Er ist wieder da: Der Schoß ist fruchtbar noch…

wiederda_coverGewinnspiel_rotEr ist wieder da, der Führer. Knapp 70 Jahre nach seinem unrühmlichen Abgang erwacht Adolf Hitler im Berlin der Gegenwart. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva. Im tiefsten Frieden, unter Angela Merkel und vielen tausend Ausländern startet er, was man am wenigsten von ihm erwartet hätte: eine Karriere im Fernsehen. Denn das Volk, dem er bei eine Reise durch das neue Deutschland begegnet, hält ihn für einen politisch nicht ganz korrekten Comedian und macht ihn zum gefeierten TV-Star. Und das, obwohl sich Adolf Hitler seit 1945 äußerlich und innerlich keinen Deut verändert hat.

Film-Blog.tv meint:
Was verrät die Hypothese zur Rückkehr Hitlers in unsere Zeit und unsere Reaktion darauf? Über uns, gerade in Zeiten eines Rechtsrucks in den Landesparlamenten, während der Herausforderungen durch mehr als eine Million Flüchtlinge in Deutschland? Die Autoren der Buchverfilmung „Er ist wieder da“, David Wnendt und Mizzi Meyer (bekannt als Autorin des „Tatortreiniger“), variieren den gleichnamigen Roman von Timur Vermes. Die Schnittmenge der beiden Erzählungen ist, dass Hitler in unserer Gegenwart erwacht und wie die Menschen auf ihn reagieren. David Wnendts Verfilmung aus 2015 überzeugt auch mit ihren inhaltlichen Variationen und trägt der Tatsache Rechnung, dass die Medien Film und (Hör-)Buch nicht vergleichbar sind. Drehbuch, Inszenierung und Kamera interpretieren eigenständig, ohne den Grundtenor der Vorlage zu verlieren. Sie geben die erfolgreiche Ich-Perspektive der Vorlage auf und addieren reale Einspielungen, Reaktionen von Menschen, um den Fokus zu erweitern. Das Ensemble überzeugt über den gesamten Cast in der Auswahl und Präsenz. Der dem Filmpublikum bisher unbekannte Oliver Masucci soll als Hauptdarsteller überraschen, und dies gelingt vorzüglich. Christoph Maria Herbst, der das mehrstündige Hörbuch als Ich-Erzähler in einem einzigartigen Duktus eingesprochen hat, besetzt hier die Nebenrolle des Christoph Sensenbrink; insbesondere die Hörer seiner Lesung werden ihn wohl oft als Besetzung der Hauptrolle erhofft haben. Die Tiefe der Gedankenwelt des Diktators, bis zur Reflektion über Details, leistet der Film nicht in dem Maße wie der Roman; er findet jedoch eine Erzählweise, die plausibel in das nächste Medium transponiert und dabei neue Grenzen auslotet.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Adolf Hitler ist verwirrt: Er erwacht im vertrauten Berlin, das ihm heute so fremd scheint. Er selbst hingegen wird mit einer merkwürdigen Vertrautheit von den Menschen unserer Gegenwart wahrgenommen. Der Dokumentarfilmer Fabian Sawatzki wird zufällig auf ihn aufmerksam und sieht seine Chance, endlich eine Reportage an den Privatsender „mytv“ zu verkaufen. Der wieder gekommene Diktator findet sich schnell in die Gesellschaft der Bundesrepublik im 21. Jahrhundert ein und entdeckt, dass seine Rhetorik und seine faschistischen Gedanken noch immer bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden fallen. Die Mechanik seiner Verführung gewinnt dank neuer medialer Möglichkeiten eine höhere Dynamik…

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Ich habe „Er ist wieder da“ als Hörbuch sehr genossen; diese Satire von Timur Vermes, die einem das Lachen gerne im Halse stecken bleiben lässt. Im März 2014 begegnete mir die Buchausgabe in Oslo, Norwegen. „Dieses Buch musst du lesen!“ sagte die gedruckte Banderole in der Auslage; „Eine fantastische Satire!“ hatte die Buchhändlerin handschriftlich ergänzt. Von 1,3 Millionen verkauften Exemplaren in Deutschland sprach das Cover der norwegischen Ausgabe damals vor zwei Jahren, und ergänzte, nun werde das Buch in 38 Ländern verkauft. Soviel Popularität in diesem dunklen Kapitel der Geschichte, das unseren Nachbarn im Norden so heftig traf? Anscheinend ja, denn das Zitat eines Rezensenten war auch noch auf dem Titel: „Verkaufserfolg und Gesellschaftssatire, zum Schreien komisch“, fand demnach Arne Dvergsdal im „Dagbladet“. Nicht nur dort traf der Roman auf Widerhall; in inzwischen mehr als 40 Länder wurden die Rechte verkauft, das mehr als zwei Millionen mal in Deutschland verkaufte Buch hielt sich 20 Wochen auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste. Diesen Top-Rang erreichte auch das Hörbuch.

