Die Wolken von Sils Maria: Sigrid und Helena

silsmaria_coverAuf dem Höhepunkt ihrer Karriere erhält die international gefeierte Schauspielerin Maria Enders das Angebot, in der Wiederaufführung eines Theaterstücks zu spielen, mit dem ihr vor 20 Jahren der Durchbruch gelang. Damals hatte sie die Rolle der Sigrid übernommen, eine verführerische junge Frau, die auf ihre Vorgesetzte Helena eine ganz besondere Faszination ausübt und sie schließlich in den Selbstmord treibt. Anders als vor 20 Jahren soll Maria Enders diesmal jedoch nicht Sigrid sondern die ältere Helena spielen, so der Wunsch von Regisseur Klaus Diesterweg. Gemeinsam mit ihrer Assistentin Valentine fährt sie nach Sils Maria, um dort, in der Abgeschiedenheit der Alpen, das Stück zu proben. Als Sigrid ist Jo-Ann Ellis vorgesehen, ein junges Starlet aus Hollywood mit Neigung zum Skandal. Eine charmante, aber nicht ganz durchsichtige junge Frau – und ein beunruhigendes Spiegelbild ihrer selbst, dem sich Maria nun gegenüber sieht.

Film-Blog.tv meint:
Maria und Valerie. Maria und Jo-Ann. Wer ist Sigrid, wer Helena? Maria, einst als „Sigrid“ gefeiert, driftet langsam aber sicher ab. In 20 Jahren wurde aus ihr „Helena“. Und sie bemerkt es nicht. Ist „Die Wolken von Sils Maria“ ein Frauenfilm? Ja und nein. Es ist die Geschichte vom Älterwerden. Von Konventionen und Entwicklung. Vor allem ist es ganz großes Schauspieler(innen)-Kino. Was Juliette Binoche kann, ist hinreichend bekannt. Und doch, oder grade deswegen, hat sie die Größe, neben ihr Chloë Grace Moretz und vor allem Kristen Stewart intensiv und eindrücklich agieren zu lassen. Vor allem letztere hat sich mit „Die Wolken von Sils Maria“ in den Kreis der großen Akteurinnen unserer Tage hochgespielt.

Dieser Film, der von der Vergangenheit handelt – oder genauer: von unserer Beziehung zu unserer eigenen Vergangenheit und zu dem, was sie aus uns macht –, hat eine lange Vorgeschichte. Eine, die Juliette und ich unausgesprochen teilen.

Wir sind uns ganz zu Beginn unserer Karrieren begegnet, als ich mit André Téchiné das Drehbuch zum Film „Rendez-vous“ geschrieben habe, in dem Juliette Binoche im Alter von zwanzig Jahren die Hauptrolle spielte. Schon damals ging es um das Unsichtbare und um das, was eine junge Schauspielerin auf sich nimmt, um in ihrer Rolle völlig aufzugehen. Seither verliefen unsere Wege in parallelen Bahnen, nur um sich erst viel später wieder zu kreuzen, als wir 2008 zusammen „L’heure d’été“ drehten.

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Es war Juliette, die zuerst das intuitive Gefühl hatte, dass es in unserer gemeinsamen Geschichte eine verpasste Gelegenheit gab, oder vielmehr: einen verpassten Film, der virtuell geblieben war und der uns beide zurück zum Wesentlichen bringen würde. Von dieser Intuition getrieben habe ich angefangen, mir Notizen zu machen, erst Charakteren und dann einer Geschichte Leben einzuhauchen, die lange darauf gewartet hatte, niedergeschrieben zu werden.

Schreiben ist wie ein Weg, und bei „Die Wolken von Sils Maria“ verlief dieser in schwindelnden Höhen, mit einer langen Zeit, die zwischen Ursprung und Werden vergehen sollte. Es ist wenig erstaunlich, dass mich dies zu Bildern von Berglandschaften und unwegsamen Pfaden inspiriert hat; dass da das Licht des Frühlings, die Transparenz der Luft und die Nebelschwaden der Vergangenheit, des Wolkenphänomens von Maloja sein sollten. Der Weg des Schreibens führte mich dahin, wo alles begann, sowohl für Juliette wie auch für mich. Und auch dahin, wo wir uns heute befinden, wo wir die Gegenwart und besonders die Zukunft in Frage stellen.

