Istanbul United: Feinde vereint

istanbul_coverSeit Jahren sind die Ultra-Fans der drei wichtigsten Fußballclubs in Istanbul (Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş) weltweit bekannt für die bedingungslose Unterstützung ihrer Teams. Ihre gegenseitige Rivalität endet häufig in extrem gewalttätigen Auseinandersetzungen mit zahlreichen Verletzungen und sogar Todesfällen. Doch im Sommer 2013 geschieht etwas Außergewöhnliches: während der Proteste und Zusammenstöße gegen die türkische Regierung und Premierminister Erdogan im Gezi-Park vereinen sich die konkurrierenden Fanclubs zum ersten Mal für eine gemeinsame Sache. Menschen, die berüchtigt sind für ihren Hass, stehen nun Seite an Seite und kämpfen unter dem Namen »Istanbul United« gegen das herrschende System in der Türkei.

Film-Blog.tv meint:
Nichts eint die Menschen so sehr, wie ein gemeinsamer Gegner. Üblicherweise halten so Herrschende das Volk zusammen um sich das Regieren zu erleichtern. Aber es geht auch schon mal in die Gegenrichtung. Und so schließen sich rivalisierende Fußballfans zusammen, um der ungeliebten Regierung Erdogan das Leben schwer zu machen. „Istanbul United“ ist ein Lehrstück angewandter Demokratie, das auch hierzulande jeder einmal gesehen haben sollte.
Allerdings ist die etwas trockene Dokumentation kein leichter Stoff. Wer nur Unterhaltung sucht, wird sicher nach wenigen Minuten die Skip-Taste drücken.

„Als wir zum ersten Mal von der Allianz mit dem Namen Istanbul United hörten, wussten wir, dass wir diesen einzigartigen Moment einfangen mussten. Der Film gibt einen aufregenden Einblick, wie extreme Fußballfans ihre tief verwurzelte Abneigung gegeneinander überwinden, um für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Das schien uns so unwahrscheinlich und wir wussten, da muss etwas Fundamentales passiert sein.“

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Als die Unruhen in Istanbul rund um Gezi-Park am 31.05.2012 begannen, und die Presse mit jedem neuen Tag über die zunehmend gewalttätigen Konfrontationen zwischen Demonstranten und Staat berichtete, wurde uns schnell klar, dass wir dorthin mussten. Für Farid war es der Revolutionsgedanke, der ihn nach Istanbul trieb, stand er doch 2011 schon gemeinsam mit Ägyptern auf dem Tahrir-Platz in Kairo – damals, als der Arabische Frühling begann. Dass die Fanclubs der Fußballvereine sich unter die Demonstranten des jeweiligen Landes mischten, war zu diesem Zeitpunkt für Farid ein wiederkehrendes Ereignis, was nichts Besonderes hatte.

Für Olli war es einfacher. Da war die Schnelligkeit, mit der die Proteste brutaler wurden, der Ärger und die Wut mit anzusehen, wie harmlose Demonstranten von Wasserwerfern über den Taksim-Platz geschleudert wurden, wie Polizisten dick vermummt mit Tränengas auf ihre Nachbarn losgingen.

Doch welche Geschichte sollte erzählt werden? Eines Tages sah Olli als glühender Anhänger des 1. FC Köln dann das legendäre Bild: Die Fans aller drei bis aufs Blut verfeindeten Istanbuler Fanclubs Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş marschierten gemeinsam mit den Demonstranten auf dem Taksim-Platz. Tatsächlich wurde uns im Nachhinein berichtet, dass selbst die Demonstranten beim Erscheinen von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş die Luft anhielten. Denn was war von drei Clubs zu erwarten, die sich gewöhnlich bis aufs Blut bekämpfen und sich nun auf einem Platz versammeln? Zur Überraschung der Istanbuler blieb jegliche Aggression untereinander aus.

