Golden Globe Hurtigruten: Unterwegs auf der Reichsstraße Nr. 1

hurtigruten_coverFür die Norweger ist sie eine lebende Legende: Reichshauptstraße Nr. 1 wird die Seeverbindung von Bergen im Süden des Landes nach Kirkenes im Norden noch heute genannt. Auf ihrer Reise legen die komfortablen Schiffe der Hurtigruten in Städten an, die viele Facetten Norwegens widerspiegeln und skandinavische Geschichte geschrieben haben: Ålesund, Trondheim und Tromsø. Mit dem Bus geht es bis ans Ende der europäischen Welt: zum Nordkap. Einer der Höhepunkte der Reise ist der Abstecher in den berühmtem Geirangerfjord. Zum greifen nahe ziehen die Felswände im engen Trollfjord am Schiff vorbei. Ausflüge führen zum Svartisen-Gletscher und dem Saltstraumen, dem stärksten Malstrom der Welt. Nicht zu vergessen: das einmalige Gipfelpanorama der Lofoten-Inselgruppe mit ihrem Zentrum Vesterålen. Auf Kurs der alten Postschiff-Linie steuern die Hurtigruten-Schiffe hinein in die Wunderwelt des Hohen Nordens.

Film-Blog.tv meint:
Petra Bardehle und Wolfgang Wingenbach gelingt es, die spektakuläre Reise auf dem Hurtigrutenschiff Nordnorge spannend und in herrlichen Bildern nahezubringen. Durch Einblicke in die Stopps entlang der Route Bergen – Kirkenes und Interviews mit der Crew vermitteln sie einen hervorragenden Einblick in malerischen, technisch hochwertigen Aufnahmen. Wer eine Reise mit der legendären Postschiffroute plant, kann sich mit diesem Titel umfassend vorbereiten. Alle anderen gelingt es damit, sehr realistisch zu träumen und die oft als schönste Seereise der Welt bezeichnete Tour aus dem Blickwinkel eines Passagiers kennenzulernen. Ich kenne eine ganze Reihe von Norwegendokumentationen; Golden Globes „Hurtigruten“ setzt sich dank angenehmer Erzählweise und bildschöner Impressionen an die Spitze. Für Nordlandfans ein absolutes Muss!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Wo ist das Wasser? Bevor es für den Zuschauer auf die „Nordnorge“ geht, führt Golden Globes „Hurtigruten“ zunächst einmal für rund zehn Minuten in die Hansestadt Bergen. Es ist schön, dass die Stationen der Reise vorgestellt werden, denn sie gehören zu einer Fahrt auf der Huritgruten-Linie wie die Wellen und der Wind. Im Fall dieser Stadt geht die Reportage sogar auf Edvard Griegs Anwesen Troldhaugen ein, heute ein Museum und wichtiger Bestandteil norwegischer Kulturgeschichte.

Dann heißt es aber „Leinen los“. Der Off-Kommentar erläutert, dass „unser“ Schiff, die Nordnorge, eines von elf der Flotte ist, und nimmt uns mit zum Check-in in Bergen, dem ersten von 34 Orten auf der Reise bis Kirkenes.

Aus der Sicht eines Passagiers erleben wir die Vorstellungsrunde der Mannschaft durch den Kapitän, die Sicherheitseinweisung, das Panoramadeck, das Restaurant und die Bar. Und auch Bereiche, die der Passagier üblicherweise nicht sieht, öffnet die Dokumentation für uns: Wir bekommen unter anderem einen Einblick in Maschinenraum mit seinen 12.000 PS starken Dieselaggregaten, die pro Stunde 1.000 Liter konsumieren, was sich auf der Strecke Bergen-Kirkenes zu 125.000 Litern addiert. Das sagt Hans Ole Nilsen, Chefingenieur auf der Nordnorge. Neben ihm sprechen die Dokumacher für uns mit Kapitän Arnvid Hansen auf der Brücke, Hotelchef Aksel-Arne Antonsen und dem sympathischen Reiseleiter Eskild Ognes. Der sechssprachige Dreh- und Angelpunkt des Passagierbetriebs erläutert auf Deutsch, wie sich das Wetter auf seine Arbeit auswirkt. Ist es schön, ist die Kabine für die Passagiere groß und überhaupt alles schön. Ist es schlecht, ist auch die Kabine mies und das Essen gleich mit.

Die Kamera zeigt uns midnattsolen — nicht das so benannte Schwesterschiff der Hurtigruten-Flotte, sondern die namensgebende Mitternachtssone, aus der Perspektive des Decks. Und weil wir eine Sommertour begleiten, eröffnet die Golden Globe-Dokumentation mit dem Geirangerfjord, UNESCO-Weltkulturerbe, einen weiteren atemberaubenden Anblick. „Der Geiranger braucht keinen Priester. Hier spricht die Natur Gottes Sprache.“, zitiert der Sprecher den norwegischen Priester und Poeten Petter Dass (ca. 1647 bis 1707), und stellt ein zeitgenössisches Zitat daneben: „Die Landschaft ist so schön, dass es innerlich schmerzt“, sagte demnach die Schauspielerin Liv Ullmann über ihr Heimatland. Vorbei an den Wasserfällen „Die sieben Schwestern“ zieht die Nordnorge weiter.