Und nun eine Verfilmung, von David Wnendt. Die Filmbewertungsstelle hält das Ergebnis für „besonders wertvoll“. Wie schlägt sich der Bestseller in bewegten Bildern?

In der 2015er Produktion steckt viel Schönes. Das beginnt mit der Kameraarbeit von Hanno Lentz und dem Schnitt von Andreas Wodraschke. Gleich zu Beginn des Films erleben wir Perspektiven aus der Luft, aus Sicht der Hauptfigur und kurz danach der Außensicht auf sie. Das ist schön gelöst. Lange Einstellungen auf Augen, in denen sich Medieninhalte reflektieren, oder die aus Trailern bekannte Sichtweise aus dem inneren des PC-Monitors hinaus, auf einen Ex-Diktator, der die Möglichkeiten des „Internetz“ für sich entdeckt, verleihen Lebendigkeit.

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Die Besetzung ist fantastisch. Die Spielfreude des Ensembles ist greifbar, und die Auswahl der Darsteller trifft punktgenau. Die kühl-souveräne Katja Riemann als Programmchefin Katja Bellini und Michael Kessler als Comedian Michael Witzigmann im Privatfernsehen funktionieren so gut wie beim Lesen des Casts erhofft. Oliver Masucci überzeugt als ausdrucksstarker Hauptdarsteller und die Unbekanntheit, mit der der Bühnendarsteller so wirken soll wie der nach rund siebzig Jahren in unsere Gegenwart kommende Hitler funktioniert bestens. So wie David Wnendt die Romanvorlage erweitert, in dem er neben einer erweiterten Handlung Begegnungen mit realen Menschen ergänzt, so schafft auch Hauptdarsteller Oliver Masucci eine Interpretation, die sich von Sehgewohnheiten von Charlie Chaplin in „Der große Diktator“ bis zu Bruno Ganz in „Der Untergang“ abhebt. Er legt seine Hauptfigur nicht so komödiantisch-verharmlosend an wie Helge Schneider in „Mein Führer“, nicht so hilflos-cholerisch und karikierend wie Walter Moers in seinen „Adolf“-Comics, die über Crowdfunding als 3D-Film umgesetzt werden sollten und es immerhin zu einem Demo-Clip geschafft haben. Oliver Masucci lässt den Zuschauer spüren, dass es sein Charakter so ernst meint wie eh und je, bis 1945. Deshalb greift auch die Einordnung in das Komödiengenre hier zu kurz, trotz vieler Komödienelemente insbesondere im ersten Teil des Films. Masucci wählt keine parodistische Näherung, er stellt eine Behauptung auf.

Sicher: Wer das Hörbuch kennt, dessen Erwartungshaltung für die Hauptrolle war Christoph Maria Herbst, der darin aus der Ich-Perspektive dort so brillant vorgetragen hat. Aber die Produzenten wollten mit „ihrem“ Hitler-Darsteller überraschen und entschieden sich für ein unbeschriebenes Blatt der Filmszene. CMH spielt dennoch eine Rolle in der Verfilmung, als Christoph Sensenbrink. Den Karrieristen im Mediengeschäft verkörpert er gewohnt souverän.

Die gegenüber der Romanvorlage veränderte Handlung funktioniert. Kleine Schnitzer in der Plausibilität, wie der Besuch eines Staatsanwalts, der unter Polizeibegleitung alleine deshalb in den „anonym angezeigten“ Sender kommt, um von der Anzeige zu berichten und ansonsten lediglich einen persönlichen Kommentar abgibt, sei verziehen. So unterstreichen die Autoren zumindest die billigende Zustimmung vieler Gesellschaftsebenen zu ihrem zurückgekehrten Agitator. Mit der Filmhandlung erleben auch Zuschauer, die den Roman gelesen haben, die Geschichte in einer neuen Erzählweise.