Stattdessen marschierten die drei Clubs gemeinsam gegen Erdogan, gegen die Regierung, gegen Korruption und für Gerechtigkeit, für das Recht gehört zu werden. Und sie gaben ihrem Bündnis einen Namen: Istanbul United. In diesem Moment hatten wir unsere Geschichte. Zeit, die Finanzierung zu sichern, blieb nicht. Aufstände warten nicht auf Förderentscheidungen oder Redaktionssitzungen. Also wurde das Notwendigste gepackt. Potentielle Koproduzenten und Partner wurden noch auf dem Weg zum Flughafen von der Idee überzeugt.

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So wie wir von der Geschichte inspiriert waren, so waren es auch die Istanbuler selbst: Sie dachten: ‘Krass, wenn diese Jungs sich vereinigen, um mit uns für unsere Sache zu kämpfen, unsere Sache damit zu der ihren machen, dann kann uns nix passieren!’ Dass das Ganze dann anders verlaufen ist, zeigt die Geschichte.

In Istanbul angekommen, gerieten wir sofort in diesen Sog aus Revolution, Aufbegehren, Gewalt, Angst und Verzweiflung. Wir können nicht leugnen, dass die erste Phase des Drehs ‒ vier Tage ‒ angefüllt waren mit Adrenalin. Gleichzeitig wurde uns die Kluft zwischen uns als Beobachter und Teilnehmer bewusst. Das waren extrem emotionale Momente. Diese Menschen dort auf der Straße, die sind drei Wochen auf den Platz gegangen, haben ihre Gesundheit, ihr Leben gefährdet und tun das bis heute. Wie absurd war es, in diesen Momenten zu begreifen, dass und wie man lebt.

Das Ausmaß des Zusammenschlusses der drei Clubs zu „Istanbul United“ begriffen wir erst wirklich in dem Moment, als die Clubs auf dem Platz standen. So besonders das Bündnis war, so besonders war auch der Zugang zu den Ultras in diesen ersten Drehtagen. Ultras sind eine Welt für sich, ein Kosmos, der nach eigenen Regeln funktioniert ‒ ein Ehrenkodex, der jeden Club eint. Für Außenstehende war es bisher schier unmöglich einen Blick in diese Welt zu werfen. Doch das Bündnis riss kurzzeitig Mauern ein, und wir hatten die Möglichkeit in allen drei Fankurven dabei zu sein, ihre Spiele mit ihnen zu verfolgen, Teil von jedem einzelnen Club zu werden.
Olli Waldhauer, Farid Eslam

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Die Istanbuler Fußballclubs und der Gezi Park
Die Anhänger von Istanbuls Fußballklubs Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş treffen seit Jahren in Straßenschlachten brutal aufeinander. Der Hass sitzt tief. Doch seit dem 31. Mai ist Schluss. Istanbuls Ultras haben sich verbündet ‒ im Kampf gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Galatasaray AŞ
Der Verein wurde von Schülern des Gymnasiums Galatasaray gegründet und spielt 1905 das erste Mal in der Istanbuler Fußballliga. Fans nennen die Mannschaft Aslanlar (die Löwen) oder Cim Bom, die Vereinsfarben sind rot-gelb. Galatasary war der erste tükische Club, der einen europäischen Titel für sich gewinnen konnte. 2000 holten sie sich nach einem Elfmeterschießen gegen Arsencal FC den UEFA Cup und gleich darauf den UEFA Super Cup. Mit 19 türkischen Meisterschaften und 15 Pokalsiegen ist Galatasaray einer der erfolgreichsten und populärsten Fußballvereine der Türkei.

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Fenerbahçe SK
Eine Gruppe von Jugendlichen aus dem Stadtteil Kadikoy auf der asiatischen Seite von Istanbul gründeten 1907 einen Verein und nannten ihn nach einem Leuchtturm: Fenerbahçe. Die Vereinsfarben sind gelb und blau. Während des Krieges hat sich das Team dominant gegen die Teams der militärischen Besatzer aus Frankreich, England und Italien behaupten können und gewann so eine große Anhängerschaft, darunter auch Mustafa Kemal Atatürk, den Gründer der modernen Republik Türkei. Wenn die Sarı Kanaryalar (gelbe Kanarienvögel), wie sie von ihren Fans genannt werden, auf Galatasaray treffen, spricht man vom “Interkontinentalen Derby” (türkisch: Kıtalar Arası Derbi).

