Philomena: Vergeben für’s eigene Seelenheil

philomena_coverEr hat auf höchster politischer Ebene mitgemischt. Menschelnde Schicksalsstorys öden ihn an. Aber als die fast 70-jährige Philomena Lee dem arroganten Journalisten Martin Sixsmith ihre Lebensgeschichte anvertraut, wittert er eine Story: Als Teenager wird Philomena im streng katholischen Irland der fünfziger Jahre ungewollt schwanger. Zur Strafe kommt sie in ein Kloster, in dem sie ihren unehelichen Sohn zur Welt bringt und gezwungen wird, ihn zur Adoption freizugeben. 50 Jahre lang schweigt Philomena aus Scham. Jetzt bittet sie Martin um Unterstützung bei der Suche nach ihrem Kind. Während ihrer gemeinsamen Reise auf den Spuren der Vergangenheit prallen zwei Welten aufeinander: Die fromme, warmherzige ältere Dame und der zynische Reporter bilden ein kurioses Team. Trotz aller Gegensätze freunden sie sich an – und stoßen im Verlauf ihrer Nachforschungen auf einen unfassbaren Skandal …

Film-Blog.tv meint:
„…und vergebe uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“ so ziemlich jeder, der im christlichen Umfeld aufgewachsen ist, hat diesen Satz aus dem „Vaterunser“ schon mal vor sich hin gebetet, ohne sich groß Gedanken über die Tragweite zu machen. Philomena ist, im Zeichen der Kirche, so ziemlich das größte Unrecht widerfahren, das eine Mutter erleben kann. Ihr unerschütterlicher Glaube, den sie schon fast bis zur Skurrilität praktiziert, hilft Ihr, diese Verletzungen mit Gleichmut, fast schon einer heiteren Gelassenheit, zu ertragen. Ganz anders Martin. Als überzeugter Atheist ist er, obwohl nicht direkt betroffen, verbittert, zynisch und verhärmt.
Ob es richtig ist, den Film „Philomena“ in die Schublade „Komödie“ zu stecken? Ich bin mir da nicht so sicher. Gut, es gibt eine Reihe komischer Situationen. Die entstehen vor allem durch den Unterschied der Hauptfiguren: Hier die etwas einfältige, mütterliche aber herzensgute Philomena, auf der anderen Seite der weltgewandte, intellektuelle und weit gereiste Journalist Martin, der nicht erst seit seiner Kündigung zum Zyniker wurde. Daraus entstehen Dialoge, die zwar eine gewisse Komik nicht entbehren, aber bei genauem Hinhören viel tiefer gehen. Und bei genauem Nachdenken, geht die eigentliche Botschaft von „Philomena“ eben auch viel tiefer als es bei einer Komödie zu erwarten ist.
Aber diese Stunden der Nachdenklichkeit über die Machenschaften von Kirche und Macht müssen Sie sich schon selbst nehmen. Dann ist „Philomena“ ein richtig guter Film, der tief unter die Haut geht.

50 Jahre lang hat Philomena Lee ihr Geheimnis für sich behalten. Aber es ist kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihren Sohn gedacht hätte. Heute ist sein 50. Geburtstag. Endlich ringt sich Philomena dazu durch, ihrer Tochter Jane die ganze Wahrheit anzuvertrauen.

1952 wurde Philomena, damals noch ein Teenager, schwanger. Im streng katholischen Irland eine Schande. Die Eltern schieben das gefallene Mädchen ins Kloster ab, wo Philomena ihren Sohn Anthony zur Welt bringt und zur Adoption freigeben muss. Als „Entschädigung“ für die Unterkunft im Kloster müssen die jungen Frauen in der Wäscherei schuften und dürfen täglich nur eine Stunde mit ihren Kindern verbringen. Anthony ist drei, als der gefürchtete Tag kommt: Gemeinsam mit Mary, der kleinen Tochter von Philomenas Freundin, wird Anthony von einem Paar abgeholt. Die Mütter können sich nicht einmal verabschieden. Nur eine junge Nonne hat Mitleid und drückt Philomena heimlich ein Foto ihres kleinen Jungen in die Hand. Das ist alles, was ihr von Anthony geblieben ist.

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Philomenas Tochter Jane ist schockiert. Als sie wenig später auf einer Party das Catering übernimmt, erkennt sie unter den Gästen Martin Sixsmith, der gerade höchst unfreiwillig in den Medien präsent ist: Eine einzige unglückliche Formulierung hat seine Karriere als Spin Doctor von Premier Tony Blair abrupt beendet. Jetzt steht der Starjournalist ohne Job da, ist ziemlich deprimiert und überlegt eher halbherzig, ein Buch zu schreiben.

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Die tragische Geschichte, die Jane ihm erzählt, ist nicht gerade das Prestige-Projekt, das dem ehemaligen BBC-Korrespondenten vorschwebt. Menschelnde Schicksalsstorys sind nicht wirklich sein Metier. Aber Martins geschäftstüchtige Lektorin Sally Mitchell sieht das anders und bietet ihm prompt einen Buchvertrag an. Da ohnehin kein besserer Auftrag in Sicht ist, stimmt Martin widerwillig zu, sich mit Philomena zu treffen. Die ehemalige Krankenschwester ist nicht besonders gebildet und versteht Martins intellektuelle Witze nicht. Aber die „schmutzigen Details“ ihrer Geschichte klingen viel versprechend. Also willigt Martin ein, gemeinsam mit der alten Dame nach ihrem verlorenen Sohn zu fahnden.

