Hannas Reise: Ich bin hier weil meine Mutter einen Vollschaden hat

hanna_coverAls Push für ihre berufliche Karriere braucht die ehrgeizige Hanna den Nachweis, dass sie sich ehrenamtlich engagiert hat. Soziale Kompetenz ist gefragt. Etwas, was in ihrem Leben bisher keine große Rolle spielte. Und so versucht sie sich durchzuschummeln.
Aber ihre Mutter Uta, Leiterin von „Aktion Friedensdienste“ für Israel, lässt das nicht zu und sorgt dafür, dass Hanna tatsächlich ein soziales Praktikum antritt, indem sie ihr eine Stelle in einem Behindertendorf in Tel Aviv vermittelt. Hanna bleibt keine Wahl. Wütend, widerwillig und voller Vorurteile macht sie sich auf die Reise.
In Israel angekommen, stößt Hanna mit ihrer überheblichen Art bei allen auf Unverständnis: Ob in ihrer vollgemüllten WG oder auch bei den Treffen mit „ihrer“ Holocaustüberlebenden Gertraud. Auch Itay, der Betreuer, dem sie zugeteilt wurde, lässt sie zunächst mit Holocaustwitzen und zynischen Sprüchen auflaufen. Und zugleich beginnt er eine Flirtoffensive, der Hanna sich immer weniger entziehen kann. Nach und nach lernt Hanna, die Welt durch Itays Augen zu sehen. Doch die Gegensätze ihrer Herkunft stehen immer wieder zwischen den beiden – bis die beiden erkennen, dass allein ihr Zusammensein zählt.

Film-Blog.tv meint:
Hannas Reise führt die Titelfigur physisch nach Israel, ihre Persönlichkeitsentwicklung bringt sie jedoch viel weiter. An ein ungeplantes Ziel. Die junge Frau hat einen starren Lebensplan, der alleine auf beruflichen Erfolg programmiert ist. Für den nächsten Schritt, das Assessment einer Unternehmensberatung, fehlt ihr soziales Engagement in der Biographie. Das widerwillig absolvierte Pflichtprogramm führt die pragmatische und lebensunerfahrene Erfolgsfrau nach Israel. Ihr kaltes Auftreten führt zu kleinen Katastrophen im Alltag. Der Film zeigt ihre langsame Veränderung an der Seite des Betreuerkollegen Itay, zu dem sie eine Beziehung entwickelt. In Israel lernt sie über die persönliche Vergangenheit ihrer Mutter und damit über sich selbst.
Julia von Heinz nimmt uns in ihrem Film mit auf eine Entwicklungsreise, die viele Fragen stellt und nicht alle Antworten liefert. Dabei gelingt es, die Sicht des Zuschauers ohne erhobenen Zeigefinger und ohne übertriebene Korrektheit zu erweitern. Das Team von Karoline Schuch in ihrer ersten Hauptrolle bis zu Grande Dame des israelischen Theaters, Lia Koenig, trägt sehr wirkungsvoll, die Schauspieler füllen ihre Rollen authentisch und auf den Punkt. Ganz nebenbei sehen wir malerische Bilder eines Landes, das in den Berichten so oft auf Konflikte reduziert wird.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Die Anforderungen an Berufseinsteiger nehmen zu: wurde früher „nur“ ein Hochschulabschluss erwartet, kam später die Erwartung eines Auslandsaufenthaltes dazu. Heute sehen Personaler gerne zusätzlich gemeinnütziges Engagement im „CV“, im Lebenslauf. BWL-Studentin Hanna Eggert, Jahrgang 1986, will Karriere machen, und ihre Mitmenschen sind ihr herzlich egal. Auf Erfolg bedacht, spielt sie soziales Interesse vor. Das ist realistisch, solche jungen Menschen sind mir bekannt. Wie praktisch, dass Hannas Mutter sich für benachteiligte Menschen in Israel einsetzt — da kann man doch schnell einmal eine Praktikumsbestätigung fälschen und den Lebenslauf aufpolieren. Leider ist Hannas Mutter anderer Ansicht. So sitzt die junge Karrieristin widerwillig im Flieger nach Tel Aviv, um mit mental herausgeforderten Menschen zu arbeiten. „Was mit Juden kommt halt immer gut, und behinderte Juden zählen doppelt“, erläutert sie ihrem Freund vor der Abreise.

