Faust – eine deutsche Volkssage: Das Wort, das jubelnd durch die Schöpfung schallt

murnau_cover Basierend auf Motiven der Marlowe-Dramatisierung wie des Goethe-Klassikers sowie der Volkslegende erzählt FAUST die Geschichte des Gelehrten Faust, der von Mephisto in Versuchung geführt wird. Mephisto hatte in einem Streit mit dem Erzengel Gabriel behauptet, er könne jeden Menschen vom Weg Gottes abbringen. Um den alten Faust zu verführen, läßt Mephisto das Land von der Pest heimsuchen. Die sterbenden Menschen flehen Faust um Hilfe an. Als er trotz seiner Gebete keine Hilfe von Gott erhält, sucht er Rat beim Teufel.

Film-Blog.tv meint:
Keine geringeren als ein Erzengel, der Teufel und die Reiter der Apokalypse eröffnen Murnaus Meisterwerk aus 1926. Schon die Ouvertüre lässt keinen Zweifel aufkommen: dieser Höhepunkt des innovativen Regisseurs, vier Jahre nach Nosferatu, ist dramatisch und bildgewaltig! In den Jahren des Experimentierens ist Murnau zu einem Meister der jungen Filmkunst geworden, und er weiß auch treffend zu besetzen: vor allem Emil Jannings als Mephisto und Camilla Horn als Gretchen sind brilliant. Aber auch der Rest des Cast, der 1926 vermutlich noch nicht so genannt wurde, überzeugt. Dramaturgisch und filmisch ist dieses Meisterwerk einfach ein Meilenstein und unbedingt sehenswert!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Faust ist das deutsche Drama schlechthin: wohl fast jeder deutsche Schüler lernt das Werk im Unterricht kennen. Mein Deutschlehrer berichtete, dass sein Vater den gesamten Faust aus eigenem Antrieb auswendig gelernt hat. Mir ist die literarische Vorlage in der Version von Goethe bekannt, die darauf basierende Gründgens-Verfilmung sowie klassische Interpretationen auf der Bühne.

Murnaus Faust interpretiert die Erzählung des suchenden Gelehrten, der einen Bund mit dem Teufel eingeht. Es ist nicht die Version, die wir durch Goethe kennen. Diese wäre für einen Stummfilm sicher auch zu dialogorientiert. Die Regie hat für Worte lediglich Zwischentitel zur Verfügung, so muss ein Stummfilm auch von Goethes Version abweichen.

Murnaus Basis ist das Volksbuch „Historia von Doktor Johann Fausten – dem weitbeschreyten Zauberer und Schwarzkünstler“ aus dem 16. Jahrhundert sowie spätere Dramatisierungen dieser Volkssage.

Erzengel Michael und Mephisto schließen einen Pakt: die Erde soll Mephisto gehören, wenn es ihm gelingt, die Seele des Gelehrten Faust zu erringen.

Faust ringt um ein Mittel gegen die Pest, die in der Stadt grassiert. Als er dazu böse Geister anruft, erscheint Mephisto. Faust willigt in einen Vertrag ein und kann für den Preis seiner Seele Pestkranke heilen. Mephisto macht ihn zu einem jungen Mann, und gemeinsam ziehen sie an den Hof von Parma. Faust verführt die Herzogin aus ihrem eigenen Hochzeitsfest heraus. Sein Leben in neuer Jugend stellt ihn nict zufrieden, er reist zurück in seine Heimat. Dort verliebt er sich in Gretchen, mit Hilfe Mephistos findet er Zugang zu der jungen Frau. Mephisto lässt sich mit Marthe Schwerdtlein ein. Im Kampf tötet Mephisto Gretchens Bruder Valentin durch einen Stoß in den Rücken.

Gretchen wird als Dirne von der Gesellschaft geächtet. Als sie im Winter ein Kind von Faust zur Welt bringt, muss es erfrieren; niemand gewährt der Mutter mit ihrem Neugeborenen Einlass. Darauf wird sie als Kindsmörderin zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Faust verdammt aufgrund dieser Folgen die Jugend, Mephisto gibt ihm seine alte Gestalt zurück. Auf dem Scheiterhaufen erkennt Gretchen ihren Faust in dem nun alten Mann. Beide sterben, sich auf dem brennenden Scheiterhaufen umarmend, und fahren auf zum Himmel. Mephisto hat seine Wette mit dem Erzengel verloren. „Das Wort das jubelnd durch die Schöpfung schallt … du kennst es nicht?“ Nein, er kennt es nicht, das mächtige Wort: Liebe.