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Der Demagoge als historische Figur kam nicht von allein an die Spitze. Er wurde 1933 gewählt. Würden Menschen dies auch heute noch tun? Falls ja, warum? Diesen Fragen stellt sich der Film mehr als die Romanvorlage. Dazu gehören Begegnungen des Film-Hitlers mit realen Menschen, zwischen Anstand und Widerwärtigkeit, in unfassbarer Dummheit („Früher hat der Intelligenzquotient um die 80 gelegen“) und in kritikloser Borniertheit. Indem die Produzenten Menschen mit einem provozierenden Charakter überraschen und ihre Reaktion registrieren, orientierten sie sich an Sacha Baron Cohen („Da Ali G Show“) sowie John Friedmann und Florian Simbeck mit ihren Alter Egos „Erkan & Stefan“. Welche Begegnungen real sind, welche inszeniert und welche eine Mischform davon, erschließt sich dem Zuschauer nicht immer.

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Zurück bleibt eine ausgeprägte Skepsis um die schwimmenden Grenzen herum, ob in Deutschland oder, im Abspann, in Österreich, Schweden, Griechenland und England. Dass die Menschen nicht so kritiklos sind, wie es viele Bilder vermitteln, rückt Katja Riemann im Interview gerade; das provokante Element sollte wohl wirken, weswegen sich vermutlich so viele fragwürdige Reaktionen von Passanten im Ergebnis finden.

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Die Technik der Blu-ray überzeugt. Das Bild ist konturiert und gekonnt bearbeitet, die Kamera beherrscht auch Details. Der Ton ist dynamisch und räumlich, und transportiert insbesondere die handlungsbestimmenden Dialoge klar. Eine Hörfilmfassung und Untertitel für Hörgeschädigte erschließen den Film auch Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Englische Untertitel sind vorhanden und vermitteln den Sprachinhalt zeitgemäß und vor allem gut beschreibend.

Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
1.) Helge Schneider und Bruno Ganz: Hitler wurde schon mehrfach in Spielfilmen verkörpert. Und nicht nur er. Welches ist Euer Lieblingsfilm, in dessen Zentrum eine historische Figur steht? Schön wäre eine kurze Begründung, warum Euch ausgerechnet dieser Film so gut gefällt.
2.) Wie habt Ihr zu www.film-blog.tv gefunden?
Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

2 x Blu-ray Disc™ „Er ist wieder da“

Schickt einfach eine Mail mit der, hoffentlich richtigen, Antwort und Eurer Adresse an gewinnspiel(at)film-blog.tv

Dazu habt ihr bis zum 30. April 2016 bis 24.00 Uhr Zeit.

Das Gewinnspiel wird von www.film-blog.tv veranstaltet, die Teilnahme ist kostenlos. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie von www.film-blog.tv
dürfen nicht mitmachen.Gehen mehr richtige Antworten ein, als Preise zur Verfügung stehen, lassen wir das Los entscheiden, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

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Constantin Film Verleih präsentiert „Er ist wieder da“ ab 7. April 2016 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensions- und die Gewinnspielexemplare wurden von der Constantin Film Verleih zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Er ist wieder da
Land / Jahr: Deutschland / 2015
Genre: Komödie, Satire, Romanverfilmung
Darsteller: Oliver Masucci: Adolf Hitler, Fabian Busch: Fabian Sawatzki, Katja Riemann: Katja Bellini, Christoph Maria Herbst: Christoph Sensenbrink, Franziska Wulf: Franziska Krömeier, Michael Kessler: Michael Witzigmann, Lars Rudolph: Kioskbesitzer, Thomas Thieme: Senderchef Kärrner, Marie Gruber: Mutter Sawatzki, Gudrun Ritter: Oma Krömeier, Stephan Grossmann: Göttlicher, Christoph Zrenner: Gerhard Lümmlich, Christian Harting: Chefredakteur, Maximilian Strestik: Ulf Birne (NPD), Cameos: Klaas Heufer-Umlauf, Joko Winterscheidt, Frank Plasberg, Daniel Aminati, Jörg Thadeusz, Roberto Blanco, Micaela Schäfer, Dagi Bee, Freshtorge, Robert Hofmann, Joyce Ilg u. a.
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Mizzi Meyer
Romanvorlage: „Er ist wieder da“ von Timur Vermes
Produzenten: Christoph Müller, Lars Dittrich
Ausführende Produzenten: Oliver Berben, Martin Moszkowicz
Kamera: Hanno Lentz
Schnitt: Andreas Wodraschke
Musik: Enis Rotthoff
FSK: 12

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 115 Min.+ Bonus
Bildformat: 1,85:1 / 16:9 – 1080 / 24p HD
Tonformat:DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen:Deutsch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Extras: Making-of, Interviews, entfernte Szenen, Probedreh, weitere Szenen, Audiokommentar, Teaser und Trailer, Wendecover

Webseite zum Film: Er ist wieder da