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Die erste Anlaufstelle des ungleichen Duos ist das Kloster, wo Fremde nicht sehr willkommen sind. Die Schwestern können ohnehin nicht weiterhelfen: Sämtliche Akten wurden bei einem Brand zerstört. Und die betagte Schwester Hildegarde, zu Philomenas Zeit die strenge Oberin in Roscrea, ist nicht zu sprechen. Martin kann kaum glauben, wie höflich Philomena bleibt. Trotz allem ist sie noch immer gläubige Katholikin und niemandem böse. Sie will nur erfahren, was aus ihrem Sohn geworden ist.

Bei der Rast im Pub stößt Martin unverhofft auf den entscheidenden Hinweis. „Sie sind nicht die Ersten, die suchen“, sagt der Barkeeper und deckt skandalöse Fakten auf. Roscrea hat absichtlich alle Unterlagen vernichtet, um seine unchristlichen Geschäftspraktiken zu vertuschen: Für 1.000 Pfund konnten wohlhabende Amerikaner im Kloster ein Kind kaufen. Damit steht die nächste Etappe der Spurensuche fest: Martin bucht Flüge nach Washington D.C., wo er als ehemaliger US-Korrespondent beste Verbindungen hat.

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Die Reise wird für beide ein Kulturschock. Philomena ist begeistert, dass die Getränke im Flugzeug inklusive sind, schwärmt Martin von Schundromanen vor und reißt ihn aus dem Tiefschlaf, nur um ihm zu sagen, wie dankbar sie für seine Hilfe ist. Der coole, weltmännische Reporter ist von Philomenas überschwänglicher Herzlichkeit schwer genervt. Während sie das Hotelbüffet stürmt, macht sich Martin an die Arbeit und stößt schnell auf einen gewissen Michael A. Hess, politischer Berater im Weißen Haus. Aber bereits 1995 verstorben. Es besteht kein Zweifel, dass es sich um Philomenas Sohn handelt.

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Philomena fasst sich erstaunlich schnell. Zumindest weiß sie nun, dass ihr Sohn ein gutes Leben hatte. So einen Job hätte er bei ihr in Irland doch nie bekommen. Jetzt würde sie nur gern noch mit jemandem sprechen, der ihren Michael / Anthony kannte. Der sonst so kaltschnäuzige Martin ist tief betroffen. Er würde es gern dabei belassen und das geplante Buch lieber nicht schreiben. Doch seine Lektorin in London drängt ihn weiterzumachen: Traurige Geschichten verkaufen sich gut, und außerdem hat er einen Vertrag zu erfüllen.

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Die Recherchen führen ins Weiße Haus, wo es heute kein Geheimnis mehr ist, dass Michael schwul war. Bevor Philomena und Martin Michaels Lebensgefährten Pete aufsuchen, fahren sie zu seiner „Schwester“ Mary, die damals mit ihm zusammen adoptiert wurde. Damit beginnt eine Serie unfassbarer Enthüllungen: Michael ist an Aids gestorben. Pete hat seinen letzten Wunsch durchgesetzt und ihn in Irland begraben – auf dem Klosterfriedhof von Roscrea. Vor seinem Tod hatte Michael dort nach seiner leiblichen Mutter gesucht, wurde aber dreist angelogen, sie habe ihn verlassen.

Mit diesem Wissen kehren Philomena und Martin nach Roscrea zurück, um Schwester Hildegarde zur Rede zu stellen. Martin hat beschlossen, Philomenas Geschichte auf keinen Fall auszuschlachten. Er wird sein Buch nicht schreiben. Aber die Klärung dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit ist ihm längst ein persönliches Anliegen. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Wie kann Philomena nur so ruhig bleiben? Als sie im Kloster eintreffen, sagt sie noch zu ihm: „Dass Sie mir ja keine Szene machen…“

Bild und Ton der Blu-ray sind dann auch auf dem aktuellen Stand der heutigen Technik. Scharf, detailreich, feinkörnig und mit sauberer Farbabstimmung, auch bei Großprojektion gibt es keinen Grund zur Klage. Der Sound kommt sehr räumlich aus dem 5.1-System, kraftvoll und bei den zahlreichen Dialogen perfekt verständlich.

Die Universum Film GmbH präsentiert „Philomena“ ab 12. September 2014 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von der Universum Film GmbH zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Philomena
Land / Jahr: Großbritannien / 2014
Genre: Komödie, Drama
Darsteller: Judi Dench: Philomena, Steve Coogan: Martin Sixsmith, Michelle Fairley: Sally Mitchell, Sophie Kennedy Clark: Philomena (jung), Anna Maxwell Martin: Jane, Ruth McCabe: Mutter Barbara, Kate Fleetwood: Schwester Hildegarde, Peter Hermann: Pete Olsson, Mare Winningham: Mary u. a.
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope
Romanvorlage: „The Lost Child of Philomena Lee“ von Martin Sixsmith
Produktion: Steve Coogan, Tracey Seaward, Gabrielle Tana
Kamera: Robbie Ryan
Schnitt: Valerio Bonelli
Musik: Alexandre Desplat
FSK: 6

Blu-ray™
Laufzeit: ca. 98 Min. + Bonus
Bildformat: 1,85:1 / 16:9
Tonformat: DTS-HD 5.1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Extras: Vier Featurettes („Die Geschichte der Philomena Lee“, „Im Gespräch mit Judi Dench“, „Die echte Philomena“, „Q&A mit Steve Coogan“), Audiokommentar mit Steve Coogan (Hauptdarsteller und Drehbuch) und Jeff Pope (Drehbuch), Trailer, Wendecover

Webseite zum Film: Philomena