihre Opferrollen verlassen und Antrieb aus sich heraus entwickeln. Die Gruppenleiterin wird als tatsächlich herrisch entlarvt, mit einer Arbeitszeit und einem Mitgefühl, die vom Dienstplan einer öffentlichen Einrichtung begrenzt sind. Dass Bård Breien und seine Crew die Selbsthilfe mit unorthodoxen Methoden und nordisch-schwarzem Humor vermitteln, macht den Film zu rund 80 Minuten Vergnügen und hilft, die Botschaft zu verankern.

Hier und dort erinnert die 2006er Produktion an Jack Nicolson in „Einer flog über das Kuckucksnest“; das Grundmotiv des zynischen, aber realistischen Patienten, der seine Mitmenschen durch Rebellion wachsen lässt, ist in beiden Filmen sehr ähnlich angelegt.