Nymph()maniac: “Mea vulva, mea maxima vulva”

nymph_coverAn einem kalten Winterabend entdeckt der schüchterne Junggeselle Seligman in einer Gasse die brutal zusammengeschlagene Joe. Da die Frau das Angebot, einen Krankenwagen zu rufen, ausschlägt, nimmt Seligman sie kurzerhand mit zu sich nach Hause. Als Joe wieder zu sich kommt, beginnt sie nach kurzem Zögern dem fremden Mann ihre Lebensgeschichte zu erzählen. In ihren Episoden, welche die selbstdiagnostizierte Nymphomanin dem verständnisvollen Zuhörer schildert, widmet sich Joe der Suche nach immer neuen aufregenden erotischen Abenteuern – jedoch ohne, dass sie tiefere Gefühle zu ihren Liebhabern entwickeln kann. Von der Entdeckung der eigenen Sexualität im Kindesalter über die wilden Sexeskapaden als Jugendliche, die in eine Affäre mit besonderen Folgen mündet, spannt Joe den Bogen: Denn als die betrogene Mrs. H. ihren Ehemann in der Wohnung der damals noch jungen Nymphomanin aufsucht, entspinnt sich ein Streit voller Hass und Abgründigkeit. Doch dann begegnet Joe ihrem einstigen Liebhaber Jerôme wieder, der sie entjungfert hat, und die junge Frau muss erkennen, dass sie der Liebe doch nicht so leicht entkommen kann…

Film-Blog.tv meint:
In der filmischen Gegenwart ist Nymphomaniac ein Kammerspiel mit zwei Personen. Seligmann findet die verletzte Joe, nimmt die Fremde mit nach Hause, und lässt sie ihr Leben erzählen. Dazwischen entstehen Dialoge um Schuld und Verantwortung, die Rolle von Frauen gegenüber Männern, Musiktheorie und mathematische Analogien. Ach ja, Sex spielt auch eine Rolle. Eine große sogar. Die filmisch erzählte Lebensgeschichte der lusthungrigen Joe ist nicht arm an sehr expliziten Darstellungen. Der Film erschließt sich auf mehreren Ebenen: psychologisch, dramatisch, intellektuiell und erotisch mit pornographischen Elementen. Autor und Regisseur Lars von Trier weiß durchaus unterhaltsam zu erzählen und visuell zu unterhalten. Insbesondere Charlotte Gainsbourg als Joe und Stellan Skarsgård als Seligman spielen sehenswert.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Der Film startet mit einem schwarzen Bild. Ist die Disc defekt oder ist das schon Kunst? Nach etwa zwei Minuten wird die Geduld belohnt, es zeigt sich ein erstes Szenenbild. Joe liegt bewusstlos auf der nächtlichen Straße, und wir erlebten wohl gerade ihre fehlende Wahrnehmung. Der Intellektuelle Seligman findet sie, sie lehnt einen Krankenwagen ab. Auf eine Tasse Tee begleitet sie ihn aber gerne nach Hause, und dort breitet sie ihre Lebensgeschichte vor ihm aus. Sie deutet an, dass ihre Biographie lang sein wird, und mit einer Moral einhergeht. Seligmann lässt sich darauf ein, und mit ihm lernen wir nun Joes Vita als Zuschauer kennen. Und häufig als Voyeur.

nymph_01

Ihre Autobiographie beginnt im Alter von zwei Jahren; hier, berichtet sie, entdeckte sie ihr Geschlechtsteil. In der englischsprachigen Originalversion verwendet sie ein mit „C“ beginnendes Wort, das nicht zitierfähig ist.

Nach einigen Kindheitserinnerungen führt uns der Film zur von der Hauptdarstellerin ersehnten Entjungferung, die vom jungen Jerôme lieblos durchgeführt und von der erzählenden Joe analysiert wird. Es folgen Schilderungen, wie sie mit ihrer jungen Freundin in einen Wettbewerb um die höchste Kopulationsquote tritt. Dabei steht alleine die Lustbefriedigung der beiden jungen Frauen im Fokus.

nymph_02

In einer unstillbaren Lust vertilgt Joe Männer geradezu, Liebe und Zuneigung empfindet sie nicht. Alleine zu Jerôme baut sie eine emotionale Beziehung auf, als sie ihn erneut trifft. Nach mehreren Begegnungen und Trennungen über einen Zeitraum von Jahren heiraten sie und bekommen einen Sohn. Doch Joe vernachlässigt das Kind. Nach einem Verlust ihrer sexuellen Empfindung testet sie Masochismus als Stimulanz, und lässt sich auch an Weihnachten lieber von einem fremden Mann misshandeln, als Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Als der Vater den dadurch unbeaufsichtigten kleinen Jungen alleine auf dem Balkon findet, trennt er sich von Joe.

In Folge der jahrelangen exzessiv gelebten Sexualität stellen sich klitorale Blutungen bei Joe ein. Eine Therapiegruppe „Sexsüchtiger“ rät ihr, alle Reize zu meiden.

nymph_03

Joe beginnt für einen Geldeintreiber zu arbeiten. Sie setzt dabei ihre umfangreiche Kenntnis der Männer wie auch erlernte sadistische Praktiken ein und wird sehr erfolgreich. Ihr Auftraggeber weist ihr den Weg zur jungen P. Sie ist Halbwaise, der Vater im Gefängnis. Würde sie Zuneigung zu dem einsamen Mädchen aufbauen, sagt Joes Chefs voraus, könne sie erhebliche Loyalität erreichen und sie zur Unterstützung ihrer illegale Arbeit gewinnbringend nutzen. Der Plan geht auf, doch Joe entwickelt eine Zuneigung zu P., die sich Joe auch intim nährt. P.’s Familie ist durchgängig kriminell, und die junge Frau insistiert, Joe bei ihrer illegalen Arbeit zu unterstützen. Nach massivem Widerstand stimmt Joe schließlich zu.

Eines Tages führt ein Auftrag die beiden erfolgreichen Geldeintreiberinnen zu Jerôme. Joe lässt P. diesen Job erstmals alleine durchführen und weist sie an, keine Gewalt anzuwenden. Mit jedem Eintreiben einer Rate durch P. bei Jerôme wächst Joes Eifersucht. Als P. vom letzten Besuch nicht zurückkehrt, geht Joe Jerômes Haus und beobachtet, dass die beiden miteinander geschlafen haben.

nymph_05

Sie lauert beiden auf und schießt zweimal auf Jerôme. Da ihre Pistole nicht durchgeladen ist, löst sich kein Schuss. Jerôme schlägt Joe zusammen, P. uriniert auf sie. Hier findet Seligmann die am Boden liegende Frau, und der Kreis schließt sich.

Am Ende ihrer Lebensgeschichte ist Joe müde. Sie nennt den verständnisvollen Seligmann nun einen Freund, sie ist im Frieden und froh, dass der Schuss sich nicht gelöst hat. Als sie eingeschlafen ist, kehrt Seligmann an ihr Bett zurück und versucht in sie einzudringen. Sie lädt die Pistole durch und schießt auf den überraschten Mann. In dieser Szene entlässt uns der Film wie zu Beginn in ein dunkles Bild. Wir hören den Schuss und einen Aufprall, den Reißverschluss ihrer Stiefel und ein Türenknallen, gefolgt von schnellen Schritten im Treppenhaus.

nymph_04

Eine Jimi Hendrix-Interpretation untermalt die Credits: „Hey Joe, were you’re gonna go with that gun in yur hand“…

Im Zusammentreffen der einst lebenshungrigen und lebenserfahrenen Frau mit dem Akademiker, der mit seinem reichen Buchwissen noch nie mit einer Frau zusammen war, entspannt Lars von Trier eine wilde, häufig deutlich portraitierte Biographie. Der Autor und Regisseur durchwebt die Schilderungen mit grundsatzphilosophischen Fragen, die Joe mit Seligmann diskutiert. Sein theoretisches Wissen ist immens, stößt aber hin und wieder an Grenzen, wenn die lebenserfahrene Frau einzelne seiner Thesen widerlegen kann.

nymph_06

Seligmann sitzt mit gesenkten Schultern am Bett der Erzählerin. Verständnisvoll, belesen, Analogien findend, Entlastung für ihre berichteten Handlungen suchend. Sein Zimmer ist karg, das Gegenteil der in ihm nun wiedergegebenen Lebenslust.

von Trier erzählt spannend, und er setzt die explizite Darstellung von Sexualität durchgehend als beherrschendes Stilmittel ein. In der Deutlichkeit überschreiten manche Einstellungen die Grenze zur Pornographie. Und dennoch ist dieser Film die Erzählung einer fiktiven Autobiographie, der Sex instrumentalisiert, ohne ihn erzählerisch in den Mittelpunkt zu stellen.

Das in Besprechungen dieses Films häufig verwendete Attribut der Depressivität findet sich nicht; das Bild einer klinische Depression wird hier nicht gezeigt. Die Lust beherrscht Joe und nimmt ihr dadurch Perspektiven; darunter leidet sie, ebeso wie sie leidet, als sie ihre Lust verliert. Sie berichtet Seligmann melancholisch. Eine Depression ist dies hingegen nicht.

