Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort: Bodenständig exaltiert

muelheimtexas_cover„Den grauen Alltag mache ich mir selber bunt“, schreibt Helge Schneider über sich. Musik, Filme, Konzerte, Bücher sind das in seiner Vielfalt kaum zu fassende kreative Ergebnis dieser selbst gestellten Aufgabe. In seiner Welt existiert das Fantastische neben dem Alltäglichen und es ist nur schwer auszumachen, wo die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktiven verläuft. Das gilt erst recht bei Schneiders Konzerten im direkten Dialog mit seinem Publikum.
Doch wie reagiert der Künstler Helge Schneider auf einen Filmemacher, der sich ihm nähert, um ihn zu portraitieren? Schnell wird deutlich, dass Helge seine Geheimnisse nicht auf dem Silbertablett darreichen wird. Er hat es nicht gerne, wenn einer zu viel über ihn weiß. Eine hochspannende Ausgangslage für Filmemacherin Andrea Roggon, die sich in ihrem Debüt-Film auf die Spur des Ausnahmekünstlers begeben hat.

Film-Blog.tv meint:
Eine Empfehlung? Ganz einfach: Wer Helge Schneider liebt, sieht sich Andrea Roggons Portrait aus 2015 unbedingt an. Die wie zufällig erzählten Momente zur Biographie des universellen Künstlers zeichnen ein interessantes Bild und geben schöne Einblicke in sein Schaffen. Wer zu dem Ausnahmekomiker aus Mülheim an der Ruhr bisher keinen Zugang gefunden hat, lässt tunlichst die Finger von dieser Dokumentation. Denn die Einblicke in das Leben und vor allem in die Arbeiten Helge Schneiders unterstreichen an vielen Stellen seine ganz eigene Art, die auch in seinen Filmen, Büchern, Auftritten und Konzerten polarsiert. Wessen Stil Schneiders Kunst nicht ist, wird auch hier kaum glücklich werden. Für mich selbst waren es ausgesprochen unterhaltsame ein-einhalb Stunden Portrait!

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Geheimnisse sind wichtig, sagt Helge Schneider. Deswegen solle man nicht zuviel über ihn wissen. Beim Einkaufen möchte er nicht gefilmt werden; „Die Leute wollen auch ein wenig rätseln“ findet er. Andrea Roggons Dokumentarfilm deckt sicher keine Geheimnisse auf, aber er gibt in seiner beobachtenden Art authenische Einblicke. Helge Schneider ist hier so natürlich und bodenständig wie nicht greifbar und künstlerisch.

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„Mülheim Texas“ eröffnet Einblicke in das Werden und Sein des Ausnahmekünstlers Helge Schneider. Beginnend mit seiner frühen Berührung mit der Musik und der Aufnahme von Hörspielen, die auf den täglichen Beobachtungen der Menschen im Ruhrgebiet fußten. Hier werden bereits Parallelen zum Grandseigneur des deutschen Humors deutlich: Wie Vico von Bülow als Loriot beobachtet Helge Schneider, und wie Loriot beherrscht er die Kunst des Timings meisterlich. Doch während Loriots Ansatz universell ist und die Massen erreicht, scheiden sich am schrägen Humor des 1955 geborenen Helge Schneiders die Geister. Während viele Menschen einfach keinen Zugang zu diesem eigenständigen Humor finden, erreicht jede seiner Gesten, jedes seiner Worte seine Fans. Wie erfolgreich er bei ihnen ist, zeigt die Kamera über sein Livepublikum und dessen herzhaftes Lachen bis zu fließenden Tränen. Keine Frage: Helge Schneider ist nicht austauschbar, anders als viele seiner Kollegen im deutschen Bühnenhumor.

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Neben seiner Arbeit als Comedian auf der Bühne, Schauspieler und Autor ist Helge Schneider vor allem Musiker. Und was für einer! Das Jazz-Talent des Multiinstrumentalisten ist legendär. „Mülheim Texas“ begleitet eine Probe, in der sein Perfektionismus deutlich wird. Die scheinbar spielerische Asynchronität geht mit sorgfältiger Konzeption und mit Timing einher. „Ich such‘ die Perfektion immer wieder neu“, sagt er Andrea Roggon. Sein Rhythmusgefühl spiegelt sich in seinem Wortvortrag wider, wenn er Humoresken auf der Bühne und im Film präsentiert.

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Woher kommt das Phänomen Helge Schneider? Die Kamera versucht es zu erklären und fängt die Tristesse des grauen Mülheim mit seinen aufgegebenen Kaufhof- und Schleckerfilialen ein. Vor dieser Kulisse wirkt Helge um so schillernd-bunter. Er gestaltet das Leben humorvoll, und wenn er dafür eine Modenschau in der menschenleeren „Wüste“ veranstalten muss. Sein rotes Haar hätte ihn in eine Außenseiterrolle gedrängt, sagt Helge Schneider im Interview. Diese Situation habe er kultiviert, mit 15 Jahren sei er im grünen Anzug und seiner Gitarre auf die Straße gegangen.