Gösta Ekman als Faust, Emil Jannings als Mephistopheles und Camilla Horn als Gretchen verkörpern sehr ausdrucksstark. Die Maske und die Beleuchtung schaffen eine expressionistisch wirkende Ausdruckskraft. Dramatik im Himmel, Verzweifelung und Ausgelassenheit auf Erden: Murnau und sein Team sind Magier, die die Technik ihrer Zeit bis an die Grenzen ausloten. Vor knapp hundert Jahren müssen Vorführungen dieses Kunstwerks als Zauberei gewirkt haben. Auch heute wirken die Aufnahmen noch sehr stark –
um so mehr, wenn man sie im technischen Spiegel ihrer Entstehungszeit betrachtet. Die Spezialeffekte, die Murnau hier einsetzt, waren bis dahin nicht vorstellbar.

Viele der Szenen gerade eingangs des Films kommen mit wenig Bewegung aus. Die verharrenden Darsteller und ihre Kulisse wirken alten Gemälde ähnlich. Später beschleunigt sich der Rhythmus. Überblendungen lassen Szenen traumhaft und visionär wirken.

Inmitten dieser avantgardistischen Effekte wirken Zwischentitel, in Frakturschrift gehalten, und erinnern an die jahrhundertealte Handlung.

Es ist ein echter Verdienst der Restauratoren, die 1999 dieses Material bearbeitet haben, und das der zahlreichen Unterstützer, dass dieses frühe filmische Kunstwerk erhalten wurde und nun in dieser Qualität verfügbar ist.

Die Reportagen im Bonusteil sind sehr informativ. In „Die Sprache der Schatten: Friedrich Wilhelm Murnau und seine Filme – das Meisterstück Faust“ aus 2007 erfahren wir, wie Camilla Horn während der Dreharbeiten leiden musste. Wie alle Schauspieler unter der unter den Scheinwerfern 50°C heißen Luft, in der Murnau manche Szenen stundenlang bis zu seiner Zufriedenheit wiederholen ließ. Angereichert mit Quecksilberdämpfen aus den heißen Bogenlampen. Bei endlosen Einstellungen in echten Ketten, wundgescheuert und blutend, im Ventilatorensturm über einen langen Zeitraum umherfliegendem beißendem Salz als Schneeattrappe ausgesetzt, emotional aufgewühlt, für die authentische Darstellung von Trauer, real hungernd für die Kerkerszene, stundenlang festgebunden im Rauch des Scheiterhaufens: alles für die Kunst, alles für den von ihr verehrten Regisseur. Ausführlich kommt die Darstellerin in einem fünfzehnminütigen Gespräch zu Wort, in dem ihre Erzählung 50 Jahre nach dem Dreh teils vertikal geteilt den beschriebenen Szenen gegenübergestellt werden.

Auch das beiliegende 16-seitige Begleitheft vermittelt zahlreiche interessante Hintergrundinformationen, kompetent verfasst.

Universum Film präsentiert „Faust – eine deutsche Volkssage“ in der F. W. Murnau-Box (Deluxe Edition) auf einer DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Universum Film zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Faust – eine deutsche Volkssage
Land / Jahr: Deutschland / 1926
Genre: Stummfilm, Literaturverfilmung, Drama
Darsteller: Emil Jannings: Mephisto; Camilla Horn: Gretchen; Frida Richard: Gretchens Mutter; Wilhelm Dieterle: Valentin; Yvette Guilbert: Marthe Schwerdtlein; Eric Barclay: Herzog von Parma; Hanna Ralph: Herzogin von Parma; Werner Fuetterer: Erzengel; Hans Brausewetter: Bauernbursche; Lothar Müthel: Mönch; Hans Rameau; Hertha von Walther; Emmy Wyda u.a.
Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch: Hans Kyser
Produktion: Erich Pommer
Kamera: Carl Hoffmann
Schnitt:
Musik: nach Paul Hensel 1926

DVD
Laufzeit: ca. 103 Min. + ca. 60 min. Bonus
Bildformat: 1:1,33
Tonformat: Dolby Digital 5.1
Sprachen: Deutsch (Zwischentitel)
Untertitel:
Bonus: „Die Sprache der Schatten: Friedrich Wilhelm Murnau und seine Filme – das Meisterstück Faust“ (2007); Camilla Horn sieht sich als Gretchen in Munraus Stummfilm FAUST; 16-seitiges Booklet; Drehbuch im DVD-ROM-Teil
FSK: 6

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