Hellfjord: Schwarzer Humor unter der Mitternachtssonne

hellfjord_coverNachdem Polizist Salmander während einer Parade in Oslo sein Dienstpferd Gunnar auf skurrile Weise nacheinander erst mit einer Pistole erschossen, mit einer Tuba erschlagen und zu guter Letzt mit einem Auto überfahren hat, wird er in den verschlafenen norwegischen Ort Hellfjord strafversetzt.

Schnell wird Salmander klar, dass etwas Merkwürdiges in Hellfjord vor sich geht und seine Einwohner ein dunkles Geheimnis verbergen. Gemeinsam mit dem schrulligen Ureinwohner Kobba und der naiv anmutenden Journalistin Johanne versucht er den Dingen auf den Grund zu gehen …

Film-Blog.tv meint: Norwegische Kreative sind für trockenen, szenischen Humor weithin bekannt. Dass sie diesen nicht verlernt haben, zeigt Produzent Tommy Wirkola (Hänsel und Gretel: Hexenjäger) unterhaltsam in der 2012er Produktion „Hellfjord“, die uns mit dem strafversetzten Polizisten Salmander in die gleichnamige fiktive Kleinstadt führt. Der Ermittler spürt schnell, dass unter den schrägen Menschen etwas nicht stimmt.
Bei aller Skurrilität und Situationskomik führt ein Spannungsbogen durch die Serie. Neben komödiantischen Aspekten taugt „Hellfjord“ damit durchaus auch als Krimiserie. Die Komik wird durch tolle Absurdität und von trocken unterspielenden Darstellern angetrieben. Man muss nicht allein auf Monty Phyton setzen: auch in Nord-Norwegen gibt es zwischen Fjord und Fjell eine Gelegenheit, sich bestens zu unterhalten. Fast nebensächlich präsentiert die Serie tolle Einblicke in den Gryllefjord, den Drehort auf Senja. Die zweitgrößte Insel Norwegens liegt etwa 350 km nördlich des Polarkreises und bietet eine spektakuläre Kulisse für die schrägen Charaktere.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Wie schafft man es, möglichst viele Menschen, darunter zahlreiche Kinder, gleichzeitig zu traumatisieren? Der norwegische Polizist Nesbit Salmander findet unfreiwillig eine effiziente Methode. Es ist der 17. Mai, ein Tag von herausragender Bedeutung in Norwegen. Am Nationalfeiertag ist jeder auf der Straße, meist in der Bunad, einer Art Tracht der Region, fahnenschwenkend im Zug. Eine Mischung aus ausgeprägtem Nationalstolz und Harmonie schwebt durch die vollen Straßen, und dieser Tag ist vor allem den Kindern gewidmet. Genau diese Menschen traumatisiert Salmander in großer Zahl, als sein Pferd Gunnar mitten in den Festlichkeiten kollabiert. Sein Diensthandbuch leitet ihn an, das „Ableben“ des armen Tieres „einzuleiten“. Er kann nicht hinsehen, als er den Gnadenschuss setzt und verfehlt. Nach dem er sein Magazin erfolglos leergefeurt hat, erschlägt er das Pferd blutspritzend mit einer Tuba. Um sicherzugehen, überrollt er das kranke Tier mit dem Auto. Dem Auto von Festtagsbesuchern, die den Akt fassungslos ansehen.

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Im Moment der perfekten Harmonie zahlreiche Kinder und Erwachsene zu traumatisieren, und mit Pferdefolter in die Schlagzeilen zu kommen: für Salmanders Vorgesetzte ist das Grund genug ihn zu feuern. Für seine dreimonatige Kündigungsfrist wird er nach Hellfjord in die nordnorwegische Finnmark versetzt.

In dieser verschlafenen Kleinstadt liegt das Durchschnittsalter bei 67 Jahren, 100% der Einwohner rauchen. Auch die Kleinkinder. Das berichtet ihm Kobba, als „Lensmann“, eine Art Dorfpolizist. Und ergänzt, dass eine Kneipe alles für die kulturellen Bedürfnisse bietet: man kann dort nackte Frauen sehen, sich betrinken, mit Frauen schlafen, sich prügeln und die Familie zum Sonntagsessen ausführen. Es ist „Kjells Kitchen“, lernt der Neuankömmling. Und das klingt Norwegisch ausgesprochen noch dichter an „Hells Kitchen“ …

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Salmander möchte das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen, um seinen Job in der Hauptstadt doch noch zu retten. Aber einem Südnorweger vertraut man in Nordnorwegen nicht, und einem pakistanischstämmigen noch weniger. Salmander merkt schnell, dass im Ort etwas faul ist, vor allem in der Fischfabrik „Hellfish“. Diese wird von einem Schweden geleitet, und das ist für Norweger ohnehin schon einmal suspekt. Und so findet sich in der zweiten Episode auch gleich ein Mordopfer. Die Todesursache: Ersticken an einem Mobiltelefon im Rachen. Wir sind in Hellfjord, und hier ist alles anders…

