Escape From Tomorrow: „Bad things happen everywhere. Especially here.“

eft_coverEinige Tage Spaß und Vergnügen hat sich Jim versprochen, als er mit seiner Familie in Richtung des bekanntesten Vergnügungsparks der Welt aufbricht. Doch in der bonbonbunten Welt beginnt Jim allmählich, die Kontrolle darüber zu verlieren, was Wirklichkeit und was alptraumhafter Wahn ist. Inmitten des familienfreundlichen Spaßzwangs wird Jim von verstörenden Visionen und beklemmenden Entdeckungen über die wahre Natur des Vergnügungsparks heimgesucht. Sind die Prinzessinnen nebenbei Edel-Prostituierte? Und wer sind die beiden französischen Teenagerinnen, die ihm immer wieder über den Weg laufen?
Auf bizarre Art und Weise und ohne Genehmigung gedreht, ist „Escape From Tomorrow“ ein Film, den es der Pressemeldung zufolge eigentlich nicht geben dürfte. Psychedelisch, surreal, beklemmend und visionär, entführt Regisseur Randy Moore mit seiner provokanten Satire auf die faszinierend dunkle und verstörende Seite des „glücklichsten Platzes auf Erden“. Er zeigt uns den Horror, der hinter der Fassade des Glücks lauert.

Film-Blog.tv meint:
„Escape From Tomorrow“ lässt sich in keine Schublade pressen. In Schwarz-Weiß-Bildern zeichnet die ungewöhnliche Produktion aus 2014 die skurrile Reise einer Familie durch das Walt Disney World Resort, bei der sie einige der Bauchlandungen erlebt, die bei hoher Harmonieerwartung gerne einmal auftreten können. Und lässt seinen Charakter Jim White in eine fantastische Nebenwelt abrauschen, in der nichts ist wie es scheint. Oder so ähnlich, denn ein wenig verwirren will „Escape From Tomorrow“ am Ende durchaus. Autor und Regisseur Randy Moore hat den Produktionsnotizen zufolge ohne Drehgenehmigung in Walt Disney World und Disneyland gefilmt, und das heizte die PR-Maschine an. „Ein Film, den es nicht geben dürfte“, wurde dramatisch postuliert. Das ist übertrieben, die Produzenten haben die rechtlichen Grenzen vorher ausgelotet. Aber die Reaktion des bekannt beschützenden Disney-Konzerns zog Interesse auf diese Nischenproduktion. Ansehen oder nicht? Wer schrägen Humor und Groteske mag, wer Parodien auf harmoniegeschwängerte Heile Welt-Familienfilmen schätzt oder sich gerne auf ein Experiment abseits des Mainstreams einlässt, der kann diese Frage mit ja beantworten.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Der Tag fängt herrlich an: auf dem Hotelbalkon überblickt Jim White Walt Disney World Resort, oder zumindest den Hotelparkplatz, und erhält per Telefon die Kündigung seines Jobs. Sein Sohn sperrt ihn durch Verriegeln der Balkontür aus, die Harmonie ist perfekt. Als der Trip in den bonbonfarbigen Vergnügungspark mit seiner Frau Emily und den Kindern Sara und Elliot beginnt, verläuft der Tag anders als erwartet. Wiederholte Begegnungen mit den jungen Französinnen Isabelle und Sophie, Horrorvisionen bei den Fahrten, und eine dringende Warnung vor grassierender Katzengrippe gehören ebenso dazu wie die überraschende intime Begegnung mit einer mysteriösen Frau und eine unheimliche Untersuchung in der Siemens-Hölle im Inneren von Epcot. Der skurrile Aufenthalt endet mit dem Tode eines Familienmitglieds. Oder doch nicht? In Randy Moores „Escape From Tomorrow“ kann man das nie so genau wissen…

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Die titelgebende Verdrängung des kommenden Alltags, die Flucht in die zuckerwattensüße verdammt teuer bezahlte Scheinwelt, funktioniert bei Jim nicht. Randy Moore gönnt ihm kein Vergnügen, und zieht ihn über allgemein bekannte Störfaktoren der geplanten Familienharmonie immer tiefer in den Wahnsinn.