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„Bomb shelter?“ Hanna reagiert überrascht, als die Leiterin der Einrichtung sie auch auf die Lage des Schutzraums bei Luftangriffen hinweist. Die Menschen in Israel leben umringt von feindlich gesonnen Staaten. Wenige Tage bevor ich diesen Text schreibe, wurde Israel fortgesetzt aus dem Gaza-Streifen mit Raketen beschossen.

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Die bedrohliche Umgebung ist nicht die Welt, die Karrieristin Hanna für sich will, und die Betreuung von hilfebedürftigen Menschen ist es noch weniger. Sie findet keinen Zugang zur Lebenswelt der ihr Anvertrauten, und sie ist nicht zur Öffnung bereit. So dauert es nur wenige Minuten, bis sie die ersten Bewohner der Betreuungseinrichtung mit ihrer Ungeduld zum Weinen bringt.

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Itay ist Betreuer in der Einrichtung und Hannas Ansprechpartner. Der intelligente Mann flirtet in einer provozierenden Art mit der jungen Deutschen. Als Hanna ihm vorschlägt, das deutsch-jüdische Problem zu vergessen und ganz normal miteinander umgehen, erwidert er schlagfertig, dass seine Großeltern dies 1936 auch gesagt haben.

Während ihres Aufenthalts nährt sich Hanna langsam den Menschen, doch dieser Weg ist schwer für sie. Eine Bewohnerin fragt engmaschig wiederholend nach der Uhrzeit. Hanna kauft ihr ein Kinder-Lehrbuch für die Uhrzeit und eine Armbanduhr. Als sie ihr die Uhr umlegt, erleidet diese einen Zusammenbruch und verliert die Kontrolle. Hanna wollte sie entwickeln, sie lehren, die Zeit abzulesen. Hannas Welt ist die Entwicklung, das Vorankommen, der Erfolg. Sie versteht nicht, dass dies nicht das Bedürfnis dieser Frau ist, die für den Moment lebt, die den Dialog und Nähe sucht. Die sich nicht in Hanns Verständnis „verbessern“ will.

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Zuhause bei der Holocaustüberlebenden Dr. Gertraud Nussbaum, lernt Hanna nicht nur über die deutsche Geschichte, sondern auch über ihre Mutter, die vor 30 Jahren dort zu Gast war. Un deren Beweggründe, so wenig Zeit mit ihrer Tochter zuhause in Deutschland zu verbringen. Erst jetzt versteht sie ihre eigene Beziehung zur Mutter zu begreifen.

Mehr als bei ihren WG-Mitbewohnern, der zynischen Maja und dem farblosen Carsten, beginnt sich Hannas Persönlichkeit zu entwickeln, hin zu einem in mehrfacher Hinsicht offenen Filmende.

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Die Kategorie „Liebesfilm“ greift hier eindeutig zu kurz. „Hanns Reise“ ist ein ambitioniert produziertes Gesellschaftsdrama, das nicht auf Humor verzichtet. Mit dem Druck auf die Auswurftaste des Players bleibt das Gefühl, einen durchaus eigenständigen Film mit guten Botschaften gesehen zu haben.

Bild und Ton sind einwandfrei. Effekte stehen bei dieser Handlung naturgemäß nicht im Vordergrund.

Die Originalversion wirkt mit dem Sprachmix aus Deutsch, Englisch und Hebräisch sehr viel authentischer als die vollsynchronisierte Fassung. Die deutschen und hebräischen Akzente im Englischen als Fremdsprache stellen keine Hürde dar, und die deutschen Untertitel lassen das wenige Hebräisch leicht überbrücken.

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good!movies / Zorro Filmverleih präsentiert „Hannas Reise“ auf Blu-ray und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von good!movies zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Hannas Reise
Land / Jahr: Deutschland/Israel / 2013
Genre: Liebesfilm
Darsteller: Karoline Schuch, Doron Amit, Suzanne von Borsody, Max Mauff, Lia Koenig u.a.
Regie: Julia von Heinz
Drehbuch: John Quester, Julia von Heinz
Produktion: Harry Flöter, Jörg Siepmann
Kamera: Daniela Knapp
Schnitt: Florian Miosge
Musik: Matthias Petsche

Blu-ray
Laufzeit: ca. 96 Min. + Bonus
Bildformat: 16:9 (1:2,35)
Tonformat: Dolby Digital 2.0/5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch, Hebräisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Hebräisch
Bonus: Interviews mit Caroline Schuch und Julia von Heinz, Making of, Interviews zum Thema 50 Jahre Aktiver Friedensdienst, Aktion Sühnezeichen, Trailer
FSK: ohne Altersbeschränkung

Webseite zum Film: Hannas Reise