Liebling Kreuzberg – Staffel 1: Glück kann man nur haben, wenn man faul genug ist

liebling_coverRobert Liebling ist kein typischer Anwalt: er ist unkonventionell, überaus schnodderig und bisweilen skurril. Er trägt mit Vorliebe Dreitagebart, Schlapphut und hässliche Krawatten, fährt Motorrad und raucht gern Zigarre.
Zu seinen Marotten zählt der Konsum von Unmengen an Götterspeise: Grün oder Rot ist hier die Frage!
Da er „etwas“ arbeitsscheu ist und nur selten in seiner Bequemlichkeit gestört werden will, engagiert er einen Sozius. Der neue Mann in der Kanzlei ist der junge Anwalt Giselmund Arnold. Er muss sich schnell an die eigenwilligen Arbeitsmethoden Lieblings gewöhnen. Gerne mal ruppig und mit kleinen juristischen Tricks – immer im Rahmen der Legalität – werden die Alltagsfälle und kleineren Rechtsstreitigkeiten meist gewonnen.

Film-Blog.tv meint:
Schräge Klienten, eigenwillige Anwälte und viel Herz für den Kiez: das ist die Kanzlei Liebling-Arnold in Berlin-Kreuzberg. Die ungleichen Volljuristen kümmern sich um die Probleme der Menschen im Viertel, meist rechtlicher und hin und wieder menschlicher Art. Immer wieder kommt ein Schuss rechtsethischer Diskussion dazu. Studio Hamburg Enterprises hebt mit „Liebling Kreuzberg“ einen fast dreißig Jahren alten Serienschatz, der bis heute nichts an Charme und Originalität verloren hat. Ein tolles Buch und Darsteller mit Mut zur Kantigkeit machen die Berliner Produktion zu mehr als sehenswerter Unterhaltung.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Robert Liebling ist im Hauptberuf Lebemann, im Nebenberuf Rechtsanwalt und Notar. Der Zeitbedarf seiner anwaltlichen Tätigkeit steht dem Laissez-faire im Weg. Hilfe soll ein Sozius bringen, denn irgendjemand muss ja die Arbeit machen: Dr. Giselmund Arnold ist der Mann der Stunde. Der seriöse Anwalt aus dem Raum Stuttgart trägt das Herz am rechten Fleck und möchte sich verändern. Dass er sich als „G. Arnold“ vorstellt, wird nicht daran liegen, dass ein voller Vorname in den Achtziger Jahren möglicherweise zu intim wirkte; Giselmund wird ihm etwas unangenehm sein.

Der neue Sozius ist korrekt, aber nicht steif. An der Seite der Kiezgröße Robert Liebling findet er sich schnell in Kreuzberg ein.

Das Anwaltsleben dort ist nicht immer leicht. Schon in den ersten beiden Folgen bringen Mütter ihre Söhne als Mandanten, deren Situation man heute wohl als prekär beschreiben würde. In den Achtziger Jahren hätte man eher ein drastisches Attribut zur Beschreibung gewählt, dessen Nennung nicht zu film-blog.tv passt. Ein vierzehnjähriger Serieneinbrecher wirft eine brennende Zigarette auf den Kanzleiteppich und pöbelt ohne Unterlaß. Der nächste minderjährige Klient ist noch mit einer räuberischen Geiselnahme in einem Supermarkt beschäftigt, als Liebling über seine Mutter das Mandat erhält. Der Adoleszent addiert seine beiden Verteidiger gleich einmal zur Liste der Geiseln, die er mit einer Schusswaffe bedroht.

Die anwaltliche Tätigkeit wird überwiegend auf den Straßen und in den Wohnungen Kreuzbergs porträtiert, seltener im Gerichtssaal. Die sozialen Beziehungen stehen stärker im Vordergrund als das Weitererzählen der Fälle oder der Verfahrensausgang.

Neben den Mandanten im Kiez spielen die Beziehungen des lebenslustigen Anwalts Liebling eine wiederkehrende Rolle in der Serie. Der geschiedene Vater einer jugendlichen Tochter vergnügt sich mit mehreren Damen und sieht die Beziehungen locker. Für sich selbst reklamiert er allerdings Exklusivität bei seinen Verehrerinnen. Sozius Armold ist ein Familienmensch und sucht eine Bleibe, um Frau und Kind den Nachzug aus Stuttgart zu ermöglichen.

