Im Keller: Tief unter dem zivilisatorischen Anstrich

Gewinnspiel_rotkeller_coverMenschen und ihre Keller sind ein ganz besonderes Duett. Was Menschen in ihren Kellern und in ihrer Freizeit so tun, erzählt der neue Film von Ulrich Seidl. Ob unterirdisch, hinter schweren Türen verborgen oder durch steile Treppen in ein alltägliches Jenseits gerückt – in Kellern lauern und lagern Obsessionen, Blasmusik und Opernarien, teure Möbel und billige Herrenwitze. Ulrich Seidl erzählt so tragische wie komische Geschichten von Sexualität und Schussbereitschaft, Fitness und Faschismus, Peitschenschlägen und Puppen. Nach seiner großangelegten PARADIES-Trilogie kehrt Ulrich Seidl mit IM KELLER zur dokumentarischen Form zurück und nimmt uns mit auf eine schrecklich unterhaltsame Nachtmeerfahrt durch das Souterrain der Wohnzimmerseelen.

Film-Blog.tv meint:
Menschen in Österreich haben eine besondere Beziehung zu ihrem Keller, sagt „Im Keller“-Produzent und Regisseur Ulrich Seidl. Österreich und Keller: bei dieser Kombination drängt sich die Assoziation Natascha Kampbusch und Elisabeth Fritzl schnell auf. Doch Ulrich Seidl sagt, dass er die Idee zu seiner investigativen Dokumentation bereits vor den Schlagzeilen um Josef Fritzl und Wolfgang Priklopil entwickelt hat. Gleichwohl sind seine Keller hier sehr tief, und manche sehr abgründig. Die oft surrealen Situationen pointiert Ulrich Seidl noch mehr, in dem er seine Protagonisten von bieder über schräg bis zu faschistisch starr und artifiziell in Szene setzt. Damit gelingt ihm ein sehr eigenständiges Portrait, das den Zuschauer in einer Mischung aus Staunen, Schmunzeln, Abscheu und Ungläubigkeit zurücklässt. Das Modell des „Es“ des Österreichers Siegmund Freud spielt sich nicht nur in der Psychoanalyse ab, es manifestiert sich oft ganz einfach in der untersten Etage, zeigt uns Ulrich Seidl.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Ein Tenor singt und schießt mit Handfeuerwaffen, ein Faschist säuft wie ein Loch und spielt Tuba, und der Besitzer einer riesigen Schlange in einem viel zu kleinen Terrarium starrt regungslos wie sein Haustier, bis dies nach einem Beutetier schnappt: Wir sind in Kellern, in die uns Ulrich Seidl mitnimmt. In den sonst geschützten Biotopen der Entfaltung gewähren Menschen Einblick in ihre intimsten Umgebungen, in denen sie sonst abgeschirmt von anderen agieren. Die Kamera begleitet eine Frau durch das Treppenhaus herunter in ihren Keller, in dem sie mit natürlich wirkenden Babypuppen spricht als wären sie lebendig. Ein älterer Mann sitzt vor einer riesigen Modelleisenbahn, ein anderer betreibt Fitnessübungen. Die Charaktere sind vielfältig. Und in einzelnen Fällen nicht besonders sympathisch, wenn der Blasmusiker im Kittel spielend durch den weitläufigen Keller geht, an Schaufensterpuppen in Naziuniformen, einer Hakenkreuzflagge und einem Hitlergemälde vorbei. Auf einer anderen Skala bewegt sich ein Ehepaar, das jährlich nach Südafrika reist und die Kellerwände eng mit den präparierten Schädeln des dort erlegten Großwilds dekoriert.

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Ulrich Seidl wählt oft eine sehr ruhige Bildsprache bis zur Statik, die die Menschen wie fotografierte Objekte einfrieren lässt. Seine Paare auf dem Sofa erinnern bisweilen an Darstellungen von Loriot, Ulrich Seidl spielt mit ihrer arrangierten Regungslosigkeit. Als Kontrast zu den verborgenen exotischen Lebenswelten setzt er alltägliche Momente im Keller dagegen, etwa bei der Wäsche. Auch dort positioniert er seine Darsteller stocksteif vor der Wand der Waschküche, nur die Trommel der Waschmachschine bringt Bewegung ins Bild. Das Ergebnis liegt irgendwo zwischen Studie, Kunst und einem guten Schuss Humor.

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Der Regisseur springt in den Portraits, er bewegt sich weiter zur nächsten Person, zum nächsten Paar, um später wieder zurückzukehren. Ulrich Seidl kommentiert nicht. Warum sollte er auch? Er lässt seine Protagonisten ganz für sich alleine sprechen, und die Stille ist manchmal lauter, als es dem Zuschauer lieb ist.

