Nichts als die Wahrheit – 30 Jahre Die Toten Hosen: Profil eines Phänomens

tote-hosen_coverDeutschlands bekannteste Punkrockband „Die Toten Hosen“ feierte 2012 ihr 30-jähriges Jubiläum. In seinem neuen Film „Nichts als die Wahrheit – 30 Jahre Die Toten Hosen“ gelingt dem renommierten Dokumentarfilmer Eric Friedler die Innenansicht einer Band, die sich vom Bürgerschreck zur Kultband entwickelte und in ihrem Schaffen immer wieder deutsche Geschichte widerspiegelt.
Der NDR-Autor nimmt die Zuschauer mit auf eine zweistündige emotionale Reise: Armut, Drogen, Punk, Sex, das eigene Erwachsenwerden, Misserfolge und Höhepunkte, Frauen und Männer, Medien, Kommerz, Musik, Kinder, persönliche Rückschläge und emotionale Katastrophen – freimütig und uneitel erzählen die Bandmitglieder dem Regisseur ihre Geschichte. Entstanden ist das überraschende Psychogramm einer Band, von der man glaubte, schon alles zu wissen.

Film-Blog.tv meint:
Zwanzig Alben, neunmal auf Platz Eins der deutschen Albumcharts und weit mehr als tausend Konzerte in der ganzen Welt: Wie schafft eine Düsseldorfer Schülerband ohne besondere musikalische Begabung solch einen Weg? Der Film von Grimme-Preisträger Eric Friedler holt die fünf Urgesteine des deutschen Punks und ihre Wegbegleiter vor die Kamera und lässt es sie mit eigenen Worten erklären, manchmal dabei auch erkennen. Heraus kommt ein sehr ehrliches Portrait mit vielen Einsichten in die besonderen Biographien. Wer einen Konzertfilm sucht, greift zu einem der anderen Bildträger. Wer einen authentischen Einblick in das Phänomen dieser Ausnahmeband sucht und den Menschen dahinter näherkommen möchte, findet hier 120 genau richtige Minuten.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Keine geringeren Kritiker als Bob Geldolf und Punk-Urgestein Charlie Harper von den UK Subs führen in das Portrait ein. Das Urteil ist beachtlich: Die fünf Männer aus Düsseldorf werden gleich einmal als „eine der besten unbekannten Bands“ bezeichnet.

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Geprägt ist diese Combo von Widersprüchen, das macht Eric Friedlers Dokumentation deutlich: Gesellschaftsverändernd und anarchisch, chaotisch und stark kontrollierend, dreißig Jahre Party und eiserne Disziplin. Wie passen diese Gegensätze zusammen? Das verbindende Element sind Charaktere, die auch querdenken und gegen den Strom schwimmen, hierbei aber prinzipientreu sind. So gelingt es den Düsseldorfern, nach eigener Aussage mit wenig musikalischem Talent ausgestattet, durch viel Arbeit, Ambition und vor allem Selbstbewusstsein den Weg aus dem „Ratinger Hof“ in ausgebuchte Konzertsäle zu finden.

Das mehr als dreißig Jahre dauernde, sehr harte Tourleben zeichnet die Musiker. Dass unterwegs nicht immer nur Apfelsaft und Vollkornbrot gereicht wurden, mag man erahnen. Die interviewten Künstler sprechen ehrlich über die Grenzen, die mit allerlei legalen und nicht legalen Substanzen erreicht wurden, und wie kritisch sich das extreme Leben auswirkte.

Wie extrem die heute massentaugliche Musik bei ihrer Entstehung war, zeigen auch Momentaufnahmen wie die Interviews mit „Normalbürgern“ auf der Straße von 1980. Sie erinnern, in welcher Welt und gegen welche Welt diese Band entstand. Wie konservativ die Menschen dachten, und wie kritisch sie die damaligen Rebellen bewerten, das ist aus heutiger Sicht schon gruselig.

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Schon in ihrer frühen Zeit waren die „Hosen“ kompromißlos. Sie spielten in der Anfangszeit auch vor lediglich acht zahlenden Gästen und hatten mehr als einmmal Wohunngen verloren, als sie von einer Tour zurückkehrten: Mietrückstände.

Erdung finden die heutigen Stars immer noch in einem Relikt der Anfangstage, den Magical Mytery-Tours. Sie spielen ohne Gage für Privatleute, in Kliniken, in Gefängnissen und überall, wo man sie hören möchte. Die erweiterten Einblicke machen diese Auftritte zu einer Win-Win-Situation, verrät Campino. Und die Band spricht auch über den legendären „Magical Mystery“-Auftritt beim Sohn von Ernst Albrecht, damals sehr konservativer niedersächsischer Ministerpräsident, in dessen Privathaus.

Die Dokumentation lässt die Interviewten auf die Interviewer, aber auch aufeinander eingehen, die Einsichten sind authentisch und offen. Die Unbeschwertheit der Bandreportage „3 Akkorde für ein Halleluja“ aus 1989 ist hier vollständig verschwunden. Dazwischen liegen 23 Jahre voller Einsichten sowie gesundhetliche Probleme, Familien, Reife; und der Todesfall von Rieke Lax beim 1.000 Konzert im Rheinstadion, der eine gewaltige Zäsur in das Bandleben brachte.

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Eric Friedler bringt uns die Band in dieser Produktion greifbar nah, zusammen mit Erinnerungen von Jan Vetter und Dirk Felsenheimer („Die Ärzte“), Wolfgang Niedecken (BAP) und der Schauspielerin Marianne Sägebrecht.

Für Fans mehr als sehenswert, für alle anderen mit vielen Einsichten in die Menschen hinter der Band und unsere Gesellschaft durchaus ebenso.

Das Bild ist in den aktuellen Aufnahmen glasklar, die „historischen“ Aufnahmen sind teils Amateuraufnahmen. Der Sound ist gekonnt druckvoll.

Studio Hamburg Enterprises GmbH präsentiert „Nichts als die Wahrheit – 30 Jahre Die Toten Hosen“ auf Blu-ray Disc™ und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Studio Hamburg Enterprises zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Nichts als die Wahrheit – 30 Jahre Die Toten Hosen
Land / Jahr: Deutschland / 2012
Genre: Dokumentation
Darsteller: Andreas Frege, Andreas von Holst, Michael Breitkopf, Andreas Meurer, Vom Ritchie, Trini Trimpop u. a.
Regie: Eric Friedler
Drehbuch: Eric Friedler
Produktion: Jens Michael Stabenow
Kamera: Thomas Schäfer, Ulrich Vollert, Armin Plöger, Marian Engel Ton, Christoph Klein, Sven Klöpper
Schnitt: Berndt Burghardt
Musik: Die Toten Hosen
FSK: 16

DVD, Blu-ray Disc
Laufzeit: ca. 120 Min.
Bildformat: 16:9 – 1.77:1
Tonformat: Dolby Digital 2.0
Sprachen: Deutsch, teils Englisch mit deutschen Untertiteln
Extras: 8-seitiges Booklet inkl. Interview mit Eric Friedler