Der Film bezieht seine Originalität neben der skurrilen Handlung aus den surrealen Bildern im harmoniegetränkten Königreich der kommerziellen Unterhaltung als Schwarzweiß-Aufnahmen. Diese sind allerdings nicht nur künstlerisch, sondern vor allem produktionstechnisch begründet. Um als Touristen durchzugehen, setzten die Kameraleute zwei Canon EOS 5D Mark II und eine Canon EOS 1D Mark IV ein, wie sie die solventen Besucher der teuren Parks häufig verwenden. Da die Crew keinen ausreichenden Einfluss auf die Beleuchtung hatte, verwendeten sie den Monochrome-Modus für die Aufnahmen. „[W]e were shooting with really fast lenses wide open, so our depth of field was razor thin. Black and white helped us enormously with focus and composition, since we were doing almost everything in camera and didn’t use a focus puller“ erklärt Moore den technischen Hintergrund.

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Das unterstützt die Atmosphäre, wenn etwa die Audio-Animatronics zu alptraumhaften Erlebnissen transformieren, während sich die Augen von Jims Sohns Elliot schwarz färben und seine Frau Emily ihm ein „I hate you“ widmet.

Moore findet immer wieder eine amüsante Symbolik in seiner Bildsprache. Die Kamera überträgt Jims lüsterne Phantasien zu den jungen Französinnen auf den Springbrunnen und überkommt die legendäre disneypropagierte Reinheit. Und Sohn Elliot wandert auch schon einmal symbolisch in den Abfalleimer, als sein Vater seinen Genpool lieber mit den Französinnen vermischen möchte. Letztlich muss Elliot aber nur erbrechen, also alles normal. Und wenn die Symbolik bei Epcot harmlos ist, dann ändert Jim das durch seine Wahrnehmung: „Wow, it’s a giant testicle“…

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Und auch die Kameraperspektive entfernt den Zuschauer von der Harmonie. Auf die Idee, einen Schauspieler, der in’s Klo würgt, aus der Toilettenperspektive unter Wasser zu filmen muss man auch erst einmal kommen.

Weitere Seitenhiebe erhält die heile Disneywelt durch die Situationskomik. „Are you having lots and lots of fun“, fragt die Krankenschwester Jims Tochter Sara mit ihrem aufgeschlagenen Knie. Fraglich, mit dieser Verletzung, aber ihr Vater hat Spaß, als er der Helferin in den Ausschnitt starrt. Als Vater und Tochter gehen, beginnt die Krankenschwester zu schluchzen — in Randy Moores Vergnügungspark hat’s keiner leicht. Aber immerhin wird das Bild erhalten: als die Angestellten einen Toten aus dem Hotelzimmer tragen, ist das Logo mit der Mickey Mouse-Silhouette auf den Overalls prominent sichtbar.

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Das „Making of“ präsentiert sich dann konsequenterweise auch ganz überwiegend in Schwarz-Weiß. Die Interviews vermitteln interessante Hintergründe zur vollständigen Überwachung durch die Parkbetreiber, Security und der hier verwendeten Filmtechnik. Nicht zuletzt kommt auch der Rechtsberater zu Wort, der verdeutlicht, dass die juristischen Möglichkeiten für solch einen Film gar nicht so begrenzt sind wie die Mehrheit der Menschen anscheinend meint.

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Der Auftrag an den Komponisten Abel Korzeniowski wird auch beschrieben: „Can you write something more annoying than ‚It’s a small world‘?“. Es ist ihm gelungen, und seine schräg-süßen Klänge unterstreichen die Sprache des ungewöhnlichen Films wirkungsvoll.

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Koch Media präsentiert „Escape From Tomorrow“ ab 23. April 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD. Das Rezensionsexemplar wurde von Koch Media zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Escape From Tomorrow
Land / Jahr: USA / 2013
Genre: Fantasie
Darsteller: Roy Abramsohn als Jim White, Elena Schuber als Emily, Katelynn Rodriguez als Sara, Jack Dalton als Elliott, Danielle Safady als Sophie, Annet Mahendru als Isabelle, Alison Lees-Taylor als „Die andere Frau“ Lee Armstrong als the Mann auf dem Scooter, Amy Lucas als Krankenschwester, Zan Naar als Fantasiefrau/Neue Ehefrau, Stass Klassen als Wissenschaftler u. a.
Regie: Randy Moore
Drehbuch: Randy Moore
Produzenten: Soojin Chung, Gioia Marchese
Kamera: Lucas Lee Graham
Schnitt: Soojin Chung
Musik: Abel Korzeniowski
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 90 Min.+ Bonus
Bildformat:1:1,85 / 16:9 – 1080 / 24p HD
Tonformat:DTS Master Audio 5.1
Sprachen:Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailer Deutsch und Englisch, zwei Audiokommentare, Making of,
Postergalerie

Webseite zum Film: Escape From Tomorrow