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Die Spur führt in ein Gefängnis, in das sich Salmander undercover einschmuggeln lässt. Damit er authentisch als schwerer Junge herüberkommt, lässt er sich tätowieren. Der Pakistani entscheidet sich für ein „arisches“ Motiv, und so soll ein großes Hakenkreuz an seinem Oberarm den bösen Neonazi ausweisen… Natürlich geht der Plan schief, denn nur der Gefängnisdirektor weiß um die wahre Identität des Polizisten hinter Gittern. Leider verschluckt er sich und erstickt gleich nach der Ankunft des vermeintlichen Massenmörders, der nun festsitzt…

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Die Skurillität scheut sich nicht, hier und da ein wenig eklig zu werden. Als das tiefgefrorene Mordopfer auf dem Küchentisch des Polizisten untersucht wird, zündet Kobba bei der Ausleuchtung mit dem Feuerzeug versehentlich den Kopf des Toten an. Um das Feuer zu löschen, feuert er mit einem Gewehr auf den Brand (wir sind in Hellfjord…), Salmander schlägt mit einer Pfanne darauf ein, im Wechsel mit Kobba, der nun mit dem Gewehrkolben auf den Kopf drischt. Als davon nur noch eine blutige Masse übrig ist, fragt Kobbas Frau Riina was die beiden den später essen möchten …

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In der Werbung ruft man gerne „Die Norweger“ an, wenn man trockenen, sehr pointierten Humor möchte. Legenden wie Odd Børretzen zeigen ebenfalls, wie brillant skurille Texte aus dem Land mit Fjord und Fjell sein können. Die Macher von Hellfjord stellen diese Qualität in Buch und Spiel erneut unter Beweis. In den sieben Episoden der Serie führen sie den Zuschauer mit schwarzem Humor in das nördliche Norwegen, in dem Menschen gerne individuell sind. Im fiktiven Hellfjord wird das herrlich überzeichnet, die Eigenarten der Menschen entfalten sich zu sehenswerter skuriller Situationskomik.

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Die Serie basiert auf einer Idee von Zahid Ali, Tommy Wirkola und Stig Frode Henriksen. Letzterer gibt auf nrk.no Peter Sellers als eine wesentliche Quelle der Inspiration für „Hellfjord“ an. Und sagt, dass er die Vorbereitung auf den Dreh ernst nahm: zwei Stunden saß er jeden Drehtag in der Maske, um zum schrägen Dorfpolizisten Kobba zu werden. Die Qualität erkannten auch andere Länder. Irland und Rumänien sicherten sich bereits vor dem Drehende Rechte, Irland folgte, und für den amerikanischen Markt griffen Will Ferrell und Adam McKay zu.

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Ursprünglich für Norweger gemacht und vom öffentlich-rechtlichen Sender NRK1 ausgestrahlt, spielt die Serie mit Klischees: die Skepsis gegenüber allem Fremden, die Unterschiede zwischen Norden und Süden, und eine gewissen Engstirnigkeit. Es macht den Produzenten großen Spaß mit Vorurteilen zu spielen, und den norwegischen Zuschauern ebenso.

In der Originalversion macht es der Hauptdarsteller dem sprachlich ungeübten Zuhörer nicht einfach, er nuschelt ein wenig. Seine Kollegen in Oslo sprechen klar und schnell, Lensmann Kobba im hohen Norden sehr langsam und sehr eigen. Journalistin Johanne spricht schnell und zieht Wörter zusammen. Wer Grundkenntnisse der norwegischen Sprache mitbringt, kann deutsche Untertitel unterstützend einsetzen. Damit weiß man dann, welche norwegischen Worte aus dem Lautsprecher kamen. Für alle übrigen deutschen Zuschauer bringt die Disc eine klare deutsche Synchrofassung mit.

„Jeg tror Hellfjord har en humor som man enten elsker eller hater. Jeg elsket den.”, sagt Stig Frode Henriksen dem Sender NRK – „Ich denke, Hellfjord hat einen Humor den man entweder liebt oder hasst. Ich liebte ihn.“ film-blog.tv ebenfalls!

polyband Medien GmbH präsentiert „Hellfjord“ auf Blu-ray Disc™ und DVD. Das Rezensionsexemplar wurde von polyband Medien GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich. hellfjord_08

Originaltitel: Hellfjord
Land / Jahr: Norwegen / 2012
Genre: Komödie, Krimi, TV-Serie
Darsteller: Zahid Ali, Stig Frode Henriksen, Ingrid Bolsø Berdal, Thomas Hanzon, Pihla Viitala
Regie: Patrik Syversen, Kenneth Olaf Hjellum, Ole Giæver, Sebastian Dalén, Vegar Hoel, Roar Uthaug
Drehbuch: Zahid Ali, Tommy Wirkola, Stig Frode Henriksen
Produzenten: Tommy Wirkola, Anne Bergseng, Kjetil Omberg, Terje Stroemstad
Kamera: Matthew Weston
Musik: Wibe Christian
FSK: 16

DVD, Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 210 Min.
Bildformat: 16:9 (1,78:1) 1920 x 1080
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1 / 2.0
Sprachen: Deutsch, Norwegisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Trailershow

Webseite zum Film: Hellfjord