Ein Geschenk der Götter: Vom Rand der Gesellschaft auf die Bühne des Lebens

geschenk der goetter_coverAus heiterem Himmel verliert Schauspielerin Anna ihre Anstellung an einem kleinen Stadttheater. Eben noch auf der Bühne findet sie sich nun in der Tristesse des örtlichen Jobcenters wieder. Auf Drängen ihrer theaterbegeisterten Sachbearbeiterin übernimmt sie die Leitung eines Schauspielkurses für acht Langzeitarbeitslose – „schwer Vermittelbare“.
Trotz gewaltiger Widerstände gegen die verpflichtende Bildungsmaßnahme formt sich aus den frustrierten Einzelkämpfern zunehmend eine eingeschworene Gruppe, mit der Anna „Antigone“ inszeniert. Überraschend kommt in die privaten Dramen der Teilnehmer immer mehr Bewegung und auch Anna erlebt einen Neuanfang, mit dem sie so nicht gerechnet hat.

Film-Blog.tv meint:
Die Covergestaltung im Reclam-Stil machte mich aufmerksam, die Inhaltsangabe neugierig. Oliver Haffners Drama, der Vertrieb nennt es Komödie, traf für mich ins Schwarze. Seine warme Erzählung führt Langzeitarbeitslose in Klischees ein und macht sie schnell aber stimmig zu Menschen, indem ihre Biographien mitfühlen lassen und ihre Begabungen schnell hinter der abgestempelten Rolle in der Gesellschaft hervortreten. Die Produktion aus 2014 lässt die zunächst unfreiwilligen Schauspieler Individuen mit Ecken und Kanten sein, und eine Entwicklung erleben, die sie gleichermaßen als Person und als Gemeinschaft vollziehen. Das gilt uneingeschränkt auch für die Kursleiterin, als Mitglied dieser Schicksalsgemeinschaft zu Beginn kaum anders aufgestellt als ihre Seminarteilnehmer. Haffner ezählt intelligent, und das Emsemble porträtiert seine Charaktere zwischen Laut und Leise immer auf den Punkt. Zum Nach- und Neudenken, zum Optimismus finden und durchaus auch zum Schmunzeln in jeder Hinsicht ein schöner Film!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

„Wir sind die stinkende kleine Kackhaufen im fleißigen Ländle“, sagt Marion Breckwoldt als Betty. 30 Jahre als Kinderpflegerin haben ihren Rücken und ihre Knie kaputt gemacht, ohne dass sie je alleine von ihrem Einkommen leben konnte. Nun erwartet die Arbeitsagentur, dass sie an einem Schauspielkurs teilnimmt, und die Kursleiterin Anna hat noch nicht einmal im Tatort mitgespielt! Hubert (Rainer Furch) hat den Grund des Projekts erkannt: Hauptsache wir kommen nicht mehr in der Statistik vor, nur, weil wir in so einer hirnlosen Maßnahme sind. Die Motivation ist auf dem Tiefpunkt, die ersten Handgreiflichkeiten unter den Teilnehmern stellen sich schnell ein. Und auch die Voraussetzungen sind nicht bei allen optimal, stellt Anna fest, als sich bei Max eine Leseschwäche offenbart.

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Als Anna einen Tiefpunkt in ihrem privaten Leben erreicht und zu spät zu ihrem eigenen Seminar kommt, wird sie überrascht: ihre kleine, anfänglich so unmotivierte Gruppe hat schon mit der Konzeption und den Proben begonnen. Die Teilnehmer haben sich in ihre Rollen hineinempfunden und erarbeiten sich die Inszenierung. Und während die Seminarteilnehmer in ihrem privaten Leben den kleineren und größeren Problemen und Chancen nachgehen, springt ein Funke zwischen Anna und Dimitri über.

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Da kommt ein unerwartetes Angebot: das Schauspielhaus, an dem Anna bis vor kurzem engagiert war, will die Laienschauspieler auf die kommerzielle Bühne bringen. Anna will nicht, ihre Gruppe schon. Doch Dimitri, der mit dem König Kreon eine wichtige Rolle im Stück innehatte, hat sich gerade mit einem herzlichen Abschiedsbrief und unbekanntem Ziel abgesetzt. Dass die Arbeitsagentur inzwischen die Finanzierung des Projekts eingestellt hat, fällt dabei kaum noch in’s Gewicht.

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Die neu gewordenen Schauspieler lassen sich nicht stoppen und stellen sich der Herausforderung. Der Vorhang fällt, und bietet den Protagonisten die Chance, für immer verändert neues Selbstbewusstsein mitzunehmen, oder coram publico zu scheitern…

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Es gibt Filme, die ein angenehmes Gefühl hinterlassen. Hierzu zählt „Ein Geschenk der Götter“ durch das harmonische Spiel, aber auch durch die realistisch berührende Geschichte. Die Erzählung bietet keine universellen Lösungsschemata, sie ist nicht das klassische Sozialdrama; aber dennoch gelingt es Regisseur und Autor Oliver Haffner, Menschlichkeit und Hoffnung zu verbreiten, in einem Film, der Vorurteile überwindet und ein Pläydoyer für optimistischen Mut und Stolz ist.