Wir erleben eine Polarkreistaufe mit dem Meeresgott Neptun, bei dem die Passagiere an Deck mit Eiswasser in den Kragen getauft werden. Manche bekommen eine eiskalte Überraschung zusätzlich an eine andere empfindliche Stelle… Am Ende des Trollfjords werden wir Zeuge eines spektakulären Wendemanövers, das die nautische Kunst der Besatzung eindrucksvoll demonstriert, und auch beim Anlaufen der Lofoten weiß Golden Globe etwas zu berichten. Der Legende nach hatte Gott am Ende der Schöpfung noch etwas Urmaterie übrig, die er ins Meer warf uns sprach „Möge es werden was es wolle“. Demnach wurden es die Lofoten, und tatsächlich ist das Gestein mit geschätzten 3,5 Milliarden Jahren sehr alt.

Ein weiteres Beispiel demonstriert, welche kurzweiligen Exkursionen die Tour bietet. Als die Nordnorge im Hafen von Bodø anlegt, machen sich einige der Passagiere in wasserdichten Anzügen und Schutzbrillen auf. Schlauchboote bringen sie zum Salstraum, den die Reportage als den stärksten Mahlstrom der Welt beschreibt. Durch den Sund zwischen Straumen und Straumøy fließen 400 Millionen Kubikmeter Wasser im Gezeitenwechsel hinein und hinaus. Bei einer Strömungsgeschwindigkeit von 40 km/h bilden sich Strudel von zehn Meter Durchmesser und vier Meter Tiefe. Die Kamera zeigt, wie die Boote mit ihren 400PS starken Motoren gegen die spektakuläre Naturgewalt ankämpfen.

An der Seilbahn Fjellheisen („Der Bergaufzug“) bei Tromsø treffen sich Berge und Meer. Die „Pforte zum Eismeer“ zeigt den Ort, an dem Fridtjof Nansen startete und Roald Amundsen seine Nordpolüberquerung begann. Das Nordkap präsentiert sich karg im Nebel; der Einblick in die Nordkaphalle mit ihrer Multimediashow zeigt zumindest, was der Nebel verbirgt.

Golden Globes „Hurtigruten“ von Petra Bardehle und Wolfgang Wingenbach findet eine wundervolle Balance von Schiffsimpressionen, Interviews, Städten, Exkursionen sowie Natur, Natur und immer wieder Natur. Der Kamera gelingt es großartig, diese atemberaubenden Anblicke einzufangen, mit dem Wetter hatten die Produzenten wirklich Glück — und mit ihnen die Zuschauer, die die landschaftliche Pracht in fantastischen Farben und klaren Aufnahmen genießen können. Warum Ålesund sich im Jugendstil zeigt, welche Bedeutung der Trondheimer Niddarosdom hat — Golden Globes „Hurtigruten“ vermittelt es anschaulich. Auf Details wie die Kabinenkategorien und deren Ausstattung geht die Dokumentation nicht ein, das ist jedoch kein Manko. Diese Information wird man zwangsläufig recherchieren, wenn man eine Reise mit der Linie bucht. Golden Globes „Hurtigruten“ vermittelt Bewegung und Stimmungen, und dies ganz vorzüglich.

Hier und dort ergänzen historische Aufnahmen und alte Spielfilmszenen das Gezeigte. Dies gilt für das Thema der Wikinger im Zusammenhang mit den Lofoten, für alte Aufnahmen aus den Kontoren in Bergen wie auch das Hurtigrutenmuseum, das die schwierigen, aber wichtigen Anfänge der Linie mit großer seemännnischer Kunst auch filmisch zeigt.

Wem manche Einstellung bekannt vorkommt, der hat vielleicht die Ausgabe „Norwegen – Zauberreich der Mitternachtssonne“ aus der Golden Globe-Reihe zuvor gesehen. Dass Petra Bardehle und Wolfgang Wingenbach hier eine Schnittmenge nutzen, ist naheliegend und kein Problem; es sei darauf lediglich für die Interessenten hingewiesen, die die Schwester-BluRay schon ihr eigen nennen. Es bleibt dennoch massig Neues zu entdecken. Wie in der Norwegen-Edition verschwimmt auch hier die Aussprache des angenehmen Off-Sprechers ein wenig zwischen Deutsch und Norwegisch. Ålesund und Liv Ullmann wollen nicht so recht gelingen, vor allem o und u werden dann doch durchgängig Deutsch ausgesprochen. Dies aber nur als Randnotiz für angehende Nordlandreisende, die dann vor Ort eine andere Aussprache erwarten wird.

Norwegenfans und allen, die sich auf der Hurtigruten-Linie gen Norden aufmachen wollen, kann diese rund 97 Minuten lange Dokumentation uneingeschränkt empfohlen werden. Die Tabletten gegen die Seekrankheit können in der Schublade bleiben. wenn sich die Disc im Player dreht. Wer sich den Traum der Hurtigruten-Reise erfüllt, bekommt davon welche an Bord, verrät die Reportage.

Ob per Golden Globe oder per Schiff: God tur!

Komplett-Media präsentiert „Hurtigruten“ auf Blu-ray Disc™. Das Rezensionsexemplar wurde von Komplett-Media zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Hurtigruten
Land / Jahr: Deutschland / 2009
Genre: Dokumentation
Interviewpartner: Arnvid Hansen, Aksel-Arne Antonsen, Eskild Ognes, Hans Ole Nilsen u. a.
Regie: Petra Bardehle, Wolfgang Wingenbach
Drehbuch: Petra Bardehle, Wolfgang Wingenbach
Produzenten: Petra Bardehle, Wolfgang Wingenbach
FSK: ohne Altersbeschränkung

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 97 Min.
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Sprachen: Deutsch
Untertitel: keine
Extras: keine

Webseite zum Film: Hurtigruten