Exit Marrakech: Generationenkonflikt

marrakech_coverAls der 17-jährige Ben seinen Vater Heinrich, einen gefeierten Regisseur, in Marokko besucht, beginnt für ihn kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Ohne seinen für ihn fremden Vater öffnet sich Ben immer mehr dem fremden Land und sucht sich seine eigenen Wege in der unbekannten Welt. Er verliebt sich in die junge Karima und folgt ihr in ihr entlegenes Heimatdorf. Als Ben sich tagelang nicht meldet, macht sich Heinrich erst widerwillig, dann zunehmend besorgt, auf die Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Während sie beide das ihnen fremde Land bereisen, scheint alles möglich zu sein: sich endgültig zu verlieren oder einander neu zu finden …

Film-Blog.tv meint:
„Exit Marrakech“ – ein Déjà-vu? Was mal einen Oscar eingebracht hat, kann so schlecht nicht sein. Charlotte Link kehrt hier nicht nur geografisch nach Afrika zurück. Der Vater-Sohn-Konflikt ist eingebettet in grandiose Landschaftsbilder, auch die Szenen in Marrakech sind sehr atmosphärisch fotografiert. Tukur und sein Filmsohn Schneider liefern eine tadellose schauspielerische Leistung ab, und dennoch springt der Funke nicht so recht auf den Betrachter über. Über zwei Stunden Laufzeit sind zudem deutlich zu lang. Für den Oscar wird es dieses Mal sicher nicht reichen. Dennoch ist „Exit Marrakech“ durchaus sehenswert. Schon wegen der schönen Bilder.

Der letzte Schultag vor den Sommerferien. Ben (Samuel Schneider) würde lieber mit seinen Freunden nach Nizza fahren, stattdessen muss er den Sommer mit seinem Vater in Marokko verbringen. Bens Eltern sind schon lange geschieden. Seine Mutter Lea (Marie-Lou Sellem) ist bereits auf dem Weg zu einem Konzertauftritt in Paris. Bens Vater Heinrich (Ulrich Tukur) ist ein erfolgreicher Regisseur und präsentiert seine aktuelle Inszenierung bei einem Theaterfestival in Marrakesch. Vor seiner Abreise wird Ben ins Büro des Internatsleiters Dr. Breuer (Josef Bierbichler) zitiert, doch der Direktor hält ihm keine Standpauke: Ben ist ein guter Schüler und schreibt vielversprechende Kurzgeschichten. Und trotzdem wirke er in letzter Zeit desinteressiert und bedrückt, so Breuer. Er rät Ben, die Sommerferien mit seinem Vater zu nutzen und seine Freiheit zu genießen.

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Als Ben in Marrakesch eintrifft, ist sein Vater nicht da, um ihn abzuholen. Ben soll ihn abends im Theater treffen. Auf eigene Faust erkundet er den berühmten Djemaa el Fna, den Stadtplatz mit seinen Gauklern, Schlangenbeschwörern und Marktständen. Verführt von einem Dealer kauft er sich in einer dunklen Nebenstraße Marihuana. Lessings „Emilia Galotti“: Ein deutscher Klassiker in einem arabischen Land – das erscheint Ben genauso fehl am Platz und überflüssig, wie er sich selbst fühlt. Das erste Wiedersehen mit seinem Vater nach längerer Zeit fällt eher unbeholfen aus. Der Regisseur ist viel zu sehr mit sich selbst und seiner Premiere beschäftigt. Immerhin hat Heinrich an Bens Geburtstag gedacht: Um Mitternacht wird er 17 Jahre alt. Die Partygesellschaft singt „Happy Birthday“ und Heinrich überreicht seinem Sohn eine Torte – ohne Schokolade, denn Ben ist Diabetiker.

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Als Ben am nächsten Morgen mit seiner Kamera loszieht, schläft sein Vater noch. Neugierig lässt sich Ben durch Marrakeschs Gassen treiben, verschenkt seine Jacke und sein T-Shirt an eine Gruppe Straßenjungs. Der Nachmittag mit Heinrich am Pool ihres luxuriösen Hotels könnte nicht gegensätzlicher sein. Heinrich hält nicht viel von Bens Wunsch, die Stadt zu erkunden und möchte Marokko lieber durch die Lektüre von Paul Bowles entdecken. Zum Glück hat Ben bei der Premierenparty zwei junge Marokkaner aus der Theatercrew kennengelernt, die ihm zeigen, wo in Marrakesch was los ist. Im Club „Cave Rouge“ wird Ben von der hübschen Karima (Hafsia Herzi) angesprochen. Seine neuen Freunde hatten ihn schon vorgewarnt, dass die Frauen hier alle Prostituierte sind. Aber das stört Ben nicht.

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Er lässt sich von Karima mit nach Hause nehmen. Er will keinen Sex, nur Zeit mit ihr verbringen. Auf Heinrichs SMS – „Wo bist du?“ – antwortet Ben nicht. Er genießt den Ausflug in das ‚wahre‘ Marokko. Am nächsten Morgen eröffnet Heinrich Ben, dass er sich wünschen würde, dass Ben seine vierjährige Halbschwester Paula endlich kennenlernt. Zusammen mit seiner zweiten Frau soll Ben sie in ein paar Tagen an der Küste in Essaouira treffen. Ben hat dazu nur wenig Lust. Die neue Familie seines Vaters interessiert ihn nicht.

