Einmal Hans mit scharfer Soße: Leben in zwei Welten

hans_coverWährend Vater Ismail stolz seinen Mercedes durch Salzgitter kutschiert und Mutter Emine dazu drängt, zwischen Baklava und Börek ihre Deutschkenntnisse für den Einbürgerungstest aufzupolieren, hält das Familienoberhaupt doch stur an einer alten anatolischen Tradition fest: Zuerst muss die ältere Tochter Hatice unter der Haube sein, dann erst darf auch ihre jüngere Schwester Fatma heiraten. Doch Fatma ist – schon bald für jeden sichtbar – schwanger, und Hatice muss sich ihrer Schwester zuliebe mit der Männersuche beeilen. Wenn das so einfach wäre, denn ihre Vorstellungen sind klar – ein Türke darf es nicht sein, für sie kommt nur ein Deutscher in Frage. Dem aber doch bitte trotzdem nicht ganz das türkische Feuer fehlen sollte. Was jetzt schnell her muss ist ein „Hans mit scharfer Soße“ – wo aber soll Hatice den nur finden…?

Film-Blog.tv meint:
Culture-Clash-Komödien sind in Frankreich der große Hit. Spätestens seit „Ziemlich beste Freunde“ sind so einige, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg aufgesprungen. In Deutschland tut man sich da ein wenig schwerer. Irgendwie muss uns in den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts ein „Political-Correctness-Gen“ eingepflanzt haben. Dass es dennoch auch bei uns Filme gibt, die mit dem Thema Zuwanderung umgehen können, bewies 2011 „Almanya – Willkommen in Deutschland“.
Auf Basis des gleichnamigen Romans von Hatice Akyün verfasste Ruth Toma ein Drehbuch, das Buket Alakus dieses Jahr ins Kino brachte. Um es kurz zu machen: „Einmal Hans mit scharfer Soße“ ist ein durchweg unterhaltsamer Film, doch kann er nicht an „Almanya – Willkommen in Deutschland“ heranreichen. Das gekonnte Spiel mit Gegensätzen und Klischees verkommt hier ein wenig zu platt zum wenig geistvollen Wiederkäuen altbekannter Klischees. Auf beiden Seiten. Die Chance, die Situation und Denkweise junger, moderner türkisch-stämmiger Deutschen pointiert und auf dem Punkt in einer spritzigen Komödie darzustellen, wurde jedenfalls nicht genutzt. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

Hatice ist 34 Jahre alt, beruflich als Journalistin erfolgreich und steht voll im Leben. Die Frage nach Integration stellt sich für sie nicht, sie lebt und fühlt sich als Deutsche. Obwohl die Wurzeln ihrer Eltern mal, vor grauer Vorzeit, wohl mal irgendwo in Anatolien gelegen haben müssen. Dass sie bei ihrem Lebensstil bisher, außer wechselnden Bekanntschaften, noch keinen Mann zum Heiraten gefunden hat, ist ihr reichlich egal.

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Im Gegenteil: Sie genießt ihr freies Leben in Hamburg. Dass ihr, natürlich deutscher, Freund Stefan auf einmal einen auf multikulti macht, türkische Musik hört, sich einen Schnauzer stehen lässt und plötzlich ihre Eltern kennen lernen will, ist ihr eher suspekt. Es kommt zum Streit mit anschließender Trennung.

Die Verwandlung der modernen Hatice zur braven Tochter türkischer Eltern findet jedes Mal auf einem Parkplatz statt. Bevor sie ihre Familie besucht, zieht sie sich einen langen Rock an. Nach außen ist Familie Coskun voll in Deutschland angekommen: Vor dem schmucken Reihenhaus parkt der neue Mercedes. Obwohl sie mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, sind die Eltern eher konservativ: Die Mutter bekocht und verwöhnt den ganzen Clan mit Baklava und anderen traditionellen Leckereien. Und der Vater macht sich Sorgen, dass seine Hatice offensichtlich ein „Ladenhüter“ ist: Sie bekommt einfach keinen Mann, der sie heiraten will. Dabei muss die älteste Tochter verheiratet sein, bevor die jüngeren Geschwister zum Traualtar dürfen. Pech nur, dass mit Fatma die jüngere Schwester schwanger ist und unter die Haube möchte, bevor sich das freudige Ereignis unter dem engen Brautkleid abzeichnet.