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Maria Enders ist Schauspielerin. Mit ihrer Assistentin Valentine erkundet sie den inneren Reichtum und die Komplexität der Figuren, die der Autor Wilhelm Melchior erschaffen hat, und die auch zwanzig Jahren später noch immer Geheimnisse in sich tragen. Aber es geht gar nicht so sehr um das Theater und seine Illusionen, oder um die verzweigten Wege der Fiktion, sondern um das Menschliche, in seiner einfachsten und intimsten Art und Weise. Insofern sind Worte – solche, die Autoren schreiben, die Schauspieler sich aneignen und die Zuschauer in sich nachklingen lassen – nichts anderes als die Fragen, die wir uns alle selber stellen, Tag für Tag, wenn wir mit uns selbst sprechen. Natürlich ist das Theater das Leben und sogar noch etwas mehr, denn das Theater zeigt die Größe des Lebens, im Schlechten wie im Guten, im Trivialen wie auch in unseren Träumen.

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In diesem Sinn steht die Figur von Maria Enders weder für Juliette Binoche noch für mich selbst. Vielmehr steht sie für jeden und jede von uns, im Hinblick auf die Notwendigkeit sich der Vergangenheit zuzuwenden. Nicht um sie zu erklären, sondern um in ihr die Schlüssel zu unserer Identität zu finden, sie, die uns zu dem gemacht hat der wir sind, und zu dem, was uns unablässig vorantreibt.

Maria Enders blickt ins Leere und betrachtet die Frau, die sie mit zwanzig Jahren war: Im Grunde war sie die gleiche. Geändert hat sich die Welt um sie herum, und die Jugend hat sich verflüchtigt. Die Jugend im Sinne von Unberührtheit und dem Entdecken der Welt. Dafür gibt es kein zweites Mal. Auf der anderen Seite vergessen wir nie, was uns die Jugend gelehrt hat: dieses permanente Neuerfinden der Welt, das Entziffern der Gegenwart und den Preis, den man zu zahlen hat, wenn man dazugehören will. Womit bei jedem neuen Mal das Drängen und die Gefahr des ersten Mals wieder entstehen.

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Es ist diese Konfrontation zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart einer Landschaft, die mir als ideales Setting dieser Komödie – oder dieses Dramas, je nachdem welche Perspektive man wählt – über eine Schauspielerin schien, die mehr aus beruflicher oder moralischer Verpflichtung denn aus dem eigenen Wunsch heraus in die Abgründe der Zeit eintaucht. Blicken wir in diese Leere, zeigt sie uns nicht viel anderes als unser eigenes Abbild, das im Moment der Gegenwart gefangen ist. Diese Momentaufnahme bildet das Herzstück von „Die Wolken von Sils Maria“. Maria Enders entdeckt, wie sie selbst in tausendfach gebrochenen Avataren in der virtuellen Welt des Startums – und der Verachtung – der modernen Medien herumschwirrt. Dort, wo die Grenze zwischen dem Intimsten, dem erbärmlich Banalsten und dem virtuellen öffentlichen Raum verschwimmt.

Man sucht die Grenze, aber man findet sie nicht. Vielleicht weil sie gar nicht mehr existiert. Ist Maria Enders die junge Frau, die früher einmal in Wilhelm Melchiors Bühnenstück und Film die Rolle der Sigrid spielte? Ist sie die reife, erwachsene Frau, die andere in ihr sehen? Ist sie noch eine der Charaktere, die sie im Laufe der Zeit gespielt hat? Oder ist sie eines jener Gesichter, die auftauchen, wenn man ihren Namen bei Google oder YouTube eingibt? Gibt es etwas, woran sich Maria Enders festhalten könnte, wenn nicht am Geheimen ihrer eigenen Privatsphäre, diesem einen Ort, an dem die Zeit keine Spuren hinterlässt? Diesem Ort, an dem sie nur fließt, wie das Wolkenphänomen von Maloja?

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Ich habe schon ganz früh an die Wolken, an den Himmel über dem Engadin gedacht, daran, wie unabänderlich und bewegend eine Landschaft gleichzeitig sein kann, und wie einschüchternd und zugleich menschlich das ist. Sie ist auf seltsame Weise mit der Zeit verflochten, war Zeugin all der Lebewesen, die durch sie hindurchgewandert sind, mit ihr verwachsen sind, zu allen Zeiten. Und die ihre schwindelnden Höhen erlebt haben.

