Jacky im Königreich der Frauen: Planet der Frauen

jacky_coverIn der Volksrepublik Bubunne herrschen die Frauen, während Männer Schleier tragen, sich um den Haushalt kümmern und vor allem gut aussehen sollen. Pferde sind heilig und das Essen von Pflanzen verboten.
Der schöne 20-Jährige Jacky sieht in seinem weinroten Schleier ganz besonders gut aus. Er lebt in einer kleinen Trabantenstadt und hat sich unsterblich in die zukünftige Diktatorin Bubunne XVII. verliebt. Eines Tages scheint für Jacky die Chance zum Greifen nah, die strenge Schöne für sich zu gewinnen. Denn deren Mutter kündigt einen großen Ball an, auf dem sich alle Jünglinge des Landes als Heiratskandidaten präsentieren sollen. Jacky setzt alles in Bewegung, um bei diesem Ball die liebste Herrscherin ins Herz zu treffen. Doch sein Onkel Julin ist davon gar nicht begeistert, er kämpft im Untergrund für die Revolution und die Rechte aller Männer… Politisch unkorrekte Satire wäre wohl untertrieben: Die abgedrehte Komödie „Jacky im Königreich der Frauen“ ist ein Attentat auf die Lachmuskeln, ein Monty-Python-würdiger Anschlag auf Gender-Klischees und religiös-politischen Fundamentalismus.

Film-Blog.tv meint:
Wow… Was Regisseur und Autor Riad Sattouf mit seinem „Jacky“ präsentiert, hat eine beachtliche Bedeutung. Das mutige Plädoyer für Freiheit und Gleichheit wird sich vermutlich nicht jedem Zuschauer erschließen, die extreme Darstellung unter der Decke des Klamauks legt eine Polarisierung nahe. Doch dicht unter der komödiantischen Oberfläche findet sich ein deutlicher Appell für Respekt und Demokratie, der durch die groteskenhafte Verzerrung nicht behindert wird. Für die Entdeckung muss man sich auf Sattoufs Stil einlassen, der durchaus an Monty Python erinnert. Alle Achtung, das ist mutiges Kino und eine Form von Kunst, die sich Freiheiten nimmt.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Männer haben es nicht leicht in der Volksrepublik Bubunne. Sie tragen einen Schleier und warten darauf, dass eine Frau um ihre Hand anhält, um mit ihr „viele kleine Mädchen“ zu bekommen. Der Alltag der Männer besteht aus Putzarbeiten und Handreichungen für die Frauen. Der junge Jacky hat sich mit diesem Leben in der schlichten Siedlung arrangiert. In der Bescheidenheit zuhause verfolgt er einen einzigen großen Traum: die Colonelle zu heiraten. Sie wird das Amt der Staatenlenkerin von ihrer Mutter übernehmen und als Generalin die Anführerin der Volksrepublik werden. Doch zuvor soll sie heiraten, und ihren „Dödel“ soll sie auf einem Ball auswählen. Aufgrund der Vielzahl von Kandidaten werden hohe Eintrittspreise verlangt, zu hoch für Jackys Mutter als Fabrikarbeiterin. Doch als Jacky versehentlich seinen Onkel Julin als Hochverräter aufdeckt, erhält er als Dank eine Eintrittskarte für den Ball. Es gelingt ihm, in einer riesigen Zahl von Heiratswilligen die Aufmerksamkeit der Colonelle zu gewinnen, deren zukünftiger „Dödel“ mit dem Schauspieler Mitt Kronk eigentlich längst feststeht. Von da an überschlagen sich die Ereignisse. Die Folgen dieser Beziehung sollen die Volksrepublik Bubunne in ihren Grundfesten erschüttern…

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Oberflächlich stellt sich in der französischen Produktion aus 2013 eine Menge Klamauk dar. Anlehnungen an Monty Pythons Komik sind dabei durchaus vorhanden; dazu zählt auch die Phantasie und Konsequenz, mit der die skurrile Erzählung durchgehalten wird. Die deutsche Synchro ist nicht arm an Wortschöpfungen, die die Komik unterfüttern; „Blas-femme-erie“, „Der große Dödel“ und „Der große Schleimer“ gehören dazu. Auch mit Diminuitiven gehen die Dialoge nicht eben sparsam um: Pferdchen, Stiefelchen, Leinchen, Klöchen und Onkelchen sind der gängige Sprachgebrauch in der Volksrepublik Bubunne.

Doch schon kurz unter dieser Oberfläche berührt „Jacky“ wichtige Themen. Die bedrückende Ästhetik vollkommener Gleichschaltung, die götzenhafte Verehrung der Führerin, bildlich allgegenwärtig, ein gigantischer Platz für Kundgebungen und schlichte Quartiere für das Volk, den „Pöbel“: das Setting erinnert wohl nicht ohne Zufall an Nordkorea, die Mechanismen stehen für jede Diktatur.

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Männer werden in der Volksrepublik Bubunne des „Charlie Hebdo“-Autors Riad Sattouf massiv diskriminiert. Sie tragen Schleier, und alleine Frauen wählen Partner aus. Der Ehemann wird symbolisch an die Leine gelegt. Für diesen Zweck sehen alle Schleier einen praktischen Ring auf Höhe des Halses vor, und Männer, die Ehebereitschaft signalisieren, wedeln mit ihrem „Leinchen“. Auf einen Vollschleier verzichtet die Darstellung, das hätte dem Zuschauer vermutlich die Zuordnung der Personen zu sehr erschwert.

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Als Grund der Unterdrückung wählt der syrischstämmige Autor aus Frankreich, der seine Kindheit in Algerien, Libyen und Syrien verbrachte, ein fiktives Ereignis „vor 2.346 Jahren“, in der Männer während einer Hungersnot unbeherrscht die Gemüsevorräte aufbrauchten und nicht davor scheuten, die verehrten Pferde zu essen. Als Sühne wird der Spezies Mann im fiktiven Bubunne für alle Ewigkeit auferlegt, Schleier zu tragen und sich den Frauen unterzuordnen. Die Überlieferung der Botschaften eines sprechenden Pferdes vor tausenden von Jahren, die zu konsequenter Unterdrückung bis in die Gegenwart führen: Viel deutlicher könnte ein Seitenhieb auf Gesellschaften wohl nicht sein, die fundamentalistische Zwänge aus ihren Interpretationen religiöser Texte ableiten. Auf Vergehen wie Pferdebeleidigung steht in Bubunne die Hinrichtung durch Erhängen oder Erschießen; Musik, ausländische Medien und bestimmte Nahrungsmittel sind bei drakonischen Strafen verboten. Wer denkt hier nicht an die Sharia?

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Riad Sattouf spielt mit unserer gewohnten Wahrnehmung, in dem er Rollenbilder vertauscht. Putzen, Assistenz und Moderation werden hier wie selbstverständlich nur von Männern erledigt, während Frauen in den Fabriken arbeiten und das überall präsente Militär wie auch die Polizei stellen. „Frauenkleidung“ bedeutet hier militaristische Uniform. Die Männer sprechen überwiegend in sanften, tendenziell hohen Stimmen und nehmen oft eine schüchterne Demutshaltung ein. Hin und wieder werden sie vergewaltigt, manchmal ihren Frauen abgekauft. Seine herrschenden Ministerinnen zeichnet Riad Sattouf militaristisch und beachtlich „nordkoreanisch grimmig“.

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Bezeichnungen wie Colonelle, Leutneuse und Generalin verwenden die Bubunnesen ganz selbstverständlich. Riad Sattouf flechtet eine subtile Situationskomik ein. Etwa als die Bewerber für die Rolle des „großen Dödels“ die Colonelle umringen, in ihrer uniformen Festverschleierung als Geschlecht abgegrenzt, wedeln sie um die zentral positionierte Frau herum mit ihren Leinen, um so um Aufmerksamkeit und Gunst zu werben. Die schnell oszillierende Bewegung, die sie dabei ausführen, erinnert an Spermien um eine Eizelle.

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Wie verstörend der Rollentausch gelingt, zeigt sich in den kurzen Momenten, in denen in Riad Sattoufs Bubunne Jackys Onkel Julin auftaucht, der im Untergrund für die Revolution und die Rechte der Männer kämpft. Sowohl in seiner Rolle als Casanova, hier gleichgesetzt mit Prostitution, als auch als „Frau verkleidet“ in Uniform und schnell mit der Handfeuerwaffe, finden wir zu unseren Sehgewohnheiten zurück. Nur kurz übrigens, und erneut komisch verzerrt, wenn sich die Widerständler „Männinisten“ nennen.

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Riad Sattouf legt mit seiner Groteske aus 2013 einen mutigen Film vor, der die Themen Diktatur und Diskriminierung aufspießt. Man könnte fragen, wen der Charlie Hebdot-Mitarbeiter mit seiner Produktion erreichen will – westlichen Gesellschaften dürfte der Inhalt surreal erscheinen, und religiöse Fundamentalisten werden bei dieser Rollenverteilung wohl eine schnelle Fatwa aussprechen. Doch auch der Westen darf über „Jacky“ nachdenken. Der Franzose Riad Sattouf löst in seinem Drehbuch einiges mit Leidenschaft, und stellt zum Filmfinale noch einmal alles gehörig auf den Kopf. Darin steckt durchaus der eine oder andere Impuls, der auch offene und demokratische Gesellschaften erreichen kann.

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Pandastorm Pictures präsentiert „Jacky im Königreich der Frauen“ ab 26.Juni 2015 auf Blu-ray Disc™ und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Pandastorm Pictures zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Jacky au royaume des filles
Land / Jahr: Frankreich / 2013
Genre: Satire
Darsteller: Vincent Lacoste, Charlotte Gainsbourg, Didier Bourdon, Anémone, Valérie Bonneton, Michel Hazanavicius, Noémie Lvovsky, Laure Marsac, William Lebghil, Anthony Sonigo u. a.
Regie: Riad Sattouf
Drehbuch: Riad Sattouf
Produzentin: Anne-Dominique Toussaint
Kamera: Josée Deshaies
Schnitt: Virginie Bruant
Musik: Riad Sattouf
FSK: 12

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 90 Min.+ Bonus
Bildformat: 1,85:1 / 1080p24 / AVC
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Kinotrailer, Trailershow

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