Guten Tag, Ramón: Yo soy Ramón

ramon_coverDer junge Ramón lebt in einer abgeschiedenen mexikanischen Kleinstadt, aus der er ausbrechen will. Bereits fünf Mal hat er erfolglos versucht, illegal die Grenze zu den USA zu überqueren. Doch Ramón gibt nicht auf und weigert sich, in seiner Heimat eine Verbrecherlaufbahn einzuschlagen. Stattdessen entscheidet er sich dazu, nach Europa auszuwandern und in Deutschland nach der Tante eines Freundes zu suchen. Seine Reise führt ihn nach Wiesbaden, aber die Tante ist nicht aufzufinden. Überrascht vom kalten deutschen Winter, einsam und ohne Anlaufstelle, muss Ramón nun auf der Straße leben, bis er die einsame Rentnerin Ruth trifft, die ihn unterstützt. Jenseits aller Sprachbarrieren und kultureller Vorurteile entwickelt sich eine verblüffende Freundschaft…

Film-Blog.tv meint:
Wir erleben derzeit eine riesige Wanderungsbewegung: Rund 20 Millionen Menschen verlassen ihre Länder. Nicht wenige von ihnen kommen in Deutschland an. Autor und Regisseur Jorge Ramírez Suárez erinnert in „Guten Tag Ramón“ daran, dass jeder dieser Menschen ein Individuum ist. Selbst, wenn es sich bei seinem jungen Protagonisten „nur“ um einen Wirtschaftsflüchtling handelt, findet der leise Film zu einer deutlichen Botschaft. Jorge Ramírez Suárez gelingt es, die Verbindung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu inszenieren, die selbst das wichtige Instrument der Sprache überbrückt. Neben der Thematik Immigration lässt der Deutsch-Mexikanische Macher auch die deutsche Gesellschaft in einen Spiegel sehen und regt zum Nachdenken über den demographischen Wandel und Isolation an. „Guten Tag Ramón“ liefert zwei Stunden kurzweilige Handlung und regt zur Reflektion an, ohne jemals den Zeigefinger zu erheben. Jorge Ramírez Suárez ist ein fantastischer Film gelungen.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Aus der mexikanischen Kleinstadt in die Rheinhaustraße 138 in Neuwied: der junge Ramón sucht eine Perspektive in Deutschland, und Gloria Garcia, die Tante eines Freundes in Mexiko, soll die erste Anlaufstelle am anderen Ende der Welt sein. Nachdem mehrere illegale Grenzübertritte in die USA scheiterten, verspricht das ihm vorher unbekannte Deutschland ein leichtes Ziel zu sein. Doch die Dame wohnt nicht mehr dort. Ramón hat nun ein gewaltiges Problem: Er ist in einem Land, dessen Sprache er nicht versteht, in dem er niemanden kennt. Ihm ist kalt, und er hat Hunger. Gestrandet in Neuwied geht dem jungen Mexikaner schon bald das wenige Geld aus. Er weiß nicht, wie er von Deutschland aus Telefonnummern in Mexiko anwählen kann. Für die Einreise brauchte er ein Rückflugticket, und dies möchte er nun sofort nutzen. Der Mitarbeiter am Flughafencounter spricht sogar Spanisch. Ramóns Problem: Die Umbuchung kostet 250 Euro, und dieses Geld hat er nicht. Damit wird der Bahnhof zu seinem Schlafzimmer, und der leere Pappbecher in seiner Hand zur einzigen Einnahmequelle. Während er im Bahnhof schläft, wird ihm sein Rucksack gestohlen. Ramón ist verzweifelt: Sein einziger Besitz neben den Kleidern am Leib ist verschwunden!

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Der Inhaberin eines Tante Emma-Ladens tut der verletzlich wirkende Junge leid, und die alleinlebende Seniorin Ruth Grothe nimmt sich Ramóns an. Sie versorgt ihn mit einer warmen Jacke, gibt ihm etwas zu essen und ein wenig Bargeld. Nach ein paar Tagen lässt sie ihn in ihrem Keller wohnen. Vor allem vermittelt sie ihm das Gefühl, dass sich jemand für ihn in seiner Isolation interessiert. Die Sprachbarriere überwindet das ungleiche Paar mit Gestik und Zeichnungen.

