Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach: Spektakulär trivial

Gewinnspiel_rottaube_coverSam und Jonathan sind zwei glücklose und etwas kummervolle Vertreter für Scherzartikel. Als Handlungsreisende sind sie in wichtiger Mission unterwegs: sie möchten helfen, Spaß zu haben. Da die Welt voller Enttäuschungen und eine seltsam einsame Angelegenheit ist, haben sie sich auf die Klassiker unter den Kuriositäten spezialisiert: Vampirzähne, Lachsack und eine groteske Monstermaske. Weil das Verkaufen eine grässliche Angelegenheit ist, tun sich Sam und Jonathan oft schwer, die Ware mit dem nötigen Schwung unters Volk zu bringen und sind sich äußerst uneinig, welche Präsentationsstrategie die richtige ist. Denn Freude zu verbreiten in einer sonst fahlen Welt ist schwer. Doch Verkaufen müssen sie den Spaß, denn das kabbelnde Verkäuferduo ist furchtbar pleite. Mit der Träne im Gesicht und dem Lachsack im Vertreterkoffer gehen sie auf eine phantastische Reise durch Räume der Geschichte und finden sich in traumverlorenen Erinnerungen wieder – an verliebte Könige, getauschte Küsse und fröhlich gurrende Tauben.
Der Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig schickt uns auf eine märchenhafte Irrfahrt durch Menschliches und Allzumenschliches. Es ist eine Reise in grandiosen Sketchen, die die Schönheit eines einzelnen Moments offenbaren, aber auch die Verlorenheit anderer, den Humor und die Tragik, die in uns wohnen, die ganze Pracht des Lebens und die unvermeidliche Schwäche der Menschen. Der schwedische Meisterregisseur Roy Andersson beschenkt uns mit belebendem Humor in einem wahrhaft einzigartigen Kinoerlebnis, wie man es noch nie gesehen hat.

Film-Blog.tv meint:
Was war das denn? Eine Aneinanderreihung von 39 Episoden, weitgehend zusammenhangslos, vor der Klammer des Todes. Verkörpert vor allem durch zwei melancholische, sich streitende Scherzartikelverkäufer, naheliegend, die grandios scheitern und gleichzeitig das Nebenthema „Geldmangel“ transportieren. Statisch gefilmt, in erdigen Farben gezeigt. Und ich habe mich köstlich amüsiert. Ich verspreche hier nichts! Die Tonalität zwischen Schwarzem Humor, Ironie, Nihilismus und sprechender Stille ist todsicher nicht jedermanns Gechmack, die auf dem Zweig sitzende nachdenkliche Taube wird polarisieren. Zumal es Roy Andersson nicht bei einer skandinavischen Art des Humors belässt, sondern später auch noch ein paar widerliche Geschmacklosigkeiten einstreut. Sein Bogen in der „Taube“ ist weit, und fußt überwiegend auf Trivialem, das bei Roy Anderssons Inszenierung zur Kunst wird. Die Wirkung, die der schwedische Regisseur damit beim Zuschauer erzielt, ist hoch.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Eine „Trilogie über das Menschsein“ will Roy Andersson mit „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ abschließen. Das „Menschsein“ ist ein weit gefasstes Sujet, hierunter ließe sich sogar der „Big Brother“-Container subsumieren. Das Sterben ist der Abschluss des Lebens, und bei Andersson der Beginn seines Films. Dreimal porträrtiert es eingangs, nüchtern bis komisch. So komisch, dass ich schon beim zweiten gezeigten Tod schmunzeln musste und beim folgenden laut und lange lachend vor dem Bildschirm saß. Ich habe vor diesem Titel zwei Hape Kerkeling-Produktionen gesehen, die mich sehr gut unterhalten haben und oft lächeln ließen. Hier lache ich nun lauthals, über den Tod als gar nicht lustiges Thema, über die trockene Sachlichkeit einer Schiffsbesatzung vor einem gerade verstorbenen Passagier. Die Rettungskette wurde vergeigt, nach dreißig Minunten erfolgloser Reanimation ist es nun zu spät um einen Helikopter zu rufen. Die Frage der Gastronomin, wie denn nun mit dem immerhin schon vom danach Verstorbenen bezahlten Menü zu verfahren sei, ist Roy Andersson wie die Reaktion der anderen Gäste einfach urkomisch gelungen.

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Eine Schwarze Komödie? Nein, denn die weiteren teils lose, teils gar nicht verbundenen Szenen sprechen alle ihre eigene Sprache. Melancholisch, satirisch, skurril und widerwärtig — der Bogen ist weit. Und häufig banal bis zur Kunst.

„Heute finde ich es fast langweilig, eine naturalistische Abbildung anzusehen, während die persönliche Interpretation eines abstrakten Ausdrucks außergewöhnlich ist. Van Gogh […] kann drei fliegende Krähen über einem Kornfeld malen –- und der Betrachter glaubt, niemals zuvor etwas Ähnliches gesehen zu haben.“, sagt Andersson, und auch ihm selbst gelingt dieser Effekt mit langen Einstellungen in eine fast greifbare Trivialität.

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Besonders heiter geht es auch mit den immer wieder auftauchenden Handlungsreisenden Sam und Jonathan nicht weiter. „Wir möchten den Menschen helfen Spaß zu haben“, erläutern sie. Drei Scherzartikel sind in ihrem Musterkoffer: Vampirzähne, mit extra lagen Eckzähnen, ein Lachsack und die Maske „Gevatter Einsam“. Erfolgreich sind sie nicht, weder im Erheitern noch im Verkauf. Sie versuchen, ihr Geld einzutreiben, und ihr Großhändler tut das selbe mit ihnen. Kein Geld: Das findet sich öfter in Roy Anderssons Episoden, einschließlich des titelgebenden Kindergedichtes über die nachdenkliche Taube auf dem Zweig. Denn auch die ist pleite. Manche haben kein Geld, andere keine Nachrichten auf der Mobilbox ihres Telefons. Auch das Fehlen von Kontakten, von menschlicher Nähe ist ein wiederkehrendes Thema bei Andersson.

