Gangster Chronicles: Das kleine Pfandhaus der Gewalt

gangster_chrono_coverChaos pur in Lousiana! Das Pfandleihhaus von Alton wird zum Mittelpunkt dreier verrückter Geschichten, die sich immer wieder kreuzen: Zwei Meth-Junkies planen, ihren eigenen Dealer auszunehmen, ein frisch verheirateter Mann findet den Ehering seiner vermissten Ex-Frau bei Alton und macht sich auf die Suche nach ihr, und ein mieser, in die Jahre gekommener Elvis-Imitator muss sich entscheiden, ob er einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um seinen Durchbruch zu schaffen…

Film-Blog.tv meint:
Ein wenig wie Tarantino mit etwas weniger Genialität. Ein wenig wie Sin City, nur in Farbe und weniger kunstvoll-abstrahiert. Aber keinesfalls schlecht: das Werk um ein Südstaaten-Pfandhaus führt drei Handlungsstränge ein, die nicht eben arm an Gewalt und Flüchen sind. Die FSK-Einstufung 16 ist nicht übertrieben, wenn sich Matt Damon auf der Suche nach seiner vermissten Ex-Frau durch Louisiana prügelt und foltert. Der Moment, in dem er sie findet, ist auch kein Ponyhof.
Dabei kommt die Komik nicht zu kurz. Sowohl über die Dialoge als auch szenisch. Wer diesen Film in den Player legt, sollte nicht zartbesaitet sein. Wer Gewaltexzesse mit Distanz betrachten kann, wird durch namhafte Schauspieler wie Brendan Fraser und Eliah Wood mit skurill-komischen Dialogen und durch kreative Kameraideen prima unterhalten. Auch Paul Walker ist dabei, der wenige Monate nach der Filmpremiere in seinem Porsche Carrera verunglückte.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

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Raw Dog und Randy: “The Shotgun”
Die „Rebel flag“ auf dem Dach des Trucks und eine Hakenkreuz-Tätowierung am Hals: Raw Dog und Randy wirken wild. Sie wollen Geld und planen ihren Dealer auszurauben. Gar nicht so leicht, wenn Raw Dog seit drei Tagen drauf ist und halluziniert, und Randy vorher noch eine satte Nase Kokain zieht. Der dritte im Bunde, Vernon, verpfändet für die Benzinkosten schnell noch die Schrotflinte und … ups, deren Fehlen erschwert nun den geplanten Raubüberfall doch ein wenig.

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Wie gut, dass ein freundlicher Cowboy vorbeikommt, mit dem Kennzeichen „The Man“ am Truck. Der zündet sich seine Zigarette am Filterende an und gibt Vernon seine Schrotflinte. Die er nicht als Schrotflinte bezeichnet wissen will, sondern als „Erlösung“. Das Kreuz auf seiner breiten Gürtelschnalle zeigt den Grund seiner waffenteilenden Nächstenliebe. Ein Mann Gottes mit Großkaliberwaffe im Fahrzeug, Ach ja, vorher wird Vernon noch von Randy überfahren und schwerverletzt zurückgelassen, das macht das Beziehungsgeflecht des Trio Infernale auch nicht harmonischer.

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Richard: „The Ring“
Richard und Sandy sind nach ihrer Heirat auf dem Weg nach Florida. Dort wollen sie ihren Honeymoon verbringen. Ein gehacktes Bankkonto und ein widerspenstiger Geldautomat führen sie in das Pfandhaus von Alton und Johnson. Dort entdeckt Richard den Ring seiner vermissten ersten Frau. Damit beginnt eine Suche, bei der er sich entlang einer längeren Kette von Männern entlangprügelt, die im Besitz des Rings waren. Wie in einem Computerspiel erlangt er dabei eine Pumpgun als zusätzliches „Werkzeug“-Element, das seinen Auskunftsersuchen mehr Nachdruck verlangt. Aus dem Mann am Ende der Spur, Johnny, gespielt von Elijah Wood (richtig, der Frodo in „Lord of the Rings“), foltert er die sehr dunkle Wahrheit heraus…

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Rick: „The Medaillon“
Elvis-Imitator Rick Baldoski ist pleite, sein Auto müffelt und seine Freundin ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Sie verlässt ihn in dem Bewusstsein, es überall zu schaffen, da sie etwas hat, das ihrem gescheiterten Freund fehlt: „A pussy“. Sein protziger goldener Elvis-Anhänger bringt ihm 200 Dollar beim Pfandleiher, und damit Benzin in den Tank. Bei zwei sehr surillen benachbarten Friseuren, derentwegen die gesamte Kleinstadt verfeindet ist, hat er kein Glück. Der erste ruiniert seine Koteletten, der zweite schneidet ihm lediglich mit dem Rasiermesser in den Nacken. Und möchte dafür Geld sehen:12 Dollar bitte.
Ein mysteriöser Fremder verspricht dem glücklosen Elvis-Double Erfolg. Wer das ist, verrät die Hausnummer: 666 Charon Street. Dass er mit dem Teufel spricht, erzählt Rock auch gleich Mama am Telefon. Als seine Show auf der Dorfkirmes bemitleidenswert floppt – Bandsalat im Kassettenrekorder, versagendes Feuerwerk, und Omas Lichtshow mit der Taschenlampe funktioniert auch nicht – geht er den Pakt mit dem Teufel ein. Was schon für Doktor Faustus ging, hebt nun auch seine Show auf Las Vegas-Niveau. Und führt mal eben alle filmischen Handlungsstränge zusammen.