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Als aus einer Nachbarwohnung Merengue erklingt, führt Ramón Ruth hinein. Der ehemalige Musikprofessor Karl Müller freut sich über den Besuch, und er spricht ein wenig Spanisch. Nach und nach belebt der junge Mexikaner die Hausgemeinschaft mit seiner offenen Art. Es ist Ramón, der den Tod des Nachbarn Schneider bemerkt. Der grantelnde alte Mann lebte eigenbrötlerisch, und als einziger Mieter lehnte er Ramóns Bleibe im Keller des Hauses ab: Der „dräckate Ausländer“ könne ja klauen oder sogar schlimmeres tun! Ruth und Karl finden heraus, dass Schneiders Hass über dessen Tod hinaus wirkt: Er hat Ramón bei der Bundespolizei denunziert, und die reagiert prompt und ohne Nachfrage auf den ungeklärten Aufenthaltsstatus…

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Weltweit gibt es derzeit etwa 60 Millionen Flüchtlinge; soviele wie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Rund 20 Millionen davon flüchten in das Ausland, und auch Deutschland sieht sich mit einer großen Zahl von Menschen auf der Flucht konfrontiert. Die Herausforderung für unser Land ist gewaltig, und nicht alle Deutschen empfangen die Menschen, die Sicherheit nach oft desolaten Verhältnissen und Kriegstraumata, teils auch Wege aus der Armut suchen, mit offenen Armen. Aber jeder Mensch, der zu uns kommt, ist zunächst einmal genau dies: ein Mensch, ein Individuum. Das unterstreicht Jorge Ramírez Suárez‘ Film aus 2013 als ein warmes Pläydoyer für Menschlichkeit, und in der derzeitigen Debatte ist er ein guter Impuls zum Innehalten und Nachdenken.

Nach seiner Landung in Frankfurt strandet Ramón in Neuwied. Er ist fremd, isoliert, frierend und hungrig. Während die ersten rund 28 Filmminuten aufgrund ihrer Untertitel zum Spanischen anstregend sind, hat es Ramón in Deutschland deutlich schwerer als der Zuschauer, denn er versteht die Sprache nicht und er bekommt keine spanischen Untertitel angeboten. Er ist allein und ohne Netzwerk, er geht unbeholfen auf Schnee, schwer atmend in der ungewohnten Kälte. Man stelle sich umgekehrt vor, so in Mexiko gestrandet zu sein. Nicht als Urlauber, mit Hotelzimmerschlüssel und Kreditkarte für die ATM, sondern als Fremder ohne Sprachkenntnis, ohne Geld, ohne Kontakte, ohne geklärten Aufenthaltsstatus.

Regisseur Jorge Ramírez Suárez portraitiert dabei noch ein sehr offenes, hilfsbereites Deutschland. Am Flughafenbahnhof versucht eine Mitarbeiterin auf Englisch beim Lösen der S-Bahnfahrkarte zu helfen, Ruth spricht ihn freundlich auf einer Parkbank an. Im Tante Emma-Laden wird Ramón auch ohne Sprachverständnis lächelnd bedient. Doch diese Begegnungen sind zunächst oberflächlich. Die Kälte zerrt am Mittelamerikaner, der Hunger plagt ihn schon bald, ein Bettler verjagt ihn aus territorialen Gründen und nimmt ihm seine Spenden ab. Auf der Bank in der Bahnhofhalle, die ihm als Nachtlager dienen muss, wird sein letzer Besitz gestohlen. Jorge Ramírez Suárez stellt die Angst und Unsicherheit des jungen Fremden glaubhaft dar.

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Als die allein lebende Frührentnerin Ruth Zuneigung für den schutzlosen jungen Mann findet, lässt Regisseur Jorge Ramírez Suárez menschliche Wärme einkehren. Zunächst zaghaft, doch offen annährend, mit einer sich schnell entwickelnden Nähe, die über Sprachbarrieren auf Gegenseitigkeit beruht. Unterstützt durch die freundliche Verkäuferin im Laden an der Straße und den sympatischen Pensionär Karl zeichnet „Guten Tag Ramón“ ein menschlich-warmes Bild. Als die Fratze des Fremdenhasses in Gestalt des Rentners Schneider auftaucht, der den Mexikaner als „dreckigen Ausländer“ und potentiellen Kriminellen bezeichnet, nimmt die Produktion eine Entwicklung vorweg, die sich angesichts des einsetzenden Flüchtlingsstroms ab Sommer 2015 einstellte. Während unzählige Menschen ehrenamtlich helfen, war es eine Interview-Aussage und Sprechchöre, die die Flüchtlinge als Dreck deklassifizierten, die Anja Reschke zu ihrem beachteten und beachtlichen Tagesthemen-Kommentar am 5. August 2015 bewog („Dagegenhalten! Mund aufmachen! Haltung zeigen!“). In Jorge Ramírez Suárez‘ Neuwied spiegelt sich die spätere Realität bereits in einem Mikrokosmos und folgt vorusschauned dem späteren Appell der Tagesthemenkommentatorin. Wenn auch leise und berührend.

