„Orange Is the New Black“: Frauen am Rande des Wahnsinns

orange_coverNoch fesselnder, noch cooler, noch witziger: „Orange Is the New Black” erzählt voller Witz und Schärfe die Geschichte von Piper Chapman, die für eine im jugendlichen Leichtsinn begangene Straftat 15 Monate in einem Frauengefängnis inhaftiert wird.
Piper lässt sich  von nichts und niemand so leicht einschüchtern.
Schockierende Geständnisse, gewaltbereite Neuankömmlinge, alte und neue Rivalitäten, aber auch liebgewonnene Gewohnheiten und Freundschaften bestimmen den Alltag in Litchfield.

Film-Blog.tv meint:
In „Orange Is the New Black“ nimmt uns Piper Chapman mit in eine auch ihr fremde Welt: kurz vor Erreichen der Verjährungsfrist fährt sie aufgrund geschmuggelten Drogengeldes in das Gefängnis ein. Die Welt hinter Gittern konfrontiert die junge Frau aus gut situierten Verhältnissen mit viel Menschlichem und Unmenschlichen. Dabei bringt die Serie eine humorvolle Leichtigkeit mit, die niemals den Boden der dramatischen Grundsituation verlässt.
Deutschen Zuschauern ohne Streaming-Abo eröffnet sich die Serie recht spät. In den USA waren die ersten Staffeln schon im Herbst 2014 in den DVD-Regalen der Supermärkte zu finden; der primäre Vertriebskanal ist ohnehin der Auftraggeber Netflix. Wer diesen Dienst nicht abonniert hat und noch keine Importversion zuhause hat, tut gut daran, sich die sehenswerte Serie zuzulegen. Die ganz überwiegend positiven Kritiken kommen nicht von ungefähr: „Orange Is the New Black“ bringt ein spannendes Buch, authentische Darsteller und vor allem eine erfreuliche Eigenständigkeit mit, durch die sich die Serie abhebt. Wer sich in den Hintergrund einlesen möchtet, sollte im Internet auch nach Piper Kerman suchen. Die Einsichten der autobiographischen Autorin eröffnen das Serienthema besonders gut.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Piper Chapman liebt Duschen, verrät sie dem Zuschauer aus dem Off, während die Kamera sie bei genüßlichen Momenten im heimischen Bad begleitet. Liebte Duschen, korrigiert sie kurz darauf in die Vergangenheitsform, während die Szene zu einer Gefängnisdusche wechselt, in der sie improvisierte Badelatschen aus Monatsbinden gegen Fußpilz schützen sollen.

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Ein kurzer Rückblick schwenkt auf Pipers letzten Abend in Freiheit, mit ihrem Mann Larry und einem befreundeten Paar. Die Stimmung ist gedrückt, denn die junge Frau wird am nächsten Tag ihre Haftstrafe antreten. Als Konsequenz für den Transport von Drogengeld.

„Strip, open your mouth“: in Sekunden wird aus der gutbürgerlichen Frau eine anonyme Gefangene, die sich der entwürdigenden Behandlung durch das Gefängnispersonal stellen muss. Der Kontaktbeamte Healey versteht das System auch nach 20 Jahren noch nicht, erläutert er der neu angekommenen Piper: eine Crackdealerin kommt nach 9 Monaten frei, während eine Frau, die versehentlich den Postboten angefahren hat, zu vier Jahren verurteilt wird.

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„The food here is disgusting!“. Pipers Restaurantkritik am ersten Tag bringt sie gleich zu Beginn ihrer Knastkarriere in ein ernstes Dilemma, denn Red, die Köchin, hörte Pipers Kommentar und schließt sie in den nächsten Tagen konsequent von der Verpflegung aus. Und das ist nicht das einzige Problem der neu angekommenen Gefangenen: hinter den Gefängnismauern trifft sie auf ihre Ex-Geliebte Alex, für die sie vor Jahren das Drogengeld transportierte…

„Orange Is the New Black“ ist die Verfilmung von Piper Kermans gleichnamigem Buch. Die Vorlage trägt wesentliche autobiographische Züge aus dem Leben seiner Autorin: Gut ausgebildet, wohlhabende Familie, in einer Beziehung mit einem Autor lebend. Geldschmuggel aus den Drogengeschäften einer Geliebten. 15 Monate Haftstrafe in einem Gefängnis mit geringer Sicherheitsstufe.

Die Welt, in der sich die Autorin und damit ihr Serien-Alter Ego einfinden müssen, ist hart. Auch, wenn es sich um ein „minimum security prison“ ohne Schwerverbrecher handelt, ist der Umgang oft rau. Die Frauen bilden eine Schicksalsgemeinschaft, in der sie mit den anderen konfrontiert werden. Ausweichen kann niemand. Die Isolation und die Trennung von der Familie wiegen zusätzlich schwer auf allen Menschen in ihrer Haft.

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Jenji Kohans Serie stellt die Beziehungen der Menschen in den Vordergrund, in einem vielfältigen und doch begrenzten sozialen Kosmos. „Orange Is the New Black“ ist mehr als eine Soap und trägt Züge eines Sozialdramas. Die Erzählweise schwenkt in Rückblenden immer wieder auf die Biographien der Insassinnen vor ihrer Verhaftung und verleiht den Charakteren in ihrer stereotypen Gefängnisumgebung eine gewisse Tiefe. So setzt das Regieteam auch Rückblenden ein, als Piper die Eingangsuntersuchung zu Beginn ihrer Haft zeigt. Parallelen zu den intimen Momente in ihrer Beziehung unterstreichen, wie drastisch sich die Lebenswelten unterscheiden.