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Der Film führt mit Comic-Einblendungen in seine Kapitel ein und ist insgesamt comicartig angelegt. Neben der schablonenhaften und graphischen Inszenierung setzt „Gangster Chronicles“ Elemente wie visualisierte Drogenhalluzinationen ein. Dazu werden Bilder um die Mittelachse gedreht, überlagert und mit Flammen unterlegt.

Neben der plakativen Gewalt nimmt der Film auch dort bei Quentin Tarantino Anleihen: wie in Pulp Fiction verbindet er Handlungen lose. Dies macht es möglich, drei durchaus sehenswerte Kurzgeschichten auf Spielfilmlänge zu bringen. Einen dialogischen Bezug zu Pulp Fiction gibt es auch: Pfandhauseigner Alton berichtet von seinem Bruder, der tot im Keller seines Pfandhauses gefunden wurde. Darüber wolle er nicht reden…

Scott Foundas schreibt in Variety, dass dieser Film vor allem von „bösen Dingen handelt, die dummen Menschen passieren“. Stimmt schon. Aber dies durchaus unterhaltsam für alle, die sich mit einem gewollt flachen Niveau anfreunden können, das sich selbst nicht ernst nehmen will, sowie zelebrierter Brutalität. Dabei ist das Toleranzniveau gegenüber den Gewaltszenen bei den Zuschauern sicher unterschiedlich ausgeprägt. Für mich ist es dort überreizt, wo die Entführungsopfer des Dorfperversen nicht nur misshandelt, sondern auch unnötig exponiert in ihrer Nacktheit gezeigt werden. Dass Rick seiner entblößten Frau nicht sein Hemd anbietet, überzieht die Darstellung zu voyeuristisch. Wo wir gerade über diese Szene sprechen: seine Wortfindungsstörung können wir mit „Stockholm-Syndrom“ heilen, und dies wird hier recht extrem dargestellt. Dessen Folgen für Richard dürften wohl nicht heilbar sein, zu wirksam war die Gehirnwäsche der Missbrauchten.

Dass die befreiten misshandelten Frauen, nackt und verdreckt, nun ausgerechnet zu „Amazing Grace“ auf die Dorfkirmes marschieren, schmalzig intoniert vom Elvis-Kopisten Rick, versöhnt wieder etwas mit einer Situationskomik, die dem Film immer wieder gelingt.

Der Ton lässt in der Originalversion ein wenig Dynamik vermissen und bringt Dialoge teils etwas dumpf. Die nuschelnden Pfandhausbetreiber sind damit nicht leicht zu verstehen. Bei ihnen klingt Louisiana-Bayou durch, klassifizierte die us-amerikanische Abteilung von film-blog.tv schon ohne Kenntnis des Filmorts. Die übrigen Akteure machen es einem leichter. Die deutsche Synchro ist hier klarer auf die Tonspur gebannt, aber Hochdeutsch im tiefen US-Süden? Die Bildqualität, geprägt von einer Kamera, die gerne in Bewegung ist, ist ansehnlich für eine DVD.

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Die Disc startet ungefragt mit einigen Trailern, lässt einen aber per Fernbedienung in das Menü verzweigen.

Die Universum Film GmbH präsentiert „Gangster Chronicles“ ab 29.August 2014 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von der Universum Film GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Pawn Shop Chronicles
Land / Jahr: USA / 2013
Genre: Action, Komödie
Darsteller: Paul Walker: Raw Dog; Brendan Fraser: Ricky; Elijah Wood: Johnny Shaw; Matt Dillon: Richard; Chi McBride: Johnson; Vincent D’Onofrio: Alton; Norman Reedus: Stanley u. a.
Regie: Wayne Kramer
Drehbuch: Adam Minarovich
Produktion: David Mimran, Steven Schneider, Jordan Schur, Paul Walker
Kamera: Jim Whitaker
Schnitt: Sarah Boyd
Musik: The Newton Brothers
FSK: 16

Blu-ray™
Laufzeit: ca. 112 Min. + Bonus
Bildformat: 1,85:1 / 16:9
Tonformat: DTS-HD 5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Deutscher und US-Trailer, Trailershow