Die Nähe über Grenzen zeigt sich vor allem beachtlich in einem Dialog zwischen Ramón und Ruth bei Tisch in ihrer Wohnung. Jeder führt ihn in seiner Sprache, inhaltlich unverstanden vom jeweils anderen, aber eine große emotionale Nähe festigend. Er schätzt ihre Stimme, sie gibt ihm ein gutes Gefühl. Beide öffnen sich weit in ihrer Biographie; sie spricht über einen Pflegefall und ihre Frühverrentung nach einer Borrelioseerkrankung, und erstmals über die Ermordung ihres Vaters durch die Nazis, nachdem bekannt wurde, dass er jüdische Nachbarn versteckte.

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Die Rentner sind beim Deutsch-Mexikaner Jorge Ramírez Suárez isoliert wie Ramón, obwohl sie keine Sprachbarrieren in ihrem Land vorfinden und komfortabel leben. Die Art, in der der unbefangene junge Mann aus Mexiko die Distanziert durchbricht, ist ein schöner Anlass zum Nachdenken über die Chancen in der Herausforderung der aktuellen Migrationswelle.

Bei aller Ernsthaftigkeit findet sich Humor in der Handlung. Manchmal szenisch, etwa, als Ramón vor den Altglascontainern steht, farblich getrennt und mit definierten Einwurfzeiten. Manchmal direkter, als Ruth den Eindruck gewinnt, dass Ramón eine Frau guttun würde und ihn in einem Taxi in ein Etablissement fährt, das ihn zunächst verschreckt, aus dem er aber mit einem aus dem Herzen glücklichen Lächeln in sein Kellerdomizil zurückkehrt.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung zeichnete die Produktion mit dem „Prädikat wertvoll“ aus und dem Bewertungsportal „Rotten Tomatoes“ vereinigt „Guten Tag Ramón“ 100% über die sechs Bewertungen. Das verwundert nicht, denn das Thema Einwanderung wird hervorragend und klischeefrei aufgegriffen.

Vom Einzelschicksal zur kollektiven Herausforderung: Bei allen Debatten um den derzeitigen Flüchtlingsstrom sollten wir nicht vergessen, dass jeder von ihnen ein Mensch ist. Es gibt Millionen von Ramóns unter uns.

Das Bild liefert warme Farben und einem ausgewogenen Kontrast. Carlos Hidalgo fängt den deutschen Winter ebenso gut ein wie die mexikanische Sonne. Der hohe Kontrast lässt auch Details zutagetreten. Die Untertitel in der ersten halben Stunde erfordern eine gewisse Konzentration, verleihen dem Geschehen durch die Originalsprache aber auch Authentizität.

Die BluRay-Disc bringt interessante Funktionen mit. Nach dem Wiedereinschalten des Players fragt sie höflich „Resume Playback?“, beim Druck auf die Pause-Taste erscheint ein Statusbalken, der die Position im Film visualisiert.

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Twentieth Century Fox Home Entertainment präsentiert „Guten Tag, Ramón“ ab 22. Oktober 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von der Twentieth Century Fox Home Entertainment zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Guten Tag, Ramón
Land / Jahr: Deutschland, Mexiko / 2013
Genre: Drama, Komödie
Darsteller: Kristyan Ferrer, Ingeborg Schöner, Héctor Kotsifakis, Rüdiger Evers, Franziska Kruse, Arcelia Ramírez, Adriana Barraza, Jorge Ramírez-Suárez u. a.
Regie: Jorge Ramírez Suárez
Drehbuch: Jorge Ramírez Suárez
Produzenten: Jorge Eduardo Ramírez, Jorge Ramírez Suárez
Kamera: Carlos Hidalgo
Schnitt: Sam Baixauli, Sonia Sánchez Carrasco, Jorge Ramírez Suárez
Musik: Rodrigo Flores López
FSK: ab 6 freigegeben

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 120 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9, 2.35:1
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch
Extras: Behind „Guten Tag Ramón“ (ca. 18 min.), Deleted Scenes, Trailer

Webseite zum Film: Guten Tag, Ramón