Die Indiskretion der Kamera eröffnet intime Momente, sie macht nachdenklich. In den Dialogen der Hobbyschützen werden Ressentiments gegen andere Ethnien deutlich, die im Zusammenhang mit den Handfeuerwaffen eine bedenkliche Konstellation bilden. Warum projeziert eine Dame ihre Kinderliebe versteckt im Keller auf ihre Puppen? Die durch Seidl beschriebene Sexualität ist teils simpel, teils äußerst komplex. Und manchmal scheinen die demonstrierten Praktiken der körperlichen Gesundheit sehr abträglich zu sein, Vor allem im Zusammenhang mit der Biographie ergeben sich Fragen: Warum genießt gerade eine Frau körperliche Schmerzen, die in der Vergangeneit häusliche Gewalt erlebt hat und nun beruflich mißbrauchten Frauen hilft?

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Ulrich Seidl verzichtet darauf, seine Dokumentation mit athmosphärischer Musik zu unterlegen. Lediglich erzählend hören wir die Blasinstrumente der Kellerkinder und den singenden Schießausbilder, der stolz auf seine Stimme und insbesondere auf sein hohess C ist. Der Ton von Ekkehart Baumung ist klar, die Monologe sind meist gut verständlich. Wo dies nicht der Fall ist, liegt es nicht an der Aufnahmetechnik: der Dialekt der Großwildjäger aus Niederösterreich ist für einen Norddeutschen eher klippenreich, die übrigen Portraitierten machen es dem Zuschauer sehr viel leichter.

„Im Keller“ entlässt den Zuschauer mit einer Mischung aus Staunen, Ungläubigkeit, Schmunzeln und Betroffenheit. Ein wenig unheimlich ist es, was sich dem voyeuristischen Betrachter in den Kellern eröffnet, welche dunklen Schattierungen die Menschen unseres Alltags aufweisen — was selbstverständlich exakt so in Deutschland stattfinden könnte und auch stattfinden wird. Die drastische Sexualität scheint konsensual zu sein, und die meisten der schrägen Hobbys sind individuell, doch harmlos. Die Waffennarren und Faschisten lassen hingegen sehr nachdenklich werden, denn es sind die Biedermänner in unserem Alltag, mit denen wir täglich umgehen.

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Die Realität ist wohl nicht immer ganz so schräg wie „Im Keller“ vermitelt. Die Puppenliehaberin geht ihrem Hobby üblicherweise dann wohl doch nicht im Keller nach, sagt Ulrich Seidl in einem Interview, diese Überzeichnung ist seine künstlerische Erweiterung der Realität. Allerdings sagt er dies außerhalb seines Films, so dass der Zuschauer die Inhalte als dokumentarisch werten wird.

Der Mut der portraitierten Menschen ist beachtlich; Sie öffnen ihre verborgenen Welten, manche scheuen sich nicht vor Nacktheit und einer Entblößung im Verhaltem, die erstaunt. Sie lassen die Kamera mit ihrer arrangierten Starrheit spielen, sie öffnen sich wie ein Fotomotiv der Betrachtung. Inwieweit die Namen im Abspann real sind, sei dahingestellt. Aber wer weiß das schon bei Ulrich Seidl?

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Gewinnspiel
Folgende Fragen gilt es zu beantworten:
1.) Verratet uns, was Ihr in Eurem Hobbykeller so anstellt! Schön wäre ein Foto von Eurem Hobbykeller.
2.) Wie habt Ihr zu www.film-blog.tv gefunden?
Zu gewinnen gibt’s auch was, nämlich

1 x DVD „Im Keller“

Schickt einfach eine Mail mit der, hoffentlich richtigen, Antwort und Eurer Adresse an gewinnspiel(at)film-blog.tv

Dazu habt ihr bis zum 31.06.2015 bis 24.00 Uhr Zeit.

Das Gewinnspiel wird von www.film-blog.tv veranstaltet, die Teilnahme ist kostenlos. Teilnahmeberechtigt sind Personen über 18 Jahre mit Wohnsitz in der Bundesrepublik Deutschland. Mitarbeiter der beteiligten Firmen und Agenturen sowie von www.film-blog.tv dürfen nicht mitmachen. Gehen mehr richtige Antworten ein, als Preise zur Verfügung stehen, lassen wir das Los entscheiden, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die Teilnehmerdaten werden nur für die Zustellung eines eventuellen Gewinns bis zum Einsendeschluss gespeichert und anschließend vollständig gelöscht. Eine Weitergabe an Dritte ist ausgeschlossen.

Neue Visionen Filmverleih / good!movies präsentiert „Im Keller“ ab 12. Juni 2015 auf DVD und als VoD.
Das Rezensions- und das Verlosungsexemplar wurden von Neue Visionen Filmverleih / good!movies zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Im Keller
Land / Jahr: Österreich / 2014
Genre: Dokumentarfilm
Darsteller: Fritz Lang, Alfreda Klebinger, Manfred Ellinger, Inge Ellinger, Josef Ochs u. a.
Regie: Ulrich Seidl
Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz
Produzenten: Ulrich Seidl
Kamera: Martin Gschlacht, Hans Selikovsky, Wolfgang Thaler
Schnitt: Christoph Brunner
Musik: (keine)
FSK: 16

DVD
Laufzeit: ca. 85 Min.+ Bonus
Bildformat:1,85:1 in 16:9
Tonformat:Dolby Digital 2.0/5.1
Sprachen:Deutsch
Untertitel: keine
Extras:Trailershow

Webseite zum Film: Im Keller