Nach etwa 80 Minuten wird es dann arg geschmacklos, in der Episode „Homo sapiens“, bei gedankenkoser Tierquälerei und dem folgenden Rösten von Menschen durch anscheinend britische Kolonialisten. Menschen in Abendgarderoben hören andächtig den Klängen zu, die durch die Schreie der gequälten Menschen erzeugt aus den trompetenartigen Öffnungen eines riesigen Ofens ertönen. Hier wechselt Roy Andersson von den natürlichen Toden in menschengemachtes Leid, vom Amüsanten in das Abstoßende. „Ausbrüche des Grauens“ nennt es der Regisseur.

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Was will uns der Macher mit diesen losen Fäden sagen, die zwischen Dokumentation und Traumartigkeit changieren? Hören wir auf die Botschaft am Ende des Films, die Conclusio: „Es ist wieder Donnerstag. Hej hej.“. Kurt Schwitters lässt dann auch noch grüßen.

Im Bonusteil versucht es Roy Andersson im Interview zu erklären: „It’s about life, condensed, purified; we can help you to see your situation better. […] And of course to entertain.“ Empathie und Humanismus sieht er ebenfalls im Ansatz des Films sein, ergänzt er. Aha.

Ich habe in einer weiteren Aussage verstanden „Filmmaking can be odd“, „Filmproduktion kann schräg sein“. Die deutschen Untertitel wollen hier „Kunst“ verstanden haben. Hat der Macher in seinem schwedisch gefärbten Englisch nun „odd“ oder „art“ gesagt? Es sollte wohl tatsächlich „Kunst“ heißen, doch „odd“ träfe es besser… „Ja, det er et fantastisk delikat…. question“ geht er erst Schwedisch auf die Anmerkung ein, dass seine Darsteller reduziert spielen, und wechselt dann in die Interviewsprache Englisch. Deutsche Begriffe tauchen in seinem Englisch auch immer wieder auf, unsere Sprache scheint ihm näherzustehen als das Englische. Also kann es vorher vielleicht doch „odd“ gewesen sein, lag es am Akzent? Ja ja, ich höre ja schon auf…

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Das Farbklima ist durchgängig erdig durch einen geringen Blauanteil, die ruhige Kamera bringt viel Statik bis zu fotoähnlichen Einstellungen. Die zurückgenommene Gestik und die leisen Dialoge unterstreichen die bedeckte Grundstimmung des Films. Seine Akteure lässt Roy Andersson häufig verloren wirken. Wiederholt etwa in einem Restaurant, in dem eine Säule mittig das Bild dominiert, die Menschen sind eng an sie gedrängt und Statisten des Bildes.

Die Dialoge sind in der schwedischen Originalversion wie in der deutschen Synchronfassung klar und ausgewogen. Müssen sie auch sein, um die Stimmung zu transportieren. Der Sound liegt im 5.1-Mehrkanalton vor. Wer hier allerdings auf räumliche Effekte wartet, ist möglicherweise im vollkommen falschen Film.

Vermisst habe ich Untertitel in Schwedisch, die das Verfolgen der Originalsprache für mich erleichtert hätten.

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Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
1.) Skandinavische Filmemacher finden häufig eine ganz eigene Art der Erzählung, die unsere Gewohnheiten durchbricht und hinterfragt. Welcher dieser Filme gefällt Euch am besten? Schön wäre eine kurze Begründung, warum Euch ausgerechnet dieser Film so gut gefällt.
2.) Wie habt Ihr zu www.film-blog.tv gefunden?
Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

2 x Blu-ray Disc™ „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“

Schickt einfach eine Mail mit der, hoffentlich richtigen, Antwort und Eurer Adresse an gewinnspiel(at)film-blog.tv

Dazu habt ihr bis zum 15.11.2015 bis 24.00 Uhr Zeit.

Das Gewinnspiel wird von www.film-blog.tv veranstaltet, die Teilnahme ist kostenlos. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie von www.film-blog.tv
dürfen nicht mitmachen.Gehen mehr richtige Antworten ein, als Preise zur Verfügung stehen, lassen wir das Los entscheiden, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

Goodmovies / Neue Visionen präsentiert „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ab 21. August 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensions- und die Gewinnspielexemplare wurden von Indigo zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: En duva satt på en gren och funderade på tillvaron
Land / Jahr: Schweden, Norwegen, Frankreich, Deutschland / 2014
Genre: Drama, Tragödie, Komödie
Darsteller: Jonathan: Holger Andersson; Sam: Nils Westblom; Die Hinkende: Lotta: Charlotta Larsson; König Karl XII: Viktor Gyllenberg; Die Flamencolehrerin: Lotti Törnros; Der Einsame Leutnant: Jonas Gerholm; Der Kapitän / Der Friseur: Ola Stensson; Der Tänzer: Oscar Salomonsson; Der Hausmeister: Roger Olsen Likvern u. a.
Regie: Roy Andersson
Drehbuch: Roy Andersson
Produzentin: Pernilla Sandström
Kamera: István Borbás, Gergely Pálos
Schnitt: Alexandra Strauss
Musik: Traditionelle Musik
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 120 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch, Schwedisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer

Webseite zum Film: Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach