Pioneer: 500 Meter tief in der Nordsee wartet der Tod. Über ihr ebenso.

pioneer_cover „Pioneer“ erzählt nach wahren Begebenheiten die Geschichte von Petter, einem leidenschaftlichen Taucher, der in den frühen 80er Jahren für die norwegische Regierung arbeitet. Gerade sind auf dem Meeresgrund vor Norwegen riesige Öl- und Gasvorkommen entdeckt worden. Dem Land steht möglicherweise immenser Reichtum bevor. Aber nur, wenn man es schafft, die Bodenschätze abzubauen.

Film-Blog.tv meint:
Die norwegische Tiefseetaucher Petter und Knut gehen extreme Wege: als erste Norweger sind sie bereit für eine Tauchtiefe von 500 Metern, zum Bau einer hochlukrativen Pipline in der Nordsee. Aus Petters Sicht lässt uns Regisseur Erik Skjoldbjærg in seiner 2013er Produktion erleben, welche enormen physischen und mentalen Belastungen Tiefseetaucher für die Ölförderung auf sich nehmen, und welche Konsequenzen das Rennen um die Rohstoffmilliarden für einzelne Menschen haben, die der Förderung vermeintlich im Weg stehen. Mit klaustrophobischen Einblicken in der Nordsee und einer Wahrnehmung, die zwischen Halluzination und einem Kriminalfilm schwankt, holt der Norweger die Ölförderung seines Heimatlades als Verschwörungsthriller auf die Leinwand.
Der Film vermittelt einen großen Respekt vor der Leistung seiner realen Vorbilder. Zu unterhalten weiß er nicht besonders gut. Zu verworren ist die Handlung, zu distanziert die Darstellung. Die künstlich gealterten Filmaufnahmen sind handwerklich gelungen und unterstreichen den authentischen zeitgenössischen Eindruck, lassen den Zuschauer aber gegenüber zeitgemäßer Bildqualität verlieren.

Den Beitrag verfasste unser Autor Peter Schrandt.

Norwegen: in der Vergangenheit ein armes Auswanderland, heute die reichste Nation der Welt. Den Unterschied machte das in der Nordsee gefundene Erdöl aus. Dessen Förderung und Transport war entscheidend und gleichermaßen herausfordernd. Erik Skjoldbjærgs „Pioneer“ zeigt die beiden Brüder Petter und Knut, die als erste Norweger beweisen, einem Wasserdruck von 500 Metern standzuhalten. Bei einem Testtauchgang auf offener See auf 320 Meter Tiefe läuft zunächst alles gut, doch dann kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall, der Knut das Leben kostet.

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Petter soll ein Ventil zu weit geöffnet haben, doch er ist sicher, keinen Fehler gemacht zu haben. Und warum ist das Videoband aus der Überwachungskamera verschwunden? Angeblich war keines eingelegt, doch das glaubt er nicht. Jørgen, der in der Glocke das Gas überwachte, kollabiert, als Petter ihn zur Rede stellen will. Waren seine neurologischen Ausfälle bereits vor dem Abtauchen bekannt? Der Arzt zeigt Petter die EEG-Kurven, lässt ihn aber keine Kopie davon machen. Petter lässt sich im Labor einschließen und nimmt den Befund an sich. Er zeigt ihn im Ölministerium vor, man will der Sache nachgehen; aber erst einmal stehe ein weiterer Test-Tauchgang an. Die Polizei sagt, dass Jørgen ein falsches Ventil geöffnet hat, von einem Anfall stehe nichts im Bericht. Petter könne eine Zivilklage einreichen. Doch das will Knuts Witwe nicht, sie würde das nicht aushalten. Und Jørgen ist inzwischen in Spanien.

Petter will wissen, warum sein Bruder sterben musste, und stößt auf eine weitere Spur. Im Atemgas der amerikanischen Projektpartner findet sich eine geheime Substanz, die die Norweger nicht einsetzen wollen. Auf See entscheidet jedoch das US-Unternehmen und versorgt die Taucher damit. Knut hatte eine Probe des Gases genommen, erfährt Petter. Die Kartusche ist jedoch entleert, und so taucht Petter erneut und nimmt eine weitere Probe, die er analysieren lassen will.

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Das Verschwörung fordert weitere Leben: Nachdem der norwegische Arzt Leif tot aufgefunden wird, stirbt später auch Jørgen bei einer Explosion. Und als der amerikanische Unternehmer Ferris herausfindet, dass Petter eine Gasprobe versteckt hält, wird Petter niedergeschlagen und in eine Druckkammer gesperrt. Ferris ist zum äußersten bereit, um Petter das Versteck der Gasprobe zu entlocken…

Erik Skjoldbjærg inszeniert seinen Verschwörungsfilm mit einer spürbaren Dichte, die nicht auf die wenigen Actionszenen angewiesen ist Die Anspannung ergibt sich aus der Größe der wirtschaftlichen Dimension, der Skrupellosigkeit der Akteure und dem zunehmenden Eindruck der zentralen Filmfigur Petter, dass niemand in diesem Geflecht vertrauenswürdig ist.

Aksel Hennie spielt den Taucher Petter kantig und determiniert, zunächst wild entschlossen, die Ausnahmeleistung als Taucher zu erreichen, dann in seinem Willen, den Tod seines Bruders gegen alle Widerstände aufzuklären.

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Der Film macht es dem Zuschauer mit seiner Kühle und seiner Distanziertheit schwer, eine Beziehung zu den Akteuren aufzubauen. Natürlich reflektieren diese Eigenschaften die norwegische Mentalität, das kalte Geschäft um Milliarden und nicht zuletzt die lebensfeindliche Welt in der Tiefsee. Vor allem in der nicht ganz klaren Handlung, zwischen Verschwörung und Halluzination, wirkt dieser Ansatz jedoch ungünstig.

Die Produktion setzt wenige Blautöne ein und lässt die Bilder wie verblassendes Filmmaterial aus der fiktiven Handlungszeit 1981 erscheinen. Die zeitgenössische Stimmung wird damit fanatstisch aufgefangen. Die Musik stammt vom französischen Duo AIR, das mit seinen elektronischen Retroklänge ebenfalls an Filme und Serien der 70er und 80er Jahre denken lässt. In dem Maß, in dem die Authentizität hierdurch gewinnt, leidet jedoch das Filmvergnügen über die gesamte Laufzeit. In der unwirklichen, dunklen Welt des Meeresgrundes bedient sich Erik Skjoldbjærg hingegen deutlich bei SciFi-Filmen. Die technisch gelungenen Aufnahmen, in Island entstanden, bilden einen Kontrapunkt zu den übrigen künstlich gealterten Aufnahmen. Unter Wasser brilliant, über Wasser künstlich verschlechtert: das ist die Umkehrung der Realität.

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Die Interviews mit dem Regisseur Erik Skjoldbjærg und Darsteller Wes Bentley in Toronto sind eine schöne Bereicherung und anscheinend nicht geschnitten. Als die Interviewerin mit Wes Bentley spricht, wird sie abgelenkt, und die Kamera bleibt auf dem etwas verdutzten Schauspieler stehen, während sie außerhalb des Bildes spricht.

Das knapp achtminütige Making of gibt interessante Einblicke in die Unterwasseraufnahmen in Island (englisch unteritelt), weitere Features behandeln die Entstehung des Films insgesamt mit seinen unterschiedlichen Drehorten. Auch hier kommen englische Untertitel zum Einsatz, die auch notwendig sind, da die gesamten Bilder mit dem hier störenden, dramatischen Gedudel der auch an dieser Stelle omnipräsenten Band „Air“ unterlegt sind, das an dieser Stelle den dokumentarischen Charakter nimmt. Während der Score zur fiktiven Handlungszeit des Films passt, ist er hier einfach nur im Weg.

Neben der Teilsynchronfassung in Deutsch und Englisch bietet das Medium auch die Originalversion auf Norwegisch und Englisch. Leider gibt es nur deutsche Untertitel, keine norwegischen.

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Norwegen und das Nordsee-Öl

1969 erhielten die Norweger ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk: am 23. Dezember entdeckte die Phillips Petroleum Company das Ekofisk-Feld in der ersten erfolgreichen Erkundungsbohrung in der Nordsee. Als eines der 20 größten Erdölfelder der Welt verfügte Ekofisk zudem über sehr hochwertiges schwefelarmes Öl. Zwischen dieser Feststellung und dem unvorstellbaren Reichtum, der alleine bis heute erschlossen wurde (rund 623 Milliarden Euro bis 2013) lag jedoch die Herausforderung der Förderung und des Transports in etwa 500 Meter Tiefe unter dem Meeresspiegel.

Die Chance, ein bis dahin traditionell armes Land zu großem Wohlstand zu führen, war mit hohen Anforderungen an die Ingenieurskunst verbunden, und mit großem Wagemut der Männer, die sich den körperlichen Strapazen von Arbeiten in einer Meerestiefe von 500 Metern aussetzen. Die Norwegische Rinne musste durchquert werden, am südlichen Ende bis auf 700 Meter vertieft, aber als der direkte Weg zum norwegischen Festland. Ekofisk wurde noch mit einer Pipeline durch die halbe Nordsee mit Deutschland verbunden.

Lighthouse Home Entertainment präsentiert „Pioneer“ ab 20. März 2015 auf Blu-ray Disc™, DVD und als VoD.
Das Rezensionsexemplar wurde von Lighthouse Home Entertainment zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns herzlich.

Originaltitel: Pionér
Land / Jahr: Norwegen, Frankreich, Deutschland, Schweden, Island / 2013
Genre: Thriller
Darsteller: Aksel Hennie als Petter, Wes Bentley als Mike, Stephen Lang als Ferris, Jonathan LaPaglia als Ronald, Stephanie Sigman als Maria, Jørgen Langhelle als Leif, Ane Dahl Torp als Pia, André Eriksen als Knut, Arne Lindtner Næss als Minister, Endre Hellestveit als Trond, Janne Heltberg als Trude, Kent Albinsson als Jens Roger Hjort u. a.
Regie: Erik Skjoldbjærg
Drehbuch: Nikolaj Frobenius, Erik Skjoldbjaerg; Buchvorlage Cathinka Nicolaysen, Kathrine Valen Zeiner
Produzenten: Christian Fredrik Martin
Kamera: Jallo Faber
Schnitt: Frida Eggum Michaelsen, Jonas Aaro
Musik: Air
FSK: 12

Blu-ray Disc™
Laufzeit: ca. 107 Min.+ Bonus
Bildformat:2,39:1 / 16:9 – 1080 / 24p HD
Tonformat:DTS-HD Master Audio 5.1
Sprachen: Teilsynchronfassung (Deutsch, Englisch), Originalversion (Norwegisch, Englisch)
Untertitel: Deutsch
Extras: Making-of (Norwegisch, Englisch mit englischen Untertiteln), Trailer

Webseite zum Film: Pioneer