Erneut zieht Ben allein los. Er möchte Zeit mit Karima verbringen, doch sie ist auf dem Weg, ihre Familie in einem abgelegenen Berber-Dorf zu besuchen. Ben bringt sie nicht nur zum Bus, sondern fährt spontan mit in Karimas Heimatdorf im Atlasgebirge. Obwohl Karima klar ist, dass sie größte Schwierigkeiten bekommen wird, wenn sie einen fremden Mann – noch dazu einen Ausländer – mitbringt, lässt sie zu, dass er sie begleitet.

Mit großen Bedenken und nur weil Vater und Bruder erst am nächsten Tag ins Dorf zurückkehren, nimmt Karimas Mutter den Gast auf. Pro forma wird Ben im Haus der Großmutter einquartiert, doch in dieser Nacht schläft Karima mit ihm. Seinen nun doch besorgten Vater, der ihn schon als vermisst melden wollte, speist Ben mit einer lapidaren SMS ab: „Alles im grünen Bereich.“

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Heinrich ist genervt: Morgen ist seine Aufführung in Rabat, aber er kann ja schlecht losfahren, ehe sein Sohn nicht wieder aufgetaucht ist. Über die jungen Männer, die Ben in den Club ausgeführt haben, findet Heinrich heraus, wo das Paar steckt und setzt sich ins Auto. In Karimas Dorf kommt es unterdessen zu einem heftigen Streit: Ihr Vater wirft sie hinaus, Karima hat die Familie in Verruf gebracht. Ben hätte mit Heinrich nach Rabat fahren können, doch er bleibt stur: Er will die Wüste sehen, kein Theater.

Karima kommt bei einer Freundin im nächsten Ort unter, doch Ben darf als Mann nicht über Nacht bleiben. Karima schickt ihn weg, sieht sie doch, dass ihre ungleiche Beziehung keine Chance hat. Ben ist plötzlich auf sich allein gestellt.

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Jetzt beginnt also das Abenteuer! Er bucht eine Wüstentour bei dem Fremdenführer Jaouad, fühlt sich jedoch verlassen und elend: Sein Handy-Akku ist leer, und sein Insulin-Vorrat wird langsam knapp. Als Ben am nächsten Tag in der Wüste majestätische Dünen hinunter surft, spürt er endlich die ersehnte Freiheit. Da treffen auch schon die Streifenwagen ein: Heinrich hat die Polizei alarmiert, seit zwei Tagen hat er nichts mehr von seinem Sohn gehört.

In einer kleinen schäbigen Polizeistation am Wüstenrand wird Heinrich sein verlorener Sohn übergeben. Die beiden treten ihre Reise zurück in die Zivilisation an und haben sich dabei wenig zu sagen. Eingeschlossen in Heinrichs Wagen sind sie gezwungen, endlich Zeit miteinander zu verbringen und sich mit dem anderen auseinander zu setzen. Dabei offenbaren die beiden ihre Wunden und Verletzungen und kommen sich zögerlich näher. Hier in der Abgeschiedenheit der Fremde stehen sich Vater und Sohn auf Augenhöhe gegenüber und Heinrich muss verstehen, dass er von Glück reden kann, wenn er im Leben seines fast erwachsenen Sohnes überhaupt noch eine Rolle spielen darf.

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Dann kommt der Wagen der beiden im Dunklen von der Straße ab und kracht durch die Leitplanke in die Tiefe…

Die Blu-ray ist technisch auf aktuellem Stand. Das Bild ist, auch bei Großprojektion, scharf, sehr farbenfroh und kontrastreich. Der Ton kommt etwas frontlastig, doch räumlich wo nötig, aus den Surroundboxen.

STUDIOCANAL GmbH präsentiert „Exit Marrakech“ auf Blu-ray Disc™, DVD und als VOD.
Das Rezensionsexemplar wurde von STUDIOCANAL GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Exit Marrakech
Land / Jahr: Deutschland / 2013
Genre: Drama
Darsteller: Samuel Schneider: Ben, Ulrich Tukur: Bens Vater Heinrich, Hafsia Herzi: Karima, Marie-Lou Sellem: Bens Mutter Lea, Josef Bierbichler: Rektor u. a.
Regie: Caroline Link
Drehbuch: Caroline Link
Produktion: Peter Herrmann
Kamera: Bella Halben
Schnitt: Patricia Rommel
Musik: Niki Reiser
FSK: 6

Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 122 Min.
Bildformat: Full HD 16:9 (2,35:1)
Tonformat: DTS HD Master Audio 5.1
Sprachen:Deutsch, Hörfilmfassung für Sehbehinderte
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Extras: Audiokommentar von Caroline Link, Samuel Schneider und Peter Herrmann; Geschnittene Szenen; Interviews mit Caroline Link, Hafsia Herzi, Samuel Schneider und Ulrich Tukur; Making of; Trailer; Wendecover

Webseite zum Film: Exit Marrakech