Helmut Schmidt – Lebensfragen: „… aber die Zigarette schmeckt immer noch“

hschmidt_coverEin Film über das Leben des Altkanzlers anlässlich seines 95. Geburtstags. Dafür öffnete Helmut Schmidt sogar erstmals sein Privatarchiv mit Fotos, Dokumenten und Notizen. Die Dokumentation verbindet ein ausführliches Interview Schmidts mit dem ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit eindrücklichen Spielszenen zu einem außergewöhnlichen Porträt Helmut Schmidts.

Film-Blog.tv meint:
Regisseur Ben von Grafenstein zeichnet das Portrait eines sehr bemerkenswerten Staatsmannes, der einen großen Teil der Bundesrepublik gestaltet hat. „Helmut Schmidt – Lebensfragen“ spannt einen Bogen von 1925 bis in die Gegenwart der Produktion, 2013. Der Dreiklang aus Schauspiel, zeitgeschichtlichen Aufnahmen und einem Interview durch Giovanni di Lorenzo macht die Lebendigkeit und Authentizität dieser Porträts aus. Das Besondere sind die hier gezeigten sehr persönlichen Sichten des Menschen, der hinter vielen Schlagzeilen stand.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Was ist das Wichtigste im Leben? Sich Aufgaben zu stellen, sagt Altkanzler Helmut Schmidt. Und seine Aufgaben waren groß: Die Sturmflut in Hamburg als Senator der Polizeibehörde, als fünfter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland die Zeit des kalten Krieges mit der Positionierung durch den umstrittenen NATO-Doppelbeschluss und der Umgang mit dem RAF-Terrorismus, einschließlich des GSG9-Einsatzes in Mogadischu. Der Ökonom Schmidt begegnete den Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftsrezession und den Ölkrisen in seiner Amtszeit als Bundeskanzler sowie der anspruchsvollen Finanzierung der Renten.

Das Portrait setzt seinen Schwerpunkt auf den Menschen Helmut Schmidt, und die „Lebensfragen“ drehen sich nicht nur um sein Leben, sondern oft auch um das Leben anderer Menschen, das unmittelbar an seiner Entscheidung hing. Sollte die Bundesrepublik mit Terroristen verhandeln, als Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt wurde, und so möglicherweise weitere Menschen bei Folgetaten in Gefahr bringen? Sollte die GSG9 die entführte Lufthansa-Maschine Landshut im instabilen Somalia stürmen, mit dem Risiko, dass mit den Passagieren und Einsatzkräften über 100 Menschen ihr Leben verlieren können? Die Wucht dieser Entscheidungen, die Abwägung zwischen konkreten Auswirkungen auf einzelne Menschen gegenüber abstrakten Bedrohungen der Gesellschaft lastete schwer auf dem Menschen Helmut Schmidt. Und sie berührten sein Privatleben. Mit seiner Frau Loki traf er die gegenseitige Entscheidung, im Falle einer Entführung durch Terroristen keinem Austausch zuzustimmen, berichtet Schmidt. All dies wird in „Lebensfragen“ mit dem entsprechenden Zeitabstand zu den Ereignissen deutlich. Und menschlich spürbar, als Schmidt über seine Beziehung zur Familie des ermordeten Schleyer spricht.

Seine Entscheidungen waren prägnant und folgenschwer. Sie sind jedoch möglicherweise eher greifbar als die komplexen Entscheidungen, die die Politik heute zu treffen und zu vermitteln hat, im Kontext der EU-28 zwischen Weltmächten und den BRICS-Staaten, eingebettet in eine gemeinsame europäische Politik und Währung. Vielleicht macht diese Nachvollziehbarkeit einen Teil der immensen Popularität aus, die Schmidt heute genießt. Vielleicht ist es seine analytische Klarheit, die er mit deutlichen Worten formuliert.

Und so sind auch seine Formulierungen im Gespräch mit dem Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Lebensfragen“ ist die gefilmte Fortsetzung der Kolumne „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ in dieser Zeitung, deren Texte auch in Buchform erschienen, mit dem Interviewten als Thema. Helmut Schmidt, „Die Zeit“-Herausgeber, scheut sich keineswegs, Fragen zu korrigieren und das Gespräch in seine Richtung zu lenken. Die Kamera unterstreicht, um wen es hier geht, sie verharrt auf Schmidt aus unterschiedlichen Perspektiven. Schmidt beantwortet Fragen, und korrigiert sie, wo aus seiner Sicht nötig; es entsteht daraus nicht immer ein Dialog.

Filmische Passagen inszenieren Schmidts Welt über die Jahrzehnte, von der Kindheit über den Zweiten Weltkrieg in die Gefangenschaft und den Hamburger Senat. Drei Schauspieler wurden für die Rolle Helmut Schmidts in verschiedenen Lebensphasen engagiert und stellen in aufwendig produzierten Szenen seine Geschichte nach. Das ist sehenswert.

Maler, Musiker, Autor, begnadeter Redner und durchaus auch Philosoph: wie können knappe neunzig Minuten einen Mann mit einer sehr fundierten Bildung und Reflektion beschreiben, der auf fast 100 Jahre Lebenserfahrung zurückblickt? „Lebensfragen“ macht nicht den Fehler, sich zu verzetteln, und gibt neben einem guten biographischen Überblick dem Menschen Schmidt viel Raum.

Wie möchte der ausgesprochen populäre Elder Statesman in Erinnerung bleiben? Als jemand, der seine eigenen Aufgaben erkannt und sodann erfüllt hat – so die asketischen Worte des Biographierten.

Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „Helmut Schmidt – Lebensfragen“ auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Helmut Schmidt – Lebensfragen
Land / Jahr: Deutschland / 2013
Genre: Biographie/Dokumentation
Interview: Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo Darsteller: Ludwig Blochberger, Britta Hammerstein, Bernhard Schütz, Bibiana Beglau, Peter Striebeck, Hildegard Schmahl u. a.
Regie: Ben von Grafenstein
Drehbuch: Sebastian Orlac
Produzentin: Katharina M. Trebitsch
Kamera: Ralf Noack
Schnitt: Ollie Lanvermann
Ton: Andreas Kluge
Musik: Chris Bremus, Michael Kadelbach
FSK: ohne Altersbeschränkung

DVD
Laufzeit: ca. 88 Min. + Bonus
Bildformat: 16:9
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch
Extras: Trailershow