1924, ganz zu Beginn des Kinos, hat der Bergfilm-Pionier Arnold Fanck das eigenartige Wolkenphänomen von Maloja gefilmt, in dem sich Berggipfel, Wolken und der Wind abstrakt vermischen, und einen dabei an die klassische chinesische Malerei denken lassen. Er hat das in schwarzweiss gefilmt, und die einzige Form, in dem sein Film heute noch existiert, ist eine verkratzte ausgemergelte Kopie. Eine Erinnerung eigentlich an das, was es hätte sein können, und etwas, auf dem die Zeit wiederum ihre Spuren hinterlassen hat.

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Nichtsdestotrotz ist es beunruhigend, eine vertraute und geheimnisvolle Wahrheit in diesen Räumen zu spüren, trotz (oder Dank) der Filter, die uns von ihnen trennen. Sie offenbaren sich durch eine ferne Subjektivität, mit fast einem Jahrhundert, das uns von ihnen trennt. Ist nicht genau dies der Prozess der Kunst, der die Welt mit eigenem Blick rekonstruiert – einem Blick, der genauso viel verbirgt wie er preisgibt, und dabei ohne eine Unterscheidung zu treffen das Sichtbare und das Unsichtbare zugleich zutage fördert?
Olivier Assayas

Das Bild der Blu-ray ist auf dem aktuellen Stand der Technik, da gibt es nichts auszusetzen. Auch bei Großprojektion ist es scharf und hoch aufgelöst, Farben und Kontraste sind ausgewogen und stimmig. Optisch visualisiert Yorick le Saux die mentale Reise Marias in die Vergangenheit durch zeitweise entsättigte „Agfachrome-Farben“ bei den Außenaufnahmen der Bergwanderungen.

Der Ton, unkomprimiertes DTS HD Master Audio 5.1, kommt räumlich aus dem Surround-System und unterstützt die Atmosphäre sehr gut. Die Dialoge sind dennoch sehr gut verständlich.

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NFP marketing & distribution GmbH präsentiert „Die Wolken von Sils Maria“ im Vertrieb von EuroVideo ab 27. August 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von EuroVideo GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Sils Maria
Produktionsland: Deutschland, Frankreich, Schweiz
Produktionsjahr: 2014
Genre: Drama
Darsteller: Juliette Binoche: Maria Enders, Kristen Stewart: Valentine, Chloë Grace Moretz: Jo-Ann Ellis, Lars Eidinger: Klaus Diesterweg, Johnny Flynn: Christopher Giles, Brady Corbet: Piers Roaldson, Hanns Zischler: Henryk Wald, Angela Winkler: Rosa Melchior, Nora von Waldstätten: Superhelden-Schauspielerin, Aljoscha Stadelmann: Urs Kohler, Luise Berndt: Urs’ Assistentin, Gilles Tschudi: Bürgermeister von Zürich, Benoit Pevereilli: Berndt, Claire Tran: Marias neue Assistentin, Marias Agent. Stuart Manashil: Journalist in Zürich: Peter Farkas, Ricardia Bramley: Moderatorin der Talk-Show, Caroline de Maigret: Chanel-Presseagentin, Arnold Giamara: Concierge im Waldhaus, Ben Posener: Journalist in London, Sean McDonagh: Assistent Theater London u.a.
Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas
Produzenten: Charles Gillibert, Karl Baumgartner, Thanassis Karathanos, Jean-Louis Porchet, Gérard Ruey, Sylvie Barthet
Kamera: Yorick le Saux
Schnitt: Marion Monnier
Ton: Daniel Sobrino, Nicolas Moreau
FSK: 6

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 123 Min. zzgl. Bonus
Bildformat: 16:9 (2,35:1) / 1080p/25
Tonformat: DTS HD Master Audio 5.1
Sprache(n): Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: ausblendbar und für Hörgeschädigte
Extras Blu-ray: Interview mit Olivier Assayas, Trailer, Hörfilmfassung für Blinde und Sehbehinderte (DD 2.0), Wendecover

Weitere Infos: Die Wolken von Sils Maria