Ihre Seminarteilnehmer stehen am Rand der Gesellschaft, und dies besonders in der wirtschaftlich starken Region Ulm; doch die Beziehung zwischen ihnen und Kursleiterin Anna ist nicht einmal asymmetrisch. Auch die Schauspielerin ist ohne Engagement in ihrem Beruf, auch sie ist getrieben. Und sie ist es, die der Entscheidung, das Stück auf die Bühne zu bringen, skeptisch gegenübersteht – und dann auch das größte Lampenfieber zeigt und zunächst den Blicken des Publikums nicht standhält, in dieser für sie ungewohnten Situation in vertrauter Umgebung.

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„Ich bin 36, ich hab‘ keinen Mann, ich hab‘ keine Kinder, ich hab‘ keinen Job. Ich werde immer fetter, und jetzt kotz‘ ich die Bude auch noch voll wie so’ne Tussi. Ich bin ’ne Katastrophe.“ Anna strotzt nicht gerade vor Selbstbewusstsein und Zuversicht, als sie den Auftrag bekommt, langzeitarbeitslose Menschen in ihrer Persönlichkeit und Selbstdarstellung zu entwickeln. Doch ihr junges Ensemble mit vielen Lebensjahren macht sich prächtig. Und als Betty beim Stolpern die Bühnendeko einreißt, verwandelt sie das Mißgeschick in eine kraftvolle Improvisation. Die Ovationen tragen nicht nur das Selbstbewusstsein der Arbeitssuchenden, sondern auch das der Schauspielerin ohne Engagement.

Oliver Haffner setzt in „Ein Geschenk der Götter“ zwei Pole, in dem er eine professionelle Aufführung zu Beginn dem Laienschauspiel am Ende seines Films gegenüberstellt. Hier lässt er seine Novizen glänzend dastehen, nicht nur über den klassischen Stoff des Sophokles, den sie erarbeiten und inszenieren.

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Ein glückliches Händchen bewies er auch bei der Auswahl des Cast, in dem er neue und bekannte Gesichter zusammen das generationenübergreifende Problem der langfristigen Arbeitslosigkeit darstellen lässt. Und wer die Komparsenauflistung im Abspann sieht, der weiß, wie sehr die Macher das Schauspiel würdigen; denn wo sonst erfahren diese Beteiligten eine solche Würdigung?

Kaspar Kavens Kamera gelingt es, auch Szenen wie vielen Darstellern sicher einzufangen, und er findet eine passende Bildsprache für triste Settings ebenso wie für die Theaterbühne mit ihrer fokussierenden Reduktion. Der Ton ist klar und präsent, Rudi Spring am Klavier bereichert mit den Moments musicaux von Franz Schubert sehr angenehm und stimmig, während der Hintergrund im Film ganz überwiegend dokumentarisch-klar bleibt.

Die nicht verwendeten Szenen im Zusatzmaterial sind ebenfalls sehenswert, vor allem die „Kreisübung“ ist grandios.

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Arsenal Filmverleih GmbH / good!movies präsentiert „Ein Geschenk der Götter“ ab 3. April 2015 auf DVD und als VoD. Das Rezensionsexemplar wurde von Arsenal zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Ein Geschenk der Götter
Land / Jahr: Deutschland / 2014
Genre: Drama, Komödie
Darsteller: Anna: Katharina Marie Schubert, Dimitri: Adam Bousdoukos, Franz: Paul Faßnacht, Friedrike: Katharina Hauter, Hubert: Rainer Furch, Betty: Marion Breckwoldt, Alfred: Maik Solbach, Max: Rick Okon, Linda: Canan Kir, Emily: Luise Heyer, Frau Schnallenberger: Eva Löbau, Klaus Neumann: Felix Knopp, Conny: Tini Prüfert, Herr Böhmer: Bernd Grawert u. a.
Regie: Oliver Haffner
Drehbuch: Oliver Haffner
Produzenten: Ingo Fliess
Kamera: Kasper Kaven
Schnitt: Anja Pohl
Musik: Franz Schubert, Klavier: Rudi Spring
Taubentrainerin: Bettina Schwarzhuber
Tuba-Lehrer: Joseph Bartz
FSK: ohne Altersbeschränkung

DVD
Laufzeit: ca. 100 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital 5.1
Sprachen: Audiodeskription, Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Extras: Nicht verwendete Szenen, Trailer, Teaser, Trailershow

Webseite zum Film: Ein Geschenk der Götter