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Ein Mann für Hatice muss her. Was zunächst gar nicht so schwierig sein sollte. Denn an Verehrern fehlt es der attraktiven Dame nicht. Das Problem ist: Er muss sie heiraten. Und zwar schnellstens. Vier Wochen bleiben. Höchstens… Das zweite Problem: Auch Hatice selbst ist, was ihren Männergeschmack angeht, äußerst wählerisch. Ein Deutscher muss es sein, keine Frage. Aber zugleich muss er so phantasievoll, großzügig und voller Temperament sein, wie ein Türke. Ein „Hans mit scharfer Soße“!

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Letztendlich haben Hatice Akyün und Ruth Toma die Chance verpasst, aus den durchaus amourösen Umständen eine spritzige Komödie zu machen. Stattdessen nehmen Klischees einen zu großen Raum ein. So habe ich mich beispielsweise mehrfach gefragt, warum Papa Coskun, obwohl offensichtlich in der deutschen Mittelschicht bestens integriert, immer im selben, alten Pullover herumrennt, den er wohl schon seit den 70iger Jahren nicht mehr ausgezogen hat. Ein Schnauzbart, ok. Aber warum ist er dann, auch bei großen Feierlichkeiten, immer unrasiert? Dass Mütter ihre Kinder gerne bekochen und verwöhnen, ist bestimmt keine rein türkische Angelegenheit. Aber die wenigen Szenen, in denen Emine zeigen darf, dass sie mehr als die Köchin und Putzfrau der Familie ist, sind viel zu selten. Hier fehlt den Figuren jegliche charakterliche Eigenständigkeit. Dass ein Kopftuch bei vielen jungen Türkinnen nichts mit Unterdrückung zu tun hat, sondern ein Mode-Accessoire ist, das sogar von namhaften Designern entworfen wird, wird nur ganz am Rande erwähnt.

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Warum ich mich, es ist doch eine Komödie, so auf die Handlung einschieße? Weil „Einmal Hans mit scharfer Soße“ als reine Komödie nicht funktioniert. Dafür sind einige Szenen, wie die schwierige Annäherung von Vater und Tochter am Ende des Films, viel zu rührselig.

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Das Bild der Blu-ray ist auf dem aktuellen Stand der Technik, da gibt es nichts auszusetzen. Auch bei Großprojektion ist es scharf und hoch aufgelöst, Farben und Kontraste sind ausgewogen und stimmig. Der Ton, unkomprimiertes DTS HD Master Audio 5.1, ist sehr frontlastig. Die Dialoge sind zwar dadurch sehr gut verständlich, doch fehlt es leider an Atmosphäre. Die Szenen in der Cocktailbar oder der Disco sind so brav abgemischt, dass kaum Stimmung auf den Betrachter überspringt.

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NFP marketing & distribution GmbH präsentiert „Einmal Hans mit scharfer Soße“ ab 20. November 2014 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von NFP marketing & distribution GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Einmal Hans mit scharfer Soße
Produktionsjahr: 2013
Genre: Komödie, Drama
Darsteller: Idil Uner: Hatice Coscun, Sesede Terziyan: Fatma Coscun, Demet Gül: Abla Coscun, Adnan Maral: Ismael Coscun, Şiir Eloğlu: Emine Coscun, Huseyin Ekici: Mustafa Coscun, Janek Rieke: Stefan, Julia Dietze: Julia, Max von Thun: Gero, Steffen Groth: Hannes, Lilay Huser: Putzfrau Fidan, Nizam Namidar: Adnan Tavla, Haluk Piyes: Ali, Mirco Reseg: Thorsten, Sebastian Saavedra: Selim Tavla, Julian Sengelmann: Marc, Tomas Spencer: Eric u.v.a.
Regie: Buket Alakus
Drehbuch: Ruth Toma
Romanvorlage: Hatice Akyün
Produzenten: Ralph Schwingel, Uwe Kolbe, Stefan Schubert
Musik: Ali N. Askin
FSK: 6

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 91 Min. zzgl. Bonus
Bildformat: 16:9 (1,77:1) / 1080p/25
Tonformat: DTS HD Master Audio 5.1
Sprache(n): Deutsch, Audiodeskription für Sehgeschädigte
Untertitel: Türkisch, Deutsche Untertitel für Hörgeschädigte
Extras Blu-ray: Interviews mit Idil Üner, Adnan Maral, Steffen Groth, Siir Eloglu, Buket Akakus & Hatice Akyün, Visual Effects: Die anatolischen Dorfbewohner, Türkisch-Deutscher Kulturdialog: „Hans Du hast die Hatice gestohlen“ & „Oh Tannenbaum“, Kinotrailer, TV Spot, Trailershow

Weitere Infos: Einmal Hans mit scharfer Soße