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Den Dialog mit dem Publikum führt er nach wie vor, auch in groén Hallen. Die Kamera fängt das Lachen der Menschen aus tiefsten Herzen gekonnt ein und zeigt den Erfolg des Ausnahmetalents eindrucksvoll. Sein Programm ist vom Publikum atmosphärisch angetrieben, sagt der improvisationsmächtige Schneider. Er werde als Clown gesehen, und „der Clown ist am Rande der Gesellschaft“. Am Rand der Gesellschaft scheint sich Helge Schneider wohlzufühlen, ein Durchschnittsmensch wird er nie sein. „Ich spiele keine Rolle, und deshalb spiele ich keine Rolle“, sagt er. Am Ende des Dokumentarfils erklingt die Mondscheinsonate, der Künstler springt dazu am Strand herum.

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Helge, du Alberner.

In ihrem Debüt findet die Filmemacherin Andrea Roggon nach fast vier Jahren Arbeit eine schöne Balance aus filmischen Rückblenden, Interviews und Ausschnitten aus dem Bühnenprogramm. Die Interviews finden in Helges Zuhause statt, abgedunkelt und mit dem Interviewten und seiner Orgel im Scheinwerferlicht. Bereits im DVD-Auswahlmenü wird der verschmitze Portraitierte so in Szene gesetzt. In dem sie der Musik großen Raum in ihrer Dokumentation gibt, wird Andrea Roggon Helge Schneider gerecht. Durch das offene Fließen der Erzählung trifft sie den spontanen Künstler in ihrem Fokus exakt. Den Produktionsnotizen zufolge ging es auch gar nicht anders: Ein choreographiertes Buch und die Wiederholung von Einstellungen habe Helge Schneider nicht zugelassen. Die Zufallstreffer aus der mehrjährigen Beobachtung tun der Produktion gut und ergänzen die Ausschnitte aus früheren Arbeiten sehr passend; hier und da interagieren der Mann vor der Kamera und die Produzentin aus dem „Off“. In den eingestreuten Antworten im Interview gibt Schneider dann doch den einen oder anderen ernsten Gedanken.

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Dass dieses Konzept funktioniert, fand auch die Jury der „Deutsche Film- und Medienbewertung“: „Der Film presst den Porträtierten nicht etwa in eine Form, sondern folgt ihm in dynamischem Fluss. MÜLHEIM TEXAS ist ein gelungenes und höchst unterhaltsames Künstlerporträt, das sich den vielen Facetten des Helge Schneider nähert, ohne zu entmystifi-
zieren. […] Damit ist Andrea Roggon sowohl Helge Schneider wie auch seiner Kunst mehr als gerecht geworden.“

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Im zwölfseitigen Booklet berichtet Macherin Andrea Roggon über die ungewöhnliche Entstehung des Dokumentarfilms. Neben der Jurybegründung der Deutschen Film- und Medienbewertung zum „Prädikat Besonders wertvoll“ finden sich Daten zum Stab hinter „Mülheim Texas“.

Sehenswert sind auch die Extras auf der DVD:
„Der Mülheimer“ ist das Thema eines kurzes Einblicks, in dem Menschen aus Mülheim über ihre Stadt erzählen und von Treffen mit dem Ausnahmetalent Helge Schneider berichten.
„Warten auf Helge“ gibt Einblicke in einen Soundcheck, ein Warm-up und Stimungsbilder von einem Auftritt. Menschen rennen beim Einlass in die ersten Reihen, Beatboxkünstlerin Butterscotch textet am Rand der Bühne mit ihrem Telefon.
„Gespräche: Alexander Kluge mit Helge Schneider, Der Neffe des Konfuzius“ zeigt Helge Schneider in der Rolle eines Chinesen im Interview, ein grandioser Einblick in sein Schaffen. „10 vor 11: Dampfer kaputt (Ausschnitt)“ ist eine weitere Kostprobe der Arbeit Helge Schmeiders, die mit Aufnahmen vom Untergang der Costa Concordia 2012 vermengt ist. (13:41 min.). Daneben finden sich der Kinotrailer und eine Trailershow.

Piffl-Medien präsentiert „Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort“ ab 23. Oktober 2015 auf DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Piffl-Medien zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort
Land / Jahr: Deutschland / 2015
Genre: Dokumentarfilm
Darsteller: Helge Schneider u. a.
Regie: Andrea Roggon
Drehbuch: Andrea Roggon
Produzenten: Ulla Lehmann, Andrea Roggon
Kamera: Petra Lisson
Schnitt: Bernd Euscher (BFS), Natali Barrey (BFS), Julia Karg
Musik: Helge Schneider
FSK: ohne Altersbeschränkung

DVD
Laufzeit: ca. 89 Min.+ Bonus
Bildformat: 16:9 (1:2,35)
Tonformat: Dolby Digital 2.0/5.1
Sprachen: Deutsch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Extras:„Der Mülheimer“, „Warten auf Helge“, „Gespräche: Alexander Kluge mit Helge Schneider, Der Neffe des Konfuzius“, „10 vor 11: Dampfer kaputt (Ausschnitt)“, Kinotrailer, Trailershow

Webseite zum Film: Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort