Die Moskauer Prozesse: Ein Theaterprozess mit echten Emotionen

moskauer-prozesse_coverAls im Sommer 2012 die Punk-Aktivistinnen von „Pussy Riot“ für einen unangemeldeten Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurden, führte das zu Protestkundgebungen in der ganzen Welt. Doch es war nur der Endpunkt einer unterdessen 10-jährigen Reihe von Schauprozessen gegen Künstler und Dissidenten, mit denen das System Putin jeden demokratischen Wandel verunmöglicht.
Für sein Projekt „Die Moskauer Prozesse“ versammelte Milo Rau die Protagonisten der Prozesse um Pussy Riot und die Ausstellungen „Achtung! Religion“ und „Verbotene Kunst“. Rau lässt sie mit offenem Ausgang neu verhandeln.

Film-Blog.tv meint:
Das „Punk-Gebet“ der Band Pussy Riot 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale und der folgende Prozess mit drakonischen Strafen fand weltweite Aufmerksamkeit. Dies gilt auch für die Strafverfahren gegen Kuratoren der Ausstellungen „Achtung! Religion!“ und „Vorsicht Kunst“. Für den Schweizer Theatermacher Milo Rau markieren diese Prozesse das Ende des demokratischen Russlands. Und diese möchte er in einer simulierten Verhandlung ohne Einflüsse von Kirche und russischem Staat nachholen. Sein 2013er Theaterstück in Russland vereint die realen Angeklagten mit Bürgern, die die Rolle von Justiz, Verteidigung und Jury einnehmen. Die sehr realen Emotionen, die im Verlauf des Projektes immer mehr zu Tage treten, heben die Aufführung auf eine Ebene weit jenseits einer Aufführung. Es gelingt dem Theatermacher mit seinem Projekt, tiefere Einblicke zu vermitteln, als es eine konventionelle Dokumentation hierbei wohl leisten könnte. Es ist sehr spannend und informativ, sich auf die rund neunzig Minuten der fiktiv neu angestoßenen „Moskauer Prozesse“ einzulassen.

Die Ausstellungen „Achtung! Religion!“ und „Vorsicht Kunst“ sowie Pussy Riots weltberühmt gewordenes „Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau: der Schweizer Milo Rau lässt „Die Moskauer Prozesse“ noch einmal stattfinden. Im Unterschied zur Realität bleiben die im März 2013 für drei Tage neu initiierten, jedoch nicht in ihrem realen Verlauf nachgestellten Verhandlungen in einem Raum, der vor der Öffentlichkeit und Staatsmacht verborgen bleibt. Insgesamt sieben Mitglieder umfasst die von Rau aufgestellte Jury, unter ihnen Unterstützer, Gläubige, Orthodoxe, eine Muslima; hier entfalten sich differenzierte Ansichten, und in der vom Schweizer Regisseur ausgerichteten Verhandlung ist das Ergebnis nicht vorgegeben.

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Die Kritiken in der „Welt“, der „Neuen Züricher Zeitung“ und auf „ZEIT online“ loben den fraglos kreativen Ansatz dieser offenbarenden Inszenierung. Aber welches Ziel verfolgt Milo Rau? Die Situation in Russland wird sein Werk wohl kaum ändern, und in der westlichen Welt predigt er sicher ganz überwiegend zu den Bekehrten, oder?

Die Wirkung seines Gerichtstheaters ging über die Rezeption in der westlichen Welt hinaus. Mitten in der Aufführung kontrollierten Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde die Papiere der Anwesenden unter dem Verdacht illegaler Aktivitäten. Der Theatermacher wirkt souverän, sein gespaltenes Ensemble steht während der zweistündigen Unterbrechung geschlossen hinter ihm. Kurz darauf erscheinen die „Kosaken“, eine ultraorthodoxe Vereinigung, deren Mitglieder eine Verschwörung gegen ihre Glaubensgemeinschaft befürchten. Sie wirken in Interviews nervös, da die Angelegenheit „Pussy Riot“ auch nach dem realen Urteil noch nicht abgeschlossen ist. In der Folge müssen die Staatsmedien berichten, die Debatte über Russlands Gesellschaft erhält neue Impulse.

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Und zu welchem Ergebnis kommt nun die neu gestartete Verhandlung? Nach einer Stunde Beratung verkündet die Jury das Ergebnis. Die Frage, ob die Beschuldigten Taten vollbrachten, die die Gläubigen gedemütigt und Hass gegen sie geschürt haben, bleibt bei 3 Stimmen dafür, 3 dagegen und einer Enthaltung unentschieden. Gab es die „vorsätzliche Absicht“, Hass gegen die Gläubigen zu schüren oder ihre Gefühle zu verletzen? Nach der Mehrheitsmeinung der Jury nicht, bei 5 verneinenden Stimmen, einer befürwortenden und einer Enthaltung.

Der Geschworene, der die zweite Frage als einziger mit ja beantwortet hat, hält ein emotionales Plädoyer gegen die Veranstaltung und droht, die Liquidierungen wie beim „Genossen Stalin“ könnten sich wiederholen, bevor er den Saal verlässt.

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Und noch längst ist nicht alles eindeutig. Verteidigung und Anklage vertreten verschiedene Meinungen zur Interpretation der Jury-Ergebnisse durch das fiktive Gericht. Die Diskussion im Theater-Gerichtssaal zeigt die Spaltung der Gesellschaft, und bei aller Inszenierung sind die Emotionen im Saal echt.

Milo Rau wollte im Herbst 2013 erneut nach Russland reisen, berichtet er am Ende seines Films, um noch einmal mit den Akteuren seines Gerichtstheaters zu sprechen. Die Einreise wurde ihm verweigert.

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Konsequent wird der Prozess in russischer Sprache durchgeführt, einige Stimmen in Interviews werden in Deutsch, Englisch und Französisch vorgetragen. Untertitel vermitteln Menschen, die die russische Sprache nicht verstehen, die Inhalte. Milo Rau erläutert auf (Hoch-)Deutsch.

Der Regisseur schiebt Interviews außerhalb seines Gerichtssaals ein. Darin vermittelten die Interviewten interessante Ansichten. So äußert sich etwa ein Mitglied von Pussy Riot und erläutert der Kamera die Beweggründe der Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Die Kathedrale sei vielen Menschen heilig, aber das sei sie tatsächlich nicht mehr, sondern ein Symbol der Vereinigung von russischem Staat und orthodoxer Kirche.

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Bild und Ton sind dokumentarisch und verfolgen nicht das Ziel technischer Perfektion — das müssen sie für die „Moskauer Prozesse“ auch nicht. Der Inhalt lässt sich sehr gut verfolgen, wenn man sich auf die Untertitel zu den teils schnell gesprochenen Dialogen einlässt.

Das DVD-Menü und der Abspann sind mit Pussy Riots „Punk-Gebet“ unterlegt.

Real Fiction / good!movies präsentiert „Die Moskauer Prozesse“ ab dem 22. Mai 2015 auf DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Real Fiction / good!movies zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

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Die Moskauer Prozesse
Land / Jahr: D / 2013
Genre: Dokumentation
Darsteller: Auf der Bühne stehen nicht Schauspieler, sondern Akteure aus dem realen, politischen Leben: professionelle Anwälte, Zeugen und Experten aller politischen Couleurs, darunter Maxim Schwetschenko, Anna Stavickaja, Katja Samuzewitsch, Dmitri Gutow, Anton Nikolaew, Jekaterina Degot, Alexander Schaburow, Tatjana Antoschina, Wladimir Sergejew. Michail Ryklin, Jelena Wolkowa, Viktoria Lomasko, Andrei Jerofejew, Andrei Kowalenko, Waleri Korowin, Dmitri Enteo, Wladimir Chomjakow, Gleb Jakunin, Wsewolod Tschaplin, Alexei Kurajev, Marat Gelman, Alexei Beljajew-Gintowt
Regie: Milo Rau
Drehbuch: Milo Rau
Produktion: Arne Birkenstock
Kamera: Markus Tomsche
Schnitt: Lena Rem
FSK: 6

DVD
Laufzeit: ca. 86 Min. + 35 Min. Bonus
Bildformat: 16:9 (1,85:1)
Tonformat: Dolby Digital 5.1
Sprachen: Russisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
Bonus: Interviews mit Milo Rau in Deutsch, Englisch und Französisch · Booklet mit Texten zum Film, Real Fiction Trailershow

Webseite zum Film: Die Moskauer Prozesse