Der Humor der Serie ist latent vorhanden, stellt sich aber nie in den Vordergrund. Die Stimmung der Netflix-Serie ist nachdenklich, und spart die harte Realität nicht aus. Missbrauch und Willkür werden etwa in Episiode 9, „Fucksgiving“, thematisiert. Piper tanzt mit Alex, der eifersüchtige Healey lässt sie dafür am wichtigen Feiertag Thanksgiving in Einzelhaft sperren. Piper erfährt Isolation und Erniedrigung. Das Essen ist verschimmelt, für die Dusche unter der Aufsicht eines männlichen Aufsehers wird sie angekettet. Ihre für sie nicht sichtbare Zellennachbarin leidet unter Visionen und hat durch das konstant brennende Licht das Gefühl für die Zeit verloren. Ist sie neun Monate in der Isolation? Ein Jahr? Piper versteht, in welchem Maß selbst sie als unauffällige Gefangene der grenzenlose Willkür ausgeliefert ist.

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Netflix finanzierte die zunächst 13-teilige Webserie, die Studiocanal nun als DVD- und BluRay-Box vorlegt. Die Streaming-Serie fand großen Anklang bei Kritikern, die Produktion und die Darstellerinnen wurden mit Nominierungen und Auszeichnungen überhäuft. „Orange Is the New Black“ zeigt, das „Video on demand“ längst kein reines Zweit- oder Drittnutzungsmedium mehr ist.

Wie auf Netflix bringen auch die Medien von Studiocanal die englischsprachige Originalversion als Option mit.

Als gelungen empfinde ich den Titelsong „You’ve Got Time“ von Regina Spektor, der auch das Auswahlmenü musikalisch untermalt. Ganz unwichtig ist das nicht, denn wer sich eine Serie ansieht, wird damit entsprechend häufig konfrontiert. Der Opener ist auch grafisch schön anzusehen, mit Close-ups der Darstellerinnen in Farben mit reduzierter Sättigung und hohem Kontrast. Der Mensch im Vordergrund, und gleichermaßen Vielfalt und Austauschbarkeit: die einleitende Bildfolge zeigt sehr schön, worum es in den Folgen gehen wird.

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Piper Kerman und Barack Obama: Gefängnisstrafen in den USA

Piper Kerman schildert, wie die schnell verhängten Gefängnisstrafen Biographien zerstören und den Steuerzahler viel Geld kosten. Sie wendet sich insbesondere gegen Haftstrafen nach Drogenverbrechen ohne Gewaltanwendung, die nicht selten Frauen und deren kleine Kinder treffen.

Kurz, bevor ich mit der Recherche zu der Netflix-Serie begann, waren die häufig verhängten Haftstrafen in den USA ein Thema an höchster Stelle. US-Präsident Barack Obama sprach bei der NAACP’s National Convention in Philadelphia am 14. Juli 2015 über Ungerechtigkeiten im Justizsystem. Zwei Tage später besuchte er als erster amtierender Präsident ein Bundesgefängnis, um mit den Insassen über die Haftbedingungen zu sprechen.

Im Visier von Obamas Reformbemühungen stehen die “nonviolent drug offenders” wie Piper Kerman. Sie seien der wirkliche Grund für die hohe Zahl von Inhaftierten in den USA.

Es sind ethische wie ökonomische Gründe, die Obama mehr Rehabilitierung fordern lassen. Doch die Reform würde alleine Bundesgefängnisse erreichen. Mehr als 2,2 Millionen US-Amerikaner sind inhaftiert, sagte der Präsident, davon rund 700.000 in städtischen Gefängnissen. Gerade einmal die knapp 216.000 Insassen von Bundesgefängnissen könnten von den Reformbestrebungen profitieren.

John Pfaff, Professor an der Fordham University School of Law sagt “If you were to release every federal prisoner today, that still would leave about 1.3 million people in prison,” … “We’d still have the highest number of people in prison in the world, and we’d still have the highest incarceration rate.”

Es ist noch ein weiter Weg, den die USA mit ihrem rigiden Justizsystem zu gehen haben. Bis dahin werden sich noch viele Schicksale wie das von Piper Kerman ereignen.

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STUDIOCANAL GmbH präsentiert „Orange Is The New Black“ ab 25. Juni 2015 auf Blu-ray Disc™ und DVD.
Das Rezensionsexemplar wurde von STUDIOCANAL GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Orange Is The New Black
Land / Jahr: USA / 2013
Genre: Serie, Drama, Comedy
Darsteller: Taylor Schilling; Laura Prepon; Michael J. Harney; Michelle Hurst; Kate Mulgrew; Jason Biggs; Uzo Aduba; Danielle Brooks; Natasha Lyonne; Taryn Manning; Selenis Leyva; Adrienne C. Moore; Dascha Polanco; Nick Sandow; Yael Stone; Samira Wiley u. a.
Regie: Michael Trim, Uta Briesewitz, Jodie Foster, Andrew McCarthy, Matthew Penn, Phil Abraham, Constantine Makris
Drehbuch: Liz Friedman, Jenji Kohan, Marco Ramirez, Sian Heder, Gary Lennon, Nick Jones, Lauren Morelli, Sara Hess, Sian Heder, Tara Herrmann
Produzenten: Jenji Kohan, Liz Friedman
Musik: Scott Doherty, Brandon Jay, Gwendolyn Sanford
Titelsong: Regina Spektor, „You’ve Got Time“
FSK: 16

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 731 Min.+ Bonus
Bildformat:16:9 – 1.77:1
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Audiokommentar von den Produzenten Jenji Kohan, Tara Herrmann und Mark Burley; sechs Featurettes; Gagreel; Trailer, Wendecover

Webseite zum Film: Orange Is The New Black