Beşiktaş JK
Ursprünglich als Gymnastikclub gegründet, steht JK für Jimnastik Kulübü und ist einer der ältesten türkischen Sportvereine. Der Name Beşiktaş wurde durch den Bezirk nördlich des Bosporus auf der europäischen Seite übernommen. Sie wählten die Vereinsfarben schwarz-weiß . Anfang der 90er war der Deutsche Christoph Daum Trainer der Karakartallar (schwarze Adler). Unter ihm wurde die Mannschaft 1994 Pokalsieger und 1995 türkischer Meister. Wegen finanzieller Schwierigkeiten wurde Beşiktaş für die Saison 2012/2013 aus der Europa League ausgeschlossen. Seit Jahren übernehmen die Mitglieder von „Carsi“, Besiktas Ultra-Fanklub, soziale Verantwortung in ihrem Viertel rund um den Gezi-Park. Dass sie in die Proteste eingriffen, war für sie selbstverständlich.

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Proteste in der Türkei
Erst ging es um einen Park, dann um Politik: Die türkische Regierung plant, im Gezi-Park nahe des Taksim-Platzes im Herzen Istanbuls ein Einkaufszentrum zu errichten. Am 27. Mai 2013 rollen die ersten Bulldozer an, doch viele Bewohner wollen den Park erhalten. Die Proteste werden lauter, die Politik greift von Tag zu Tag härter durch. Die Polizei räumt gewaltsam ein Protestcamp im Gezi-Park.

Immer mehr Menschen versammeln sich auf dem Taksim-Platz, ihre Parole: „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“. Inzwischen protestieren die Kritiker nicht mehr nur gegen die Bebauung des Gezi-Parks, sondern zusehends gegen den autoritären Regierungsstil von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner Partei AKP. Die Polizei reagiert auf die Proteste mit massiver Gewalt: Wasserwerfer, Schlagstöcke und Tränengas kommen zum Einsatz. Um die Demonstranten gegen die massive Staatsgewalt zu unterstützen, verbrüdern sich die sonst verfeindeten Fanclubs der großen Istanbuler Fußballvereine Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray. Als Istanbul United ziehen sie durch die Straßen.

Anfang Juni 2014 wurden wieder 120 Personen bei Protesten am Taksim festgenommen.

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Lighthouse Home Entertainment GmbH präsentiert „Istanbul United“ ab 22. Mai 2015 auf DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Lighthouse Home Entertainment GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Istanbul United
Land / Jahr: Deutschland, Tschechien, Türkei, Schweiz / 2012
Genre: Dokumentation
Darsteller: Can Atalay, Cahit Binici, Ayan Güner, Kerem Gürbüz, Cace Karakaye, Ugur Vardan und tausend weitere Fans von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş
Regie: Olli Waldhauer, Farid Eslam
Drehbuch: Olli Waldhauer, Farid Eslam
Produktion: Olli Waldhauer, Tina Schöpkewitz – Nippes Yard Produktion, Farid Eslam – Mind Riot Media Produktion
Co-Produktion: Jan Krüger – Port-au-Prince Film & Kultur Produktion, Dirk Albrecht – Sam AG, Laurin Merz – Pixiu Films, Tanja Georgieva – Taskovski Films
Sounddesign: Antonio de Luca
Kamera: Paul Rossaint (DOP), Fridolin Körner (2. Kamera)
Schnitt: Fridolin Körner und Jörg Offer
FSK: 0

DVD
Laufzeit: ca. 87 Min. + Bonus
Bildformat: Full HD 16:9 (2,35:1)
Tonformat: DD 5.1, Stereo
Sprachen: Türkisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Bonus: Trailer, Wendecover

Webseite zum Film: Istanbul United