Lars von Trier streut immer wieder situative und dialogische Komik ein. Etwa in der Diskussion um das entscheidende Merkmal, das uns determiniere: schneiden wir zuerst die Nägel der linken oder der rechten Hand? Dies lasse Rückschlüsse auf unsere Einstellung zum Leben in seiner Gesamtheit zu.

nymph_07

Als ein Liebhaber Joes seine Frau verlässt und bei Joe einziehen will, taucht kurz darauf die Verlassene mit den drei Kindern in Joes Wohnung auf. Uma Thurman als verlassene Frau spielt hier groß, als sie anfangs ruhig und erläuternd konfrontiert, um dann eskalierend ihre Vorwürfe vorzutragem. von Trier scheut sich nicht, diese unbequeme Situation mit unterschwelliger Komik zu präsentieren. Gesteigert durch das Erscheinen des nächsten Liebhabers, der zusätzlich erscheint…

Szenischer Humor addiert sich in einer Einstellung, in der Joe einen ihr unbekannten Sexpartner mit in ihr Zimmer nimmt. Der Afrikaner bringt ungefragt seinen Bruder mit. Als die Brüder diskutieren, wer denn nun wann und wo zum Einsatz kommt, setzt die Kamera Joe in den Hintergrund und die rechtwinklig erigierten Penisse, die sich nun gegenüberstehen, in den Vordergrund.

Als eine Therapiegruppe „Sexsüchtiger“ Joe rät, alle Reize zu meiden, unterlegt von Trier Joes Entzug mit Mozarts Requiem. Ist das „depressiv“, oder ist das ein Augenzwinkern des Filmemachers?

Die Kamera ist ungehemmt, aber sie findet viele ästhetische Einstellungen. Um eine Stimmung zu untersteichen, werden auch Schwarz-Weißaufnahmen eingesetzt. Allerdings flackert diese Technik nur vereinzelt auf, nicht durchgängig an allen entsprechenden Passagen. Auch Visualisierungen werden eher unsystematisch eingesetzt. Hier wäre weniger mehr. Als Joe in einem voll besetzten Zugabteil masturbiert, denkt sie an Jeromé, der gerade eine Beziehung zu einer anderen Frau eingegangen ist. Sie erläutert, Elemente der um sie sitzenden Männer, die sie an Jeromé erinnern, wie in einem Puzzle gedanklich zusammenzusetzen. Wie in einem Lehrfilm wird nun durch eine Grafik erläutert, was zuvor verbal beschrieben wurde. Das muss nicht sein.

Das Bild ist klar und gut ausgeleuchtet, der Ton balanciert. In beiden enthaltenen Sprachfassungen, Deutsch und Englisch, sind die Dialoge präsent und klar verständlich.

Der Film mit einer Gesamtlänge von vier Stunden in der hier vorgestellten Fassung wurde in den Kinos in zwei Teilen veröffentlicht. Insgesamt ist die Handlung in acht betitelte Kapitel aufgeteilt. Neben der uns vorliegenden Version existiert ein Director’s Cut mit mehr als fünf Stunden Spielzeit. Auffallend viele der Rezensenten, die beide Versionen kennen, betonen, dass die Langfassung eine entschieden höhere Erzählqualität aufweist.

nymph_08

Concorde Videopräsentiert „Nymph()maniac“ auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD. Das Rezensionsexemplar wurde uns von Concorde Videozur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Nymph()maniac
Land / Jahr: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien, UK / 2013
Genre: Drama
Darsteller: Charlotte Gainsbourg: Joe; Stellan Skarsgård: Seligman; Stacy Martin: junge Joe; Shia LaBeouf: Jerôme; Christian Slater: Joes Vater; Jamie Bell: K; Uma Thurman: Mrs. H; Willem Dafoe: L; Mia Goth: P; Sophie Kennedy Clark: B; Connie Nielsen: Joes Mutter; Michael Pas: alter Jerôme; Maja Arsovic: Joe mit 7 Jahren; Daniela Lebang: Brunelda; Udo Kier: Kellner
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Produzent: Louise Vesth
Kamera: Manuel Alberto Claro
Schnitt: Morten Højbjerg, Molly Malene Stensgaard
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 241 Min, (I: 117 Min.; II: 124 Min.) + Bonus
Bildformat: 2,35:1 (16:9)
Tonformat: Deutsch DTS 5.1 / DD 5.1, Englisch DD 5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Extras: Interviews mit den Hauptdarstellern, Trailer

Webseite zum Film: Nymph()maniac