„Liebling Kreuzberg“ ist ein Juwel der Fernsehunterhaltung. Autor Jurek Becker schrieb seinem Freund Manfred Krug die Rolle des Individualisten Robert Liebling auf den Leib, die originell erzählten Geschichten und die kantigen Darstellungen tragen bis heute. Dass die Serie fast 30 Jahre nach ihrer Entstehung noch so viel Charme mitbringt, spricht für die Qualität.

Das Berlin in 1986 ist ein kleines Stück Zeitgeschichte. Nicht nur die Mode und die Fahrzeuge; auch Telefone durften noch solche sein und per Kabel mit der Wand verbunden. Sie mussten keine E-Mails schreiben, keine Spiele mitringen und keine Taschenlampenfunktion. Zeitgeist vermittelt auch die androgyne Auszubildende Senta Kurzweg („Der Lehrling“) mit ihrem omnipräsenten Walkman („Ghost–busters!“).

Die Mauer ist noch präsent, drei Jahre vor ihrem Fall, der 1986 noch utopisch schien. „Deutsche Wertarbeit“, mit den sarkastischen Worten des Kreuzberger Anwalts. In der letzten Folge der Staffel fährt die Kamera mit dem „Point of view“, dem Blick von Arnold von einer Aussichtsplattform aus nach Ost-Berlin.

Kleine Konstanten wie der obsessive Wackelpuddingkonsum des Titelhelden und seine lauten Krawatten trugen dazu bei, ein festes Bild bei den Anhängern der Serie zu verankern.

Bei soviel Originalität macht es nichts, dass einzelne Nebenrollen etwas hölzern vorgetragen werden, etwa Zeugenaussagen im Gericht wie auch manche Dialoge in der Kanzlei. Was bis heute ausstrahlt, sind kreative Bücher und Schauspieler, die ihren Platz in der individuellen Welt der Kreuzberger Kanzlei finden.

Dies ist Grund genug, den Serienklassiker nach fast 30 Jahren auf DVD in’s Wohnzimmer zu holen. Diese Produktion bringt deutlich mehr Unterhaltung und Menschlichkeit mit als die weitaus meisten der heute über die zahllosen Kanäle schwappenden Serien.

Das Bild ist stellenweise körnig und bringt nicht die heute gewohnte Konturenschärfe mit. Der Klang ist nicht besonders dynamisch, die Dialoge sind jedoch deutlich zu verstehen.

Das interessant animierte Menü zeigt eine Straßenkarte, deren herausgehobene Straßenschilder Filmausschnitte zeigen. Bei wiederholtem Ansehen wäre es schön, die Animation abzukürzen; das ist jedoch nicht möglich. Und wiederholtes Ansehen lohnt sich!

Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „Liebling Kreuzberg – Staffel 1“ auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Liebling Kreuzberg – Staffel 1
Land / Jahr: Deutschland / 1986
Genre: TV-Serie
Darsteller: Manfred Krug: Robert Liebling, Rechtsanwalt, Roswitha Schreiner: Sarah, Lieblings Tochter, Michael Kausch: Dr. Giselmund Arnold, Rechtsanwalt, Corinna Genest: Paula Fink, Rechtsanwaltsgehilfin, Anja Franke: Senta Kurzweg, Auszubildende zur Rechtsanwaltsgehilfin, Bodo Wolf: Staatsanwalt Fricke, Brigitte Grothum: Erika Liebling (Exfrau von Robert Liebling)
Regie: Heinz Schirk
Drehbuch: Jurek Becker
Produzenten: Klaus Gotthardt
Kamera: Michael Epp, Regis-Nikolaj Bonvillain
Schnitt: Sabine Jagiella
Ton: Jürgen Meseck, Klaus-Dieter Wehling, Wolfgang Bukatz
Musik: Hans-Martin Majewski
FSK: 12

DVD
Laufzeit: ca. 270 Min.
Bildformat: 4:3 – 1.33:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch
Extras: keine

Webseite zum Film: Liebling Kreuzberg – Staffel 1